Raum zum Leben

Liebe Gemeinde,

es gibt zwei Arten von Geschichten über die Auferstehung Jesu. Das eine sind Geschichten vom leeren Grab, das andere sind Erscheinungsgeschichten.

Im Johannesevangelium gibt es eine Geschichte, die beides vereint. Ich lese Johannes 20,11-18.

[TEXT]

Maria Magdalena ist völlig durch den Wind. Sie trauert um Jesus. Sie weint. Sie hat nur eines im Sinn. Sie möchte ihren geliebten Lehrer noch einmal sehen. Sie möchte seinen Leib salben und dann in Ruhe und alleine von ihm Abschied nehmen. Sie kommt an das Grab. Der Grabstein ist weggewälzt. Was ist passiert? Maria ist verwirrt. Haben Sie seine Leiche gestohlen. Wo ist sie hin verschwunden? Trauernd und verwirrt steht sie vor dem Grab. Sie geht näher heran und sieht hinein. Stellen Sie sich einmal vor, sie treffen auf zwei Engel, Personen in leuchtenden Gewändern, außerweltliche Wesen. Was würden Sie tun? Erschrecken? Sich wundern? Staunen? All das tut Maria Magdalena nicht. Sie ist so sehr damit befasst, dass sie den Leichnam Jesu ihres geliebten Rabbis nicht finden kann, dass sie die Engel gar nicht als Engel wahrnimmt.

Albrecht: Sie will nur ihre Frage loswerden: Wisst ihr vielleicht wo er ist, den ich suche. Die Engel sprechen sie an: Frau was weinst Du? Maria interessiert sich überhaupt nicht dafür. Als sie Jesus sieht, denkt sie es sei der Gärtner. Sie ist so in ihr Problem vertieft, dass sie ihn erst gar nicht erkennt. Elke: Dabei versuchen der Engel und Jesus ihr zu helfen. „Frau, warum weinst Du?“ wird Maria gefragt. Jetzt hätte sie Gelegenheit über ihren Schmerz zu reden. So könnte sie Abstand davon gewinnen. Aber genau das kann sie noch nicht. Sie ist überwältigt von ihrer Trauer. Sie kann über, das was geschehen ist, noch mit niemandem reden.

Albrecht: Sie erkennt Jesus erst als er sie mit ihrem Namen anspricht. Auf diese Anrede kann sie antworten: „Mein Meister!“

Elke: In der Anrede Jesu und in ihrer Antwort liegt eine atemberaubende Erotik. Kein Wunder, dass neuere Ausleger aus dieser Szene auf eine Liebesbeziehung zwischen Jesus und Maria Magdalena geschlossen haben. Sicher hat Maria ihn geliebt. Er hat sie laut Markusevangelium von acht Dämonen befreit. Sie ist ihm nachgefolgt. Täglich waren sie zusammen. Jeden Tag hat sie von ihm etwas Neues gelernt. Das war sicher eine enge Beziehung. Warum sollten wir nicht glauben, dass Jesus sie auch geliebt hat. Aber das weist ja nicht unbedingt auf eine sexuelle Beziehung hin.

Albrecht: Maria hat in der Nachfolge Jesu einen Sinn für ihr Leben gefunden. Sie hat in der Beziehung zu Jesus Wertschätzung erfahren und wieder neu angefangen zu leben. Sie empfindet gegenüber Jesus Dankbarkeit und Bewunderung, Respekt.

Elke: Sie möchte ihre Dankbarkeit zeigen, indem sie Jesu Leiche salbt. Ihr ist es egal in welche Gefahr sie sich dabei begibt und ihr ist es auch egal auf welche Hindernisse sie dabei stößt. Sie muss es tun und sie will es tun, und sie wird sich durch nichts und niemanden davon abhalten lassen, ihrem Lehrer die letzte Ehre zu erweisen.

Albrecht: In ihrer Trauer finde ich Marias Treue gegenüber Jesus Christus schon bewundernswert. Maria hat in der Nähe des Kreuzes gestanden. Sie hat Jesu Qualen hautnah miterlebt. Für sie ist genauso wie für die anderen eine Welt zusammengebrochen. Sie war bestimmt genauso verstört wie die anderen. Aber sie denkt nicht an das, was ihr genommen wurde. Sie denkt nicht daran, dass auch ihre Hoffnungen wie eine Seifenblase zerplatzt sind, sie denkt nicht an sich. Sie möchte Jesus nahe sein, auch wenn er jetzt tot ist.

Elke: Genau deshalb ist sie auch die erste geworden, der er erschienen ist. Sie hat sich nach ihm gesehnt. Sie hat nach ihm gesucht. Und dann hat sie ihn gefunden. Maria Magdalena ist die erste Zeugin der Auferstehung.

Albrecht: Das ist aber nicht das Ende der Geschichte.

Albrecht: Nein, Jesus ist nun da, aber nicht wie früher. Auch nicht wie ein Geist aber doch auch nicht zum Anfassen.

Elke: Es ist eine neue Art wie er jetzt bei Maria ist, eine nicht ganz fassbare Art. Es ist auch ein neues Verhältnis, eine neue Art der Beziehung.

Albrecht: Jetzt muss Maria selbständig werden. Jesus gibt ihr einen Auftrag, er schickt sie zu seinen Freunden, sie soll erzählen, was sie erlebt hat. Er braucht ihre Hilfe. Sie geht hin und sagt: Ich habe den Herrn gesehen.

Elke: Spannend ist auch in anderer Hinsicht wie sich das Verhältnis geändert hat. Jesus sagt ihr, was er tun wird: „Ich gehe zu meinem Vater und zu eurem Vater, ich gehe zu meinem Gott und zu eurem Gott.“ Jesus ist auferstanden. Aber es wird nicht weitergehen wie vor der Auferstehung. Während seiner Zeit in diesem Leben hat er versucht, seine Jüngerinnen und Jünger zu schulen und auf die Zeit ohne ihn vorzubereiten. Wahrscheinlich konnte er ihre Ausbildung nicht so abschließen wie er es gerne getan hätte. Aber jetzt ist es so weit. Jetzt kommt die Zeit ihrer Bewährung. Sie müssen zeigen, dass sie ohne ihren Lehrer klarkommen.

Albrecht: Und genau das traut Jesus ihnen auch zu. Er geht weg, und sie bekommen die Vollmacht, sich darum zu kümmern wie es hier weiter geht. Er sagt ihnen dazu, dass Gott genauso ihr Vater ist wie sein Vater, genauso ihr Gott wie sein Gott. Jesus sorgt sich nicht um sie. Er vertraut Maria und den anderen, dass sie es schaffen werden. Er ist bei ihnen, aber auf eine andere Art und Weise als früher.

Elke: Was für eine wunderschöne Liebesgeschichte. Ein bewegender Abschied.

Albrecht: und gleichzeitig die Eröffnung eines neuen und zukunftsweisenden Raumes.

Elke: Diese Geschichte gehört zu meinen absoluten Lieblingsgeschichten im Neuen Testament.

Albrecht: Ja, schön finde ich die Geschichte auch. Manchmal zu schön, um in unseren grauen Alltag zu passen.

Elke: Also ich finde unseren Alltag nicht besonders grau. Albrecht: Aber du kannst unseren Alltag doch nicht vergleichen mit der Erfahrung, die Maria Magdalena mit Jesus gemacht hat.

Elke: Doch ich will das vergleichen. Die Erfahrungen, die ich in meinem Alltag mit Jesus Christus mache, sind genauso wunderbar und lebensverändernd. Ich fühle mich genauso geliebt und getragen und wertgeschätzt wie damals Maria Magdalena. Ich habe genau wie alle anderen Christinnen und Christen den Auftrag, mich darum zu kümmern wie es hier mit Jesu Botschaft weiter geht. Jesu Vater ist auch mein Vater, sein Gott ist auch mein Gott. Und ich glaube, dass Jesus mir vertraut, dass ich mit meinem Leben und seinem Auftrag für mich klar komme. Gott hat mir durch so viele Schwierigkeiten geholfen und mir immer wieder einen neuen Anfang geschenkt. Ich bin sicher, dass Jesus Christus da ist und mich ermutigt und mir hilft und mir vertraut.

Albrecht: Das sind starke Worte, so früh am Morgen. Ich kenne dich spät am Abend auch ganz anders. Mir erzählst Du nicht, dass Du nie mutlos bist, und dich nie überfordert fühlst. Auch du zweifelst manchmal am Sinn dessen, was du tust. Auch du denkst manchmal: Es ist mir alles zuviel und bist einfach nur genervt.

Elke: Ja, das stimmt schon. Aber das ist doch ganz normal. Jeder hat mal ein Tief, wieso nicht auch ich. Aber das ändert nichts daran, dass die grundlegende, bestimmende Erfahrung meines Lebens ist, dass ich mich an Jesus Christus festhalten kann, und es dann in allen Schwierigkeiten weiter geht.

Albrecht: Gut, ja, das geht mir schon genauso.

Elke: Weißt du, wir sind ja nicht alleine. Maria wird am Ende zu den anderen geschickt. Sie soll ihre Freude über die Auferstehung Jesu teilen. Das gefällt mir besonders gut. Osterfreude ist zum teilen da. Oft klagen wir einander unser Leid. Das ist auch gut so. Dafür ist eine Kirchengemeinde auch da, dass geteiltes Leid halbes Leid wird. Aber ich fände es gut, wenn wir auch unsere Freude teilen würden.

Albrecht: Du meinst, geteilte Freude ist doppelte Freude.

Elke: Ja, ich freue mich immer über gut ausgehende Geschichten aus dem Leben anderer Leute. Ich liebe Geschichten mit gutem Ausgang. Die Ostergeschichte nach dem Johannesevangelium ist so eine Geschichte mit einem guten Ende. Es ist eine ergreifende Liebesgeschichte. Es ist auch eine Geschichte über die Liebe Gottes zu uns Menschen. Und ich finde wir sollten uns mehr solche Geschichten erzählen.

Albrecht: Du meinst wir sollten ein Erzählcafé für Liebesgeschichten einrichten, wie zum Beispiel für diese Liebesgeschichte zwischen Maria und Jesus.

Elke: Ja, warum nicht Liebesgeschichten erzählen. Alle Liebesgeschichten sind ja auch Geschichten von Gottes Wirken in dieser Welt. Selbst wenn sie am Ende nicht gut ausgehen. So hatten sie doch alle einmal eine Zeit, in der sie zumindest die Chance hatten gut auszugehen.

Albrecht: Gut, ich sehe schon heute an diesem Ostermorgen kann ich gar nichts tun, um deinen Optimismus zu bremsen. Also bleibt mir nichts anderes übrig als mich mit dir zusammen über die Auferstehung Jesu zu freuen und über den großen und wunderbaren Raum zum Leben, den Gott uns mit der Osterbotschaft eröffnet.

drucken