Mysterium des Glaubens

Liebe Gemeinde,

I.

die Einsetzung des Heiligen Abendmahls weist in die Vergangenheit zurück. Dieser Spur wollen wir als erstes folgen. Mal schauen, wie weit wir zurückgehen müssen? Im ersten Schritt überwinden wir gleich 2000 Jahre und gelangen nach Jerusalem an den Vorabend des Passahfestes etwa im Jahr 33 n. Chr.

Jesus versammelt noch einmal alle zwölf Jünger um sich. Die Zahl 12 weist auf die Stämme Israels hin. Symbolisch ist darin das Volk Gottes versammelt. Anlass und Stil dieser Versammlung sind durch das jüdische Passahmahl bestimmt. Das Passahmahl erinnert auch heute im Judentum an die Befreiung Israels aus der ägyptischen Gefangenschaft. Wollten wir diesem Wegweiser folgen, so gelangten wir in ferne Zeiten an den Rand der Geschichte und müssten noch einmal gut 1.500 Jahre tiefer gehen. Wir kämen in ferne, mythische Zeiten und wir begegneten Handlungen und Symbolen, deren Bedeutung uns fremd und archaisch anmutete.

Aus diesem ganz kurzen Rückblick halten wir dies jedoch fest: Durch die Tradition des Passahmahls wächst unserem Heiligen Abendmahl die Erinnerung an das rettende Handeln Gottes zu. Das soll uns genügen als erste Spur.

In diesem Gottesdienst am Gründonnerstag haben wir unseren neuen, liturgischen Altar und das Lesepult geweiht und dankbar als Geschenk an unsere Kirchengemeinde in den Dienst genommen. Ich bin mir sicher, dass unsere Jubelkonfirmanden aus dem Jahr 2005 mit dieser Gabe ihre Dankbarkeit für Behütung, Bewahrung und Begleitung im Leben durch die Güte und Gnade Gottes bezeugen wollen. Erinnern wollen wir uns auch unseres 2004 an seinem Geburtstag im Juli verstorbenen Altoberbürgermeisters Dr. Erich Stammberger. Er gehörte zu den treuen Gliedern unserer Kirchengemeinde. Die Spenden anlässlich seiner Beisetzung haben ganz maßgeblich die Schaffung des neuen Altars ermöglicht. Seinen Töchtern möchte ich ganz herzlich für die Zweckbestimmung dieser Gaben danken.

Die Kelche aus denen wir die Gabe unseres Herrn Jesus Christus empfangen haben Sie, liebe Gemeindemitglieder, diese Kelche haben Sie, liebe Jubelkonfirmanden, diese Kelche hat auch Dr. Erich Stammberger oftmals in Händen gehalten. In jungen Jahren ging man – eventuell etwas verlegen und unsicher – zum Tisch des Herrn. Es folgten dann viele weitere Jahre und Jahrzehnte. Mal ging man aus Tradition zum Tisch des Herrn, mal voll banger Sorge, mal mit dankbarem Herzen, manchmal voll Trauer und Schmerz. Wenn man so will, dann begegnet uns in dieser Kirche auch ein

Stück der eigenen Vergangenheit, ein Stück der Geschichte unserer Stadt. Scheint in dieser Erinnerung auch die rettende Hand Gottes auf? Diese Frage kann man nur für sich beantworten.

II.

Heute nun sind wir wieder hier versammelt in der Petrikirche. Den eingangs gesprochen Satz möchte ich nun anders formulieren: Die Einsetzung des Heiligen Abendmahls weist in unsere Gegenwart. Die Kelche, die auch unsere Lebensgeschichte mit auffangen, stehen auf einem neuen Tisch. Ich sage bewusst. Tisch, denn dieses Wort verwendet das Neue Testament. Wir werden gleich sehen, was dahinter steckt.

Zu unserer Kirchengemeinde gehören knapp 4000 Menschen. In unserer Stadt wohnen 27.000 Diese große Zahl ist in sich geformt in lauter Gruppen und Gruppierungen: Wir ordnen uns nach Generation und Altersgruppen, nach Geschlecht, nach Vereinen, Parteien, Berufen und Freundeskreisen. Wir könnten diese Zahl differenzieren nach arm und reich, nach Wohngegend und Nachbarschaft. Möglich wäre es auch, Charaktere zu unterscheiden: Wie viele von uns sind schüchtern, wie viele sind aufbrausend. Wer ist eitel, wer ist stolz? Wir könnten uns sortieren nach Lebenshaltungen: Fleißig oder träge; besorgt oder zuversichtlich; zupackend oder zurückhaltend. Eine Vielzahl von Linien laufen unsichtbar zwischen uns hin und her. Manche fassen uns zusammen und trennen dennoch von anderen. Wir könnten uns auch sortieren nach denen, die einsam sind und denen, die zahllose Freunde haben.

Am Tisch des Herrn nun verlieren all diese Linien ihre Gültigkeit, weil ihnen etwas Trennendes innewohnt. Freilich, wir brauchen unsere Kreise, unsere Familien und wir brauchen vertraute Menschen. Es ist ja irgendwie gar nicht möglich, von uns aus mit allen zurecht zu kommen, mit allen vertraut oder verbunden zu sein.

Am Tisch des Herrn aber wandelt sich in der Feier des Heiligen Abendmahls unsere Zusammenkunft. Jesus begegnet uns allen in gleicher Weise. Wir alle erhalten Brot und Wein. Niemand wird bevorzugt, keiner zurückgewiesen. Am Tisch des Herrn fallen für einen Augenblick alle Grenzen dahin. Seit einigen Jahren laden wir in Petri die ganze Familie zum Abendmahl ein. Es gibt genug der Trennung in unserm Zusammenleben. Es gibt genug der Einsamkeit. Am Tisch des Herrn wollen wir gemeinsam all das, was uns voneinander scheidet, dahin fallen lassen. Pfarrer und Pfarrerin verwenden sogar das Du: Nimm hin, und iss. Diese Worte hat Jesus auch zu dem gesprochen, der ihn verraten wird.

Von all den Trennlinien, die ich angedeutet habe, ist die Trennlinie der Schuld, die zwischen Menschen verläuft, wohl am tiefsten. In der Einsetzung des Abendmahls überschreitet Jesus selbst diesen tiefsten Graben, der zwischen Menschen. verläuft Er reicht auch dem die Hand, er gibt sich in Br0t und Wein auch dem, der schuldig geworden ist an ihm und anderen. Wir sind eingeladen, ebenso zu handeln.

Die Einsetzung des Heiligen Abendmahls weist in unsere Gegenwart als heilsame Kraft, als heilsamer Ort der Versöhnung, des Miteinanders, der Gemeinschaft. Und wie gut tät dies unserer Kirchengemeinde und unserer Stadt, wenn sie sich von dieser Kraft ergreifen ließe. Wie gut tät es uns, wenn wir den Tisch des Herrn als Raum der vorbehaltlosen Begegnung wieder neu schätzen und lieben lernten. Es ginge davon strahlendes Licht in unser Leben über.

In der Reformationszeit hat man in vielen Kirchen statt der überkommenen Altäre wieder Tische aufgestellt in der Mitte der Kirche um den Charakter des Heiligen Abendmahls als Gemeinschaftsmahl bildlich und symbolisch deutlich werden zu lassen. Aus diesem Grund haben wir im Kirchenvorstand uns auch dafür entschieden, den neuen Altar deutlich als Tisch formen zu lassen. Es ist übrigens in evangelischen Kirchen erst seit dem 19. Jahrhundert üblich geworden, Kreuz und Kerzen auf diesen Tisch zu stellen.

III.

Zum Schluss möchte ich den eingangs formulierten Satz noch einmal neu aussprechen. Das Heilige Abendmahl weist in die Zukunft.

Jesus, so berichtet uns das Evangelium, sendet Petrus und Johannes aus, einen Raum für das Passahmahl zu finden. Wo wir Adresse und Hausnummer erwarten würden, erhalten sie nur die Verheißung, dass ihnen ein Mann mit einem Krug Wasser begegnen und sie zum rechten Ort führen wird. In einer Zeit der Navigationssysteme mag eine derartige Ortsangabe verwirren. „Wo soll ich denn hingehen?“ möchte man fragen. Werde ich finden, was du ankündigst? Was erwartet mich dort? Bekomme ich das, was du versprochen hast? Wie soll ich mich verhalten? Während wir so gerne planen handelt Gott doch anders.

Gott führt uns nicht mit festen Adressen und genauen Wanderkarten durch das Leben. Auch uns ist doch nur dies gegeben: Achte auf Gottes Zeichen um dich herum. Die Begegnung mit Gott ist nicht planbar nach deinem Willen. Das gilt selbst für die kurze Wegstrecke von ihrem Platz, liebe Gemeinde, in den Raum des Altars. Äußerlich brechen sie auf, äußerlich erhalten Sie Brot und Wein. Und wenn es Gottes Wille ist, dann öffnet sich in diesen Gaben der Raum für die mystische Begegnung mit Christus. Auf einmal hat man gefunden, wonach die Seele schon so lange sucht. Das aber können wir nicht planen, nicht machen, nicht fabrizieren. Als Gemeinde brechen wir auf und folgen der Einladung Jesu.

Leider haben wir nur das Wort „Geheimnis“ für das, was die Bibel das „Mysterium des Glaubens“ nennt. Ein Geheimnis könnte man lüften, ergründen, erforschen oder verraten. Das Mysterium aber bleibt unergründlich und doch wahr. Uns muss die Verheißung genügen: Durch Brot und Wein, in der Feier des Heiligen Abendmahls mag sich je und dann die Begegnung mit Christus ereignen. Lass dich in diese Zukunft rufen, senden und bitten, liebe Schwester und lieber Bruder in Jesus. Traue darauf, dass auch du den Raum findest, in dem du mit Gottes Sohn zu Tisch sitzen kannst.

Im Mysterium des Heiligen Abendmahls begegnet uns Gott Vater als der rettende Gott aus fernen Zeiten in der Gegenwart. Im Mysterium des Heiligen Abendmahls mag alle Schuld dahin fallen. In der Begegnung mit Gott kann ich frei werden für die Begegnung mit den Menschen um mich herum in dieser Zeit, in der Gegenwart meines Lebens. In der Begegnung mit Christus eröffnet sich mir die Zukunft Gottes. Alle Angst und alle Sorgen fallen ab von mir in seiner Nähe. Das Heilige Abendmahl weist uns die Zukunft, in die Hoffnung, in die Auferstehung mit Christus.

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