Zeit für Gebet

Beginn der hohen und heiligen Woche ( so heißt es in der orthodoxen Kirche).

Das Thema dieses Sonntags ist oft der Einzug in Jerusalem. Viele Bilder künden von ihm, die Deutungsbreite vom phantastischen triumphalen Einzug bis zur kaum beachteten Aktion einiger Gäliläer (Leute vom Land).

Heute ist der Predigtschwerpunkt ein Anderer, das so genannte hohepriesterliche Gebet Jesu. Jesus steht vor den Toren Jerusalems. Er weißt (oder ahnt) welche Zukunft ihn dort erwartet. Er ist mit seinen JüngerInnen zusammen und betet. Einen Ausschnitt dieses Gebets, wie es Johannes überliefert (und das sicher nicht wörtlich), lese ich nun vor:

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Heute feiern wir Jubiläumskonfirmation, Erinnerung an die Konfirmation 1957; 1947; 1942; 1937: Das hohepriesterliche Gebet ist eigentlich auch ein Konfirmationsgebet und wurde traditionell manchmal auch so verwendet: Ihr wisst, dass Jesus der Sohn ist. Ihr habt erfahren, was wichtig ist für euer Leben. Leben allerdings müsst ihr selber. Ihr könnt euren Weg gehen, ihr könnt ihn auch verfehlen.

Wir dürfen leben in der Nachfolge dieses Herrn. Und wir dürfen beobachten, wie er sein Leben gestaltet. Dazu gehört diese Beobachtung, dass er in der Krise weder verzweifelt umherirrt, noch starke Sprüche macht. Er betet. Er redet mit seinem Vater, bittet ihn um Begleitung in seiner Passion und legt ihm die Menschen ans Herz. Die ihm nachfolgen, die mit ihm gehen, die zum Teil auch scheitern werden in Jerusalem, deren Pläne, treu an Jesu Seite zu bleiben, nicht aufgehen werden.

Das könnte für mich zum Signal werden, dass Jesus seine Treue bewahrt auch zu den Menschen, die nicht treu bleiben. Daraus kann ich Zuversicht gewinnen: Jesus steht vor Kreuz und Auferstehung und sein Gedanken gilt den Menschen, die mit ihm Wege gegangen sind und auf diesen Wegen auch einmal versagt haben. Seine Liebe und seine Treue bleibt trotzdem bestehen. Seine Fürbitte gilt gerade denen, die nicht konsequent ihren weg beibehalten haben.

Ich denke gerade heute an die Menschen, die im letzten Jahr genauso wie die Menschen, die vor 50 oder mehr Jahren konfirmiert wurden, die ihr abgegebenes Versprechen ernst gemeint haben, aber nicht durchhalten konnten, weil so Vieles im Leben seinen eigenen Gang geht, weil sie ihre guten Vorsätze im Alltag nicht umsetzen konnten, weil sie untreu geworden sind, sich selber, Menschen, die sich auf sie verlassen haben oder gegenüber Gott.

Jesus betet, weil er weiß, dass er im Gebet seinem Vater besonders nahe ist – und er lädt seine JüngerInnen ein, es ihm gleich zu tun, weil sie Schwestern und Brüder, Kinder des einen Vaters sind. Die Stunde der Passion, die Zeit von Leiden und Krankheit, die Zeit der Todesgefahr, ist keine gute Zeit für Aktion, es ist aber gute Zeit für Gebet.

Ich denke, da muss ich noch eine ganze Menge lernen. Ich muss lernen, mit meinen Fehlern zu leben und ich muss immer wieder neu lernen, welch großartige Gabe mir mit dem Gebet anvertraut ist, mit jedem Gebet, dem Gebet im Gottesdienst in dem Vieles vorformuliert ist, und mich einlädt mitzubeten, das persönliche Gebet, das seinen Platz hat in meinem Alltag, egal ob daheim im Bett oder im Auto an der roten Ampel, in dem ich meinen Dank und meine Bitten Gott anvertrauen darf – er will mir helfen, er will mich hören. Er vertraut mir eine ganze Menge an.

Das Gebet Jesu erzählt auch vom Loslassen Gottes. Er hat seine Macht in die Hand seines Sohnes gelegt und der legt Macht in die Hände seiner JüngerInnen, seiner Gemeinde. Wir haben die Macht in seinem Namen das Wort zu sagen und miteinander zu beten für Menschen. Und wir haben die Zusage, dass Gott unsere Gebete hören wird.

Christus weiß woher er kommt und wohin er geht – ‚wer so stirbt, der stirbt wohl’ (EG 85,10), dichtet Paul Gerhardt, der vor 3 Wochen 400 Jahre alt geworden wäre. Er wusste um die Not in die Menschen geraten können, hat den 30-jährigen Krieg miterlebt, früh seine Eltern verloren, 3 seiner 4 Kinder früh verloren, seine Frau ist gestorben. Aber um so wichtiger wurde ihm das Bewusstsein, dass Gott mit ihm geht, bei ihm ist, ihn begleitet, dass er es ist, dem er seine Wege anbefehlen kann. Das Wesentliche ist für ihn auf Golgatha und an Ostern passiert. Er hat seine Evangelien wohl gut gelesen und verstanden.

Die 4 Evangelien gelten allgemein als nach vorne und hinten verlängerte Passionsgeschichten. Diese waren der Kern und der Beginn. Von daher gewannen erst alle Geschichten, die uns so lieb und teuer sind ihren Wert – auch für Paul Gerhardt.

Die Stunde, von der Jesus sagt, dass sie da ist, ist auch die Stunde der Zukunftsangst bei den Jüngern: ‚Was wird aus Uns?’, so lautet ihre Frage – ist es auch unsere Frage? Sie erfahren wie Jesus für sie betet.

Jesus macht uns hier etwas Wichtiges vor: Er betet. Gerade dort, wo es ernst wird, betet er – und es ist keine verlorene Zeit!

Und so ist es eigentlich zweitrangig, ob das Hosianna von Jerusalem ein Hosianne aller Menschen war oder nur der Lobpreis einer kleinen Gruppe. Es geht für Jesus immer um die einzelne Person, den einzelnen Menschen. So wie Jesus im Angesicht von Golgatha für jeden Einzelnen, der ihm anvertraut war, gebetet hat, so hat vor über 60 Jahren Dietrich Bonhoeffer im Gefängnis der Nazis gebetet für sich und die Menschen, die mit ihm Wege gegangen sind:

652,1+6 Von guten Mächten, treu und still – Fietz-Melodie ist so ein Gebet, wie Jesus es gebetet hat.

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