Wiegt das Leben vieler mehr als das eines Einzelnen?

<i>[Teile der Predigt sind entnommen aus: <a href="http://www.e-pistel.de/" target="_blank">e-pistel – die aktuelle Predigtmeditation!</a>]</i>

<b>Anspiel:</b>

HP: Als Vorsitzender des Hohenrates begrüße ich Sie zu dieser außerordentlichen Sitzung. Ein Eilantrag der Fraktion der Pharisäer liegt vor. Daher bitte ich den Sprecher den Antrag vorzutragen:

Pharisäer: Hoher Rat, werte Brüder. Meine Fraktion hat mit Besorgnis die Ereignisse der letzten Monate sehr aufmerksam verfolgt und sieht sich im Hinblick auf die Sicherheit unseres Landes und zur Aufrechthaltung der Ordnung und damit des Landfriedens verpflichtet, den Ihnen vorliegenden Antrag zu beraten und die empfohlenen Maßnahmen durch sofortigen Vollzug umsetzen zu lassen. Der Antrag lautet: Festnahme des Jesus von Nazareth während des bevorstehenden Passahfestes. Da die bestehenden gesetzlichen Maßnahmen nicht genügen, stellen wir den Antrag, in dem Gesetz zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung, den neuen Absatz aufzunehmen: Personen, die im Vorfeld großer Jerusalemer Veranstaltungen auffällig in unserem Land geworden sind, werden aus Sicherheitsgründen in Beugehaft genommen. Eine Kontaktsperre für Angehörige und für einen Rechtsbeistand während des Veranstaltungsraums wird verhängt. Begründung: Die Lage spitzt sich zu. Die um Jesus von Nazareth versammelte Truppe zwielichtiger Personen nähert sich unweigerlich Jerusalem. Sie wird nach unseren Beobachtungen zum Passahfest hier anwesend sein. Schon jetzt scharen sich immer mehr Menschen um dies Gruppe. Durch die Verträge mit Rom sind wir verantwortlich für die ordnungsgemäße Durchführung unserer Feste. Wenn es zur Störung der öffentlichen Ordnung, ja zum Aufruhr, zu terroristischen Anschlägen kommen sollte, dann Gnade uns der Höchste – gelobt sei sein Name. Die Folgen sind bekannt: Die römische Besatzung würde sofort militärisch einschreiten, um für Ruhe zu sorgen, der Hoherat würde aufgelöst werden, alle religiösen Feste würden verboten. Der innere Frieden wäre dahin, der wirtschaftliche und finanzielle Schaden wäre enorm. Daher bittet meine Fraktion um Zustimmung des Antrages.

HP: Nikodemus er teile ich das Wort.

Nikodemus: Liebe Brüder, ich vermag Eure Aufregung und Eure Befürchtungen nicht zu teilen. Wir haben es gewiss nicht mit einer terroristischen Gruppierung zu tun. Dieser Jesus von Nazareth ist ein einfacher Wanderprediger. Seine Predigten sind schlicht und einfach verständlich. Er wiegelt nicht auf. Seine Worte und Taten versteht er als Hinweis auf Gottes Reich, das kommen wird.

HP: Bitte um Ruhe! Unterlassen Sie die Buhrufe. Fahre fort!

Nikodemus: Seine Gruppe verfügt weder über Geld noch Waffen. Sie kommen in friedlicher Absicht zum Passahfest – wie zigtausende andere Pilger. Sollte es dennnoch zu Ausschreitungen hie und da kommen, dann – so bin ich mir sicher – genügen die vorhandenen Gesetze. Es braucht keine besondere Notstandsregelung. Also bleiben wir besonnen!

HP: Der Sprecher der Sadduzäer hat das Wort.

Sadduzzäer: Hoher Rat. Das Unglaubliche wurde mir gestern Abend gemeldet: Dieser Jesus von Nazareth hat einen Lazarus aus Betanien auferweckt. Und die Menschen laufen alle zu diesem Jesus über und erzählen von seiner Macht, Tote zu erwecken. Wenn das keine Vorbereitung zum Aufruhr ist? Was dann?, frage ich Euch. Immer wieder bringt dieser Mann Unruhe, egal wo er auftritt. Seine Reden sind wohl verständlich. Da stimme ich meinem Vorredner zu. Aber sie sind voller Sprengkraft und ihre Auswirkungen sind größer als jeder Anschlag der Zeloten, der Eiferer. Denn er verunsichert nicht die Menschen, setzt sie nicht in Angst und Schrecken, sondern ermutigt sie, ja ruft sie ständig in seine Nachfolge. Daher unterstützt meine Fraktion alle geeignet scheinenden Maßnahmen und fordert über den Antrag der Pharisäer hinausgehend – die sofortige Beseitigung dieser konspirativen Gruppe ohne wenn und aber.

HP: Da nun alle Fakten auf dem Tisch des Hohenrates vorliegen, will ich nun das Wort ergreifen. Auch ich sehe Anlass zur Besorgnis! Denn wir können und dürfen als Hoherrat die Augen nicht verschließen. Wir sind verantwortlich für Ordnung und Frieden in unserem Land. Wir können nicht einfach den Kopf in den Sand setzen. Wir haben zu handeln. Nicht irgendwann, sondern in aller nächster Zeit. Doch sollten wir die rechtsstaatlichen Vorgaben beachten. Da bin ich mit Nikodemus einig. Es braucht keine besondere Notstandsregelung. Gleichwohl danke ich der Pharisäer-Fraktion für ihr vorbildliches Verhalten, diesen Antrag eingebracht zu haben. Es geht um eine Grundsatzentscheidung: Wiegt das Leben vieler mehr als das eines Einzelnen? Wir haben Verantwortung für das Ganze. Das gilt es zu schützen und aufrechtzuerhalten. Darum geht es um eine Güterabwertung, die uns heute abverlangt wird. Wir sind gefordert präventiv zu handeln. Da stimme ich allen zu. Doch halte ich den Antrag der Pharisäer im Hinblick auf die Jesus Gruppe für überzogen, eine Lex Jesu zu schaffen. Ebenso halte ich die Forderung der Sadduzäer, nach einer radikalen Lösung für übertrieben: Es wird sehr schwerlich sein, diese ganze Gruppe festzunehmen. Das würde ein zu großes Aufsehen erregen, das wir mit unserem kleinen polizeilichen Personalaufgebot nicht unterbinden können. Eine offizielle Anfrage bei dem römischen Statthalter um Verstärkung wäre aussichtslos, weil sich Rom nicht in unsere innerreligiöse Streitigkeiten einmischen wird. Es wird auf die Verträge verwiesen: Pacta sunt servanda. Daher aus Verantwortung für unser Land schlage ich folgendes vor: Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe. Die Sitzung ist geschlossen.

Liebe Gemeinde!

So oder ähnlich könnte es sich damals abgespielt haben. So oder ähnlich könnten die Argumente gelautet haben. So oder ähnlich stellt sich bis in unsere Tage diese Frage: Wiegt das Leben vieler mehr als das eines Einzelnen?

Es hat schon viele Situationen gegeben, in denen sich Menschen diese Frage stellen mussten. Dietrich Bonhoeffer hatte sich mit ihr auseinanderzusetzen, als er sich dazu durchgerungen hat, konspirativ an der Ermordung Adolf Hitlers mitzuwirken. Selbst hier, wo es um den Tod eines Tyrannen ging, war er sich bewusst, damit gegen Gottes Gebot zu handeln und schwere Schuld auf sich zu laden. Dennoch war er dazu bereit. Auch in der Diskussion um den möglichen Abschuss eines von Terroristen gekaperten Flugzeuges spielt diese Frage eine Rolle. Ist das Lebensrecht der Passagiere niedriger zu bewerten als das der möglichen Opfer, die man durch eine präventive militärische Maßnahme zu verhindern versucht? Das Bundesverfassungsgericht hat dem Plan unseres Innenministers, eine entsprechende Regelung zu treffen, zunächst einen Riegel vorgeschoben. Aber zu Ende ist die Debatte nicht und sie wird sehr intensiv und konträr geführt. In anderer Form begegnet sie uns auch in der Medizin. Darf ich einem 80jährigen eine medizinische Versorgung vorenthalten, um sie einem 20jährigen zu ermöglichen? Es gibt immer wieder die Forderung, eine Altersbegrenzung für teure medizinische Leistungen einzuführen, um unser Gesundheitssystem nicht zu ruinieren. Aber zählen 60 Jahre Lebenserwartung mehr als zehn?

Wiegt das Leben vieler mehr als das eines Einzelnen? So ungeheuerlich es klingen mag: Gott gibt Kaiphas recht. Allerdings nur in diesem einen Fall! Darum schreibt der Evangelist Johannes, dass der Hohepriester, ohne sich dessen bewusst zu sein, eine tiefe und unerträgliche Wahrheit ausgesprochen hat: „ Denn Jesus sollte sterben für das Volk,und nicht für das Volk allein, sondern auch, um die verstreuten Kinder Gottes zusammenzubringen.“ Es ist die Wahrheit, von der unser Evangelist Johannes schreibt: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben." (Joh 3,16)

Es ist nicht zu verstehen und kaum auszuhalten, aber was aus unserem Munde grausam und unbarmherzig klingt, ist bei Gott Ausdruck von tiefer Zuneigung und Liebe zu uns Menschen. Er hat sich unser aller Leben tatsächlich das Leben eines Menschen kosten lassen.

Wiegt das Leben vieler mehr als das eines Einzelnen? Nein! Mit dem Kreuz will Gott endgültig einen Schlussstrich ziehen, will dem Aufrechnen von Menschenleben endlich ein Ende machen. Denn wenn Gott dem Tod Jesu diesen Sinn gab, uns ein für allemal mit ihm zu versöhnen, dann wiegt dieses eine Leben ebenso viel wie das aller Menschen! Und wenn wir Gott so wichtig sind, dann gilt das auch für unser Leben. Keines kann gegen das andere aufgerechnet werden. Stirbt ein Mensch durch Menschenhand, ist es so, als stürbe die ganze Welt. Ich wünschte, dieses Bewusstsein würde sich tief in unsere Köpfe, ja mehr noch in unsere Herzen einnisten. Wir lebten in einer friedlicheren und gewaltfreieren Welt, würden wir Menschen danach denken und handeln.

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