Unsre Liebe sein Lohn?

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war und der ist und der da kommt. Amen.

<i>John Maynard!

"Wer ist John Maynard?"

"John Maynard war unser Steuermann,

Aus hielt er, bis er das Ufer gewann,

Er hat uns gerettet, er trägt die Kron‘,

Er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.

John Maynard." </i>

Sie kennen sicher diese Ballade, die Theodor Fontane geschrieben hat.

<i>„Die Schwalbe fliegt über den Eriesee,

Gischt schäumt um den Bug wie Flocken von Schnee

Von Detroit fliegt sie nach Buffalo –

Die Herzen aber sind frei und froh,

Und die Passagiere mit Kindern und Fraun

Im Dämmerlicht schon das Ufer schaun,

Und plaudernd an John Maynard heran

Tritt alles: "Wie weit noch, Steuermann?"

Der schaut nach vorn und schaut in die Rund:

"Noch dreißig Minuten … Halbe Stund.".</i>

John Maynard ist Steuermann der „Schwalbe“, die ihre Passagiere über den Eriesee bringt, von Detroit nach Buffalo geht die Reise, Männer, Frauen und Kinder stehn an der Reling und freuen sich: Bald ist das Ziel erreicht, das Ufer ist schon in Sicht. Noch 30 Minuten bis Buffalo.

<i>Alle Herzen sind froh, alle Herzen sind frei –

Da klingt’s aus dem Schiffsraum her wie Schrei,

"Feuer!" war es, was da klang,

Ein Qualm aus Kajüt und Luke drang,

Ein Qualm, dann Flammen lichterloh,

Und noch zwanzig Minuten bis Buffalo. </i>

Feuer auf dem Schiff – es breitet sich rasch aus. Erst ist es nur ein Qualm und dann schlagen schon die Flammen hoch. Immer drängender wird die Not, immer größer die Angst. Die Zeit läuft ab. Im 5 Minuten-Takt ruft man den Steuermann, der hält Kurs bis zuletzt und noch 20 Minuten bis Buffalo. Wird man das Ufer lebend erreichen? Werden alle miteinander untergehen oder in den Flammen sterben?

<i>Und die Passagiere, bunt gemengt,

Am Bugspriet stehn sie zusammengedrängt,

Am Bugspriet vorn ist noch Luft und Licht,

Am Steuer aber lagert sich´s dicht,

Und ein Jammern wird laut: "Wo sind wir? wo?"

Und noch fünfzehn Minuten bis Buffalo.</i>

„John Maynard war unser Steuermann, aushielt er, bis er das Ufer gewann. Er hat uns gerettet, er trägt die Kron’, er starb für uns, unsere Liebe sein Lohn.“ – das ist der Refrain dieser Ballade. Einer gab sein Leben für viele.

Ich lese den Predigttext für den heutigen Sonntag aus dem Evangelium des Johannes im 11. Kapitel:

[Text]

Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe. Oder: Er starb für uns, unsere Liebe sein Lohn?

Das Schiff Israel war ein alter Kutter in der Flotte römischer Kolonien. Seit über 500 Jahren war das Land damals schon unter wechselnder politischer Fremdherrschaft, ein wenig ertragreiches Eckchen von Gottes Acker, steinig und trocken. Warum es seit Jahrtausenden bis auf den heutigen Tag so heiß umkämpft ist, ist mir ein Rätsel. Die Lage am Mittelmeer mag strategisch interessant gewesen sein – Israel/Palästina war das Tor zum Orient. Noch heute sehen die Amerikaner zu, dass sie wenigstens einen Fuß in dieser Tür behalten. Es war für die Römer wegen der ständigen Unruhen und der komplizierten jüdischen Religion schwer zu verstehen und schwer zu regieren. Aber es gehörte ihnen nun mal, und sie duldeten keinen Aufruhr. Die Hohepriester fühlten sich verantwortlich für ihr Schiff, sie fürchteten einen Aufstand, der sich an der Person des Jesu von Nazareth entzünden könnte. „Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe.“ Der Nazarener ist nichts weiter als eine Schachfigur im politischen Kalkül der Mächtigen, sie meinen es nicht einmal persönlich. So werfen sie ihn einfach über Bord, den Haien zum Fraß, sie opfern ihn zum Wohle des Friedens und des Volkes.

Man könnte meinen, die Rechnung ginge auf. So stirbt Jesus von Nazareth den Tod am Kreuz, der von den Römern vorgesehene Tod für politische Aufrührer. Nun könnte man meinen, dass endlich Ruhe im Karton ist. Wenn nicht die Auferstehung Jesu von den Toten ihnen allen einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte. Und wenn sie nicht diesen schweren Denkfehler begangen hätten: Sie opfern nicht Jesus, sondern er opfert sich selbst. Er ist nicht Objekt ihrer Spielchen, er ist das Subjekt unserer Erlösung.

<i>Der Zugwind wächst, doch die Qualmwolke steht,

Der Kapitän nach dem Steuer späht,

Er sieht nicht mehr seinen Steuermann,

Aber durchs Sprachrohr fragt er an:

"Noch da, John Maynard?"

"Ja, Herr. Ich bin."

"Auf den Strand! In die Brandung!"

"Ich halte drauf hin."

Und das Schiffsvolk jubelt: "Halt aus! Hallo!"

Und noch zehn Minuten bis Buffalo.</i>

Wie bitter wäre diese Ballade, wenn der Kapitän dem Steuermann das Ausharren befohlen hätte. Wie schmerzhaft wäre das Überleben für alle gewesen, hätte der Verantwortliche den einen geopfert, damit alle gerettet würden. Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe. Aber Fontane erzählt die Geschichte anders: Nicht der Kapitän befiehlt das Ausharren am Steuer, John Maynard bleibt bis ganz zum Schluss. Er opfert sich selbst. Es starb für uns, unsere Liebe sein Lohn

Ich denke manchmal, wir leben wie in einer virtuellen Welt. Jeder schaukelt so auf seinem kleinen Lebensboot vor sich hin und meint er wäre für sich allein und nichts könnte ihm geschehen. Die Gewässer sind ruhig und nie zu tief, wir sind modern, wir haben es satt und warm, das Leben ist wunderbar. Wenn wir krank werden, wird uns schon irgendwer reparieren. Wir gehen schon nicht unter, uns passiert schon nichts, wir sind gegen alles versichert. Wir brauchen keinen Steuermann, wir steuern selber. Und wenn der Tod sich naht, beschimpfen wir den Konstrukteur. Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe – die Sühnopfertheologie gilt selbst Theologen heute als kaum mehr vermittelbar. Warum sollte Jesus für mich gestorben sein? Wir leben und denken frei nach dem Motto: Das wäre doch nicht nötig gewesen.

<i>"Noch da, John Maynard?" Und Antwort schallt’s

Mit ersterbender Stimme: "Ja, Herr, ich halt’s!"

Und in die Brandung, was Klippe, was Stein,

Jagt er die "Schwalbe" mitten hinein.

Soll Rettung kommen, so kommt sie nur so.

Rettung: der Strand von Buffalo!

Das Schiff geborsten. Das Feuer verschwelt.

Gerettet alle. Nur einer fehlt!</i>

Der Tod John Maynards ist leicht zu verstehen. Er lenkt ein Schiff. Ohne ihn hätte es das Ufer nicht erreicht. Alle wären gestorben. John Maynard opfert sich selbst, jeder hätte verstanden, wenn er vor dieser Aufgabe geflohen wäre. Aber er hielt aus, als er schon kaum mehr atmen konnte. Er hielt das Steuerrad noch in der Hand, als die Flammen schon nach seiner Kleidung griffen. So und nur so konnte er Menschenleben retten. Männer, Frauen und Kinder – sie verstehen alle, was er getan hat und sie danken es ihm mit ihrer Liebe.

Schwer dagegen ist es, den Tod Jesu wirklich zu verstehen. Allzu leicht wird seine Bedeutung geschmälert, man macht ihn zum Opfer der Politik. Die "da oben", die sind es gewesen! So haben wir unseren Feind neu gefunden und sind frei, ledig und los: Mit uns hat das alles nichts zu tun. Da haben die Mächtigen ihr Ränkespiel getrieben, er ist Opfer geworden von Bosheit und Hass.

Aber der Tod Jesu hat mit uns zu tun. Er starb für uns, unsere Liebe sein Lohn?

<i>Alle Glocken gehn; ihre Töne schwell’n

Himmelan aus Kirchen und Kapell’n,

Ein Klingen und Läuten, sonst schweigt die Stadt,

Ein Dienst nur, den sie heute hat:

Zehntausend folgen oder mehr,

Und kein Aug‘ im Zuge, das tränenleer.

Sie lassen den Sarg in Blumen hinab,

Mit Blumen schließen sie das Grab,

Und mit goldner Schrift in den Marmorstein

Schreibt die Stadt ihren Dankspruch ein:

"Hier ruht John Maynard! In Qualm und Brand

Hielt er das Steuer fest in der Hand,

Er hat uns gerettet, er trägt die Kron,

Er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.

John Maynard."</i>

Es ist so, auch wenn es schwer zu verstehen ist. Jesus starb für uns. Er starb, damit wir leben. Wenn Stürme des Lebens uns um und um werfen, steht er am Steuer und hält mit uns aus. Wenn wir die Orientierung verlieren und unsere Sicherheit dahin ist, wenn Krankheit und Gefahr nach uns greifen oder Flammen der Liebe und der Trauer an uns lecken, steht er mittendrin und ist für uns da. Unser Lebensboot wird am Ende in den sicheren Hafen von Gottes Ewigkeit einlaufen, weil Christus es lenkt. Wir brauchen keine Angst zu haben, wir werden leben – er wird uns retten. Er ist unser Steuermann, wenn am Ende die Wellen des Todes uns ersäufen wollen. Er hält aus, wie er am Kreuz ausgehalten hat – für uns, damit wir leben. Er gibt sein Leben freiwillig – für uns. Und unsere Ballade endet so:

Es ist still auf dem Hügel von Golgatha,

sie sind alle gegangen, es ist keiner mehr da.

Da stehn noch die Kreuze, sie mahnen uns still

im Grab liegt der Christus, solange Gott will.

Drei Tage soll’s dauern, das hat er gesagt,

allein es zu hoffen hat keiner gewagt.

Sie kommen am morgen mit Blumen und mehr,

den Leichnam zu salben, das ist ihr Begehr.

Doch der Stein ist beiseite, das Grab stehet leer.

Ein Engel sagt ihnen: Der Tod ist nicht mehr.

Er ist auferstanden, damit auch ihr lebt.

Geht sagt es den anderen, voran er euch geht.

Er hat uns gerettet, er trägt die Kron.

Er starb für uns – unsere Liebe sein Lohn?

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