Osterbotschaft mitten in der Passionszeit

Liebe Gemeinde!

Gehört es sich, mitten in der Passionszeit eine Osterpredigt zu halten? Eigentlich ja nicht, so habe ich es zumindest im Predigerseminar gelernt. Da habe ich einmal einen sehr ernsten Hinweis bekommen, dass ich doch bitte den Jahreskreis genauer beachten sollte. Und eigentlich ganz sicher nicht am heutigen Sonntag Judika. Nach dem Psalm 43 heißt dieser Sonntag so, denn dieser steht seit alten Zeiten über dem vorletzten Sonntag vor Ostern. Judica me, deus, et discerne causam meam de gente non sancta! Zu deutsch: Gott, schaffe mir Recht und führe meine Sache wider das unheilige Volk und errette mich von den falschen und bösen Leuten! Es geht um Recht, es geht um heiliges und unheiliges, es geht um falsche und böse Leute. Etwas österliches will da erst mal gar nicht passen, und auch der Predigttext klingt eigentlich völlig unösterlich. Er steht im Evangelium nach Johannes, im 11. Kapitel.

[TEXT]

Eine Gerichtsszene steht im Mittelpunkt. Dieser Mensch, von dem da die Rede ist, ist Jesus. Er ist der Angeklagte. Sein Fall wird in Abwesenheit des Angeklagten verhandelt und auch abgeurteilt. Aber warum wird gegen ihn verhandelt?

Einige Menschen hatten Jesus verpfiffen beim Hohen Rat in Jerusalem. Der Hohe Rat war die höchste jüdische Behörde im besetzten Staat Israel. Er hatte die Aufsicht über die religiösen Angelegenheiten in Israel, und war – wohl nicht ganz freiwillig – Vermittler zwischen dem jüdischen Volk und den römischen Besatzern. Keine einfache Aufgabe: Das jüdische Volk hasste die Römer. Aufstände lagen zumindest ständig in der Luft. Und die Römer verachteten das jüdische Volk, das so stur an seinem Glauben festhielt und sich nicht einfach in das Reich eingliedern ließ. Wenn es irgendwo nach Aufstand roch, machten sie kurzen Prozess und griffen brutal durch. Der Hohe Rat lebte deshalb in ständiger Angst vor einem, der es schaffen würde, viele Menschen gegen die Römer zu mobilisieren. Denn das hätte den völligen Untergang Israels bedeuten können.

Jesus war schon bekannt im Hohen Rat. Und ich vermute: Nicht unbedingt beliebt. Denn er war genau so einer, vor dem man im Hohen Rat Angst hatte. Ein Wanderprediger wie viele andere auch, aber mit höchster Anziehungs- und Überzeugungskraft. Die Menschen liefen ihm in Scharen nach, verehrten ihn und waren bereit ihn zu unterstützen. Das war so einer, den man im Auge behalten musste, denn das Potential zum Aufrührer war auf jeden Fall da. Bisher war immer noch alles halbwegs in Ordnung gewesen und man konnte ihn noch gewähren lassen. Jetzt aber kam der Knaller: Einige Menschen behaupten, Jesus hätte einen Toten auferweckt! So berichtet es jedenfalls Johannes in seinem Evangelium: Lazarus, der Bruder von Maria und Marta, sei schon vier Tage tot gewesen. Aber Jesus habe ihn aus seinem Grab heraus wieder zum Leben erweckt. Und das überzeugte viele, dass Jesus tatsächlich der versprochene Messias war.

Im Hohen Rat herrschte darum höchste Alarmstufe. Um so mehr, weil das Passafest kurz bevor stand und große Menschenmengen in Jerusalem zu erwarten waren. Denn wenn einer plötzlich als Messias auftritt – dann könnte das von den Römern als politischer Führungsanspruch missverstanden werden. Und dann sähe es für Israel rabenschwarz aus. Dann könnte es zu einem Blutbad beim Fest kommen.

Bloß das nicht, denkt Kaiphas, der Hohepriester und oberste des Hohen Rats. Und daher lautet seine Empfehlung: Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe. Und der Hohe Rat folgt in seinem Beschluss dieser Empfehlung.

Es ist zwar fraglich, in wie weit dieser Beschluss tatsächlich Einfluss auf die Kreuzigung Jesu hatte. Denn das Todesurteil wurde ja von den Römischen Behörden ausgesprochen; und ob die sich vom jüdischen Hohen Rat zu Handlangern machen ließen, das ist zumindest fraglich. Aber es bleibt dennoch stehen, was er gesagt hat: Jesus soll sterben, damit nicht das ganze Volk verdirbt. Jesus sollte als Sündebock dienen, als Symbolfigur vielleicht für die Römer: seht her, wir unterwerfen uns unter eure Macht. Wenn einer kommt, der euch in Frage stellt, dann kümmern wir uns selbst darum.

Jesus sollte also umgebracht werden. Am besten wohl auch möglichst unauffällig, sonst hätten seine Anhänger vielleicht protestiert. Jesus wäre nicht der erste gewesen, der so unauffällig verschwunden wäre; sicher auch nicht der letzte. Nur eines hat Kaiphas wohl nicht bedacht: Nämlich, dass er es mit Jesus eben nicht mit einem ganz gewöhnlichen Wanderprediger zu tun hatte. Denn Jesus hat ja durch die Auferweckung des Lazarus schon bewiesen, dass er durch den Vater Mach über Leben und Tod hat. Und er hat auch gewusst, dass ihn in Jerusalem der Tod erwarten würde. Er hat es seinen Jüngern mehrmals vorausgesagt. Er hätte sich diesem Tod sicherlich entziehen können. Wenn er sich irgendwo zurückgezogen hätte und einfach nicht nach Jerusalem gegangen wäre, dann wäre der Hohe Rat wahrscheinlich auch noch froh gewesen, wenn sich das Problem auf so einfache Weise gelöst hätte. So aber erscheint es, als wäre Jesus mit voller Absicht in den Tod gegangen. Man fragt sich, warum.

Viele Theologen erklären das so, dass Jesus sterben musste, damit durch sein Blut die Sünden der Menschen ein für alle Mal aufgehoben werden. Sozusagen als höchstes Opfer, das von keinem anderen mehr übertroffen werden kann. Es war ja zur Zeit Jesu üblich, Tiere zu opfern als Buße für die eigenen Sünden. Dahinter steckt die Vorstellung, dass die Sünden der Menschen auf die Tiere übertragen werden. Die Tiere werden dann – stellvertretend für die Menschen – getötet. Damit sind die Sünden der Menschen getilgt, und sie müssen nicht selbst zur Strafe für ihre Sünden sterben. Nur mussten immer wieder Tiere geopfert werden, jedes Mal wenn die Menschen wieder gesündigt hatten. Jesus soll durch seinen Tod diesen Kreislauf durchbrochen haben.

Ich tue mir aber ehrlich schwer mit dieser Vorstellung. Ich kann und ich will mir nicht vorstellen, dass Gott zur Vergebung unserer Sünden seinen eigenen Sohn umbringen lässt. Mehr noch: Ich meine, dass nicht der Tod Jesu das Zentrum unseres Glaubens ist. Denn Jesus hat ja gezeigt, dass er Macht über Leben und über Tod hat. Und er hat gesagt, dass das auch für alle gelten würde, die ihm glaubten. Von dieser Botschaft war er 100% überzeugt.

Deswegen glaube ich, dass er tatsächlich mit voller Absicht nach Jerusalem gegangen ist. Fast provozierend. Um nämlich die Botschaft, die er von seinem Vater bekommen hatte, in letzter Konsequenz auch an sich selbst zu beweisen. Das klingt verrückt. Es klingt, eigentlich, nach einem religiösen Fanatiker. Wahrscheinlich wäre er als religiöser Eiferer abgetan und vergessen worden – wenn nicht da eben die Osterbotschaft wäre. Es gibt ja Menschen, die haben gesehen, wie er gestorben ist – und dieselben Menschen haben ihn hinterher lebend wieder gesehen. Darauf beruft sich unser ganzes Neues Testament, davon lebt unser ganzer Glaube: Jesus Christus ist nicht im Tod geblieben, er ist wieder aus dem Grab auferstanden.

Darum hab ich manchmal auch so meine Schwierigkeiten mit dem großen Kruzifixus hier in unsere Kirche. Für mich ist nämlich eben nicht der Tod Jesu das Zentrum unseres Glaubens, sondern das, dass er den Tod überwunden hat. Denn damit hat er allen, die an ihn glauben, die Gewissheit gegeben: Wir sind eben nicht zum Tod verurteilt. Wer glaubt, wird nicht für seine Sünden zum Tod und zum ewigen Verderben verurteilt. Wer glaubt, wird mit Christus leben.

Kaiphas wird so ganz unversehens zum Propheten. Er hat zwar wahrscheinlich nur daran gedacht, dass dieser Querulant verschwinden sollte, damit dem Volk nichts schlimmeres passierte. Aber herausgekommen ist die Botschaft, dass der Tod überwunden ist, und dass wir leben sollen: Sie und ich, Kaiphas und der Hohe Rat ebenso wie begeisterte Jesusanhänger. Und deshalb ist mir gar nichts anderes übrig geblieben, als Ihnen gerade bei diesem Predigttext die Osterbotschaft zu erzählen. Ich denke, sie werdens verstehen …

drucken