Jetzt wissen wir’s

Liebe Gemeinde!

„S´goht drgege“ heißt es bei den Narren, wenn der 11.11. gekommen ist – „S´goht drgege“ auch bei Jesus. Da steht er wieder einmal für das Leben und es ist, als unterschriebe er damit das eigene Todesurteil: „Wir können das nicht mehr lange mit anschauen“, stellt der Hohe Rat fest. Der Hohe Rat, das Synhedrion, das ist die politische wie religiöse Führung im besetzen Israel, jetzt eine Provinz des römischen Reichs.

Da mag eine Portion Eifersucht, sicher auch Machtbewußtsein mit drin stecken: „Wenn sie diesem Jesus aus Nazaret nachlaufen, dann sind wir bald abgemeldet!“

Wobei, damit Sie sich die Größe des Problems vergegenwärtigen ein Vergleich: Da müsste im Bayerischen Wald, in der Eifel, oder jenseits der Müritz schon eine ganz erhebliche Volksbewegung im Gang sein, damit man sich in Berlin wirkliche Sorgen macht. Hatte Jesus auf dem platten Land wirklich so einen Rückhalt, dass man sich in der Metropole schon derartige Sorgen machen musste? – Denn echte Sorge ist auch dabei: Palästina ist eine aufrührerische Provinz. Immer wieder in den letzten 50 Jahren hat es Aufstände, sogar Kriege der römischen Besatzungstruppen gegen die rebellischen Juden gegeben; mit entsprechenden zivilen Opfern. Das soll sich nicht wiederholen. Und schon gar nicht mit der Gefahr, dass sich der Hohe Rat hinterher von den Römern sagen lassen muss: „Wenn Ihr Euren Laden nicht in Ordnung halten könnt, dann muss es jetzt eben ohne Euch gehen …“ – Der Gedanke allein treibt denen im Synhedrion Schweißperlen in die Stirn: Nein – noch einmal lassen wir uns nicht auf dem linken Fuß erwischen!

Und nun Kaiphas mit einer Weisheit und Worten, die mehr sind als die eigenen Worte: „Besser einer stirbt für alle als dass alle Schaden nehmen.“ „Einer für alle“. Sehen Sie den Himmel lächeln? Kichern und Lacher sind auch dabei: Ausgerechnet der Machtpolitiker mit seinem Mordplan wird zum Profeten. Er sagt, was Gott will: Einer soll für alle leiden. So wird es geschehen – und so hat es Gott auch selbst gewollt.

Die Motive allerdings gehen weit auseinander: Die Juden aus dem Hohen Rat wollen Ruhe für das Land – und natürlich so viel als möglich vom kleiner werdenden Machtkuchen für sich, Gott hingegen will Frieden für die Welt – und nicht nur die Jüdische, sondern so, wie es schon zu Weihnachten die Engel verkünden „Friede allen Menschen, die guten Willens sind.“

Das Resultat ist das Gleiche: Einer wird für alle sterben. Jesus wird auch selbst davon sprechen: „Mein Leib – für Euch gegeben. … Mein Blut – für Euch vergossen.“ Und wir feiern das Fest der Versöhnung mit Gott und untereinander mit jedem Heiligen Abendmahl: Der infam-besorgte Plan des Hohen Rats führt zum Frieden mit Gott für alle Welt – und nicht nur zu einem fragwürdigen, brüchigen Miteinander von Juden und Römern: Gottes Weisheit – sein weiter Horizont – Seine Leidenschaft für das Leben, das sonst verloren ginge, fernab von Gott – und der Preis, den Er dafür zahlt: Passion – Leidenschaft Gottes für das Leben.

Das ist die eine Ebene. Die, die sich damals ereignet. Es gibt noch eine andere: Die der Menschen, für die Jesus Sein Leben lässt, die derer, für die Gott Seinen Sohn hergibt – und da gehören wir dazu.

Dieser Provinz-Störenfried Jesus soll mundtot gemacht werden – mehr! Und die, die zu Ihm gehören. Kurz nach diesen Passionswochen, die dann bald folgen werden beginnen schon erste Attacken gegen Christen: Der Stephanus wird hingerichtet, Saulus macht sich auf den Weg, Christen in Syrien aufzuspüren: Hinter Gitter gehören die – oder gesteinigt, damit es endlich Ruhe gibt. Dann die Christenverfolgungen bis ins 4. Jahrhundert – und danach: Nichts mehr.

Das Christentum seit dem vierten Jahrhundert Staatsreligion wird selbst meist kalkulierbarer Machtfaktor im Gefüge der Mächtigen. Sicher: Auch da entsteht noch viel, was aus der Situation der Verfolgung heraus so nicht möglich gewesen wäre: Schulen und Hospize etwa bringen Bildung, Linderung und Heilung unters Volk, ganz im Sinne Jesu. Und die Nachricht von der befreienden Liebe Gottes befreit ganze Völker von heidnischen Zwängen.

Alles gut, alles schön – doch das ändert nichts daran: Je näher der Kontakt zur Macht, desto weniger heilsame Unruhe geht von Christen aus – auch von uns: Es ist ja gut, keine Frage, dass sich Menschen in Kirche und Diakonie gegen Unrecht und für die einsetzten, die im Leben die schlechteren Karten gezogen haben – von den neuen Bleiberechtsregelungen, bei denen nur die Stärkeren durchkommen, weil sie Arbeit finden bis zu Behinderteneinrichtungen: Da fehlte etwas, wenn es das alles nicht gäbe – und es würde den Staat, unseren, jeden, teuer zu stehen kommen, wenn er die Leistungen erbringen müsste, die Kirche und Diakonie erbringen.

Und es ist gut, dass wir uns für die Suppenküchen in Russland und die Tafeln im Landkreis engagieren, die ACAT-Briefe unterzeichnen, in der Nachbarschaftshilfe engagiert sind, und, und …

Aber dass das Ganze in Frage gestellt würde, die Notwendigkeit etwa der Wachstumsideologie, bei der keiner wirklich danach fragt, auf wessen Kosten das Wachstum geschieht, den real existierenden Konsumkapitalismus, das System also, dass lokal wie global die Opfer produziert, die hinterher in der Kirche notdürftig verpflastert werden? Im Wesentlichen Fehlanzeige.

Wir sind „systemnahe Religion“ geworden: Wegen uns kriecht kein Verfassungsschützer mehr hinterm Ofen vor. – Das muss ja auch nicht sein – oder doch?

Die Frage bleibt doch, ob wir uns nicht zuallererst und neu von der entschiedenen Leidenschaft Gottes für das Leben heute anstecken lassen. Und nicht von Nutzungsverträgen, Gebäuderenovierungen, Opferpläne und Schlüssellisten, die dann – in der Prioritätenliste weit, weit hinten – auch noch kommen können. Damit nicht am Ende gilt, was ich anderswo in der Bibel von einer Gemeinde lese. Jesus dort in der Offenbarung Johannes: „Wenn Du doch kalt oder warm gewesen wärst – aber weil Du lau bist, werde ich Dich ausspucken.“ Das ist auch Leidenschaft fürs Leben, Seine Leidenschaft für das Leben – und gegen das Beharren im harmlosen Mittelmaß. Dass das Verdikt nur uns nicht trifft. Das wäre schlimm.

Nur: Jetzt wissen wir’s ja – wieder einmal.

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