Gott kommt in unser Leid hinein

Liebe Gemeinde,

ich weiß nicht, wie Sie den vergangenen Sonntag Lätare gefeiert haben. Lätare ist gleichsam ein Aufatmen mitten in der Passionszeit. „Freuet euch mit Jerusalem“ ruft der Prophet Jesaja aus, denn Gott handelt. In Hiltpoltstein, meiner Gemeinde – am anderen Ende unseres Dekanats – feiern wir an Lätare den Vorstellungsgottesdienst unserer Konfirmanden. Ein Grund zur Freude, mitten in der Passionszeit. Judika, unser heutiger Sonntag, lenkt mit starker Hand den Blick zurück auf das Geschehen des Leidens Christi für uns. „Gott schaffe mir Recht“, schreibt der Psalmbeter, den wir an diesem Sonntag lesen – und in der Tat: mit schnellen Schritten nähern wir uns der Karwoche, in welcher Recht geschaffen wurde durch das Leiden und das Sterben unseres Herrn Jesu Christi.

Heute fällt außerdem der Tag der Ankündigung der Geburt des Herrn auf diesen Sonntag, den 25. März. Beides zusammen kann nicht Thema eines Gottesdienstes werden, aber es hilft, dies im Hinterkopf zu behalten: Krippe und Kreuz – beides gehört zusammen!

Wir nähern uns diesem Leiden Christi, wenn wir im Evangelium nach Johannes das Predigtwort für den heutigen Sonntag hören. Wir lesen die Verse 47 bis 53:

[TEXT]

Wer von Ihnen jemals eine Version des Musicals von Andrew Lloyd Webber mit dem Titel „Jesus Christ Superstar“ gesehen hat, der hat eine eindrückliche Umsetzung dieser Szene vor Augen: Kaiphas, ein riesiger Mann mit vollem, schwarzem Bart und einem dröhnenden Bass ist der Hohepriester jenes Jahres. Er und seine Kollegen aus dem Hohen Rat, dem wichtigsten Entscheidungsgremium des religiösen Judentums zur damaligen Zeit sind alle in tiefes Schwarz gekleidet. In einer Inszenierung sehen sie gar aus wie eine Kopie der dunklen Mächte aus dem Science-fiction-Epos „Star Wars“. Schon äußerlich wird somit klar: die Schwärze und die tiefe Stimme: sie müssen die Gegenposition zu Jesus markieren. Und in der Tat: sie können nicht anders, als einen Plan zu erfüllen, den sie selber nicht ausgedacht haben. „Ihr wisst nichts“, sagt Kaiphas: „Es ist besser für euch, dass einer stirbt, damit das Volk leben kann“. Der Evangelist Johannes greift gleich darauf erklärend in den Text ein. Er schreibt: Kaiphas musste dies sagen, er weissagte, wie die Propheten es taten, und zwar, weil er in diesem Jahr das Amt des Hohenpriesters innehatte. Jesus sollte sterben – nicht nur für das Volk allein – sondern auch, um die verstreuten Kinder Gottes zusammen zu bringen.

Jesus muss sterben, so lautet ihr Beschluss. Sie wissen es, liebe Gemeinde, der Weg von diesem Beschluss bis hin zu seinem Tod war nicht so gradlinig, wie es unser Predigtwort erscheinen lässt. Palästina war besetzt von den Römern, die Juden konnten keinen Beschluss zur Todesstrafe treffen. Sie konnten anklagen und den Angeklagten vor den Prokurator bringen. Gotteslästerung hieß ihr Vorwurf, den aber Pontius Pilatus nicht interessiert. Er braucht etwas, das die römische Ordnung in Gefahr bringt. Schließlich finden die Ankläger den Anspruch auf den Thron. „Jesus von Nazareth, König der Juden (INRI)“ lässt Pilatus schließlich als Tafel am Kreuz anbringen, damit die Vorbeigehenden den Grund der Todesstrafe erfahren.

All dies, genauso wenig wie Pilatus Zögern bei der Verurteilung konnte aber den Gang der Dinge aufhalten. Die Richtung war bestimmt und sie äußert sich in jenen Worten des Kaiphas.

Warum aber will Gott diesen Weg wählen? Wäre ein anderer nicht besser gewesen? Wäre ihm nicht eine unblutigere Alternative eingefallen? Ich weiß es nicht, liebe Gemeinde. Wir haben darauf keine Antwort – auch dies ist etwas, worauf uns die Passionszeit hinweisen will: dass wir oft ohne Antwort bleiben müssen. Wir können Gottes Wege nicht sehen und überblicken. Noch sehen wir in einen trüben Spiegel, schreibt Paulus, einst aber werden wir erkennen, wie wir erkannt worden sind.

Heißt das dann, dass uns nur bleibt, alles hin zu nehmen? Sollen wir mit geknicktem Haupte alles geschehen lassen, weil wir sowieso keinen Einfluss haben?

Nein, das heißt es nicht, liebe Gemeinde. Jesus ist gestorben, um uns zu erlösen. Gott selbst ist in diesem Jesus von Nazareth als der Christus erschienen und wir dürfen glauben, dass er selbst den Weg am Kreuz gewählt hat, um in das Tiefste hinab zu steigen, was den Menschen hier auf Erden ausmacht. In das Leid und in die Gottesferne. „Mein Gott mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ ruft Jesus aus am Kreuz: es ist die Situation, in der wir Menschen uns oft befinden. Den Eindruck zu haben, Gott hätte uns verlassen, er wäre nicht mehr bei uns. Er kümmert sich nicht um uns. Es ist all das Leid, das wir täglich sehen am Fremden und in der Ferne, vermittelt durch die Medien. All diese Unbegreiflichkeiten, die uns tagtäglich überschwemmen: Säuglinge werden aus dem Fenster im 10. Stock geworfen, Menschen töten und misshandeln ohne Achtung vor dem Leben des Nächsten. Aber es sind auch die Tragödien, die sich bei uns selbst ereignen: zu früher Tod, quälenden Krankheit, scheiternde Ehen, verlorene Liebe.

In dieser Welt, in der wir leben, ist das Paradies nicht zu finden. Jeder, der es verspricht, hier auf Erden verwirklichen zu wollen, wird Sie zwangsläufig in die Irre führen. Denn dazu ist unser Abstand von Gott weiterhin zu groß, wir reden von der Sünde. Und gleichzeitig ist unsere Freiheit zu groß: Kriege entstehen nicht als Naturkatastrophe, sondern durch den Willen von Menschen. Neonazis marschieren in Gräfenberg nicht aus heiterem Himmel auf, quasi unverhinderbar, sondern es stehen Menschen dahinter, die Entscheidungen treffen, weil sie die Freiheit dazu haben. Und andere Menschen, die etwas dagegen tun könnten, tun dies nicht, ebenfalls, weil sie sich aus freiem Willen dagegen entschieden haben.

Gott selbst also kommt in unser Leid hinein, am Kreuz, im Tod. Er wird wahrer Mensch in diesem Sterben, in dieser Gottesferne. Aber nicht, um darin zu bleiben, sondern, um sie zu besiegen. Wir blicken in aller Betrachtung der Passion auch immer ein Stück weit voraus: die Auferstehung Jesu als Erstling der neuen Schöpfung zeigt den Christen: es wird nicht dabei bleiben. In Christus sind der Tod und das Leid besiegt. Ein für alle Mal. Weitere Opfer sind nicht nötig.

So haben wir auch, liebe Gemeinde, das Andere, das Neue, das Reich Gottes schon hier auf Erden, aber nur anteilig, genauso, wie wir mit dem Alten noch zu kämpfen haben. Wenn Martin Luther davon spricht, dass wir zugleich gerettet und zugleich noch Sünder sind, dann meint er eben dieses.

Lässt dies einen tieferen Blick werfen zumindest auf einen Teil des „Leiden-müssen“? Ich denke schon, liebe Gemeinde. In der Passionszeit werden wir daran erinnert, dass das Leiden für andere einen Sinn haben kann. Oder von der anderen Seite her betrachtet: dass es Menschen geben soll, die bereit sind, sich einzusetzen für das Lebenswerte. Menschen, Christen, die etwas leben sollen von der Freiheit, die Gottes Geist verheißt. Freiheit nicht nur für sich selber, sondern eigentlich viel besser: Freiheit von sich selber. Befreit von der scheinbaren Notwendigkeit, immer nur auf mich blicken zu müssen. Befreit zum Blick auf den Nächsten.

Sie aber wissen es: wer sich einsetzt für den Nächsten, der wird nicht immer nur belohnt in dieser Welt, sondern er muss sich auseinandersetzen mit Unverständnis, mit Kritik und mit Gegenwehr. Denn wer bereit ist einzustehen für die Armen, die Schwachen, die Notleidenen in ihrer jeweiligen Form, der steht ein Stück weit gegen die Gesetze, die in unsere Welt gelten und macht sich zumindest verdächtig. Wo begegne ich im Nächsten diesen geringsten meiner Brüder, wie Jesus sie nennt? Sie werden es selbst erfahren, liebe Gemeinde: dort, wo Sie herausgefordert sind, umzudenken und angefragt werden in Ihrer eigenen Sicherheit! Vielleicht ist es der – sagen wir heute provozierend: selbstverschuldet in Not geratene Arbeitslose und Harz IV-Empfänger? Vielleicht ist es der Ausländer – sagen wir heute provozierend: der sogar noch einen anderen Glauben lebt, als wir selbst und dennoch gerne hier unter uns lebenswürdig leben will?

Gott wird Ihnen den Nächsten zeigen, der auf Ihre Hilfe angewiesen ist, dessen bin ich mir gewiss. Vielleicht werden auch wir so für den anderen Teil des eigenen „Lieden-müssens“ eine Entschädigung erfahren – eben durch jene Menschen, die bereit sind, auch für mich da zu sein, wenn ich Leid erleben muss.

Judika, dieser Sonntag in der Passionszeit drängt uns dazu, all dies Leid genauer zu bedenken. Und so zitiere ich zum Schluss einen Satz des Schriftstellers Martin Walser, nicht unumstritten in seinen Äußerungen, der gestern 80 Jahre alt wurde: „Leidend tun wir mehr als die Handelnden, wir tragen die Welt.“ Freilich greift der Satz zu kurz: wir kennen den Namen dessen, der die Welt trägt – wir haben ihn in Christus Jesus vor Augen. Aber in der Nachfolge Jesu sein Kreuz auf sich zu nehmen und leidend Zeuge zu sein für sein Licht, das hat in der Tat etwas zu tun mit dem Tragen dieser Welt.

Und der Friede Gottes, der euch nie allein lässt, gerade nicht im Leide, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

drucken