Mehr als ein Lebensmittel

Lätare: Das Brot des Lebens: Dazu eine unbiblische Geschichte "Das halbe Brot" von Günther Schultze-Wegener:

Als der geheime Medizinalrat Professor Breitenbach gestorben war, begannen seine Söhne, den Nachlass zu ordnen. In einer gläsernen Vitrine, die der alte Arzt wie ein Heiligtum gehütet hatte, fanden sie neben anderen Kostbarkeiten und Erinnerungsstücken ein merkwürdiges Gebilde: einen grauen, verschrumpelten und knochenharten Klumpen – ein vertrocknetes Stück Brot. Ratlos befragten sie die alte Haushälterin. Die erzählte: In den Hungerjahren nach dem Weltkrieg hatte der Arzt einmal schwerkrank darniedergelegen. Zu der akuten Erkrankung war ein allgemeiner Erschöpfungszustand gekommen. Kräftige Kost war nötig – aber rar. Da schickte ein Bekannter ein halbes Brot, gutes vollwertiges Schrotbrot, das er selbst von einem befreundeten Ausländer erhalten hatte. Zu der Zeit lag gerade im Nachbarhaus die kleine Tochter des Lehrers krank. Der Medizinalrat schickte darum das Brot, ohne selbst davon zu essen, den Lehrersleuten hinüber. Aber auch diese wollten das Brot nicht behalten, die alte Witwe unter dem Dach im Notquartier brauchte es bestimmt notwendiger. Die gab es an ihre Tochter mit den beiden Kindern in der kümmerlichen Kellerwohnung weiter; die erinnerte sich an den kranken Medizinalrat, der kürzlich einen ihrer Buben behandelt hatte, ohne etwas dafür zu verlangen. "Wir haben es sogleich wiedererkannt", schloss die Haushälterin, "an der Marke, die auf dem Boden des Brotes klebte und ein buntes Bildchen zeigte." Als der Medizinalrat sein eigenes Brot wieder in den Händen hielt, da war er maßlos erschüttert und hat gesagt: "Solange noch die Liebe unter uns ist, die ihr letztes Stück Brot teilt, solange habe ich keine Furcht um uns alle … Dieses Brot hat viele Menschen satt gemacht, ohne dass ein einziger davon gegessen hätte. Es ist wie ein heiliges Brot, das zum sichtbaren Willen Gottes wurde und zum Beweis dafür, dass sein Wort auf guten Boden gefallen ist!"

Brot wird mehr als ein Lebensmittel dadurch, dass Menschen mit ihm umgehen.

Davon erzählt Jesus in seinem Ich-bin-Wort vom Brot:

[TEXT]

Jesus erinnert die Menschen, die ihm zuhören an das Manna in der Wüste: Das Brot des Lebens ist die Speise der Befreiung. Wie damals in der Wüste, als Gott die Menschen aus der Sklaverei befreite und ihnen Brot zu essen gegeben hat, will Gott auch heute nicht, dass Menschen in Unfreiheit leben, dass sie Hunger leiden – Hunger nach Brot und Hunger nach Freiheit. Das gibt Jesus seinen Jüngerinnen und Jüngern als Botschaft mit:

Alle Lebensmittel helfen nicht weiter, wenn das Leben selber fehlt, auch das Leben der Anderen.

Es geht nicht ums Brot allein, sondern es geht für Jesus um die Worte des ewigen Lebens und es geht für Menschen um Worte, die frei machen, frei von Angst und frei von Hunger. Das Brot des geheimen Medizinalrats Professor Breitenbach gehört in eine Museum, weil es uns zeigt, dass Brot richtig eingesetzt mehr ist als ein Nahrungsmittel, es ist ein Zeichen der Liebe.

Jesus bietet sich uns in seinem Wort an als die Liebe. Sein "Ich bin" will mich animieren darüber nachzudenken, wer Jesus nun wirklich für mich ist. Es geht nicht allein darum, wer Jesus für die Menschen vor 2000 Jahren war, sondern auch, wer er für mich heute ist. Jesus hatte die Menschen satt gemacht, er hatte 5000 Menschen mit 5 Broten und 2 Fischen satt gemacht – und dieses Wunder hatte die Menschen sicher begeistert. Allein deswegen hätten sie ihn am liebsten zum Helden erklärt, aber er wehrt ab und weist darauf hin, dass es auch anderen Hunger gibt auf dieser Welt. Seine "Ich-bin-Worte" sind ein Signal dafür, warum Gott Mensch geworden ist. Jesus sagt, wer er für die Menschen sein will.

Jesus ist nach dem Zeugnis der Evangelien aufgefallen als der, der von Anfang an das Brot geteilt hat – auch mit Zöllnern und Sündern. Aber es ging nie um das Essen allein, es ging um die Hinwendung zu den Armen, zu den Gefallenen, auch zu den reichen, die am Rande der Gesellschaft standen, den Ausgegrenzten. Jesus sieht die körperliche und die seelische Not der Menschen und er will ihnen helfen.

Die Aktion "Brot für die Welt" will mich daran erinnern, dass Brot auch etwas Konkretes ist. Aber satt werden allein ist noch nicht Leben. Zum Leben gehört so Vieles. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, aber auch vom Brot.

Im Kontrast dazu leben die meisten Menschen (aber nicht alle) in Deutschland: Wir überfressen uns am Brot, an Freizeit, an Genuss. Wir "kriegen den Hals nicht voll" in einer Erlebnisgesellschaft.

Ein Experiment, das ein Journalist gemacht hat. Er stellt sich mit einem Dreipfundbrot auf die Marktplätze und fragt, wer wohl bereit sei für dieses Brot eine Stunde zu arbeiten. In Hamburg wird er ausgelacht in New York vorübergehend festgenommen. In Sao Paulo sind einige Straßenkinder sofort bereit für dieses Brot eine Stunde zu arbeiten. In Neu Delhi sind viele Menschen bereit, einen ganzen Tag für dieses Brot zu arbeiten.

Wer vom Brot des Lebens redet, muss wissen, mit wem er redet. Es hilft nichts, den Hungernden damit zu trösten, dass es noch mehr Hunger gibt, als den Hunger nach Brot.

Aber es hilft auch nichts, dem Menschen, der im Überfluss lebt zu sagen, wie wichtig Brot in seinem Leben ist.

Das "Brot für die Welt", dass jemand auf unserem Bild in der Hand hält, erinnert daran, dass wir den hungernde in der Welt das Brot schulden, dass Jesus mit Menschen geteilt hat und erinnert uns daran, dass wir den Menschen im Überfluss das Wort Jesu schulden, das zum Leben hilft.

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