Ewiges Leben – was ist das eigentlich?

Liebe Gemeinde!

Sind 28.000 Tage eine lange Zeit, sind 28.000 Tage viel? Ist es überhaupt recht so zu fragen? Kommt es nicht vielmehr darauf an, wie diese Tage gefüllt sind?

28.000 Tage entsprechen ungefähr 75 Jahren. In diesem Bereich liegt schon nach biblischem Zeugnis ungefähr unsere durchschnittliche Lebenserwartung: Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre, weiß schon der Beter des 90. Psalms.

Ganz gleich wie wir diese Menge an Zeit einschätzen oder empfinden – sie ist in jedem Fall begrenzt. Gleicht unser Leben, so betrachtet, einem Faden, von dem mit jedem Tag ein Stückchen abgeschnitten wird, und der langsam immer kürzer wird, je älter wir werden? Oder ist es genau umgekehrt, dass wir mit jedem Tag, den wir leben, der Lebensschnur ein Stück hinzufügen? Sehen Sie, es ist alles eine Frage der Blickrichtung.

Wie dem auch sein, wir spüren schon, wie wertvoll die Zeit, wie wertvoll jeder einzelne Tag ist. Umso verlockender klingt das, was uns Jesus heute anbietet: ewiges Leben! Die Verse, die der heutige Predigttext sind, sind ein kleiner Ausschnitt aus der Brotrede, die im 6. Kapitel des Johannesevangeliums steht.

[TEXT]

Liebe Gemeinde, bleiben wir im Bild vom Brot, von dem Jesus spricht, dann kann man sagen, dass er uns hier einige Appetithäppchen reicht, Lebenshäppchen, an denen wir gut zu kauen haben, die ausgesprochen nahrhaft sind. Er reicht uns Brot vom Himmel, Brot des Lebens, lebendiges Brot, ewiges Leben, Ewigkeit, Leben der Welt. Jesu Worte sind dick belegt. Die wichtigsten Zutaten seiner Worte sind: Brot, Ewigkeit und Leben. Darum also geht es. Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. Wer von diesem Brot isst, der wird leben in Ewigkeit. Darin ist die Aussage Jesu, die er hier immer wieder variiert zusammengefasst. Wer sich diese Worte auf der Zunge zergehen lässt, der wird eine gewisse Süße herausschmecken, denn es klingt verlockend, was Jesus verheißt. Und doch wird man gleichzeitig schmecken, dass diese Worte nicht leicht zu kauen sind. Das ist kein Fastfood. Man muss sie mit Bedacht zu sich nehmen. Denn was ist das denn, die Ewigkeit? Was denke ich darüber – und was meint Jesus denn damit? Dass seine Worte Miss- und Unverständnis auslösen, das hält auch Johannes gleich im Anschluss fest. Denn kaum hat Jesus aufgehört zu sprechen, wird gesagt: Da stritten die Juden untereinander und sagten: Wie kann der uns sein Fleisch zu essen geben?

Um Jesu Worte überhaupt verstehen zu können, muss man als allererstes glauben, dass er der Christus ist, der, den Gott vom Himmel gesandt hat, um sich zu offenbaren. Nur wer das glaubt, nur wer ihn so erkennt und anerkennt, wird überhaupt etwas mit dem anfangen können, was er sagt. Wer ihn als solchen erkennt, der glaubt. Und wer glaubt, der ernährt sich von Gottes Wort und Gottes Liebe, die in Christus Mensch wurde. Wer glaubt, der empfängt das himmlische Brot, das Christus selbst ist, eine Nahrung für die Seele. Und der Glaube an ihn soll uns zum ewigen Leben führen. Damit kehre ich zu der Frage zurück: Was ist Ewigkeit und was ist ewiges Leben? Ist die Ewigkeit eine unvorstellbar weit gedehnte Zeit? Und verspricht uns Jesus Unsterblichkeit, wenn er sagt, dass der nicht stirbt und ewig lebt, der vom Brot des Lebens isst? Nein, weder das eine, noch das andere. Alle Zeit hat Anfang und Ende, Zeit, mag sie auch Milliarden Jahre betragen. Die Ewigkeit hat weder Anfang noch Ende. Die Ewigkeit umschließt die Zeit. Die Zeit ist in der Ewigkeit aufgehoben.

Ewigkeit und ewiges Leben – ich weiß nicht, wie es ihnen geht, aber vielleicht ähnlich wie mir: mein erster Gedanke, meine Assoziation dazu ist kein zeitliches Maß, sondern ein Raum. Die Ewigkeit scheint eher ein Ort zu sein, ein Ort, der durch Gottes Gegenwart gefüllt ist. Es ist der Ort, in den wir eingehen, wenn wir sterben. Die Ewigkeit ist nach dieser Vorstellung – ich brauche wieder ein Bild – der Himmel, der Ort andauernder göttlicher Gegenwart, sein Reich, das Licht, gottgefüllter Raum.

Jesus ist das Brot das aus diesem Himmel der gotterfüllten Gegenwart kommt. Er kommt von dort, aus der direkten Gegenwart Gottes, denn er ist so sehr mit ihm verbunden, dass er eins ist mit ihm. In Christus reicht diese Gegenwart Gottes, der Himmel direkt in unsere Welt und unser Leben hinein. Von dort, von Gott bringt Jesus uns etwas mit. Er bringt uns von dort die himmlische Speise des ewigen Lebens. Wenn nun Ewigkeit und ewiges Leben mit Gottes Gegenwart gleich zu setzen sind, heißt das nichts anderes, als dass er uns Gottes Gegenwart reicht, uns ins sie hinein nimmt. Wo wir Gottes Wort oder Gottes Liebe in Christus in uns aufnehmen, wie das tägliche Brot, wo wir uns damit nähren, erfahren wir seine Gegenwart, da werden wir verbunden mit dem ewigen Leben.

Wir sind sehr darauf bedacht, uns gut zu ernähren, die Hälfte aller Deutschen nährt sich sogar zu sehr. Der Körperkult ist gewaltig. Wir sind darauf bedacht, es unserem Körper gut gehen zu lassen. So pflegen und trainieren wir ständig mit Hanteln oder Marzipan, mit Laufschuhen oder Rohkost die zeitliche Hülle, in der unsere Seele wohnt. Doch diese Hülle ist vergänglich, ihr ist ein Maß gesetzt. Nähren wir aber auch unsere unvergängliche Seele? Speisen wir sie auch? Warum vernachlässigen wir gerade den Teil in uns, dem Ewigkeit verheißen ist? Jesus ist gekommen, um uns bereits hier und jetzt Anteil an der Gegenwart Gottes zu geben, er schenkt uns bereits hier ein Stück Ewigkeit, er lässt uns schon jetzt ein wenig vom Himmelsbrot probieren. Er erinnert uns daran, was wahres und erfülltes Leben ist. Er erinnert uns daran, dass der Mensch nicht allein von der Nahrung lebt, die der Körper braucht. Wenn wir nur das bräuchten, könnte man jeden Menschen durch dauerhafte Ernährung am Leben erhalten. Einen Toten wird man nicht dadurch erwecken, dass man ihn an den Tropf hängt. Das geht nicht.

Wenn Jesus davon spricht, dass derjenige, der vom Brot des Himmels isst, nicht sterbe dann spricht er nicht von dem körperlichen Tod. Die Seele kann verhungern, wenn sie keine Liebe bekommt, die Seele kann vom Strom des Lebens abgeschnitten sein durch Gefühle von Schuld oder Trauer, von Einsamkeit oder Verzweiflung, von Misserfolg oder Krankheit. Ein Mensch kann körperlich leben, aber in seiner Seele wie tot sein, weil er zur eigentlichen Quelle des Lebens aus der sich der Mensch speist, keine Verbindung mehr hat. Jesus sagt: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten und wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen. Denn das ist der Wille meines Vaters, dass, wer den Sohn sieht und glaubt an ihn, das ewige Leben habe.

Wer glaubt, dass Jesus der Christus, der Sohn Gottes ist, und wer deshalb seinen Worten Vertrauen schenkt, der empfängt aus Jesu Worten Gottes Liebe. Der kostet jetzt schon etwas von der Ewigkeit, von gottgefüllter Gegenwart, der schmeckt schon jetzt das wahre Lebensbrot.

Wie die Ewigkeit die Zeit umschließt und die Zeit darin aufgehoben ist, so umgibt und umschließt Gott Zeit und Raum und unser aller Leben. Unser kleines begrenztes Leben ist aufgehoben in etwas, das viel größer ist als wir selbst und alles was wir sehen und verstehen. Und wir wissen, was diese Große ist, und wir wissen, dass wir dem Vertrauen schenken dürfen, denn es ist Gott. Wir können Gott vertrauen, denn wenn wir glauben, dass Gott sich in Christus offenbart, dann ist er Liebe und Vergebung, dann ist er Licht und Brot, das unsere Seele nährt.

Gleicht unser Leben einem Faden, von dem täglich ein Stück abgeschnitten wird, oder wird der Faden täglich ein Stück weiter gewoben? Vielleicht ist das Bild unseres Lebens aus Gottes Sicht folgendes: Es sieht gar nicht die einzelnen Stücke des Fadens, er sieht den ganzen Faden. Er sieht nicht wie wir einzelne Abschnitte, er sieht alles auf einmal von Anfang bis zum Ende. Das Kind und der Greis sind für ihn nicht zweierlei, sondern ist der eine Mensch, ist dasselbe Bild, derselbe Faden. Und dieser Faden ist eingewoben in ein großes Geflecht mit anderen Lebensfäden, und Gott selbst hat seine Liebe in jeden Faden eingedreht. Vielleicht ist es dann so: Vor Gott zählt nicht lang oder kurz. Sondern es ist wichtig, ob wir uns mit ihm verknüpft haben und ob wir uns in Liebe mit anderen Lebens-fäden verbunden haben. Denn wo das nicht geschieht, hängt unser Lebensfaden beinahe haltlos und unverbunden in dem Gewebe des Lebens. Wo wir aber verbunden sind in Liebe zu Gott und in Liebe zum Nächsten ist unser Faden eingebunden in die Ewigkeit, ist verwoben mit ihr, egal wie lang er selbst ist – und das ist dann vielleicht auch gar nicht mehr so wichtig, weil er bereits Anteil an der Ewigkeit hat. Nicht die Länge, sondern die Liebe zählt, denn ein langer Faden, der leblos und lieblos am Gewebe hängt, ist weniger eingebunden, als ein kürzerer, die viele Knoten der Liebe zu Gott und den Menschen geknüpft hat. Und dieses Gewebe aus allen Leben, aus aller Zeit und allen Begebenheiten hält Gott in seinen Händen und es trägt das Muster seiner Liebe und den Namen seines Sohnes.

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