Was braucht ein Mensch zum Leben?

Liebe Gemeinde,

was braucht ein Mensch zum Leben? Die Antwort auf diese Frage wird sehr unterschiedlich ausfallen – je nach dem, wen man fragt. Die Arbeitsagentur sagt: 345,– € für Harz-IV-Empfänger oder 296 € als Sozialhilfemindestsatz – das muss genügen!

Bei Brot-für-die-Welt bekomme ich eine andere Auskunft: „Zwei Hände voll Reis jeden Tag, die müssen in Asien vielen zum Leben reichen.“ – „Gut,“ werden wir sagen, „zum bloßen Überleben mag das genug sein. Da braucht ein Mensch vielleicht wirklich nicht viel. Aber Leben, das ist doch mehr! Leben, das ist doch nicht nur bloße Existenzsicherung an der Armutsgrenze. Da gehört doch noch etwas anderes dazu!“

Könnte die kleine Jule schon reden, dann würde sie vielleicht antworten: „Zum Leben brauch ich einfach meine Mama! Nahrung, Geborgenheit bei meinen Eltern – und einfach ganz, ganz viel Liebe!“

Konfirmanden würden vielleicht antworten: „Zum Leben brauche ich meine Kumpels, meine Clique. Ich muss dazu gehören. Ich will alles mitmachen. Ich will keine Außenseiter sein. Freiheit brauch ich vor allem – und ich will nicht, dass mir meine Eltern und Lehrer ständig drein reden und meinen, sie wüssten alles besser. Na ja, und Kohle brauch ich natürlich auch: für mein Handy, für coole Klamotten, usw. Vor allem aber brauch ich Spaß. Ohne Spaß ist das Leben nichts wert!“

Ein Familienvater sagt: „Zum Leben brauche ich ein sicheres Einkommen und einen Arbeitsplatz, der meinen Erwartungen entspricht. Ein Häuschen im Grünen wär’ nicht schlecht – und ein, zweimal im Jahr eine Urlaubsreise mit der Familie, dass müsste schon drin sein!“

Ältere Menschen geben eine andere Auskunft. Sie sagen: „Zum Leben brauche ich soviel, dass ich mein Auskommen habe. Mein ganzes Leben hab’ ich geschuftet – jetzt hoffe ich, dass meine Rente sicher ist und mindestens so schnell steigt wie die Preise im Laden. Aber ich brauche auch Menschen, die mir zuhören, die mir ein gutes Wort sagen. Die mir das Gefühl geben, dass ich noch gebraucht werde und meine Erfahrung schätzen. Menschen, die Geduld mit mir haben und mir zuhören“.

Was braucht ein Mensch zum Leben? Auch die Werbung weiß darauf viele Antworten. Die muss ich jetzt gar nicht alle wiederholen. Die flattern uns jeden Tag mit der Zeitung ins Haus. Und wenn sie abends Fernsehen schauen, dann können Sie sich nur wundern, was man alles angeblich für ein glückliches, erfülltes Leben braucht! Für ein paar Euro kann man es dann im Internet bestellen! Toll!

Doch was würde Jesus sagen, was sagt er in unserem Predigtwort? Er sagt: „Mag sein, dass ihr all das zum Leben braucht. Mag sein, dass ihr meint, ohne all diese Dinge nicht existieren zu können. Und ihr dürft das ja auch alles gerne haben. Aber wirklich brauchen tut ihr nur mich! ICH bin das Brot des Lebens – wer von diesem Brot isst, der wird leben in Ewigkeit!“

Was war passiert? Jesus wollte sich zurückziehen, der Menge entkommen, ein wenig Ruhe finden. Tausende hatten seinen Worten gelauscht, jedes Wort haben sie begierig in sich aufgesogen. Sie hatten gesehen, welche Zeichen und Wunder er tut und sie haben gemerkt: das, was dieser Jesus über die Welt, über die Menschen und über Gott zu sagen hat, das ist mehr, das ist besser als alles, was wir bisher gehört haben. Darum sind sie ihm nachgelaufen. Rund um den See. Stundenlang sind sie nicht müde geworden, Jesus zuzuhören. Die Jünger – ängstlich besorgt um die Menge – haben ihn gebeten, er möge die Leute heim schicken. Das Herz mag erfüllt sein – aber der Magen leer. Da Jesus lässt das wenige vorhandene Brot und ein paar Fische bringen und teilt sie unter die große Zahl der Menschen auf. Und jeder wurde satt. Jeder bekam soviel, dass noch jede Menge übrigblieb. Keine Frage – das war ein überwältigendes Wunder und ein eindrucksvolles Zeichen seiner Macht.

Aber was er dann sagt, liebe Gemeinde, das ist noch viel größer: „Ich bin das Brot des Lebens – und wer von diesem Brot isst, der wird leben in Ewigkeit! Die fünf Brote und zwei Fische – das hat genügt, um euch jetzt im Augenblick satt zu machen. Aber morgen schon werdet ihr wieder Hunger haben. Und vielleicht werden ihr da oder dort suchen, was euch satt macht, was vielleicht sogar euren Lebenshunger stillt. Doch alles was ihr sucht, alles was ihr meint unbedingt haben zu müssen, alles was euch wirklich erstrebenswert erscheint – das alles ist weit weniger, als ihr bei mir finden könnt!“

Wie geht’s uns damit, liebe Gemeinde? Ich könnte mir vorstellen, dass es den Menschen damals nicht viel anders ging als uns heute. Wo was los war, da waren die Leute. Wenn was geboten wurde, wollte man dabei sein. Sensationen waren begehrt. Und dass Lahme wieder gehen und Blinde wieder sehen können – das war eine Sensation. Dass einer mutig den Mund aufgemacht hat und Unrecht beim Namen genannt hat – ohne Angst vor den Mächtigen – das war eine Sensation. Aber was mich noch viel mehr bewegt, sind die Worte, die ich im Matthäusevangelium gelesen haben: Als Jesus das Volk sah, da jammert es ihn, denn sie waren verschmachtet und zerstreut wie Schafe, die keinen Hirten haben! Jesus sieht den Jammer dieser Welt. Er sieht das ruhelose Suchen der Menschen nach Anerkennung, nach Einfluss, nach Dingen, die man besitzen möchte, nach Freundschaft, nach Liebe – und er sieht auch die, die aufgehört haben zu suchen. Die sich abgefunden haben mit ihrem Schicksal, resigniert haben in ihrer Einsamkeit, in ihrer Armut, in ihrem Unbeachtetsein!

Sie alle – wir alle dürfen hören: Ich bin das Brot des Lebens – wer von diesem Brot isst, der wird leben in Ewigkeit! Dazu bin ich vom Himmel gekommen, damit alle, die zu mir kommen das Leben haben!

Vielleicht sagen wir: Was soll das – so ein kleines Stückchen Brot, wie man’s beim Abendmahl bekommt? Wie soll das satt machen? Unser Bauch merkt das ja gar nicht. Und das soll so wichtig sein?

: „Ja,“ sagt Jesus, „so wichtig ist dieser Bissen! Nicht zum Sattmachen. Nicht um sich damit den Bauch voll zu schlagen. Aber er ist da für alle, die es satt haben, von hier nach dort zu laufen, hier und dort zu suchen – und am Ende doch leer zurück zu kommen. Dieses Brot – dieser kleine Bissen – lenkt euren Blick auf das Wesentliche. Auf das, was eure Seele braucht – so wie der Körper Wasser und Brot. Wenn du von deiner Schuld fast erdrückt wirst, wenn sie auf dir lastet und dir schier den Atem nimmt, dann ist dieses Brot wie Medizin, die weiter hilft. Denn mit diesem Bissen komme ich selbst zu dir“ sagt Jesus. „Und ich nehme dir deine Last ab, die Schuld, die auf dir liegt.

Auch deine Angst nehme ich dir weg. Das, was dein Herz so sehr bedrückt. Ich nehme dein Versagen, all das, was dir schwer im Magen liegt und die Verzweiflung, die immer wieder in dir hoch steigt. Nimm mich auf, vertrau mir nur,“ sagt er. „Du wirst sehen, dieses Brot schafft das! – Und dann gebe ich dir wieder Mut. Mut zum Leben. Ich gebe dir die Kraft, wieder aufzuatmen. Ich weiß: Dein Leben ist beschwerlich; deine Hoffnung oft auf dem Nullpunkt; dein Glaube klein. Ich weiß: deine Kraft ist oft erschöpft und deine Seele zerstreut in den vielen Dingen. Aber gerade darum biete ich mich dir an. Mich hat es alles gekosten – dich kostet es nichts. Du brauchst mich nur zu nehmen! Umsonst – ganz umsonst!“

Das ist das Eine, liebe Gemeinde, das was Jesus einem jeden von uns schenkt. Das andere, das, was geschieht, wenn wir dieses Lebensbrot teilen, möchte ich gerne mit einer kleinen Geschichte deutlich machen.

Von zwei alten Männern möchte ich erzählen, die regelmäßig in ihrer Gemeinde zum Abendmahl kamen. Sie hatten eine gemeinsam Geschichte und viel miteinander erlebt. Zur gleichen Zeit waren sie im Gemeinderat gewesen – aber in verschiedenen Parteien. Der eine war Maurer – ein Sozialdemokrat und im Vorstand der Gewerkschaft, der andere hatte eine kleine Buchhandlung gehabt und war bei der CDU. Hoch hergegangen war es damals oft im Gemeinderat. Sie hatten sich immer wieder gewaltig gestritten und manches Mal sind sie auch im Zorn voneinander gegangen. Aber jetzt waren sie alt geworden und in Rente. Und wie es so kommt: Ab und zu gingen sie zusammen spazieren – und manchen Sonntag auch gemeinsam in den Gottesdienst. Der eine von beiden war im Laufe der Zeit fast erblindet und der andere war schwer gehbehindert. So saßen sie sonntags in der Kirche, oft in derselben Bank. Wenn dann das Abendmahl gefeiert wurde, dann konnte keiner von den beiden allein nach vorne kommen. Beide waren auf Hilfe angewiesen. Aber dann geschah es: Dann brachte einer den anderen – sie brachten sich gegenseitig nach vorne zum Altar. Der Erblindete stützte den Lahmen, der Lahme führte den Blinden. Und einer reichte dem anderen das Brot – den Leib Christi, für dich gegeben!

So ist das, liebe Gemeinde, und so muss das wohl aussehen: Christus, das Brot, das vom Himmel kommt, überbrückt nicht nur den Graben und den himmelweiten Abstand zwischen Gott und uns. Es hilft uns auch, die Grenzen unter uns zu überwinden.

Verschiedene Menschen sind wir, und manches Mal auch einer des anderen Konkurrent oder einer des anderen Gegner. Unterschiedliche Leute mit unserer je eigenen Geschichte, in der Frieden und auch Streit ist. Aber mit dem Lebensbrot, das Gott uns in Jesus schenkt, stehen wir nebeneinander. Vielleicht sind wir uns nicht immer wohl gesonnen – aber doch alle Gäste unseres Herrn. Vor ihm stehen wir im Frieden und so kann auch Frieden unter uns wachsen. Ein Friede der größer ist als der Friede, den wir selbst machen können. Der Friede, den er am Kreuz gemacht hat für das Leben der Welt.

So stehen wir alle mit leeren Händen vor ihm, damit er sie uns füllt. Was wir wirklich zum Leben brauchen, das kriegen wir bei ihm – auch die Kraft, einander die Hände zu reichen. Auch die Kraft, mit denen zu teilen, denen das Nötigste zum Leben fehlt. Die Kraft, füreinander da zu sein, aufeinander zuzugehen, miteinander diese Welt ein klein wenig friedvoller zu machen. Dazu lädt Christus uns ein. Und dann dürfen wir aufatmen. Und dann dürfen wir leben!

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