Damit das Leben siegt

[BROT dabei] Brot – etwas Besonderes. Manche haben sogar ihren Lieblingsbäcker und fahren dafür ein paar Kilometer, das Brot zu bekommen, das ihnen schmeckt. Und wie das ist ohne Brot, das wissen die Älteren, die den Hunger noch kennen gelernt haben.

[1] „Wes Brot ich ess, dess Lied ich sing.“ – Sagt man. Sie kennen den Satz. Ich würde ja gerne mein Lied singen, die Melodie, die zu meinem Leben passt, so schön oder so fremd sie auch in den Ohren anderer klingen mag: es ist meine Melodie. Und sie verdient Respekt, weil Sie, ich, jede und jeder Respekt verdient. – Aber da bin ich in Abhängigkeiten – wer nicht – und muss die Töne, den Rhythmus, die Lautstärke von Jubel und Schluchzen anpassen, so, dass es stimmt. Und manche Lebensmelodien bleiben leise, wie verstümmelt, geraten aus dem Takt: Die oder der Junge, der Ausbildungsplatz nach 27 Bewerbungen noch immer nicht in Sicht –langsam lässt er die Flügel hängen, der Sprachbehinderte, der das Rezept für den Logopäden bekommt – aber bitte erst im nächsten Quartal: und das beginnt am 1. Juli und nicht nächste Woche –, die Zuckerkranke, die im Krankenhaus um halb 12 zur Untersuchung geholt wird und bei sinkendem Blutzucker und knurrendem Magen im Flur vor dem Untersuchungszimmer sitzt und um halb zwei noch darauf wartet, wieder auf Station gebracht zu werden: Beispiele der vergangenen Woche. Und nur bei uns – anderswo sieht’s noch entschieden übler aus! Da fehlt die Nahrung, Brot. Da kommt die Melodie ins Stocken, verknurrt, verstummt am Ende in Hilflosigkeit, wird zum zornigen Aufschrei. Oder die Melodie bleibt, die Säuglinge in Anhalt und anderswo, ganz ungesungen. Da gilt dann eher: „Erst das Fressen, dann die Moral“. Mühsam werden Melodien mitgesungen, die gar nicht meine sind – im Gegenteil, ganz im Gegenteil! Die Jungen ganz unverblümt: „Der schleimt aber ganz schön …“ Und manche Melodien klingen alt, „Ein Lied – drei – vier“, Marschschritt, rechtslastig. „Erst das Fressen, dann die Moral“ – was tut man nicht alles … Doch tief drinnen die Sehnsucht: Wenn doch nur einer käme, der meine Melodie kennt, mich leise summen, singen, aufleben lassen. –

[2] Und dann kam einer, damals. Handwerkerssohn, Aussteiger, Lebenskünstler, Liebhaber von Leben, kam aus der tiefsten Provinz, wo sich Fuchs und Hase beim Namen kennen, weil sie sich jeden Abend Gutnacht sagen. Hatte Worte voll Verstehen und Liebe und Klarheit – zu Gott und zu den Menschen. Sie zogen hinter ihm her: Die, die er zu sich gerufen hatte, zwölf seien es gewesen, und immer mehr. Vorhin, da hat er mit ihnen gesprochen, hat sich Zeit genommen, viel Zeit, hatte Worte, die anders waren als die Alltagsworte, Worte voll Leben, die gingen tiefer, rührten an, tief drinnen – und ihr Alltag kam darin vor und sie selbst auch. Und als sich dann die Mägen meldeten, gab er ihnen Brot – nicht einen kleinen Bissen, „So, das muß reichen“, nein: alles: Ein Fest des Teilens war das gewesen. Sie spürten noch den Geschmack des Brotes in ihren Gaumen, anders, ganz anders als sonst und so gut: „So einen, den könnten wir brauchen – jeden Tag. Den und nicht den alten Herodes, der sich bei den Römern einschleimt und uns auspresst.“

[3] Sie vertrauen ihm – das ist ja schon etwas. Sie vertrauen sich ihm an – und wie: Zum König wollten sie ihn machen – zum Brotkönig. Johannes schreibt davon. Doch dann gerät die ganze Sache aus dem Ruder. Hören sie selbst: Johannes 6 26 Jesus antwortete ihnen: "Ich weiß, weshalb ihr zu mir kommt; doch nur, weil ihr von mir Brot bekommen habt und satt geworden seid; nicht weil ihr glaubt, dass Gott mich geschickt hat. 27 Denkt doch nicht ständig nur an das, was ihr zum täglichen Leben braucht! Setzt im Gegenteil alles daran, die Nahrung zu bekommen, die euch das ewige Leben bringt. Nur der Menschensohn kann sie euch geben. Denn Gott, der Vater, hat ihn dazu bestimmt." 28 Sie fragten ihn: "Was sollen wir denn tun, damit Gott mit uns zufrieden ist?" 29 Er: "Gott erwartet nur eins von euch: Ihr sollt dem vertrauen, den er gesandt hat." 47 „Deshalb sage ich euch: Wer an mich glaubt, [also: wer mir vertraut, wer sich mir mit Haut und Haaren anvertraut,] der hat jetzt schon das ewige Leben! 48 Ich selbst bin das Brot, das euch dieses Leben gibt! 49 Das Brot, das eure Väter in der Wüste gegessen haben, konnte ihnen kein ewiges Leben schenken. Obwohl sie ‚Brot vom Himmel‘ aßen, sind sie doch alle gestorben. 50 Aber hier ist das wahre Brot, das vom Himmel kommt. Wer davon isst, wird nicht sterben. 51 Ich bin dieses Brot, das von Gott gekommen ist und euch das Leben gibt. Jeder, der dieses Brot isst, wird ewig leben. Und dieses Brot ist mein Leib, den ich hingeben werde, damit die Welt leben kann.“

[4] Verblüffung – offene Münder – Staunen – Entsetzen: „Wie bitte? Was sagt der da? Das kann doch wohl nicht wahr sein!“ – Stellen Sie sich vor, Sie wären dabei gewesen, hätten von Ihm das Brot erhalten, hätten sich ein Herz gefasst, Ihn eingeladen, Ihr König zu sein – und nun das: „Gott erwartet nur eins von euch: Ihr sollt dem vertrauen, den er gesandt hat."… Wer an mich glaubt, hat jetzt schon das ewige Leben! 48 Ich selbst bin das Brot, das euch dieses Leben gibt! … Wer davon isst, wird nicht sterben. … Und dieses Brot ist mein Leib, den ich hingeben werde, damit die Welt leben kann.“

Da haben sie die Rechnung ohne den Wirt gemacht: (1) Es geht nicht nur um ein bisschen gerechteres Regieren, ein wenig weniger Willkür – es geht um mehr, es geht ums Vertrauen, es geht, auf die Spitze getrieben um die alten Worte, die jeder Jude auswendig kennt so wie Sie und ich das Vaterunser: „Du sollst den Herrn lieben von ganzem Herzen, ganzer Seele, mit all Deiner Kraft und Deinen Nächsten wie Dich selbst.“ Oder, falls Ihnen das für den Augenblick eine Nummer zu groß ist: „Es ist Dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von Dir fordert: Gottes Wort halten. Liebe üben und demütig sein vor Deinem Gott.“ – Gott Gott sein lassen, damit Sie und ich ganz Mensch werden können. Dabei: Er hat uns zuerst geliebt – Es geht nicht mehr nur um irgendeine Königsherrschaft oder ein bisschen mehr Gutsein und Religion, sondern um eine Liebesbeziehung, am Ende Hingabe: Vertrauen in den Gesandten, den Sohn Gottes. (2) Es geht ums Ganze, nicht um einen knurrenden oder einen satten Magen, ein gutes oder ein mieses Lebensgefühl: Es geht um Leben und Tod: „Wer mir vertraut, hat jetzt schon das ewige Leben! 48 Ich selbst bin das Brot, das euch dieses Leben gibt!“ Damals, bevor er den Lazarus wieder ins Leben rief – was macht er denn anderes als immer und immer wieder ins Leben rufen? – da hat es die eine Schwester gehört: „Wer mir vertraut, wird leben.“ Ob Ihnen das im Gedächtnis bleibt, wenn Sie das nächste Mahl zum Heiligen Abendmahl gehen? (3) Und es geht nicht mehr um Sie oder mich allein, darum, dass wir mit einem kleinen Zuwachs an Frömmigkeit mit zweifelhafter Halbwertszeit aus dem Gottesdienst gehen, es geht um die ganze Welt: „Dieses Brot ist mein Leib, den ich hingeben werde, damit die Welt leben kann.“

[5] Was sie nicht wissen, nicht wissen können, die Menschen damals um Jesus: So, wie er sich vorhin hingegeben, seine Zeit, seine Worte, seine Liebe und Kraft, das Brot – so wird er sich Ihnen bald ganz hingeben. Schon ein König, ja, aber ganz anders, als sie es meinen: Und seine Herrschaft wird proklamiert woimmer Menschen in Seinem Namen handeln, in Seinem Sinn handeln, Brot, Leben miteinander teilen, woimmer die Melodien von Leben aufklingen – und an Seinem Tisch: „Mein Leib – für Euch gegeben – mein Blut – für Euch vergossen.“ Er, immer wieder Er: Ganz und gar. Nicht nur der Konkurrenzkandidat zum Herodes damals oder wer auch immer heute an Ihr oder mein Leben Ansprüche erhebt, sondern der Herr, der König: Ihr Herr, Deiner, meiner, der von Vielen. Der sich ganz hergibt. Mit Haut und Haaren. Der sich festnageln lässt, damit nicht die Sattheit, sondern das Leben siegt.

Er, immer wieder Er – und nun sind wir gefragt.

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