Es ist doch gut, dass er uns sein Leid geklagt hat

Eigentlich möchte ich es gar nicht so genau wissen, wie es in Jeremia aussieht, war mein erster Gedanke. Vielleicht kennen sie das ja, dass Menschen so distanzlos aus ihrem Herzen keine Mördergrube machen und alles preisgeben, was in ihnen vorgeht. Sie reden sich ihre ganzen Qualen vom Herzen, ehe sie gefragt werden, wie es ihnen geht und ohne zu fragen, ob ich oder sie das gerade aushalten kann. Jeremia bekennt gnadenlos seine Seelennöte und lässt uns tief in seine Seelenleben blicken ohne zu fragen, ob es uns interessiert.

Auf der anderen Seite: Menschen die zuhören können, sind rar geworden. Eingebettet in eine Dauergeräuschkulisse fällt es schwer zuzuhören. Selbst im Radio meint man, den Menschen keine längeren Wortbeiträge mehr zumuten zu können. Manche sagen: „Haben wir nicht oft genug mit den eigenen Sorgen und Nöten zu tun als dass wir auch noch die Probleme anderer bewältigen oder mittragen können?“

Wie dem auch sei, wir können heute dem Klagelied Jeremias nicht ausweichen. Seine ganz persönliche Passionsgeschichte – Leidensgeschichte stellt sich uns in den Weg. Und wer weiß, wann ich wieder einen Menschen brauche, der mich fragt: sag einmal, wie geht es Dir?, diese Frage dann auch ernst meint und mir zuhört. Das tut nämlich gut und not! Also: „wie geht es Dir, Jeremia?“ frage ich und höre mir doch einmal sein Klagelied genau an.

„Schlecht geht es mir“ antwortet er. „Ich bin genau da gelandet, wo ich eigentlich nicht hinwollte. Zum Propheten wird man nicht geboren. Zum Propheten wird man gerufen. Ich habe mich mit Händen und Füssen gewehrt, wortreich und mit allen Argumenten, die ich aufbieten konnte: ich bin zu jung, ich bin nicht würdig. Es hat alles nicht geholfen. Gott hat meine Argumente einfach in den Wind geschlagen. Überredet, verführt worden bin ich. Und ich kann noch nicht einmal sagen und reden , was mir gefällt und was meinen Zuhörern gefällt, sondern was er mir in den Mund legt. Immer trifft es den Überbringer der schlechten Nachricht. Und ich bin es, der alle falsche Sicherheit, alles fahrlässige Vertrauen auf einen lieben Gott entlarven und die Katastrophe ankündigen muss. Ich bin es, der die Schläge dafür einsteckt. Aber ich kann nicht anders, er lässt mich nicht. Er lässt mich nicht in Ruhe. Er lässt einfach nicht los von mir. Und so muss ich weiter rufen. Schrecken um und um. Gewalt und Tod, Not und Angst wird umgehen unter den gottvergessenen Menschen. Ich muss weiter den Spott, den Hohn und die Nachstellungen meiner Gegner ertragen. Er lässt nicht los von mir und lässt mich ihn nicht vergessen, so sehr ich mich auch anstrenge. Schlecht geht es mir!“

Ein leidenschaftlicher Mensch. Er stellt sich hin und sagt den Menschen schonungslos die Wahrheit ins Gesicht, er hält nicht hinter dem Berg und scheut auch nicht drastische Worte. Er will wachrütteln. Er meint es ernst und wird damit zu einem unbequemen Vorbild für den sprichwörtlichen Ernst der Nachfolge. Er ist der Typ Prediger, der durchaus ambivalente Gefühle auslösen kann. Eigentlich hat er ja recht und sagt, was wir alle eigentlich auch wissen – andererseits mag keiner das so genau hören, was er da von sich gibt. Er kommt mir vor wie die gegenwärtigen Klimaforscher, die nicht mehr vor der Klimakatastrophe warnen, sondern sie voraussagen, wenn nicht sofort radikalgegengesteuert wir. Ja, es brennt in Jeremia wie Feuer, es reißt ihn mit ohne Rücksicht auf Verluste und Popularität und alles im Auftrag des Herrn.

Das macht mich nachdenklich und ich möchte sie ein Stück auf meinem Gedankenweg mitnehmen. Allem Anschein nach braucht es leidenschaftliche Gottesmenschen, wenn Gott sich Gehör verschaffen will. Wenn also trotz der Wiederkehr des Religiösen eine Krise des Christlichen konstatiert wird, dann liegt es womöglich daran, dass zu wenige sich von Gott überreden, überzeugen und verführen lassen. Es brennen zu wenige Herzen für die Sache Gottes könnte eine mögliche Schlussfolgerung sein. Ich stelle mir eine Gesprächsrunde unter angehenden Pfarrern und Pfarrerinnen, Katecheten und Katechetinnen oder Kirchenmusikern und Kirchenmusikerinnen vor. Sie sollen ganz persönlich erzählen, warum sie sich gerade für diesen Beruf entschieden haben und wann sie diesen Ruf gehört haben. Wer würde mit der brennenden Leidenschaft für das Evangelium anfangen, die ihn gepackt hat, vom inneren Widerstand, der einfach gebrochen wurde, von der Überredungskraft Gottes erzählen.

Hoffentlich viele, aber womöglich wahrscheinlich immer noch zu wenige.

Es wäre wohl mehr von der Freude an der Arbeit mit Kindern, der Vielseitigkeit der Aufgaben im Pfarramt oder den musikalischen Entfaltungsmöglichkeiten in der Kirchenmusik die Rede. Wer würde auf die Frage, warum die Taufe jetzt und hier, antworten: weil ich ohne meinen Glauben nicht einen Tag leben und keine Herausforderung meistern könnte. Jesus Christus ist das beste, was mir passieren konnte und ohne Gott bin ich kein Mensch. Sicherlich liegt uns solches Temperament auch nicht unbedingt im Blut. Wir sind ja nicht nur religiös eine eher gemäßigte Zone, sondern wohl auch emotional. Aber nur wenn es in uns brennt, wenn das Wort Gottes unsere Leidenschaft ist, wird der sprichwörtliche Funke überspringen.

Sicher kann das manchmal auch zu schwierigen Situationen führen. Heute sicher nicht mehr so wie in den Jahren vor der Wende, dafür auf andere Weise. In der Schule, am Arbeitsplatz, unter Freunden und Bekannten. Ein mitleidiges Lächeln für uns vermeintlich Gestrige, aber vielleicht ja auch ein neugieriges Gespräch. Und damit kommt mit ein zweiter Gedanke. Es braucht nicht nur leidenschaftliche Gottes- und Christenmenschen, egal ob haupt- oder ehrenamtlich, es braucht dann auch eine leidenschaftliche Rede unseres Glaubens. Leidenschaft ist dabei etwas anderes als Eventkultur.

Vor wenigen Wochen ging eine Diskussion durch unser Land um eben eine solche Eventkultur in den Kirchen statt gehaltvoller und tiefgründiger Verkündigung und Predigt. Auch wenn die Diskussion am falschen Beispiel losgetreten wurde, ist sie dennoch richtig und wichtig. Der Apostel Paulus behauptete im Römerbrief: der Glaube kommt aus der Predigt. Wenn das wahr ist, dann sollte alle Kraft der leidenschaftlichen und ebenso auch der verantwortungsvollen Rede unsres Glaubens gelten, um der sogenannten „missionarischen Herausforderung“ gerecht zu werden. Leidenschaftliche und verantwortungsvolle Rede von Gott: ins Griechische übersetzt heißt das Theologie. Und das ist nicht nur etwas für die Pfarrer und ein bisschen etwas für Katecheten, Kirchenmusiker und Prädikanten, sondern etwas für die lebendige Gemeinde, die Grund unter den Füssen, Kraftreserven für den Ernstfall und Durchblick bei den Herausforderungen der Gegenwart haben will. Der Glaube will durchbuchstabiert und nicht nur reflexartig wiederholt und nachgesprochen werden. Da sind nicht nur schöne Worte, die die Seele streicheln, sondern manchmal auch scharfe Worte, die zwischen Schein und Sein trennen. Es sind klärende und keine verletzenden Worte. Worte, die sich an dem einen Wort Gottes messen lassen müssen. Ich traue der Predigt und der Rede von Gott in unserem Alltag viel zu, weil Gott sich Gehör verschaffen will inmitten des Stimmenwirrwarrs. Aber damit wir alle miteinander sprach- und aussagefähig werden, müssen wir uns noch viel mit diesem einen Wort, aufgehoben in den biblischen Schriften, beschäftigen, darüber reden, nachfragen und nachhaken. So etwas darf ruhig zu einer Leidensgeschichte werden, in der wir so mit Gott ringen, wie Jeremia es tut.

Und das ist der dritte Gedanke, der mir kommt. Der Glaube kennt nicht nur Phasen, in denen wir uns wohlfühlen. Ich kenne dieses Gefühl der Jünger: hier lass uns bleiben und Hütten bauen,aber dann mussten sie doch wieder vom Berg heruntersteigen. Und vielleicht hat auch Jeremia Phasen erlebt, wo er Heil und Gutes weitersagen konnte, Aussichten, die seine Zuhörer gerne gehört haben. Das ist wie das Nachhausekommen nach einem bewegenden Kirchentag oder die Rückkehr aus der Abgeschiedenheit des burgundischen Taize mit seinen Gesängen und Gebeten in den Alltag der Heimatgemeinden. Es kommen eben auch Phasen, da wird mir alles fraglich: Gott, mein Glaube, meine Gewissheiten und Sicherheiten. Da liege ich im Streit mit Gott, um die richtige Einsicht, den richtigen Weg, den richtigen Gedanken. Da wird mir alles fraglich. Aber das beeindruckende ist: wir dürfen so mit Gott umgehen und so mit ihm reden, wie Jeremia das tut. Und ich sage manchmal auch, wenn ich mit Menschen im Gespräch bin, die nicht mehr weiter wissen: Ja, wir werden ihn später auch einiges zu fragen haben, was er uns dann erklären muss. Was soll denn ein Seelsorger verantwortlich antworten, wenn eine Überlebende des Transrapidunglücks erzählt, wie sie heute noch Schuldgefühle hat, weil sie, gerade sie, überlebt hat und andere diese Chance nicht hatten.

Wir dürfen unser ganz persönliches Klagelied anstimmen, wenn die Zeit zum Klagen gekommen ist. Der Glaube kämpft mit Gott und will nicht nachlassen oder aufgeben. Der Glaube wächst gerade so und Gott ist ein guter Zuhörer ist, da bin ich mir sicher, auch wenn Martin Luther mal gesagt haben soll:“Man muss unsern Herrn Gott zuzeiten mit solchen Worten aufwecken, er hört sonst nicht“ Jeremia ist hin und hergerissen zwischen verzweifelten Selbstgespräch und bohrender , drängender Anklage Gottes. Ein leidenschaftlicher von Gott überführter, entfachter und überwältigter Rufer und Mahner. Er hat eine schonungslose, aber gerade deshalb klärende Botschaft gegen das falsche Vertrauen und er kann ausdauernd ringen und kämpfen, selbst wenn er gerade im Tal der Tränen ist und alles fraglich erscheint. Was wäre wohl, wenn ein bisschen Jeremia auch in uns erwachen würde? Es ist doch gut, dass er uns sein Leid geklagt und unser Ohr gefunden hat.

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