‚Nervensäge

Liebe Gemeinde!

„Nervensäge“ – das war noch eine der eher freundlichen Bezeichnungen für die Frau, von der ich Ihnen jetzt erzählen will. Sie gehörte zu den Menschen, den man in bestimmten Situationen lieber aus dem Weg gegangen ist.

Neugierig geworden? Ich erzähle Ihnen warum.

Diese Frau war unglaublich engagiert. Sie hat sich eingesetzt gegen Unrecht aller Art. Sie hatte eine unglaubliche Energie, ich habe noch nie in meinem Leben jemanden erlebt, der sich für derart vieles eingesetzt hat. Mit aller Kraft.

Sie hat den Eine-Welt Laden ihrer Gemeinde ins Leben gerufen und am Leben erhalten. Die Friedensgruppe geleitet. Sie war engagiertes Mitglied bei Amnesty international. Sie ist nicht müde geworden, permanent auf soziale Ungerechtigkeiten hinzuweisen, sei es nun innerhalb unserer Landesgrenzen oder darüber hinaus. Auch in Sachen Umweltschutz war sie ungeheuer konsequent. `Das sind wir den kommenden Generationen doch schuldig,A hat sie gesagt und dafür auf einigen Luxus und so manche Bequemlichkeit für sich selbst verzichtet. Sie hat schon von Klimaschutz geredet als die meisten Zeitungen kaum wussten, wie man das schreibt. Und das wichtigste – Sie hat nicht nur geredet, sondern gehandelt. Ein echtes Vorbild. Kaum eine Woche verging, wo sie nicht etwas hatte, das wir auf der Kanzel für sie abgekündigt haben. Sie hat Menschen gesucht, die Nachhilfe für Flüchtlinge und Asylanten geben, oder Menschen, die bereit waren, Frauen unterzubringen, die Opfer des Frauenhandels geworden waren und sich nun trauten, bei der Polizei auszusagen. Von den vielen Unterschriftensammlungen will ich gar nicht reden. Sie war immer auf der Suche nach Unterstützung für die vielen guten Ideen, die sie hatte. Diese Frau war bewundernswert in ihrem Engagement. Wie gesagt ein echtes Vorbild.

Jetzt fragen sie sich vielleicht, was daran nun nervig sein soll. Das ist doch toll und nachahmenswert. Ist es auch.

Das Problem war nur – jedes mal wenn man ihr begegnet ist – meldete sich sofort das schlechte Gewissen. Bei allem, was sie getan hat, konnte man gar nicht anders als vergleichen. Und da hat man – naturgemäß – schlecht abgeschnitten. Ich hatte ständig ein schlechtes Gewissen. Und habe gedacht, „ja eigentlich müsstest du auch…“ Und den anderen ging es genauso. Und wer erträgt das schon – in einer Tour die eigene Bequemlichkeit und Trägheit vor Augen geführt zu bekommen. Da vermeide ich doch lieber von vornherein jede Begegnung.

Zu ihrem Schutz. Das hat sie uns nie vorgeworfen. Aber das musste sie auch nicht. Das ging ganz automatisch. Eine Frau, die durch ihr Vorbild zur Bedrohung wird. Und so wurde sie ganz schnell abgestempelt.

Das ging los mit harmlosen Sprüchen wie ‚Klar Umweltschutz ist wichtig, aber man kann´s auch übertreiben!‘ In der nächsten Stufe kam schon ein bisschen mehr Ärger dazu: ‚Mit der kannst Du dich gar nicht mehr normal unterhalten, die ist richtig militant, die hat ja schon keine anderen Themen mehr.‘ Und auf der letzten Stufe klang dann Verachtung durch: Guck dir die wieder an, die sieht schon so nach Gutmensch aus, allein die Klamotten, die ist doch nicht mehr normal.“ Und mit der letzten Stufe ist diese hoch engagierte vorbildliche Frau derartig zum Außenseiter abgestempelt worden, dass man sie guten Gewissens nicht mehr ernst nehmen musste.

Und so haben sich alle ein schönes Alibi geschaffen und konnten weiter bequem bleiben.

Ich habe lange gebraucht um zu begreifen, das ich eigentlich gar keinen Bogen um diese Frau gemacht habe, sondern schlicht und einfach um mein schlechtes Gewissen. Wer wird schon gerne immer wieder mit seiner eigenen Unzulänglichkeit konfrontiert. Leute die so etwas tun, die kriegen dafür meistens die Quittung.

Ich lese den Predigttext für heute.

[TEXT]

Worte des Propheten Jeremia. Der hat auch den Leuten unbequeme Wahrheiten ins Gesicht gesagt. Und auch er hatte Recht damit. Und auch er wurde dadurch zum Außenseiter. Er hat – und vielleicht hat das die Frau, von der ich erzählt habe auch getan, so manches mal Gott gegenüber geklagt. Denn selbst wenn es ihr keiner gesagt hat, sie wird sicher gespürt haben, wie sehr ihr manche Menschen aus dem Weg gegangen sind. Und trotzdem hat sie weitergemacht. Menschen, die unermüdlich auf die Dinge hinweisen, die in unserer Gesellschaft und weltweit schief laufen, die nicht müde werden einen bewahrenden und erhaltenden Umgang mit Gottes Schöpfung einzufordern und soziale Ungerechtigkeit anzuprangern, die mögen vielleicht furchtbar anstrengend sein, aber eins ist nicht zu leugnen: Sie weisen uns hin darauf, was Gottes Wille ist. Sie sind die modernen Jeremias. Sie tun genau das, was von uns allen gefordert wird. Glaube ist ja nicht nur Privatsache für zu Hause oder für den Gottesdienst, sondern wenn es mir wirklich ernst damit ist, dann muss mein Glaube auch Konsequenzen haben. Glaube braucht Früchte – und dann verhalte ich mich anders. Gehe anders mit meinen Mitmenschen um, engagiere mich für eine bessere Welt.

Wenn ich mir so zuhöre, dann sehe ich schon meinen Zeigefinger lang und länger werden und das gehört zu den Dingen, die ich überhaupt nicht mag. Typisch Pastor denke ich. Muss das jetzt wieder sein? Denn: Auch wenn es stimmt, ich kenn´ mich doch, weiß wie bequem ich bin und dass ich es wohl nie schaffen werde so zu sein wie die Frau, von der ich Ihnen erzählt habe.

Ja – der lange Zeigefinger muss sein, sage ich mir – zumindest wenn er auch auf mich selber zeigt. Denn in meiner Bequemlichkeit zu verharren und sagen, es geht sowieso nicht, ist auch keine Lösung. Mag sein, dass ich so kurzzeitig meinem schlechten Gewissen aus dem Weg gehe, aber ich kenne mich dann doch gut genug um zu wissen: es wartet ja doch hinter der nächsten Ecke auf mich.

Bevor ich gleich am Ende bin – noch ein kurzer Exkurs. Dieser Sonntag heute hat den schönen Namen `OkuliA: Das leitet sich aus dem Psalmvers her „Meine Augen blicken stets zum Herren. Der Blick ans Kreuz erinnert daran, dass Gott uns nicht von seiner Liebe abschneidet, obwohl wir gegen seinen Willen verstoßen. Der Blick ans Kreuz macht es uns damit möglich, ehrlich mit uns selbst zu sein. Das Bewusstsein, dass Gott uns liebt, trotz unserer Unzulänglichkeiten, Fehler und Schwächen, das kann uns doch mutig machen, uns eben diese Fehler und Schwächen ehrlich einzugestehen und uns nicht dauernd zu verteidigen und zu rechtfertigen, gegenüber denen, denen es besser gelingt. Und ich denke, schon das ist der erste Schritt zur Umkehr. Man hört nämlich auf, vor sich wegzulaufen, weil man zu sich stehen kann und dann kann man auch anfangen, neue Schritte zu wagen, auch ungewohnte. Wenn ich zugeben kann, wo ich fehle, dann kann ich doch schon viel besser kleine Schritte in die richtige Richtung machen, anstatt trotzig mein Verhalten zu verteidigen, von dem ich im tiefsten Innern meines Herzens sehr wohl weiß, dass es falsch ist. Wenn ich gewiss sein kann, geliebt zu werden, dann kann mir die Erkenntnis meiner Fehler Türen öffnen zur Umkehr, denn dann werde ich lernbereit, vielleicht sogar lernfreudig, denn dann muss ich mich der Erkenntnis dessen, was gut und richtig ist nicht mehr versperren, um mich selbst zu verteidigen. Ende des Exkurses.

Mag sein, dass ich nie so wie die Frau werde, von der ich erzählt habe, sie wird immer unerreichbar für mich bleiben, dafür kenne ich mich gut genug. Trotzdem finde ich sie klasse.

Und sie ist auch wichtig für mich.

Nämlich als Mahnung, als Aufrütteln in meiner Bequemlichkeit. Sie ist sozusagen mein persönlicher Jeremia.

Vielleicht kennen Sie ja auch so einen …

Jemanden, der sie nicht in Ruhe mit sich selber leben lässt und der gerade deswegen gut tut.

drucken