Ich sehe was, was du nicht siehst

Liebe Gemeinde,

<b>Ich sehe was, was du nicht siehst</b>

Als wir noch Kinder waren, hatte uns das Spiel Freude gemacht. Jetzt geht es nur noch auf die Nerven. „Ich sehe was, was du nicht siehst“. Schön war es, als es nur darum ging, irgendwo einen verborgenen Farbfleck zu entdecken. Unter Erwachsenen geht das Spiel etwas anders: „Ich sehe was, was du nicht siehst. Ich glaube, sagt sie, bei unseren Freunden (oder: bei unserer Tochter oder: unserem Sohn) wird das mit der Ehe nicht mehr lange gut gehen.“ „Ach, was du immer hast“, antwortet er unwirsch“, du siehst Gespenster“. „Ich sehe was, was du nichts siehst. Wir gehen einer enormen Umweltkatastrophe entgegen“, verkünden die einen. Und die anderen halten sich die Ohren zu: „Das bringt doch nichts, diese Schwarzmalerei“. „Ich sehe was, das seht ihr nicht“. Unter dieser Überschrift ließe sich ein Teil der Botschaft des alttestamentlichen Propheten Jeremia zusammenfassen. „Ich sehe was, das ihr nicht sehen wollt: Wie wir Menschen den Glauben, wie wir Gott verlieren und wie wir versinken in Lust, Luxus und Konsum. Ich sehe was, was ihr nicht sehen könnt: Wir laufen auf einen Abgrund zu.“

<b>Jeremias Nachfolger</b>

In den Schulen kämpfen die Lehrer/innen darum, dass Kinder einander Respekt zeigen und Verständnis füreinander aufbringen. Und dann schalten die Kinder den Fernseher an und sehen, wie die Erwachsenen sich in aller Öffentlichkeit schamlos aufführen, einander demütigen, beschimpfen, belügen und betrügen. Lasst ab davon, einander mit Gewalt zu begegnen. Tragt euren Streit nicht mit Fäusten aus, lernen sie. Und in der nächsten Pressekonferenz des Weißen Hauses wird verkündet, dass man noch mehr Panzer, Kampfflugzeuge und Soldaten braucht. Die Schule lehrt: „In allem was ihr tut, achtet darauf, dass Pflanzen und Tiere geschont werden“. Geworben aber wird für einen Flug schnell mal nach Paris für 19,00 €. Überall gibt es die kleinen und großen Nachfolger des Jeremia: Sie kämpfen für Recht und Gerechtigkeit. Sie sehen Unheil herauf kommen. Allen ist dies gemeinsam: Sie müssen darüber reden; sie können nicht schweigen.

<b>Jeremia ist kein Grantler</b>

Wir treffen auf den Propheten Jeremia in dem Augenblick, in dem er an seinem brennenden Herzen beinahe verdorben wäre. „Du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen; aber ich bin darüber zum Spott geworden täglich, und jedermann verlacht mich.“ Es frisst in mir, sagen wir. Oder auch: Ich platze, wenn ich nicht reden darf weil ich so unter Druck bin. Aber ich weiß auch, dass ich keine Kraft mehr habe, gegen euren Starrsinn anzukämpfen. „Soll ich denn schweigen, Gott und meinen Mund nicht mehr auftun? Sooft ich rede, muss ich schreien: ´Frevel und Gewalt´. Niemand aber versteht, was ich sage. Niemand will es hören. Und du Herr, lässt sie laufen, lässt sie laufen ins Unglück, lässt sie laufen wie eine wilde Herde auf den Abgrund zu“. Im Herzen des Propheten kocht der Zorn. Und wenn er gar gekocht ist reicht das Herz ihn weiter an die Seele: Hier, sauf die bittere Brühe. Jeremia steht vom Tisch auf. Nein, schreit er, ich will nicht mehr. Ich will nicht mehr an ihn denken. Ich will nicht mehr in seinem Namen predigen. Der Chor seiner Nachfolger stimmt mit ein: Dann sag ich halt nichts mehr. Sollen sie doch sehen, wie sie zurecht kommen. Meint ihr denn, ich lasse mich zum Hampelmann machen? Glaubt ihr denn, mir macht das Spaß, euch immer wieder zu ermahnen? Seht ihr wirklich nicht, was auf uns zukommt? So fühlen sie auch, liebe Gemeinde? Sie kennen diesen Zorn? Doch Vorsicht. Wir wollen nicht den dem Alter gelegentlich innewohnenden grämlichen Blick auf die Welt der Jugend klammheimlich verklären. Da fällt mir dieser alte Herr wieder ein aus Zirndorf, wo ich früher einmal Pfarrer war. Grantig saß er vor seinem Haus und schaute auf eine Baustelle hinüber. „Keiner trägt einen Helm“, knurrte er, „Und wie die über das Gerüst turnen.“ Nichts, aber gar nichts konnten sie ihm recht machen. „Wissen sie, was das Schlimmste ist?“, er schaute mich fragend an, „denen passiert nichts. Keiner fällt runter!“ Aber dann musste er selber lachen. „Ach was“, fügte er versöhnlich hinzu, „wir waren doch auch nicht anders“. Nein, es geht nicht darum, den gelegentlich bitteren und vielleicht sogar unterschwellig neidvollen Blick auf die Jugend zu verklären. Es geht nicht darum, den Grantlern unter uns einen Heiligenschein aufzusetzen. Er wäre ihnen eh zu eng, zu hell und zu unbequem. Jeremia grantelt nicht bloß daher. In seinem Herzen brennt das Wort Gottes als Kraft der Gerechtigkeit und Wahrheit. Und weil er die Gabe hat, den Weg hinterm Horizont zu sehen und die Abgründe, die dort warten, muss er reden im Zorn.

<b>Heiliger Zorn</b>

Ich möchte mit Ihnen, liebe Gemeinde, über eine fast vergessene Fähigkeit nachdenken, nämlich über den „heiligen Zorn“. Bewusst sage ich hier nur: Fähigkeit. Ob „heiliger Zorn“ eine wirkliche Gabe ist, mag offen bleiben. Die älteren unter uns können sich sicherlich noch gut an Herbert Wehner erinnern, der gelegentlich zum „heiligen Zorn“ fähig war. Als Ausdruck heiligen Zorns verstehe ich aber auch das vorhin vernommene Evangelium. Jesus lehnt vehement die Orientierung am Tod und an der Vergangenheit ab. Was ist „heiliger Zorn“? Eine Definition: Heiliger Zorn brennt für Gott und die Gerechtigkeit auf Erden: Er benennt das Unrecht, entzündet sich aber am Verlangen nach Recht. Heiliger Zorn benennt auch die Täter, wenn sie denn überhaupt fassbar sind. Heiliger Zorn richtet sich gegen das Unrecht. Er richtet sich aber niemals gegen Menschen. Wie schwer – oder: wie notwendig! – hier eine Grenzziehung ist, kann man hervorragend am Beispiel unseres heutigen Bibelabschnittes studieren. „Laß mich deine Vergeltung an ihnen sehen; denn ich habe dir meine Sache befohlen“, betet Jeremia eingedenk deren, die ihm das Leben schwer machen. Es gibt keine guten Bilder mehr. Es gibt keine Vorstellungen mehr davon, wie unsere Welt werden muß, sagt sinngemäß der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk, der kürzlich ein Buch zum Thema „Zorn und Politik“ herausgebracht hat. Daher seien Proteste heutzutage auch kein „Kampf für das Gute“ mehr. Heutiger, politischer Protest gründe nicht im Zorn, sondern in reiner Wut, die schnell ins Zerstörerische umschlage. Hätten wir viel Zeit, könnten wir noch bei Platon nachlesen, wie er den Zorn durchaus als positive, auf Erhalt der Selbstachtung gerichtete Kraft versteht, die in uns den Sinn für Gerechtigkeit wach hält. Ich zögere ein wenig, will es aber doch sagen: Zorn, heiliger Zorn, täte unserer Welt wohl gut. Keinesfalls will ich dahin gehend missverstanden werden, als würde ich zu Gewalt, Wut und Hass aufrufen. Nein, ich meine mit „heiligem Zorn“ die ins Gute drängende Kraft. Der eine oder andere von Ihnen mag das anders sehen. Das soll auch so sein. Man bedenke aber auch, dass wir die Welt gestaltende Kraft unseres Glaubens in dem Maße aus den Augen verloren haben, in dem wir aus unserem Heiland einen harmlosen, langhaarigen Hippie mit Gesundheitslatschen gemacht haben, den wir allenfalls in rein privaten Angelegenheiten ins Gespräch ziehen. Bei aller möglichen Meinungsverschiedenheit könnten wir uns aber darauf verständigen, dass wir uns darum mühen möchten, den echten Propheten unserer Tage zumindest mit Respekt zu begegnen. Aber nun will ich den Zorn nicht allzu sehr loben. Er bleibt trotz allem positiven Sinn auch eine dunkle Kraft, eine Kraft, die schnell in Wut umschlagen kann und uns zu beschämenden, furchtbaren und verletzenden Taten hinreißt.

<b>Ich sehe was, was du nicht siehst</b>

„Ich sehe was, was du nicht siehst“. Auf einmal hört Jeremia in seinem Zorn die Stimme Gottes, wie er wieder zu ihm spricht: „Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, … das soll der Bund sein … spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den HERRN«, sondern sie sollen mich alle erkennen, beide, klein und groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.“ (Jer 31,31-34) „Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist heil“. Beides gilt es zu sehen, beides gilt es mutig und neu sehen zu lernen, ohne Angst und voll Vertrauen auf Gott: Das Unrecht dieser Welt, ihre Bedrohung, ihre Not, all den Krieg, den Hass und all die viele Gleichgültigkeit der Reichen und Satten. All das Dunkle und dennoch das Licht des kommenden Gottes, das Kommen seines Reiches und seiner Gerechtigkeit. „Aber der HERR ist bei mir wie ein starker Held. Singet dem HERRN, rühmet den HERRN, der des Armen Leben aus den Händen der Boshaften errettet!“, so lesen wir bei Jeremia. Als Christen könnten wir auch sagen: Wir verschließen unsere Augen nicht vor dem Kreuz dieser Welt und glauben dennoch und trotz allem an die Kraft der Auferstehung – und dass diese Kraft des Lebens ins uns und durch uns wirksam wird.

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