Vom Dienen und Herrschen

www.elkb.de – das ist die Internetadresse des Intranets der bayerischen evangelischen Kirche. Das Intranet – eine Datenbank im Internet, zu dem alle Zugang haben, die in unserer Kirche mitarbeiten. Egal ob hauptamtlich oder ehrenamtlich. In diesem Intranet finden sich viele nützliche Informationen. Unter anderem auch eine Fortbildungsdatenbank. In dieser Fortbildungsdatenbank kann ich gezielt nach Fortbildungen suchen. Ich kann nach einem bestimmten Zeitraum suchen, oder nach Fortbildungen in einem bestimmten Haus oder natürlich nach Fortbildungen zu einem bestimmten Thema. Ich hab da gestern mal nachgeschaut und mir ist aufgefallen: Es gibt eine ganze Menge Fortbildungen zum Thema Leitung. In der Suchmaske kann ich auch als Option anklicken: Die Fortbildung ist eine Leiwik-Fortbildung („Leitung wahrnehmen in der Kirche“) Und da finde ich dann folgendes: „Sich als Führungskraft positionieren, profilieren, präsentieren. Praxisbegleitende Fortbildung für Personen in Leitungsverantwortung und solche, die es werden wollen.“ „Führen unter Druck – gesund und handlungsfähig bleiben in meiner Rolle als Führungskraft.“ „Führen mit Profil 2007“ „Sachgerecht entscheiden – angemessen leiten – konstruktiv streiten.“ Ich glaube, dass jeder von uns aus seinem Lebensbereich Beispiele weiß, wo Vorgesetzte einfach schlecht leiten, unfair sind, überfordert sind, und wie alles und alle darunter leiden. Das gibt es leider auch in der Kirche und darum finde ich es gut, dass es solche Fortbildungsmöglichkeiten gibt. Denn vieles am Leiten kann man lernen. Aber nachdenklich gemacht hat mich etwas anderes. Ich hab dann das Suchwort „Dienen“ eingegeben – und bekam als Antwort: 0 Treffer. Es wird so viel vom Dienen und von Dienst geredet – gerade in der Kirche. 0 Treffer. Funktioniert das mit dem Dienen so gut – das muss keiner mehr lernen? Also ich weiß nicht. Ein evangelischer Bischof, Hans Lilje hat vor langer Zeit einmal gesagt: Alle in der Kirche wollen dienen – am liebsten in leitender Stellung.

Im Markusevangelium lesen wir, dass das nichts Neues ist. Dort heißt es:

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Bei euch aber ist es nicht so, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein. Bei euch aber ist es nicht so. Wirklich? Da hab ich aber so meine Zweifel. Ich nehme mal an, dass ich da nicht der einzige bin. In vielen Bibelübersetzungen, z.B. in der Einheitsübersetzung heißt diese Stelle: Bei euch aber soll es nicht so sein. Die Realität ist: Auch in der Kirche – und Kirche, dabei bitte nicht nur an Bischöfe und Synoden und Landeskirchenrat und Kirchenvorstand denken, sondern an alle, die sich in einer Gemeinde wir unserer bewegen und sich beteiligen und ein Teil von ihr sind – auch in der Kirche gibt es ganz normale Menschen. Menschen mit Ehrgeiz. Menschen, die etwas erreichen wollen. Menschen, die Macht und Einfluss haben wollen, um etwas verändern zu können. Um etwas gestalten zu können. Um etwas bewegen zu können. Das ist grundsätzlich nicht schlecht. Aber schlecht dabei ist, dass das – weil wir Menschen sind – auch immer mit etwas anderem vermengt wird. Dass wir gerne UNSERE Vorstellungen durchdrücken wollen. Dass wir andere dabei überfahre, an die Wand drängen. Dass es uns gefällt, wenn andere sich nach unseren Worten richten. Dass es uns gefällt, wenn etwas nach unseren Wünschen läuft. Und wenn alle ehrfurchtsvoll zu uns aufblicken, weil wir so gute Ideen haben, und so weitblickende Menschen sind. Und wie wir gekränkt sind, wenn unsere Träume platzen. Ich glaube: So geht es doch uns allen. Ich jedenfalls kenne das. Denn das alles ist einfach menschlich.

Und in der Kirche dürfen wir menschlich sein. Gott sei Dank.

Mir gefällt es, wie Jesus auf den größenwahnsinnigen Höhenflug von Jakobus und Johannes reagiert. Er flippt nicht aus, er kriegt keinen Tobsuchtsanfall vor Wut sondern er reagiert ganz cool. Ich glaube, er reagiert so gelassen, weil er selber diese Versuchung der Macht gut kennt. Wir haben vorhin davon gehört. Ihr wisst doch gar nicht, wovon ihr da redet, sagt er. In meiner Kirche dabei zu sein – und noch dazu in der ersten Reihe dabei zu sein – das ist nicht mit Macht und Einfluss und Anerkennung verbunden – sondern mit Verzicht und mit Verachtet werden und mit Leiden. Und auch als die anderen wütend reagieren – aus Konkurrenzdenken, nicht aus edlen Motiven, nehme ich mal an – da kommt auch keine Gardinenpredigt, sondern ein paar grundlegende Worte, worum es im Reich Gottes geht.

Es geht um Dienen statt Herrschen. Wir sollen Diener sein, ja wir sollen Sklaven sein, sagt Jesus. Das ist uns fremd geworden – trotz unserer Dienstleistungsgesellschaft. Diener – da denke ich an alte UFA Schwarzweiß-Filme mit Theo Lingen als Diener, oder mit Hans Moser.

Die Menschen zur Zeit von Jesus hatten das ganz anders vor Augen. Damals wurde praktisch alle schwere und mühsame Arbeit von Sklaven gemacht. Von rechtlosen, machtlosen Menschen.

Vor langer Zeit habe ich einen Satz über das Dienen gehört, der hat mich lange bewegt. Er heißt: Dienen heißt: Sich nützlich machen. Lange war ich schwer beeindruckt davon, aber dann habe ich mehr und mehr entdeckt, dass das den Kern nicht trifft. Denn wenn ich mich nützlich mache, dann bestimme immer noch ich, wann und wie und wo und womit ich mich nützlich mache. Ich bleibe souverän. Ich bleibe am Ruder. Ich bleibe der Bestimmende. Wenn ich so diene, dann herrsche ich in Wirklichkeit.

Das gibt es oft. Da übernehmen Leute Aufgaben in der Gemeinde, und lassen sich nicht reinreden und lassen niemand anders daran teilhaben. Das ist nicht Dienen. Das ist Herrschen. Das ist eine subtile Form der Machtausübung. Nicht so offensichtlich, sondern versteckt. Denn ich lasse mir nichts sagen.

Und dienen heißt aber gerade: Ich lasse mir etwas sagen. Ich verzichte auf Macht, auf Herrschaft, ich verzichte darauf zu bestimmen, und lasse mir zeigen und sagen, was ich tun soll. Und dann tu ich es. Das ist dienen. Und es fällt uns schwer. Im Allgemeinen. Vor allem dann, wenn der Dank und die Anerkennung ausbleibt. Wenn niemand beachtet, wie aufopferungsvoll ich diene. Ich glaube, in allen Gemeinden gibt es solche Menschen, die tun und machen und sind innerlich ganz verbittert dabei, weil niemand sagt ihnen Danke – zumindest nicht in dem Maß, in dem sie es erwarten und wünschen und auch für sich brauchen. Und sie werden hart und bitter dabei. Das ist ein Zerrbild von einem Diener.

Aber Jesus sagt: Ein Diener sein – Das ist das Leitbild meiner Jünger. Das ist das Leitbild aller Christen. Diener zu sein. Einen Jünger von Jesus erkennt man daran, dass er seinen Mitmenschen dient. Und zwar jedem: Der Sklave von allen, sagt Jesus. Weil er den anderen höher achtet als sich selber und sich darum ihm zur Verfügung stellt, ohne darauf zu schielen: Was hab ich davon, was bringt mir das? Dienen – das ist so unspektakulär, so mühsam und so langweilig.

So denken wir.

Aber das Geheimnis ist: Dienen ist der Weg zum Glück. Denn wer dient, der kommt dabei Jesus ganz nah. Jesus, der nicht gekommen ist, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen. Der seinen Jüngern die Füße gewaschen hat. Wir haben einen dienenden Gott. Niemand ist Jesus so ähnlich wie jemand, der seinen Mitmenschen dient. Niemand kommt Jesus so nahe wie jemand, der seine Gaben und Fähigkeiten anderen zur Verfügung stellt, um sie selbstlos zu fördern. Niemand hat so engen Kontakt zu Jesus wie jemand, der in seinem Herzen, in seiner Gesinnung ein Diener wird.

Diese Gesinnung ist wichtig.

Es geht nicht darum, dass wir das Ziel unserer Bemühungen einfach austauschen, sondern dass sich in unseren Herzen etwas ändert. Dass in uns diese Gesinnung Christi wächst und reift und lebt. Gott ist nicht so sehr daran interessiert, was wir für ihn tun, sondern wer wir sind. Dass wir Menschen werden, die nicht von dem bestimmt sind, was die Menschen der Welt bestimmt. Der Ehrgeiz, das Konkurrenzdenken, der Neid, die Missgunst, die Rivalität, die Angst, die Furcht zu kurz zu kommen. Jesus hat uns von all dem befreit. Er hat sein Leben hingegeben als Lösegeld, sagt er selber. Damit wir freie Menschen sind. Damit wir Menschen sind, die von seinem Geist bestimmt sind. Die engen Kontakt mit ihm haben. Die von Liebe und Hoffnung und Vertrauen bestimmt sind und erfüllt sind. Veränderte Menschen handeln verändert. Und sie geben ihre Hoffnung weiter. Sie geben ihr Vertrauen weiter. Sie geben ihre Liebe weiter.

So soll es bei euch sein – oder so ist es bei euch? Das ist hier die Frage.

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