Gott baut, wenn er zerstört

Liebe Gemeinde,

mitten in der Passionszeit, der Zeit des Gedenkens an das Leiden Christi, hören wir das Predigtwort aus dem Propheten Jeremia im 20. Kapitel, die Verse sieben bis 13:

[TEXT]

Wollte man, liebe Gemeinde, den Namen „Jeremia“ übersetzen, so geschähe dies wohl am treffendsten mit dem Satz „Gott baut, wenn er zerstört“. Denn tatsächlich ist kein anderer Prophet so zerstört worden in seinem Leben und Sterben wie eben jener Jeremia. Und dennoch ist eben dadurch viel dadurch gebaut worden für uns alle. Alles hat Jeremia gegeben, was Gott von ihm forderte. Er musste es und konnte nicht anders. „Du hast mich überredet und hast gewonnen“ heißt im Hebräischen wohl etwas drastischer: „Du hast mich verführt und vergewaltigt“. Er wollte schon weg von Gott, „aber es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer“.

Jeremia wird verzehrt von seiner Aufgabe, die er Gott gegenüber sieht. Er muss sein Volk warnen vor der drohenden Niederlage. Er muss seinem Volk aufzeigen, worin es in die Irre geht, was sein Fehlen ist. Er tut es drastisch: das Volk treibt Hurerei, wenn es fremden Göttern anhängt. „Ihr seid Diebe, Mörder, Ehebrecher und Meineidige“ ruft er den Menschen anderer Stelle zu! Ihr verlässt euch auf die falschen Propheten, die immer nur Heil verkündigen: „Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der Herr, und nicht auch ein Gott, der ferne ist?“, ruft er im Kampf gegen diese selbstberufenen Friedenspropheten aus und legt sich selbst zum Zeichen ein Joch um.

Die Menschen lachen ihn aus – sie wollen ihn verklagen. Ihn, der die gute Stimmung tötet. Den Schwarzseher, der doch endlich auch begreifen müsste, dass die Menschen ihr Leben selbst in die Hand nehmen können.

Im Grunde benennt Jeremia nichts anderes als dies, nur sieht er die Folgen im Negativen und nicht im Positiven. Seit der Mensch sein Leben selbst in die Hand nahm – die Bibel spricht vom Sündenfall – kann er nicht mehr anders, als in dieser Entfernung von Gott zu leben. Mit den Worten Jeremias: „Kann etwa ein Mohr seine Haut wandeln oder ein Panther seine Flecken? So wenig könnt auch ihr Gutes tun, die ihr ans Böse gewöhnt seid.“ Oder: „Die Sünde ist geschrieben mit eisernem Griffel und diamantener Spitze auf die Tafel (eures) Herzens.“

Es sind jene Stimmen in der Heiligen Schrift, die in der Passionszeit wieder laut werden müssen, damit wir nicht vergessen, weswegen dieser Jesus von Nazareth, den wir als den Sohn Gottes glauben, hat ebenfalls leiden müssen. Um unserer Sünde willen, liebe Gemeinde. Nur um der Tatsache willen, dass wir in der Entfernung von Gott zu leben gewohnt sind und tatsächlich meinen, unser kleines Menschenwerk könnte die Liebe auf der Welt verwirklichen. Jeremia musste die Erfahrung des totalen Scheiterns machen. Als eintritt, was er seinem Volk prophezeit hat, erntete er keine späte Genugtuung mehr. Auch er wurde verschleppt von den Feinden Israels – sein Weg verlor sich dort. Wahrscheinlich ist er im Exil gestorben.

Wenn wir an Jesus als den Christus glauben, dann dürfen wir gewiss sein, dass wir nicht an der gleichen Stelle anfangen müssen wie Jeremia. Denn die Gottesferne ist in dem beginnenden Reich von Christus Jesus aufgehoben. In ihm sehen wir den Vater und den Willen Gottes. An ihn dürfen wir uns wenden in aller Not und in aller Freude. Er ist unser erster und unser letzter Halt. In der Taufe, so wie wir sie nachher feiern werden, ist dies symbolisch vorgebildet. Das Böse wird abgewaschen, vernichtet unter dem Wasser. Aber aus dem Wasser steigt ein neuer Mensch hervor. Das ist mehr als nur ein Sinnbild. Freilich sehen wir den neuen Menschen nicht, aber wir dürfen gewiss sein, dass dieser Mensch nun einen Anker besitzt, den er einsetzen darf. Einen Anker, mit dem er bei unruhiger Fahrt wieder festen Boden gewinnen kann, einen Halt für sein Leben. Und dennoch bleiben wir frei in fast all unserem Tun. Deswegen kann der Mensch überhaupt immer wieder zurückfallen in seine alten Verhaltensweisen und sich so aufführen, als stünde er noch voll unter der Sünde. Luther spricht deshalb vom simul iustus et peccator: vom Gleichzeitig-Sein des Gerechten und des Sünders. Die Gleichzeitigkeit wird erst enden können am Ende unserer Zeit, mit dem Tod und dem Beginn des Neuen Lebens.

Die Passionszeit, liebe Gemeinde, erinnert uns daran, dass dies alles nicht nur eine ferne Geschichte ist, sondern dass es um unser eigenes Leben heute geht. Wo entsprechen wir dem neuen Menschen, der uns geschenkt wurde im Alltag? Bemühen wir uns, Antwort zu geben auf diese Liebe Gottes? Können wir wenigstens sehen, wohin uns unser eigennütziges Denken führen wird? Mit anderen Worten: sind wir bereit, unser eigenes Leben voll und ganz in die Hände dieses Jesus Christus zu legen und auf ihn für unser Leben zu vertrauen?

„Gott baut, wenn er zerstört“ – so habe ich zu Beginn den Namen Jeremia übersetzt. Gott geht gegen die Sünde an. Er kämpft gegen sie um unserer willen. Er will, dass wir frei werden von ihr, damit wir rein werden und zu Gott finden können. Bald kommt die Zeit, da werden wir die eine Woche des Jesus von Nazareth genauer in den Blick nehmen. Jene Woche, die ihn auf seinen Tod zentrierte. Auch das, wo er bereit war, zerstört zu werden, damit etwas Neues gebaut werden konnte. Wenn dieser Mann im Garten Gethsemane liegt und betet, verlassen von seinen Jüngern, weil die alle schlafen; wenn er seinen Gott anruft, dass doch der Kelch des Leides an ihm vorübergehen soll, wenn er sehen und spüren muss, wie einer seiner Getreuen ihn verrät – dann ist er wieder ganz nahe bei Jeremia oder anders herum: dann wird deutlich, wie weit voraus Jeremias Taten weisen können. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ ruft Jesus aus am Kreuz. In diese Gott-Ferne steigt Gott in Jesus selber herab – Gott baut, wenn er zerstört – um daraus ein Neues wachsen zu lassen, was den Menschen dienen soll: ein neues Herz, ein neuer Geist, ein neuer Bund. Es sind die Kinder des Lichtes, die diesem auferstandenen Christus folgen. Kinder des Lichtes, weil sie gesehen haben, wie in der Ostersonne der Auferstandene den Tod überwunden hat. Er ist der Erste dieser neuen Schöpfung, dieser geheilten Schöpfung und wir bleiben in seinem Namen seine Jünger, denn wir sind auf ihn getauft. Darum geht es immer wieder: anzunehmen und zu vertrauen, dass Gott mich persönlich mit seinem Handeln meint. So sollen wir nicht vergessen, welche Schatten noch in uns und damit um uns sind und wie sie nach uns greifen. Jeremia darf uns darin heute Mahnung und Vorbild zugleich sein. Mahnung, das, was uns von Gott trennt nicht wieder zu nahe an uns heran zu lassen, oder besser gesagt: sich immer wieder Jesus vertrauensvoll zuzuwenden als dem einzigen Fürsprecher in dieser Angelegenheit. Und Vorbild, trotz allem Leid, trotz aller Ungerechtigkeit, die wir uns weiterhin selber bereiten, das Gott-Danken nicht zu vergessen Danken dafür, dass er unser Leben immer wieder als das „Leben des Armen aus den Händen der Boshaften errettet.“

In diesem Glauben, mit dieser Hoffnung dürfen wir auch taufen. Wir tun dies mit besonderer Freude, weil der Taufspruch unseres Täuflings von heute genau jene Seite beleuchtet, auf die hin Gott „gebaut hat“, die Seite des reinen Lichtes: „Die Gott lieben sollen sein wie die Sonne, die aufgeht in ihrer Pracht!“ lautet der Taufspruch aus dem Richterbuch im 5. Kapitel, dem 31. Vers.

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