Gepackt hast du mich

Sonntagsgottesdienst in Bräunrode. Die Glocken haben geläutet, in der vordersten Reihe sitzen zwei Leute. Das war’s. Nicht zum ersten Mal. Sonst sind wir manchmal zu viert. Ich erzähle das einer Bekannten in einem Dorf hier im Kirchenkreis. "Ach", sagt die, "letzten Sonntag waren wir hier in der Kirche mit dem Pfarrer zu dritt. Aber es war ganz schön, er hat sich gefreut, dass überhaupt jemand da war." Unser Superintendent ist der Meinung, wenn weniger als sechs Leute da sind, solle der GD ausfallen. Ich wage nicht zu sagen, wie oft dann fünf Leute in Stangerode auf einen GD verzichten müssen. "Da könnte Ihnen doch sicher glatt die Lust am Beruf vergehen", sagen mir Leute aus meiner Heimat, wo immerhin an "schlechten Sonntagen" mindestens 25 Menschen im Gottesdienst sitzen. "macht es denn überhaupt noch Sinn oder gar Freude, unter solchen Umständen Pfarrer zu sein. Wo doch die überwältigende Mehrheit der Menschen zumindest in Deutschland längst Gott den Dienst gekündigt zu haben scheint?" Möchte man nicht in jedem Beruf manchmal alles hinschmeißen und trotzdem macht man dann wieder weiter? Ich persönlich habe einen so langen Weg in diesen Dienst hinter mir, dass ich denke, Gott wird sich schon was dabei gedacht haben, mich hierher zu schicken.

Ein Mensch, der alles hinschmeißen wollte und trotzdem "weitermacht", obwohl sein Volk Gott den Dienst gekündigt hat, begegnet uns auch im heutigen Predigttext: Hören wir aus Jeremia 20 die Verse 7 bis 13:

[TEXT]

Der Prediger, der hier zu Gott spricht und seiner Seele Luft macht, lebte vor 2700 Jahren. Und er redet einer auf ganz ungewöhnliche Weise mit Gott. "Herr, du hast mich überredet, in einer anderen Übersetzung steht "verführt", und ich habe mich verführen lassen", "Du hast meine Einfalt ausgenutzt, du hast mich überwältigt – und nun bin ich zum Gelächter geworden", so könnte ein Mädchen mit einem Mann geredet haben, der sie liebt, dem sich sich hingegeben hat, der sie "rumgekriegt" hat – und nun ist sie in einer Situation, der sie nicht gewachsen ist. Der Text scheint die Geschichte einer Liebe widerzuspiegeln, die von einem Partner alles fordert, ihn um den Verstand, ja, ums Leben zu bringen scheint. Und es kommt keine Antwort.

Jeremia wurde im Jahr 627/26 zum Propheten berufen, in einer politisch für Palästina bedrohlichen Lage. Eine Bedrohung aus dem Norden, möglicherweise die Neubabylonier, sieht Jeremia kommen – und tatsächlich waren die Ereignisse im vorderen Orient durch das Auftreten der Skyten und Meder in Bewegung geraten. Was Jeremia peinigt, ist der Abfall des Volkes von Jahwe. Wo gibt es so etwas, dass ein Volk seinen Gott verlässt und sich einem anderen Gott, nämlich Baal, zuwendet? Dieser Umstand erschüttert den Propheten in seiner tiefsten Seele, er sieht sich gezwungen, das Volk zu warnen, weiß aber auch, dass ihm diese Rolle äußeres und inneres Leid einbringen wird. Der Hintergrund für diese Textpassage, um die es heute geht: Jeremia hatte vor einigen Männern eine irdene Flasche zerbrochen und gesagt, dass genauso Jahwe Stadt und Volk zerbrechen werde. Dafür wurde er geschlagen und eine Nacht lang gefoltert. Nach seiner Freilassung verkündet er dem Priester, der ihn eingesperrt hat, dass Gott dessen Verderben beschlossen habe Jeremia hat das schon öfter erlebt: Gott belegt ihm immer wieder mit "unmöglichen" Aufträgen, die ihn in die Mahnerrolle drängen, aber auch in eine Mittlerfunktion, denn er sucht doch noch nach verborgenen Spuren des Guten. Das Ringen zerreibt ihn an Geist und Seele – und diese inneren Kämpfe trägt er mit Gott, seiner großen schwierigen Liebe, aus.

Anscheinend führt er einen Dialog mit Gott, ringt und handelt mit ihm, macht ihm Vorwürfe – aber gleichzeitig führt er auch ein Selbstgespräch, das von dem Dunkel zeugt, der Verzweiflung, die sich in ihm immer weiter ausbreitet. Das Leiden unter seiner Aufgabe scheint unerträglich zu werden: Immer wieder muss er "Frevel und Gewalt" rufen, muss unangenehme Sätze sagen wie: "Darum siehe, spricht der Herr, ich will Unheil über sie kommen lassen, dem sie nicht entgehen sollen, und wenn sie zu mir schreien, will ich sie nicht hören." Klar, dass er damit unangenehm auffällt. Die einen halten ihn für verrückt, die anderen für gefährlich. Verständlich, dass er sein Prophetenamt Gott am liebsten vor die Füße werfen will und kein Wort mehr sagen möchte. Aber irgendetwas drängt und treibt ihn, doch weiterzumachen. Er kann nicht schweigen, es zerreißt ihm das Innere, den Auftrag nicht zu erfüllen, den ihm Gott gegeben hat. Alle warten ja nur genau auf den Punkt, da er Schwäche zeigt, da ihm irgendwie beizukommen ist, da der Mahner, der es ja nur zum Guten meint, mundtot wird. "Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes" – es ist, als habe Jeremia diesen Satz, den Jesus 700 Jahre später sprechen wird, in sich gefühlt.

Jeremia scheint an zwei Seiten zu ringen: Zum einen mit einem gottvergessenen Volk, das er zurückbringen möchte dahin, wo ein Treueversprechen, ein Bund, geschlossen wurde. Zum anderen mit dem, der ihn "verführt" hat, dem er sich ergeben hat. Wie er mit Gott spricht, das möchte ich noch einmal in der Übersetzung des großen jüdischen Theologen Martin Buber vorlesen, dem es gelungen ist, die hohe literarische Qualität des Textes ins Deutsche hinüberzutragen :

JIRMEJAHU

20,7-12

Betört hast du mich, DU,

ich ließ mich mich betören,

gepackt hast du mich,

du hast mich übermocht.

Ich bin zum Gelächter worden alletag,

alles spottet mein.

Ja, sowie ich reden will, muß ich schreien,

Unbill! rufen und: Gewalt!

zu Hohn ja und zu Posse ist SEINE Reden mir worden alletag.

Spreche ich: Ich will ihn nicht gedenken,

nicht mehr reden mit seinem Namen,

bleibts mir im Herzen

wie ein sengendes Feuer,

eingehegt mit im Gebein,

Ich erschöpfe mich es zu verhalten,

ich vermags nicht.

Ja, ich höre das Flüstern der Vielen, ein Grauen ringsum:

Meldets! wir wollens melden!

Was an Menschen mir im Friedensbund steht,

die passen meinem Ausgleiten auf:

Vielleicht wird er betört,

dann übermögen wir ihn nehmen an ihm Rache!

Aber ER ist in mir

wie ein trotziger Held,

drum müssen straucheln meine Verfolger

und sie vermögen nichts,

werden sehr beschämt, denn sie haben nicht ergriffen,-

eine Weltzeit-Schmach,

die nie vergessen wird.

DU Umscharter,

bewährter Prüfer, der Nieren und Herz durchschaut!

mag ich schaun deine Rache an ihnen,

denn überwälzt habe ich dir meinen Streit.

Singet IHM, preiset IHN,

denn er rettet des Bedürftigen Seele

aus der Hand der Bösgesinnten.

Darf ein Mensch so mit Gott sprechen? Die Frage haben sich schon Martin Luther und Johannes Calvin gestellt. So unterschiedlicher Meinung die beiden Reformatoren in anderen Dingen gewesen sein mögen, da sind sie sich einig: Man darf, man muss es gar zuweilen. Luther sagt: "Man muss unsern Herrn Gott zuzeiten mit solchen Worten aufwecken, er hört sonst nicht." Die Augenblicke, in denen er Gott den Dienst kündigen möchte, hat er auch erlebt: "Wenn man es herzlich gut meint und es nicht vonstatten gehen will. Ich wollt, ich hätt’s nie angefangen". Und findet gleich eine überzeugende Begründung: "Christus macht es ebenso." "Abba, mein Vater, es ist dir alles möglich, nimm diesen Kelch von mir", bittet Jesus angesichts des Leidens, das auf ihn zukommt. Und er fragt auch "Mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Aber er sagt auch: "Aber nicht mein, sondern dein Wille" und "In deine Hände befehle ich meinen Geist." Diese Wendung ist der Schlüssel dafür, dass wir heute so beten dürfen.

Auch Jeremias Bekenntnis nimmt eine jähe Wendung. "Aber der Herr ist bei mir wie ein starker Held, darum werden meine Verfolger fallen und nicht gewinnen. Denn er rettet des Bedürftigen Seele aus der Hand der Bösgesinnten." Aber wann wird das sein? Manchmal scheint es uns zu lange zu dauern. "Sie müssen schon entschuldigen, ich komme nicht mehr zur Kirche, seit Gott mir meinen Jungen genommen hat, der war erst zehn Jahre alt und unheilbar krank. Erklären Sie mir mal, was Gott sich dabei gedacht hat"

"Wenn Gott mich schon im Stich gelassen hat, kann er doch wenigstens Thomas helfen, er ist doch noch so jung. Wo ist Gott?…" sagte vor Jahren Mädchen zu mir, dessen Freund plötzlich an einem Hirntumor lebensgefährlich erkrankte, nachdem sie erst vor kurzem einen nahen Angehörigen verloren hatte. Ich habe ihr diesen Text des Propheten gegeben und wollte sie damit trösten, dass anderen schon viel früher ähnlich verzweifelt waren. Ich sagte ihr noch, dass Gott die nicht vergisst, die ihn nicht vergessen, und dass sie weiter beten solle, auch wenn sie sich zur zeit nicht gehört fühle.

Einen Tag später meinte sie: "Ja, ich muss zugeben, dass ich oft mit Gott hadere und schimpfe, aber deswegen höre ich noch lange nicht mit dem Beten und Bitten auf. Ich glaube auch nicht, dass er die vergisst, die ihn vergessen, sonst würde ich nicht mehr zu ihm beten. Man kann Gott loslassen, aber nicht verhindern, dass er einen hält." Der Freund ist nach kurzer Besserung gestorben, erst wollte sie keinen Trost zulassen. Inzwischen kann sie sich einlassen auf die Zusage aus der Offenbarung: "und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen." Es gibt sicher bei jedem von Ihnen Stunden, wo sie Gott alles vor die Füße werfen möchten. "Manchmal denke ich, diejenigen, die nicht glauben, haben es leichter", sagte dieser Tage meine 85-jährige Mutter, die durch die schwere Krankheit meines Vaters und ihre eigene Hinfälligkeit oft darüber nachdenkt, wie es denn weitergeht in diesem Leben und ob es das andere, versprochene Leben überhaupt gibt.

Singet IHM, preiset IHN,

denn er rettet des Bedürftigen Seele

aus der Hand der Bösgesinnten.

Dass wir uns darauf verlassen und in diesem Versprechen Trost finden können, auch in dunklen Stunden, in denen wir uns ganz alleine fühlen, dazu bewahre uns der Friede Gottes …

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