Gebet aus der Tiefe und was Nachfolge bedeutet

Liebe Gemeinde,

Beim Lauschen dieser heftigen Zwiesprache, habe ich zwei tiefe Entdeckungen gemacht:

1. Was Gebet in der Tiefe auch heißen kann

2. Was Nachfolge bzw. der Auftrag Gottes ganz zentral beinhaltet

Und ich kann Sie heute sicher nur stichwortartig daran teilhaben lassen:

1. Gebet in der Tiefe

da ist einer total am Boden,

er will und kann nicht mehr,

ja noch mehr, am besten, er wäre gar nicht geboren worden.

„Verflucht sei der Tag,

an dem ich geboren wurde;

der Tag, an dem meine Mutter mich zur Welt brachte,

soll für immer vergessen werden!…

Wäre ich doch im Mutterleib gestorben…

Warum nur bin ich geboren?

Um ein Leben zu führen,

das mir nur Leid und Elend bringt?“ (V. 14.17.18)

Dabei bleibt er aber nicht stehen,

er sucht einen Schuldigen für seinen so tiefen Lebensfrust

und er findet ihn:

Schuld ist Gott!

Herr, du hast mich überredet,

und ich habe mich überreden lassen!

Du bist stärker als ich und hast den Kampf gewonnen.

Und nun werde ich lächerlich gemacht

Darf man denn so mit Gott reden?

Jeremia tut es jedenfalls – und Jesus auch!

So wie es Hiob tat und wie es viele andere Psalmbeter und Beterinnen taten.

Jeremia klagt Gott sein Leid, ja er klagt ihn sogar mit an.

Er sucht nicht nach wohlgesetzten Worten,

sondern redet mit ihm so wie es aus seinem Herzen kommt.

Er sagt ihm ganz deutlich,, dass er sich ausgeliefert vorkommt.

Von den Menschen um ihn herum verachtet, verlacht und gefoltert,

fühlt er sich letztlich aber von Gott selbst enttäuscht.

Aber, und das ist nun der Unterschied zwischen Selbstmitleid und sinnloser Anklage,

er sucht trotzdem die Nähe und den Kontakt zu Gott,

inklusive seiner Verletzungen, seiner Vorbehalte und seiner Zweifel.

Er zeigt sich Gott nicht von seiner Sonntagsseite,

sondern wie er wirklich ist und wie er fühlt.

Er spielt auch nicht den frommen Gottesmann,

der sich ohne Widerspruch seinem Schicksal fügt,

sondern er hadert mit Gott.

Er ist mit dem, was das Leben und Gottes Auftrag ihm an persönlichem Leid beschert haben,

unzufrieden und das lässt er Gott auch wissen

Und es scheint so, dass er,

nach dem er so richtig seinen Kropf geleert hat,

nachdem er seine Last bei Gott abgeladen hat,

nun wieder Luft, neue Kraft geschöpft hat.

Nun kann er seine Situation auch wieder von der anderen Seite sehen:

„Aber du, Herr,

stehst mir bei wie ein mächtiger Held!“

Er kann Gottes Stärke wieder erkennen.

Er ist wieder aufgerichtet,

er hat wieder seinen Platz gefunden,

der Platz, wo er hingehört:

nämlich an der Seite Gottes.

Er weiß sich wieder geschützt von Gott,

und ihn ist wieder klar,

dass ihm nur das zustößt, was Gott zulässt.

Aber das sieht nur so aus,

wenn wir den Text nicht weiter lesen.

Denn in den folgenden Versen,

die nicht mehr zu unserem Predigttext gehören,

verfällt Jeremia fast übergangslos wieder in das Hadern mit seinem Schicksal.

Er verflucht den Tag, an dem er geboren wurde.

Diesen schönen Ablauf,

Gott zuerst die Last klagen

und dann zur Befreiung finden und Gott loben,

findet man nur,

wenn man den Text aus dem Zusammenhang herausnimmt.

Wir finden hier im Jeremiabuch aber das Nebeneinander

von Verzweiflung, Trauer, Hadern mit dem eigenen Schicksal

und gleichzeitig Trost, Hoffnung und Lob Gottes.

Jeremia erlebt beides,

die Verzweiflung und die Hoffnung sind beide da,

sie geben sich die Hand,

und mal ist die eine, mal die andere Seite stärker.

Diese Gleichzeitigkeit von widersprüchlichen Gefühlen

erscheint vom Verstand her völlig unlogisch.

Und doch ist es eine natürliche, menschliche Reaktion.

Wir können gleichzeitig froh und traurig sein,

verzweifelt sein und Hoffnung haben,

gleichzeitig mit Gott hadern und wissen, dass Gott unser Beschützer ist.

Sind Sie selbst schon mal in einer extremen Situation gewesen?

Vielleicht in einer schweren Krankheit,

vielleicht verzweifelt verstrickt in Problemen Ihrer Familie,

vielleicht vor einer schweren Entscheidung?

Oder haben Sie mal eine große

Ungerechtigkeit erfahren?

Es könnte sein, dass es Ihnen da auch so ergangen ist,

dass sie gleichzeitig verzweifelt waren,

und trotzdem Hoffnung hatten,

gleichzeitig voller Wut und dennoch auch Mitgefühl besaßen.

Das ist nicht verrückt, sondern zutiefst menschlich.

Wichtig hierbei ist, dass ich diese widersprüchlichen Gefühle wahrnehme und aushalte.

Erfolge entstehen nicht durch einmalige Einsichten und Ereignisse,

sondern sie werden in stetiger Kleinarbeit errungen.

Hoffnung wächst langsam, Glaube entwickelt sich.

Ich kann heute die Welt umarmen, und guter Dinge sein,

morgen kann die Welt für mich schon wieder anders aussehen.

Wichtig ist, dass immer wieder, also stetig die Verbindung zu Gott suche,

mich ihm anvertraue, wie ich bin,

dann wird nach und nach Kraft in mir wachsen.

Jeremia tritt vor Gott, so wie er ist, mit all seiner Widersprüchlichkeit,

er verstellt sich nicht.

Und weil er so ehrlich ist, ist der Weg offen zur Verbindung mit Gott.

Gott schaut nicht auf unsere wohlgesetzten Worte, auf unser Sonntagsgesicht,

sondern er blickt uns sowieso ins Herz.

Wir können ihm nichts vormachen,

und das müssen wir auch nicht.

Der Sinn des Gebetes ist es,

dass wir mit Gott Verbindung haben.

Mit Worten des Lobes und mit Worten der Anklage,

vielleicht auch ohne Worte.

Und wir werden seine Gegenwart, seine Nähe und seine Stärke erfahren.

Dann wird das Gebet etwas Lebendiges.

Und diese Verbindung zu Gott ist umso stärker,

wenn wir so sind, wie wir wirklich sind.

Deshalb möchte Gott, dass wir mit all unseren Zweifeln und mit unserer Hoffnung,

mit unserem Misstrauen und mit unserem Glauben,

mit unseren Vorbehalten und unseren Wünschen,

unserem Ärger und unserer Freude,

mit unserer Ohnmacht und unserer Kreativität zu ihm kommen,

als ganzer Mensch, nicht als Vorzeigepuppe.

Und Jeremia macht mit seinem schweren Auftrag weiter.

Er hat die Kraft, sich nicht beirren zu lassen.

Die Kraft, die er aus dem Gebet geschöpft hat,

trägt ihn, begleitet ihn bei seinen nächsten Schritten.

Er tritt vor den König und prangert weiter Unrecht an

und droht mit Strafe.

Er bleibt Gott, sich selbst und seinem Auftrag treu.

2. Und damit sind wir eben bei diesem Auftrag und was er ganz zentral beinhaltet

Er ist es,

der Jeremia in diesen massiven Lebensüberdruss geführt hat.

Nicht ein mehr oder weniger zufälliger Schicksalsschlag,

sondern sein Auftrag selbst,

wir können auch sagen: seine Nachfolge

hat ihm diesen Schmerz, dieses absolute Dunkel gebracht.

Kein Wunder, dass der Beruf des Propheten so gut wie ausgestorben ist.

Ein Traumjob ist es ganz und gar nicht,

den sich Jeremia da ausgesucht hat.

Und dabei hat er ihn sich noch nicht einmal selbst ausgesucht.

„Du bist mit Gewalt über mich gekommen und hast mich gewonnen.“

Nicht freiwillig, es ist über ihn gekommen,

er konnte sich diesem Auftrag, diesem Gott einfach nicht mehr entziehen.

Und was er da den Leuten zu bringen und zu sagen hatte,

das war alles andere als angenehm.

Wer will denn schon ständig gesagt bekommen,

was nicht in Ordnung ist, wo er Unrecht handelt.

Wer will schon hören,

dass er mit dran schuld ist an der Misere unserer Gesellschaft und auch seines Lebens?

Wer will denn schon die Leviten gelesen bekommen.

Aber eben das ist der Auftrag des Propheten,

den Finger auf die wunden Stellen des Lebens –

von Einzelnen und der Gesellschaft – zu legen.

Das macht nun wahrlich keinen Spaß.

Wer hat schon Lust,

die Leute andauernd vor den Kopf zu stoßen.

Damit macht man sich nun wirklich keine Freunde.

Denn niemand ist verhasster als der,

der seinen Finger auf die Wunden legt.

Die Leute –

und Hand auf’s Herz – gehören Sie und ich nicht auch dazu? –

wollen nicht ermahnt, gewarnt, beurteilt und sogar öffentlich verurteilt werden.

Kirche soll doch einladend sein.

Und zwar für alle.

In der wachsenden Vielfalt religiöser Angebote heißt die Parole:

Den Marktanteil halten!

Und das bedeutet dann auch:

Den Menschen entgegenkommen

und sie nicht gleich wieder verprellen,

etwa durch zu hohe „Kopflastigkeit“ und dergleichen.

Wir dürfen nicht vergessen:

Wir leben in einer Spaß- und Feeling-Gesellschaft.

Hauptsache das Feeling stimmt!

Es soll so richtig das Herz erwärmen.

Für viele beginnt das eigentliche Leben erst,

wenn das totale Vergnügen einsetzt.

Das Paradies heißt „Ballermann 6“ und ähnlich.

„Kirche light“ ist angesagt.

Klar, wer da so lautstark, so öffentlich widerspricht wie Jeremia,

der bekommt heftigen Gegenwind.

Davon weiß Jeremia ein Lied zu singen.

Ein Klagelied.

Und eben nicht bloß eins.

Selber schuld,

könnte man ganz cool sagen.

Hättest du eben deinen Mund gehalten.

Nun, Jeremia hat es versucht.

Denn er war sowieso nicht der Typ, der sich darum reißt,

überall seinen Senf dazuzugeben.

Aber er hat es nicht ausgehalten.

Gottes Wort hat ihn in jungen Jahren gepackt und nicht mehr losgelassen.

Wie es oft geht mit der ersten Liebe.

„Nach deinen Worten zu leben, ist meine Freude,

mehr als alles, was ich besitze.“

Auf Jeremia trifft dieses Psalmwort zu.

Umso schmerzlicher ist es für ihn,

mit ansehen zu müssen,

wie dieses kostbare Gut mit Füßen getreten wird.

Sei es, dass die Menschen ihren eigenen Glauben gar nicht mehr kennen

Und ständig auf der Suche nach neuen religiösen Erfahrungen sind.

Sei es, dass die Regierenden sich nicht mehr um Gerechtigkeit kümmern,

sondern einfach ihre Macht ausleben und missbrauchen.

Wes Herz voll ist, des Mund geht über.

Wen zum Beispiel die Erzählung von Josef und seinen Brüdern

– vor allem seine großartige Versöhnungsbereitschaft –

gefesselt hat,

dem wird in seinen eigenen Beziehungen Vergebung kein Fremdwort sein.

Wem die biblische Geschichte vom Auszug aus Ägypten

einmal unter die Haut gegangen ist,

der wir zeitlebens ein Herz haben

für Menschen, die sich nach Freiheit sehnen.

Der wird nicht schweigen,

wenn unser Asylrecht ausgehöhlt werden soll.

Und wer den Zorn Gottes über korrupte Herrscher und betrügerische Beamte kennt

– ein Motiv, das sich durch die ganze Bibel zieht –

der kann nicht lachen über Lug und Trug und finstere Geschäfte von Verantwortlichen heutzutage.

Erst recht nicht,

wenn sie unter christlichem Vorzeichen auftreten.

Manchmal ist es geradezu erschreckend,

wie aktuell die Jahrtausende alten Texte der Bibel noch immer sind.

Vor allem im Blick auf die Schattenseiten menschlichen Handelns.

Nur in einem hat sich etwas grundlegend geändert:

Es gibt leider kaum mehr Propheten.

Ein Jeremia im Berlin unserer Tage,

in Washington oder Moskau – das hätte Brisanz.

Ein Mensch mit Scharfsicht und Weitblick,

der ohne Rücksicht auf Parteibuch und Bankkonto Tacheles redet.

In guter jüdisch-christlicher Tradition.

Ein frommer Mensch,

der mit seiner Kritik auch vor der Kirche nicht Halt macht.

Und der nicht müde wird,

sie an ihre Ursprünge zu erinnern,

damit sie nicht im Zeitgeist erstarrt:

Die Synoden und Parlamente hätten endlich Stoff für eine ernsthafte Grundwerediskussion.

Aber wie gesagt:

Es ist niemand in Sicht vom Schlag eines Jeremia.

Versuch, sich herauszureden:

Das ist halt nicht meine Gabe.

Aber bitte vergessen sie nicht:

Das prophetische Amt gilt bis heute,

es ist uns aufgegeben – zumindest als gesamte Gemeinde.

Wir als Gemeinde haben dieses prophetische Amt,

diesen Auftrag, den Finger auf die Wunden unserer Zeit zu legen

und eben nicht schweigend zuzusehen.

Das schließt das allgemeine Prophetenamt aller Gläubigen mit ein.

Wir müssen nicht allein und jeder für sich

Für Gottes Wort gerade stehen und womöglich Prügel einstecken.

Auch wenn wir als Einzelne keine Ausnahmechristen sind

– gemeinsam können wir verkörpern,

wofür Menschen der Bibel sich stark gemacht haben.

Wo immer zwei oder drei im Namen Jesu versammelt sind.

Das Einzige, das jeder selbst mitbringen muss,

ist die Begeisterung für Gottes Wort:

„Du hast mich betört, Gott,

und ich habe mich betören lassen.“

Und die Einsicht und Akzeptieren,

dass Nachfolge eben nicht voll cool ist

dass Nachfolge ist nicht das i-Tüpfelchen oder die Sahne auf dem Eis.

Nachfolge führt in tiefste Tiefen,

– zumindest auch.

Nein, es ist wahrlich kein reines Vergnügen,

ein Leben im Auftrag dieses Gottes.

Zu allen Zeiten haben Menschen,

die Gott in die Pflicht nahm,

ähnliches erlebt:

sie wurden Außenseiter,

machten sich unbeliebt,

wurden ausgelacht, verspottet,

bekamen es mit den Etablierten und Mächtigen zu tun.

== Wie Schafe unter die Wölfe gesandt.

Nachfolge heißt,

den Finger auf die Wunden zu legen.

Nachfolge mischt sich ein.

Was wir heute hören müssen,

das ist nicht einfach nur tröstlich,

das rüttelt auf,

das beunruhigt, erschreckt,

macht vielleicht sogar Angst –

jedenfalls wenn wir wirklich hinschauen und hinhören.

Komme, was mag.

Gott ist mächtig.

Wenn unsere Tage verdunkelt sind

Und unsere Nächte finsterer als tausend Mitternächte,

so wollen wir stets daran denken,

das es in der Welt eine große segnende Kraft gibt,

die Gott heißt.

Gott kann Wege aus der Ausweglosigkeit weisen.

Er will das dunkle Gestern in ein helles Morgen verwandeln –

Zuletzt in den leuchtenden Morgen der Ewigkeit. (Martin Luther King)

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