Wie lebe ich, was ich glaube?

Die Passionszeit ist nunmehr 10 Tage alt. Manche ChristInnen begehen sie mit Verzicht auf Alkohol oder Autofahren, auf Süßigkeiten oder Fleisch. Manche versuchen dabei in sich zu gehen und dem nachzuspüren, was das bedeutet, dass der Sohn Gottes leiden und sterben muss. Ich erinnere mich an viele – auch eigene Versuche, das zu erklären, die immer nur zu dem Schluss kamen: nötig wäre es nicht gewesen. Gott hätte dieses Leiden doch nun wirklich beenden können, genauso wie das Leiden in Mosambik oder unseren Krankenhäusern, das Leiden der vermissten Ulrike genauso wie das Leiden der vielen geschlagenen Frauen und Kinder. Es bleibt das Eine: Das Ganze ist schwer zu verstehen, wenn ich nicht bereit bin, meine engen Grenzen (eg Rheinland: 600) zu bekennen, die Grenzen meines Gewissens, meines Bewusstseins, meines Verstandes.

Zu Jesus gehören Advent und Passion. Das einer dieser klaren Sätze, denen man nicht widersprechen möchte, die sich aber unserem Lebensgefühl nicht so ohne weiteres erschließen. Vielleicht war das ja in früheren Situationen einfacher, als Tod und Leid im Alltag der Menschen oft passierten und nicht nur in den Medien, als Kriege, Seuchen und todbringende Krankheiten zum normalen Leben der Menschen in Mitteleuropa gehörten. Ich weiß das nicht. Aber ich weiß, dass es zu allen Zeiten Menschen gab, die damit nicht fertig wurden, dass der Sohn Gottes durch Folter und Hinrichtung musste. Das passt nicht zu dem menschlichen Wort ‚Gott‘, zu meiner Vorstellung von Gott … Jesus weiß um das Unverständnis der Menschen darum redet er mit ihnen, manchmal auch aggressiv, so in unserem Text:

[Text]

Wenn Jesus von seiner Erhöhung redet, dann meint er seine Kreuzigung: Golgatha ist der letzte Ort der Erkenntnis Gottes. Das wird im Lukas-Evangelium deutlich, wenn der Hauptmann am Kreuz spontan bekennt, dass Jesus Gottes Sohn gewesen sei. Dieses rätselhafte Geschehen, in dem Jesus gleichzeitig Misshandelter und Handelnder ist, kann Glauben wecken. Es kann aber auch Spott provozieren. In der christlichen Verkündigung gibt es wohl wenig Eindeutiges. Es hängt immer von dem ab, der die Botschaft hört. Für den Evangelisten Johannes sind es ‚die Juden‘, die Jesus ans Kreuz schlagen. Er spricht aus der Distanz und in einer Zeit als die christliche Kirche von der Synagoge ausgeschlossen war. Für die anderen Evangelien teilen sich die Juden in das Volk und die Pharisäer und Schriftgelehrten. Das Evangelium nach Johannes hat den größten Abstand von dem Geschehen, darum kann er so reden, und es ist ihm kein Problem gleichzeitig Jesus und seine Jünger als Juden darzustellen, die sich im Tempel aufhalten und unter Juden leben.

Die, die Jesu kreuzigen wollen sind eigentlich eher Repräsentanten der Menschen, die sich Gott verschließen, also Repräsentanten aller Menschen, die von Gott nichts Neues mehr erwarten. Entscheidend ist nicht Jude oder nicht. Entscheidend bleibt bis heute die Frage: Wie gehe ich damit um, dass mir Gottes Sohn am Kreuz, am Galgen jener Zeit begegnet? Oder: Wer ist Jesus für mich? ‚Jesus – wer bist du?‘ das ist die zentrale Frage am Kreuz und vor dem Kreuz. Diese Frage kann auch Jesu nicht mehr voller Liebe und Güte beantworten, weil es die Frage ist, die die Menschen scheidet. Darum ist der Ton dieser Rede manchmal auh aggressiv und beleidigend.

Vor einer Woche habe ich eine Schlagersendung im TV gesehen, Zlatko sang: ‚Alle für einen – und einer bin ich‘. Das ist die Losung des Menschen, der sich in den Mittelpunkt stellt. In der Versuchung steht jede® von und – und diese Versuchung macht es uns so schwer diesen Jesus zu verstehen. Zu leicht stellen wir unsere Vorstellungen und unsere Ziele in den Mittelpunkt und warten wie ‚die Juden‘ auf den Messias, der ein strahlender Held ist. David gegen Goliath steht uns dann näher als Jesus am Kreuz. Wir wollen lieber den strahlenden Sieger sehen als den leidenden Sohn Gottes. Jesus kann mit Vollmacht reden, weil er nicht von sich selber redet, sondern das ausrichtet, was sein Amt ist. die Frage nach meinem Amt als Christenmensch stellt sich: wer bin ich in der Nachfolge? Wie lebe ich das, was ich glaube?

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