Das andere Oben

Liebe Gemeinde,

mit Leuten von oben haben wir, so denke ich, unsere Schwierigkeiten. Es scheint ein Problem der Menschheit zu sein, dass Leute gibt, die eben oben sind und solche, die unten sind. Die oben haben was zu sagen und die unten können nichts machen. Wie oft hören wir das: da haben die da oben sich ja wieder was Tolles ausgedacht, die da oben erhöhen die Ökosteuer und erhöhen zugleich die Diäten, die da oben entscheiden, ob nach Zittau noch ein Zug fährt, die da oben verfügen über uns und wir werden regiert. Dabei ist es ganz gleich, ob der Oberste nun Kohl oder Schröder heißt oder Honecker hieß und selbst bei einem Kaiser Augustus war es sicher nicht anders. So richtig gut stehen wir mit denen jedenfalls nicht. Vielleicht ein paar Tage vor und nach der Wahl, da sind noch Hoffnungen, aber dann geht alles seinen Gang. Ganz selten, dass ein Volk mal aufbegehrt, wie zur sogenannten Wende oder in Revolutionen, aber sobald die neuen Oberen an der Macht sind, ist alles beim Alten. Wir sind eben halt von unten.

Und in diese Kerbe haut nun auch noch Jesus. Von dem wir doch manchmal gern sagen: der ist einer von uns, der steht an unserer Seite, der versteht uns wie kein anderer. Aber er selber macht den Schnitt – ich von oben – ihr von unten. Das könnte man schon falsch verstehen. Aber gleich im Nebensatz sieht es ganz anders aus. Ihr seid von dieser Welt und ich nicht. Und das macht den Unterschied. Denn alle unsere anderen Oberen sind ja letztlich auch aus dieser Welt. Sie machen Fehler, sie haben ihre Konflikte und Machtkämpfe, sind oben, weil sie das unbedingt wollten und dabei manchmal auch mit Charaktereigenschaften umgehen, die nicht unbedingt schätzenswert sind.

Das Oben von Jesus ist eine andere Welt. Eine Welt, in die wir zu unseren Lebzeiten nicht hineinkommen und auf die wir keinen Einfluss haben. Und da oben bin ich und da gehöre ich hin, sagt Jesus, und das ist Eure Chance. Denn diese Welt kommt euch durch mich nahe. Und auch hier ist ein feiner Unterschied. Wenn ein hoher Politiker sich mal an die Basis verirrt, dann will er uns zwar auch nahe sein und badet sich gern in der Menge, aber er ist umgeben von seinen Bodyguards und Ratgebern, da ist nicht viel zu erwarten. Das Abendessen nimmt er sowieso nicht bei uns ein. Zu DDR-Zeiten hatte das den Vorteil, dass wenigstens ein paar Häuserfronten renoviert wurden oder Schlaglöcher verschwanden. Aber das wars dann auch. (In Klammer: vielleicht ist es heute gar nicht so anders und wir könnten ganz fix mit Sondermitteln unser Kirchendach machen, wenn der Herr Schröder einen Gottesdienst mit uns feierte.). Bei Jesus ist das anders. Schön für uns.

Und nun kommt der Wermutstropfen. Ich gehe weg, sagt er. Und wenn ich gehe, werdet ihr mich suchen und werdet an eurem Leben ohne mich kaputt gehen. Ich werde nicht einfach zu sehen sein und ihr jubelt mir zu wie am Palmsonntag, ich werde nicht einfach vor euch hergehen und sagen: schau nur gut zu, dann weißt du, wo es lang geht. Ihr müsst euch kümmern und ihr seid für euer Leben verantwortlich. Das ist erst mal für die hart, die denken, so mit Jesus läuft das alles schon irgendwie. Glaube an ihn und der Rest kommt von selber. Aber so einfach ist es nicht. Denn die Leute damals haben ja eine Menge von ihm gewusst, haben es sich live abgucken können. Haben gesehen, was er getan hat und wie manches Leben heil wurde. Ja es schien sogar, der Himmel, also das Oben, wäre zeitweise auf die Erde gekommen. Menschen, die von ihrem kaputten Leben bedroht waren, wie ein Zöllner, ein Hauptmann, Hautkranke, die erlebten eine Lebenswende.

Und nun geht er weg. Wir wissen, wie er das meint. Der Karfreitag wird kommen. Das Ende dieses kurzen Erdenweges von drei Jahren. Aber beim Evangelisten Johannes scheint das gar nicht so tragisch. Da sagt doch Jesus: wenn ihr mich töten werdet, dann bringt ihr mich nach oben. Dann bin ich wieder ganz dort, wo ich hingehöre.

Und was wird aus uns – damals muss das bedrohlich gewesen sein. Was wird, wenn er weg ist? Und was wird aus uns – heute – wir haben diesen Weggang gar nicht erlebt, wir erleben nur, dass er nicht sichtbar und nicht greifbar ist.

Und damals wie heute bleibt nur eins. "Darum habe ich euch gesagt, dass ihr sterben werdet in euren Sünden; denn wenn ihr nicht glaubt, daß ich es bin, werdet ihr sterben in euren Sünden". Und ich dreh das mal um: Wenn ihr glaubt, dann werdet ihr leben. Wenn ihr glaubt, daß da vor 2000 Jahren einer über die Welt gegangen ist, der nicht der berühmte gute Mensch war und dem dann ein paar Fanatiker hinterher gelaufen sind, sondern wenn ihr glaubt, daß er es ganz sehr mit Gott zu tun hatte und einmalig dieses "mit Gott" sichtbar gemacht hat, wenn ihr das glaubt, dann seid ihr auf dem richtigen Weg. Und dabei heißt glauben natürlich nicht: naja, das wird schon so sein. Sondern glauben heißt, ich vertraue mich dem an. Auch dann, wenn es meine Gewohnheiten und Überzeugungen mal durchbricht. Auch dann, wenn ich nicht sofort sehe, was da gut sein soll für mich. Auch dann, wenn es Veränderungen bringt, die mir erst mal weh tun. Vielleicht ist die Fastenzeit, wo ich verzichte, dort, wo ich denke, ich kann es nicht, eine wichtige Übung. Letzte Woche sagte eine Jugendliche: auf Fleisch verzichten, um Gottes Willen, das kann ich nicht. Und sie hat aus Versehen das richtige Wort gesagt: um Gottes Willen. Ja, es geht ja wirklich darum, dem Willen Gottes wieder näher zu kommen. Es geht wirklich darum, unserer Bestimmung hier unten auf der Erde wieder näher zu kommen. Sünde heißt doch nichts anderes, als sich von dieser Bestimmung zu entfernen. Und da bietet sich Jesus an – haltet euch an mich, dann werdet ihr frei werden von eurem verkehrten Leben. Und dann werdet ihr Leben. Denn er kommt von oben, aus der Welt, die wir den Himmel nennen, und die wir gern als Kontrast nennen – es war schön, dann war es himmlisch, wie im Paradies. Ein Stück davon soll es hier geben, so viel jedenfalls, daß wir leben können.

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