Zeit für eine Zäsur

Vorbemerkung: Der Predigttext ist eingebunden in die Feier des letzten Passahmahles Jesu mit seinen Jüngern. Tischreden Jesu nennt die Theologie diesen Abschnitt. Vorangegangen war ein Streit der Jünger, wer denn nun der Größte unter ihnen sei. Jesus, denke ich, wird da eine Weile zugesehen haben, bevor er das Wort ergreift und seine Jünger noch einmal belehren muss. In diesem Abschnitt findet sich auch die bekannte Stelle, wo Jesu Petrus auf dem Kopf zusagt, dass er ihn in der Nacht der Gefangennahme gleich dreimal verleugnen werde. Aber zuvor sagt er ihm das, was ich eben gelesen habe. Und damit komme ich zur Sache. Es sind drei Sätze:

1. Die Anrede. Indem Jesus seinen Jünger, den er einmal Petrus = Fels genannt hatte bei seinem eigentlichen Namen nennt, stellt ihn wieder auf die Ebene der anderen Jünger. Petrus, der ja so etwas wie ein Wortführer unter der Jüngerschar war, wird wohl eine Weile gebraucht haben, bis er merkte, was das zu bedeuten hat, wenn sein Herr ihn vor allen andern wieder mit seinem eigentlichen Namen anspricht. Also, wenn mir das passiert wäre, wäre ich sehr verlegen geworden. Aber Jesus will seinen Felsenmann nicht niedermachen. Er will ihn nur herunterholen auf die Ebene des Bruders. Nur so kann er verstehen, was jetzt folgt:

„Der Satan hat begehrt, euch zu sieben, wie den Weizen“.

Im Buch Hiob aus der jüdischen Weisheitsliteratur finden wir dazu eine Parallele. Da wird erzählt, dass der Satan vor dem Thron Gottes steht und behauptet, dass er, Hiob, Gott sehr schnell vergessen werde, wenn es ihm nicht mehr gut geht und er seinen Besitz verliert.

Jesus redet ganz selbstverständlich von der Realität des Satans. Hinter Versuchungen steckt der teuflische Verführer. Simon Petrus soll das nicht vergessen. Das Sieben oder Sichten des Weizens dient dem Zweck, Schmutz und Fremdkörper zu entfernen. Also, der Versucher will nachweisen, dass die Ernte miserabel und kümmerlich war und nicht zur Weiterverarbeitung taugt. Im Klartext: Die Mühe, die Jesus sich mit seinen Jüngern gemacht hat, war umsonst. Möglich, dass Simon Petrus jetzt doch erschrickt. Doch Jesus schaut seinen Freund fest in die Augen und sagt dann sehr liebevoll – man kann das nicht anders sagen, als liebevoll – den zweiten Satz:

Ich aber habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre.

Jesus, der Seelsorger. Er sorgt sich um seine Jünger, die er aus der Hand seines Vaters entgegennahm, wie wir aus Johannesevangelium Kapitel 17 erfahren. Dort gibt Jesus die Jünger vor seinem Sterben seinem Vater zurück und tritt fürbittend für sie ein. Hier im Lukas-Text sagt er dem Simon, dass er die ganze Zeit für ihn persönlich gebetet hatte. Dessen Wankelmütigkeit und Verständnislosigkeit war wohl der Grund. Jesus bittet seinen Vater, dafür zu sorgen, dass der glimmende Docht nicht auslöscht. Simons Glaubensleben soll nicht verkümmert, sondern wachsen.

In dieser Situation erleben wir Jesus als einen, der es durchaus ertragen kann, dass er es nicht geschafft hat aus Simon einen starken Glaubensfelsen zu machen! Wir sehen hier einen menschlichen Jesus. Aber einen, der um die Wirkung des Gebets weiß. Nun kommt folgerichtig der dritte Satz:

Wenn du dich dereinst bekehrst, so stärke deine Brüder.

Jesus rechnet nicht mit einer möglichen Bekehrung seines Jüngers, er weiß, dass er sich bekehrt! Dereinst. Bis dahin wird noch einiges passieren, aber die Bekehrung wird kommen. Dann wird aus einem, der das große Wort führt, ein bescheidener Mensch. Aus einem der feige seinen Herrn verleugnet, wird ein starker Bekenner. Aus einem leicht Verführbaren einer der widersteht. Ein Ja wird ein Ja und ein Nein ein Nein sein. Dann wird er seine Brüder stärken können. Das wird sein Auftrag. Die Geschichte der ersten Christengemeinden zeigt, dass Simon Petrus diesen Auftrag ernst nahm. Von einer Bekehrung erfahren wir nichts. War vielleicht weniger spektakulär, als die eines Saulus. Der Akt einer Bekehrung gehört nicht an die Öffentlichkeit. Wohl aber sind die Folgen erkennbar.

Nun ist Zeit für eine Zäsur. Ich denke, dass einige von Ihnen denken, was ich da eben vorgetragen habe, war eine Bibelstunde. Ordentliche Christenmenschen schätzen Bibelstunden. In einen Text hineinlauschen, dem nachspüren, was zwischen den Zeilen steht, ist aufschlussreich und schafft den Durchblick. Aber eine Bibelstunde ist keine Predigt. Schließlich sucht der Gottesdienstbesucher Gnade, Hilfe, Lehre und Trost und Wegweisung für seine persönliche Situation. Es folgt also die Predigt und ich bleibe bei den drei Sätzen.

1. Jesus möchte auch Sie und mich wie einen Simon anreden. Mit dem Vornamen, wie er im Stammbuch oder im Taufbuch steht. Es tut gut, wenn wir uns das gefallen lassen. Wenn Menschen sich duzen, entsteht eine Vertrautheit, die eine Beziehung lebendig und offen machen kann. Sie kann aber auch eine wünschenswerte Distanz zunichte machen, die oft einfach sinnvoller ist.

Jesu Beziehung zu mir liegt dazwischen. Er ist ja nicht leiblich da. Wenn er mich nun anspricht, spricht er mich nur über das Wort an, das in der Bibel festgehalten ist. Vertraut und distanziert zugleich spricht er mit mir. So kann ich die Warnung an Simon als eine Warnung an mich verstehen. Und weil Jesus zwar Simon anspricht, aber auch mit dem „euch“ die ganze Jüngerschar meint, höre ich nun den ersten Satz, den Jesus an Petrus richtet, so: Die Gemeinde tut gut daran, damit zu rechnen, dass der Satan unentwegt begehrlich auf sie schielt und rüttelt und siebt, um Gott beweisen zu können, dass der Schein trügt. Nicht alles ist feiner Weizen!

(2) So gilt das zweite Wort wohl auch der Gemeinde. War auch die Jahreslosung 2005. Unser Herr sagt dann so: „Ich bete für euch, dass euer Glaube nicht aufhört“. (Im bereits erwähnten 17. Kapitel des Joh spricht Jesus von Menschen, die sein Vater ihm gegeben habe. Nicht speziell von den Zwölfen!) Der Glaube ist, wie Jesus gern gezeigt hat, mit einem bestellten Acker zu vergleichen. Die Saat – es sind einzelne, zusammen aber viele Körner! – keimt, wächst und bringt Frucht. Ich halte die Vorstellung nicht für vermessen, dass jetzt in diesem Gottesdienst unser Herr achtsam herschaut und die Gemeinde fürbittend vor seinen Vater trägt. Wir bekennen ihn doch als den Mittler zwischen Gott und Mensch. Und das schon erwähnte Gebet Jesu im Kap. 17 des Joh zeigt, wie einfühlsam Jesus für uns bittet: „Ich bitte dich nicht, dass du sie aus der Welt nimmst, sondern dass du sie bewahrst vor dem Bösen und weiter: Ich bitte auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden“.

(3) Und damit zum letzten Satz: Übertragen auf uns heißt das Ankündigung einer Erweckung und die Erteilung eines Auftrages! „Wenn du dich einst bekehrst“ In den oberen Rängen der Kirche Jesu Christi hat eine Rückbesinnung auf die Wurzeln des Glaubens eingesetzt. Aber der Gegner der Kirche ist heute nicht mehr ein Atheismus, der Gott verbissen leugnet. Gegner heute sind Unwissenheit und Gleichgültigkeit. Die mangelnde christliche Bildung hat kürzlich der Münchner Theologieprofessor Gunter Wenz beklagt. Sie sei schuld an der Glaubensschwäche vieler Christen. Dazu gehört auch der Verlust der ethischen und moralischen Werte, die viel zu lange auch von der Kirche geringgeschätzt wurden, obwohl sie auf den 10 Geboten beruhen. Ich habe die Zeit noch erlebt, wo Moralpredigten verächtlich kritisiert wurden. Wohin das geführt hat, berichtet süffisant die Zeitung täglich.

Die Thematik dieses Umdenkens ist in den Medien, in Büchern zu lesen. Nicht nur in der EKD, auch in Politik und Wirtschaft beginnt man umzudenken und umzukehren. Ich meine jetzt nicht die Verringerung des CO-2-Austoßes bei Verbrennungsmotoren. Es geht um ein geistiges Umdenken. Für die Kirche, für jede Gemeinde bedeutet das, aufmerksam auf die Menschen zu achten, die suchend nach Alternativen Ausschau halten. Bereit sein, den Glauben an den dreieinigen Gott zu bezeugen. Denen, die nach Gott fragen, helfen, ihn zu finden, und denen, die sich zu verirren drohen, zeigen, wo Weg, Wahrheit und Leben zu entdecken sind. Stärke deine Brüder. Das ist Bekenntnis und Auftrag zugleich. Hier und jetzt und überall auf der Welt.

Von einem Mitarbeiter einer Bibelgesellschaft in Simbabwe wird berichtet, dass er einmal einem Mann ein Neues Testament schenkte. Der Mann nahm es, sagte aber herausfordern: Ich werde die Seiten herausreißen und Zigaretten daraus drehen. Der Mann von der Bibelgesellschaft sagte, „das können Sie meinetwegen tun. Aber versprechen sie mir, dass sie die Seite erst lesen, bevor sie sie rauchen“.

Jahre später nahm der Bibelmissionar an einem Kongress seiner Bibelgesellschaft teil. Bei einem der Vorträge geschah es. Der Redner erkannte den Bibelmissionar wieder. Da wandte er sich an die Zuhörer zeigte mit der Hand auf ihn und sagte: „Dieser Mann hat mir vor 15 Jahren ein Neues Testament geschenkt, obwohl ich ihm drohte, es als Zigarettenpapier zu benutzen. Ich rauchte Matthäus, ich rauchte Markus, ich rauchte Lukas. Aber als ich begann Johannes zu rauchen, stieß ich im 3. Kapitel auf den Vers 16: „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben“. Von diesem Moment an hat mein Leben eine Veränderung erfahren“.

Er hatte gesucht und er hatte gefunden. Dass nun aber niemand denkt, man müsse dazu erst ein Neues Testament verrauchen.

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