Jesus hält an uns fest

Liebe Gemeinde!

Den zweiten Teil des Predigttextes können wir wohl alle auf Anhieb verstehen. Petrus nimmt den Mund zu voll und Jesus holt ihn zurück von seinem Höhenflug. Der von sich selbst überzeugte Petrus behauptet, dass er mit Jesus ins Gefängnis gehen würde. Doch damit nicht genug, er setzt noch eines oben drauf. „Wenn es sein soll, werde ich mit dir auch in den Tod gehen.“ So der selbstsichere Petrus, er verspricht ganz heroisch und von sich selbst eingenommen Treue bis in den Tod.

Auf dieses Treueversprechen des Petrus reagiert Jesus überhaupt nicht begeistert. – Kein: „Bravo, das habe ich von dir erwartet.“ und auch keine aufmunternden Worte wie: „Ein guter Vorsatz, doch du wirst sehen Petrus, es wird nicht leicht werden.“ Nein, keine Szene wie in einem klassischen Western, in der die Helden sich gegenseitige Treue und totalen Einsatz für die gute Sache schwören und dann gemeinsam der Gefahr ins Auge sehen. Jesus ist weit davon entfernt, Petrus in seiner Selbsteinschätzung zu bestärken.

Im Gegenteil!

Jesus spricht deutlich aus, dass Petrus kläglich versagen wird. Er aber sprach: „Petrus, ich sage dir: Der Hahn wird heute nicht krähen, ehe du dreimal geleugnet hast, dass du mich kennst“ Das Versagen sagt Jesus ihm voraus und obwohl Petrus jetzt gewarnt ist, kann er nicht verhindern, was auf ihn zukommt. Der Fortgang der Passionsgeschichte zeigt es. Als Jesus am ersten Karfreitag verhaftet worden war und die Verhandlung gegen ihn im Hause des Obersten Priesters abgehalten wurde, da wurde wahr, was hier vorausgesagt wird. Petrus wartete im Vorhof des Hauses, in das die Tempelwächter Jesus gebracht hatten. Es kommt, wie es kommen muss, vorbeigehende Menschen erkennen Petrus und in ihm erkennen sie einen von denen, die mit Jesus durch das Land gewandert sind. Petrus wehrt sich mit Händen und Füßen gegen diese üble Nachrede. „Wie kann ich denn einer seiner Nachfolger sein, wo ich ihn doch gar nicht kenne.“ Mit solch starken Worten wird Petrus sich von Jesus lossagen. Mit solch starken Worten unterstreicht er seine Schwäche.

Bindungen, Verbindungen, die unangenehm werden können, werden gelöst und geleugnet. Dieses Leugnen von Verbindungen ist in unserer politischen Landschaft regelrecht zum Volksvertretersport geworden. Doch es geht in dem Predigttext ja nicht um all die Wendehälse, gleich welcher politischen Richtung. Es geht hier auch nicht um die altbekannte Geschichte, dass einer den Mund zu voll nimmt und dann, wenn es darauf ankommt, kläglich versagt. In dem Gespräch, zwischen Jesus und Petrus geht es um mehr als das bloße Versagen eines Menschen. Jesus deckt sozusagen die Ursache dieses Versagens auf. „Simon, Simon, siehe, der Satan hat begehrt euch zu sieben wie Weizen.“

Jesus benennt als Ursache des Versagens das Begehren des Satans, was für Petrus die Versuchung durch den Satan sein wird. Ja spätestens jetzt ist für viele von Ihnen, von Euch, der Zeitpunkt gekommen, an dem Sie nicht mehr mitkönnen. Dass einer große Worte macht und dann, wenn es darauf ankommt, versagt, das kennen wir. Doch was sollen wir mit dem Satan anfangen? Den Satan oder auch den Teufel haben wir doch längst schon abgeschrieben. Den Satan rechnen wir dem finsteren Mittelalter zu. In der Zeit, als man noch an Hexen glaubte, als man noch Frauen der Hexerei beschuldigte

und auf dem Scheiterhaufen verbrannte, in dieser finsteren Zeit glaubten die Menschen noch an den Satan. Das Kapitel ist für uns abgeschlossen, wir leben ja im 21. Jahrhundert.

Das Kapitel „Satan“ ist wohl doch noch nicht so abgeschlossen, wie wir gedacht haben. Es gibt sie ja wieder, die Satansmessen. Nicht wenige junge Menschen begeistern sich für alles, was irgendwie magisch ist, das Übersinnliche hat wieder Konjunktur. Die Menschen fragen heute wieder mehr nach Übersinnlichem, sie fragen nach den Mächten, die sich jenseits unserer rationalen Wahrnehmung sind. Sie fragen, weil deutlich geworden ist, es gibt sehr viel mehr, als wir mit unserem Verstand erklären können. Die Fragen sind wieder da, doch suchen die Menschen heute ihre Antworten bei allen möglichen.

Antwort auf die Frage nach übernatürlichen Kräften suchen die Menschen im Horoskop, bei auf westlich getrimmten indischen Religionen, die man zum Glück noch weniger versteht als das Christentum. Antworten werden gesucht bei allen die übersinnliche Erleuchtung versprechen, nur nicht in der Kirche. Vielleicht, weil wir uns in der Kirche angewöhnt haben, nur noch von dem zu reden, was alle nachvollziehen können. Vom Satan wird bei uns in der Kirche in der Tat sehr selten gesprochen.

– Ich habe auch meine Schwierigkeiten mit dem Text gehabt und habe diese Schwierigkeiten noch nicht ganz überwunden. – In mir verspüre ich ein leichtes Unbehagen, wenn ich über den Satan reden soll. Das klingt so wenig vernünftig, der Satan als Versucher. Außerdem will ich ja nicht Angst machen. Ich will nicht drohen mit dem bösen Teufel, der umhergeht und danach Ausschau hält wen er verschlingen kann. Und doch sehe ich auch, oder beginne ich doch zu erkennen, den Satan leugnen kann ich eigentlich nicht. Warum fällt es mir soviel leichter über Gott zu reden, als über den Satan?

Es könnte ja damit zusammenhängen, dass wir all das, was mit dem Versucher zusammenhängt abgestreift haben. Natürlich wir formulieren jedes Mal im Vaterunser die Bitte: Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Doch das wir in Versuchung geraten könnten, ist eigentlich nicht mehr in unserem Bewusstsein. Wer sollte denn was mit uns versuchen. Das Wort Versuchen kennen wir eigentlich nur noch in dem Sinne von Ausprobieren. Das irgendjemand uns in Versuchung führen könnte, ist uns eigentlich nicht bewusst. In der Bibel wird der Versucher als Satan, also als Teufel, bezeichnet. So auch in der heutigen Evangeliumslesung. Zwischen Satan und Gott besteht ein tiefer Abgrund, es ist der Abgrund zwischen Leben und Tod. Ich kann in mir die Kraft Gottes spüren und ich kann in mir diesen Abgrund spüren. Es ist die Zerrissenheit meiner selbst.

So bin auch ich oft wie Petrus groß mit dem Wort und kläglich bei der Tat. Zerrissen in mir selbst, das erlebe ich gar nicht so selten. Auf verschiedenen Art und Weise erlebe ich und wohl nicht nur ich, diese Zerrissenheit. Ich fühle mich zerrissen, weil ich einerseits die Menschen liebe und freundlich auf meine Mitmenschen zugehen möchte und dann doch wieder zum rechthaberischen und mitunter rücksichtslosen Autofahrer werde. Zerrissen, weil ich weiß, der Nachbar hat es nötig sich auszusprechen und dennoch geht mir sein Reden auf die Nerven. Zerrissen, weil ich natürlich meinen Mitmenschen Erfolg wünsche und doch sollen sie nicht erfolgreicher sein als ich. Zerrissen weil ich einerseits ehrlich eine Leistung erbringen will und doch aus Angst vor einer schlechten Zensur wieder versuche abzuschreiben. Ich bin einfach hin und her gerissen und so zerreißt es mich geradezu.

Diese Trennung, diesen Riss, der durch mich durch geht, und wohl nicht nur durch mich, nennt die Bibel Sünde. Es ist die Trennung von meiner eigentlichen Bestimmung und die Trennung von Gott. Die Sünde zerreißt mich, sie trennt mich von Gott, meinen Mitmenschen und von mir selbst. All die zerstörerische Energie kann ich in mir spüren und immer wieder bin ich versucht diesem Drängen nachzugeben. Ich denke es ist wichtig, dass wir nicht vor dieser zerstörerischen Kraft, unsere Augen verschließen. Die Kraft Gottes schafft Leben, die Kraft, die zerstört ist gegen das Leben und gegen Gott gerichtet. Wir werden ihr dennoch erliegen, so wie Petrus.

Doch wenn wir um die Kraft der Versuchung wissen, dann dürfen wir auch auf die Überwindung der Trennung hoffen. Petrus hat Jesus dreimal verraten und doch war dieser Versager der Grundpfeiler auf der Jesus seine Kirche aufgebaut hat. Jesus hat an Petrus festgehalten. Er hält auch an uns fest. Er heilt die Trennung, die mich zu zerreißen droht. Diese Heilung ist uns geschenkt. Für dieses heilende und stärkende Geschenk ist das Abendmahl ein Zeichen, ja mehr als ein Zeichen, es ist die zeichenhafte Vorwegnahme dieser unserer Heilung. Und gleichzeitig stärkt uns dieses gemeinsame Mahl für unser alltägliches Leben, damit wir dem Zerstörerischen nicht schutzlos ausgeliefert sind. Darauf dürfen wir vertrauen.

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