Kraft und Mut zum Sehen

Liebe Gemeinde, alles, was uns fremd ist, das verstehen wir nicht. Solange wir von unserer Nachbarin oder unserem Nachbarn nichts wissen, sind sie für uns Fremde.

Und wenn diese sogar noch eine fremde Sprache sprechen, die wir nicht verstehen und wenn das äußere Erscheinungsbild unserer nächsten Nachbarn nicht in unsere Vorstellungen passt, ja dann, dann ist er oder sie für uns fremd.

Solche fremden Menschen jagen uns Furcht ein, und je fremder sie aussehen, umso mehr fürchten wir uns vor ihnen. Daran hat sich, seit dem wir Menschen existieren, nichts geändert. Nein, liebe Gemeinde, geändert hat sich daran nichts. Oder vielleicht doch?

Kann es vielleicht sein, dass wir fremden Menschen näher kommen können, wenn wir uns über sie informiert haben und wir dann in der Lage sind, unsere Fremden zu verstehen?

Vielleicht haben wir ja doch an der einen oder anderen Stelle etwas dazugelernt. Doch erledigt sind unsere Bedenken gegen die Fremdheit damit nicht.

Wie Jesus mit einem Fremden, der sogar blind war und am Straßenrand saß und bettelte, umgegangen ist, das erfahren wir in unserem heutigem Predigttext.

[TEXT]

Auf den ersten Blick, so scheint es, haben wir es heute mit zwei Texten zu tun, die unabhängig voneinander und auf ganz unterschiedliche Weise betrachtet werden können.

Jesus ist von seinem Leiden nicht überrascht worden. Es hat ihn nicht plötzlich und unerwartet überfallen wie ein Schicksalsschlag.

Er hat es vorausgesehen. Jesus weist uns darauf hin, dass er seinen Leidensweg sehenden Auges angetreten hat und sich dessen bewusst war, was ihm bevorstand. Dass der Gang nach Jerusalem für ihn ein Weg in die Höhle des Löwen werden würde, dass ahnte Jesus nicht nur, nein, er wusste es.

Er wusste es, weil er das Alte Testament kannte, das im Blick auf den kommenden Messias nicht von einem rauschenden Empfang und vom Beifall der Massen, sondern von Ablehnung und handgreiflichem Hass gesprochen hat.

Jesus hat denen, die zu ihm gehören, verheißen, dass ihr Weg unlöslich mit dem Wege Jesu durch sein Leiden zur Herrlichkeit verknüpft ist. Hört zu, wir gehen nach Jerusalem. Das heißt doch, liebe Gemeinde, aus den tiefsten Tiefen unserer menschlichen Existenz dorthin zu gehen, wo Gott sein Rettungswerk vollendet.

Am Anfang begreift niemand, warum Jesu diesen Weg nehmen will und nehmen muss und am Ende, ja am Ende, da loben alle Gott.

Am Anfang steht die ganze Heftigkeit der Tradition und am Ende die Heilung eines Blinden. Am Anfang steht das Kreuz und am Ende der Glaube. Öffnet uns dieser Weg die Augen?

Wundert uns das, dass die Jünger das nicht verstehen? Ja, verstehen wir es denn? Kann das überhaupt jemand von uns begreifen? Da geht einer, der leben dürfte, der die Herrlichkeit der Schöpfung kennt, wie kein anderer, ans Kreuz?

Die Blindheit, die hier doppelt und dreifach dargestellt wird, sie erfasst uns Menschen ganz. Die Jünger, sie verstanden kein Wort. Was Jesus sagte, blieb ihnen verborgen; sie wussten nicht, wovon er sprach. Sie waren blind.

Liebe Gemeinde, sind wir nicht auch wie die Jünger Jesu, die nicht alles verstehen und doch einfach treu mit Jesus gehen? Sind nicht auch wir blind?

Es kann aber auch so sein, dass manche von uns sich in diesem fremden, blinden Bettler wieder finden, der zuerst nur von Jesus hört und dann das Schreien anfängt.

Der fremde Blinde, der abseits am Wege sitzt, er ergreift seine Möglichkeit, als er hört, wer da kommt. Die einen gehen mit und sehen, begreifen nichts und der andere, der fremd ist und nicht sehen kann und fragen muss, wer da ist, ihm bleibt es nicht verborgen, wer ihm helfen kann.

Da geht einer seinen Weg die Welt zu retten und ein Bettler, der ein Fremder ist, der schreit. Er schreit, weil er ahnt, dass er eine Chance hat. Ja, das ist die Möglichkeit für mich, denn der, der da vorbei geht, den muss ich anhalten.

Vielleicht kann er mir helfen. Vielleicht muss ich doch nicht bis an mein Lebensende im Dunkeln bleiben. Vielleicht muss ich doch nicht sterben, ohne das Licht der Welt nie gesehen zu haben.

Jesus, liebe Gemeinde, hört das Schreien dieses Menschen. Er hört es, obwohl die Jünger ihn drängten weiter zu gehen. Jesus hört es, obwohl er auf diesem schweren Weg war. Ja, er hört das Schreien eines einzelnen Menschen, obwohl er doch auf dem Weg zur Rettung der ganzen Welt ist.

Jesus lässt den Grund für die Heilung und für das geschehene Wunder nicht bei sich, sondern er verweist auf Gott und auf die Beziehung des Geheilten, die er zu Gott hat. Die Heilung und das Heil, sie erfolgen im Glauben.

Seine eigene Macht, die demonstriert Jesus hier nicht. Er zeigt die liebevolle Macht Gottes. Jesu Vertrauen in Gott ist grenzenlos. Im Vertrauen zu Gott geht Jesus seinen Weg mit den Jüngern und später ohne sie.

Ja, in diesem Vertrauen in Gott heilt Jesus die Gebrechen seiner Nächsten. Darin zeigt sich Jesu Herrlichkeit und Größe, dass er seinen Nächsten Leiden abnimmt und selbst Leiden annimmt.

Jesus nimmt an, was Gott ihm auferlegt hat. Jesus stellt Gottes Willen, der bereits bei den Propheten vorgezeichnet ist, nicht infrage. Sein Vertrauen in Gott ist grenzenlos.

Der Bettler, fremd und blind, er wird zum Jünger durch das Vertrauen. Er vertraut auf die Barmherzigkeit Gottes. Zu dem blinden Bettler ist Jesus damals hingegangen. Der Bettler, er musste nur schreien und Jesus hat gehört. Der Bettler, er war nicht zu gering, dass Jesus nicht gefragt hätte: „Was soll ich für dich tun?“

Diesen Mut, liebe Gemeinde, den wünsche ich mir von uns allen, zu Jesus zu rufen, wenn er das nächste Mal bei uns vorbeigeht. Das kann morgen oder übermorgen sein. Das kann in einer Woche sein. Es kann aber auch jetzt hier in diesem Gottesdienst sein.

Die Kraft und den Mut zum Sehen, die schenkt uns Jesus. Und wenn wir von ihm sehend gemacht worden sind, dann werden auch wir in die Liebe und die Barmherzigkeit Gottes mit hinein genommen.

Und wenn wir auf die Barmherzigkeit und die Liebe Gottes vertrauen, liebe Gemeinde, dann löst sich auch unser Blick aus dem Bann von Vorurteilen gegenüber unseren nächsten fremden Mitmenschen.

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