Wie Blinde sehend werden

„Wie kann man nur so blind sein?“ Wer kennt diese Frage nicht. Oft ist sie keine Frage, sondern ein Vorwurf. Ein Vorwurf, den man sich selber oder einem anderen macht oder den man selbst zu hören bekommt. Man sieht den berühmten Wald vor lauter bäumen nicht. Man übersieht das Naheliegende.

„Wie könnt ihr nur so blind sein?“ Das mag auch Jesus von seinen Jüngern gedacht haben. Er hat ihnen angekündigt, was mit ihm geschehen wird: „Hört zu! Wir gehen nach Jerusalem. Dort wird alles in Erfüllung gehen, was die Propheten über den Menschensohn geschrieben haben: Er wird den Fremden ausgeliefert werden, die Gott nicht kennen. Er wird verspottet und beleidigt und angespuckt werden. Sie werden ihn auspeitschen und töten“.

Doch die Zwölf verstanden kein Wort. Was Jesus sagte, blieb ihnen verborgen; sie wussten nicht, wovon er sprach. Jesus hatte ihnen erzählt, dass Gottes Reich nahe ist. Sie hatten miterlebt, wie Menschen durch Jesu Nähe geheilt worden sind von ihren Krankheiten. Sie waren fest überzeugt, dass noch weit größere Dinge bevorstanden: Der Beginn der neuen Welt Gottes, in der es gerecht und friedlich unter den Menschen zugeht. Wie sollten sie diese Erwartung zusammenbringen mit der Ankündigung von Leid und Tod? Das passte einfach nicht zusammen.

Es passt auch nicht in die Zeit, in der wir uns gerade befinden. Alle Welt will fröhlich sein. Die Fernsehprogramme sind voll mit Karnevalssendungen. Da werden Witze erzählt ohne Ende, es wird geschunkelt und gelacht. Heute Nachmittag kommt in Serm der Zug. Viele sind jetzt schon dabei, sich karnevalistisch zu verkleiden und vielleicht auch schon ein bisschen warm zu trinken. Der Hinweis auf Leid, Unrecht und Schmerz in der Welt ist da völlig fehl am Platze.

Dieser Hinweis passt eigentlich nie. Die Jünger haben damals von Jesus erwartet, dass mit ihm das Reich Gottes beginnt. Statt dessen spricht er von Leid und Tod. Auch heute erwarten viele Menschen von Gott, dass er die Welt gerechter und friedlicher macht. Statt dessen stößt er uns immer wieder auf den Unfrieden, den wir Menschen schaffen, auf die ungerechten Zustände, die in der Welt herrschen.

Solche Anstöße sind in diesen Tagen an manchen Plakatwänden zu sehen. Vielleicht ist einigen hier eine solche Wand schon aufgefallen: Mit diesen Plakaten wirbt zur Zeit die Kindernothilfe. Scholz&Friends, eine der größten Werbeagenturen Europas, hat die Kampagne für die Kindernothilfe entworfen und finanziert die Kampagne weitgehend selbst im Rahmen einer Wohltätigkeitsaktion. Auf jedem Plakat steht nur ein Satz, große weiße Buchstaben auf blauem Hintergrund. Kein Bild lockt den Blick an, hier wird man angesprochen: „Moment bitte, Verzeihung, Entschuldigung“. Dann folgt ein Satz, der Anstoß erregt, der provoziert. Das soll er auch. „Sie haben sich mit Schulbüchern eingecremt“. Man denkt: ´Wie bitte? Was soll das denn?` Etwas kleiner liest man dann unten mit blauer Schrift auf weißem Hintergrund: „Pflegeprodukte kaufen oder Zukunft schenken“.

Eine dreifache Botschaft enthalten diese Plakate. Zum einen weisen sie hin auf die Not vieler Kinder in der Welt: Die haben keine Schule und keine Schulbücher, der Weg zum frischen Wasser, zum nächsten Brunnen ist Kilometer weit, gesundheitliche Fürsorge kaum vorhanden. Zum anderen weisen die Plakate darauf hin, dass wir die Not der Menschen in den armen Ländern der Welt mit zu verantworten haben. Es ist eine altbekannte Tatsache, vor der wir gern die Augen verschließen: Wir in den reichen Ländern der nördlichen Erdhalbkugel leben auf Kosten der Menschen in den Armenländern der Erde. Weil wir hier einen so riesigen Überfluss haben, leiden anderswo die Menschen einen entsetzlichen Mangel.

Die dritte Botschaft der Kampagne lautet: Jeder kann etwas dran ändern. „Pflegeprodukte kaufen, Sparschwein füllen, Schmuck kaufen – oder Zukunft schenken.“ Mit 31 Euro im Monat kann man einem Kind in Afrika, Asien oder Lateinamerika bezahlen, was es zum Leben braucht: Nahrung, Schule, Ausbildung, Gesundheit und sauberes Trinkwasser. Hätten Sie das gedacht?, fragt die Kindernothilfe und bittet darum, die Patenschaft für ein Kind zu übernehmen.

Wie diese Werbekampagne, so macht es auch Gott selbst. Er holt die Leidenden heraus aus dem Dunkel, in dem man sie nicht sieht, und stellt sie ins Licht. Denn er will, dass Leid überwunden wird, dass Menschen sicher und in Frieden leben. Der erste Schritt dazu ist, dass Leid wahrgenommen wird. Jesus selbst weist die Jünger auf sein eigenes Leid hin. Doch sie verstehen nichts. Sie sehen nicht, was sie nicht sehen wollen. Sie sind blind für das, was Jesus ihnen zeigt.

Wie kann man nur so blind sein? „Es begab sich aber, als er in die Nähe von Jericho kam, dass ein Blinder am Wege saß und bettelte. Er hörte die Menschen vorbeigehen und fragte, was da los sei. Da sagte man ihm, dass Jesus aus Nazareth vorbeikomme. Da rief er laut: „Jesus, Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!“

Da ist einer blind. Und der bittet um Heilung. Der Evangelist Lukas hat diese Geschichte sicher mit Bedacht an die andere angehängt, in der Jesus seinen Leidensweg ankündigt. Der blinde Bettler, der Jesus gar nicht vom eigenen Ansehen her kennt, steht im Kontrast zu den Jüngern, die tagtäglich mit ihm zu tun haben. Doch die Jünger sind blind, denn sie verstehen Jesus nicht. Und der Blinde ist sehend, denn er erkennt in Jesus den, der ihm helfen kann.

Auch Jesus selbst erscheint wie verwandelt. Gerade noch zeigt er sich selbst als jemand, der den Gewalttaten anderer ausgeliefert ist. „Er wird verspottet, misshandelt, angespuckt, gefoltert und schließlich getötet.“ So spricht Jesus von sich selbst in der dritten Person. Ohnmächtig ist er gegenüber den Mächtigen, gegen ihre Beschlüsse kann er nichts machen.

Aber er hat eine andere Seite, eine kraftvolle. Auf die spricht der blinde Bettler ihn an: „Du Sohn Davids, erbarme dich meiner.“ „Sohn Davids“ – schon aus dieser Anrede spricht ein großes Vertrauen, das der Bettler in diesen Jesus setzte. David war ein großer König, der größte, den Israel je hervorgebracht hat. Von seinem Sohn erwartete man sich ähnlich große Taten. Es hatte sich herumgesprochen, dass Jesus die Fähigkeit besaß, Gottes Kraft weiterzugeben. Dafür war er weit und breit bekannt. Diese Kraft will der Blinde für sich in Anspruch nehmen. Doch die Leute, die Jesus vorausgingen, fuhren ihn an, er solle still sein.

Ich sehe hier eine Parallele zu dem Verhalten der Jünger. Die Jünger verstanden Jesus nicht, als er von seinem bevorstehenden Leidensweg sprach. Solches Unverständnis drückt sich häufig aus in Sätzen, wie: „Hör auf damit. – Sag nicht so was. – Du doch nicht. – Niemals wirst du sterben. – So was darfst du nicht denken, du muss positiv denken.“ Wir kennen solche Sätze, die das Leid wegreden wollen, die sagen, dass nicht sein kann, was nicht sein darf.

Mit solchen Sätzen versuchen die Leute, die mit Jesus unterwegs sind, auch den Blinden ruhigzustellen. Diese Leute wollen das Leid ebenso wenig sehen wie die Jünger.

Wie schwer das auch uns heute fällt, sieht man an den Plakatwänden, auf denen die Kindernothilfe wirbt. Ich habe hier in der Umgebung einige gesehen, wo Teile heruntergerissen sind. Man will diese anstößige, unbequeme Botschaft nicht sehen und hören.

Aber der Blinde schrie nur noch lauter: „Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!“ So ist es mit allem Leid, das auf der Erde geschieht. Auch wenn sehr viele Menschen im Verborgenen leiden und sterben, bleibt dies doch nicht ganz verborgen. Jedes Leid ist eine Wunde am gesamten Organismus der Menschheit. Eine schmerzende Wunde, die nach Linderung und Heilung schreit. Dafür sorgt Gott selbst, dass Leid wahrgenommen und gelindert wird. Jesus hat dies unter Beweis gestellt. Er blieb stehen und ließ den Blinden zu sich führen. Die Jünger bat er, sein Leid wahrzunehmen. Er selber stellte sich dem Leid anderer Menschen. „Was willst du, dass ich für dich tun soll?“, fragte er den Blinden. Eine sehr bemerkenswerte Frage.

Denn oft ist es so, wenn Menschen von dem Leid eines anderen hören, dass sie gleich einen guten Rat zur Hand haben. „Ich würde…“ „Da müsste man…“ So oder ähnlich fängt ein gut gemeinter Rat an, mit dem man das Problem schnell beseitigen möchte. Das Bemerkenswerte an Jesus ist: Er will nicht für den Kranken dessen Problem lösen. Er tut nicht so, als wenn er schon wüsste, was gut für den anderen ist. Sondern er geht partnerschaftlich mit dem Kranken um und belässt ihm die Verantwortung für das, was geschehen soll. „Was willst du, dass ich für dich tun soll?“ Damit gibt er seinen Jüngern einen Hinweis, was sie ihn hätten fragen können, statt verständnislos den Kopf zu schütteln. „Was willst du, dass wir für dich tun sollen?“ Von einer Frau erzählen die Evangelisten, die hat das gespürt. Sie ist gekommen und hat Jesus zärtlich berührt, hat ihn gesalbt und damit im Voraus seine Schmerzen gelindert.

„Was willst du, dass ich für dich tun soll?“ Mit dieser Frage öffnet Jesus seine Augen weit für den, der bei ihm Hilfe sucht. Der sagt, was er sich wünscht: „Herr, dass ich sehen kann.“ Diese Antwort zeigt, dass der Mann noch Hoffnung hat. Eigentlich hat er wenig Grund dazu. Wer einmal blind geworden ist, kann in der Regel nicht mehr sehend werden. Er aber hat trotzdem Hoffnung. Und er hat Vertrauen. Er hat Vertrauen in die Fähigkeit Jesu, Gottes Kraft weiterzugeben. Dieses Vertrauen ist Voraussetzung für die Heilung. Jesus sagt: „Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen.“ Beides, Vertrauen und Hoffnung, gehören zusammen. Weil der Mann großes Vertrauen in die heilende Kraft Gottes hatte, die Jesus verkörperte, darum konnte er hoffen. Und weil er Hoffnung hatte, darum konnte er eine Änderung seiner Lage erwarten. Beides zusammen, sein Vertrauen und die daraus entspringende Hoffnung, haben ihm geholfen. Er wurde sehend. Und dies bedeutete für ihn zweierlei: Er folgte Jesus nach und er pries Gott. Daran ist ein heil gewordener Mensch zu erkennen, dass er Gott loben kann. Geheilte fangen an zu singen, sie richten sich auf, sie sehen, was im Vertrauen auf die Kraft Gottes möglich ist und sie fangen an, selber im Vertrauen auf diese Kraft anderen Menschen zu helfen.

Menschen, die Jesus nachfolgen, waren es, die die Kindernothilfe vor fast fünfzig Jahren gegründet haben. Sie haben den Hilferuf von Kindern aus den Armenländern gehört: Wir wollen zu essen und sauberes Wasser zu trinken haben, eine Schulbildung, mit der wir uns auf unsere eigenen Füße stellen können, ausreichende Gesundheitsfürsorge. Bis heute sind es Christenmenschen, die sich in der Kindernothilfe dafür einsetzen, dass einzelnen Kindern geholfen wird und dass insgesamt gerechtere Verhältnisse hergestellt werden, damit weltweit weniger Kinder Not leiden.

Die Geschichte des Lukas erzählt, dass Heilung den Weg in die Nachfolge eröffnet. Das haben die Jünger damals nach Jesu Tod verstanden. Im Nachhinein haben sie sich vielleicht gefragt: Wie konnten wir damals nur so blind sein? Der Auferstandene selbst hat ihnen die Augen geöffnet. Sie haben angefangen, mit den Augen Jesu andere Menschen zu sehen, ihr Leid wahrzunehmen und im Vertrauen auf die Kraft Gottes zu helfen, wo und wie sie konnten.

Jesus selbst hat nichts Übermenschliches getan. Das erwartet er auch nicht von seinen Nachfolgern. Er erwartet schon, dass diese Gott loben, im Vertrauen auf Gottes Kraft hoffnungsvoll in die Zukunft blicken und solches Vertrauen, solche Hoffnung weitergeben.

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