Mit Jesus sehen lernen

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

„viele Wege gibt es auf dieser Welt, doch einen nur können wir gehen! Und die Frage, die sich mir dadurch stellt, ist welchen Weg ich nehm? Soll ich den Weg gehen, der mir gefällt? Such ich einen, der recht bequem? Doch nicht, was ich wünsche und denke zählt, wie er führt, will ich gehen!“

Ein Lied, das ich früher oft gesungen habe – als wir noch „Junge Gemeinde“ waren. Es ist ja eine Frage mitten aus dem Leben, vor der wir immer wieder stehen und vor der uns auch kein Alter schützt. Welchen Weg sollen wir gehen? Ich kann mich für den falschen entscheiden, in eine Sackgasse geraten, auf Abwege kommen, ich kann den bequemen Weg nehmen und Schwierigkeiten und Herausforderungen aus dem Weg gehen.

Und selten nur sehe ich das Ziel.

Ich weiß heute nicht, wohin mein Weg mich letzten Endes führt. Und ich weiß, dass uns diese Offenheit des Weges auch ein Stück weit schützt. Kann ich denn meinen Weg gehen, wenn ich um die Schwere, um die Nöte und um die Gefahren auf diesem Weg weiß?

Wer wirklich einen Blick in seine Zukunft werfen will, muss doch sicher sein, dass er klarkommt mit dem, was er da sieht. Nein, es ist gut, dass ich meinen Weg gehe, auch wenn ich den Weg vor

mir nicht überblicke.

Das erstaunlichste an der Geschichte, die Lukas uns erzählt, ist, dass Jesus seinen Weg vor sich sieht und ihn entschlossen geht. Hinauf nach Jerusalem, allen zwischendurch vernehmbaren Jubelrufen zum Trotz, hinauf ans Kreuz. Ein Weg hin zum Spott, zu körperlichen Qualen, zu großer Einsamkeit und zum Tod.

Aber er geht ihn, diesen unbequemen, diesen feindlichen Weg. Er geht ihn entschlossen und mit offenen Augen, Ohren und Herzen. Denn er weiß: es ist sein Weg. Da stimmt es einmal, was wir manchmal so dahinsagen: ein Mensch geht seinen Weg.

Wenn wir das von einem oder einer unter uns sagen, dann bewundern wir die Zielstrebigkeit und Entschlossenheit, mit der einer sein Ziel verfolgt oder verfolgt hat. Aber wir wissen, es hätte auch immer ganz anders kommen können. Wer sein Ziel erreicht, verdankt das seinem Geschick, seinem Fleiß, seinen richtigen Entscheidungen zum richtigen Augenblick, den guten Ausgangsvorrausetzungen oder seinen Begabungen.

Aber es hätte immer auch anders kommen können. Das Leben, der Weg, die Zukunft bleiben offen. Er ist seinen Weg gegangen, ja – aber „mit Gottes Hilfe“ muss ich ergänzen. „Alles ist an Gottes Segen und an seiner Gnad gelegen“.

Der Weg Jesu ist nicht offen, er war nie offen. Er hatte immer schon sein Ziel. Es konnte nicht anders kommen. Deshalb wird das Evangelium auch zielstrebig erzählt.

„Wir gehen hinauf nach Jerusalem und es wird alles vollendet, was geschrieben steht durch die Propheten von dem Menschensohn“. Mir leuchtet hier der ganz andere Jesus auf. Nicht einfach nur der liebevolle, zugewandte und aufmerksame Freund und Mensch, sondern der, der lebt, was ich mir so nicht zutrauen würde. Er geht seinen Weg, obwohl oder gerade weil er weiß, dass er ihn hinauf ans Kreuz führt.

Was für ein Gottvertrauen,aber auch was für ein Selbstbewusstsein – buchstäblich! Ja, er weiß um sich und und sieht seinen Auftrag und sein Ziel – deshalb geht er diesen Weg. Er ist mit den biblischen Schriften groß geworden und sie haben ihm wohl die Augen geöffnet oder bestätigt, was sein Herz, sein Gottvertrauen, sein Auftrag ihm immer schon gesagt haben. Vielleicht hatte er den Propheten Jesaja im Ohr und im Herzen: „Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist unsrer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten und durch seine Wunden sind wir geteilt.“

Irgendwann mag es ihm aufgegangen sein: das ist mein Weg, damit es Friede werde für die, zu denen ich gesandt bin; für, die am Wegrand liegen geblieben sind, für die, die gestrauchelt oder in ihrem Hochmut gefangen sind; für die Menschen, die doch alle Kinder Gottes sind. Die biblische Botschaft und das sind zu seiner Zeit und zur Zeit der ersten Christen alles Geschichten der hebräischen Bibel, eröffneten ihm und später auch seinen Jüngern und Jüngerinnen einen klaren Blick auf sein Leben und seinen Weg. Es konnte nicht anders kommen.

Vielleicht kennen sie ja zumindest diese Erfahrung, dass sie ein Wort aus der Bibel lesen oder hören und mit einem Mal erscheint ihnen ihr Leben oder eine Begegnung, eine Herausforderung, eine Entscheidung in einem ganz neuem, anderem Licht, so als ob Gott zu ihnen spricht. Wir sollten dann genau hören: hinhören und hinschauen, was Gott uns für unseren Weg sagen will. Denn ich kann zwar nicht immer deutlich sehen, was vor mir liegt, wohin mein Weg mich führt, aber ich kann womöglich erkennen, hören, welchen Weg Gott mir weißt.

Jesus hat das erkannt, seine Jünger allerdings wohl eher nicht. Sie wussten nicht um den Ausgang, ahnten nicht, wie ganz anders als geplant ein gutes Ende kommen sollte. Aber das ist jetzt ja auch noch fern, selbst wenn Jesus dieses gute Ende am dritten Tag nach seinem Tod schon ansagt. Die Jünger sind blind an dieser Stelle oder taub, können nicht hören oder verstehen, was Jesus ihnen sagt. Deshalb mutet es beinahe wie ein Gleichnis, wie ein Fingerzeig an, dass der Weg Jesu an einem blinden Bettler vorbeiführt, so als wollte Jesus zeigen: lasst euch die Augen öffnen für das, was kommen muss und kommen wird und erkennt dabei, dass nichts und niemand euch dabei von Gott trennen kann und wird. Lernt Vertrauen. Übt Glauben. Seht auf den Bettler, der es euch vormacht. So wie es bei Jesus immer war, sieht er nicht nur den Weg vor sich, sondern er sieht auch, wer rechts oder links am Wegrand sitzt oder steht, wegsieht oder wartet.

Dabei ist das gar nicht immer so leicht. Da entsteht Tumult, wo Jesus auftaucht. Aber anders als bei der Berlinale in Berlin braucht er keinen roten Teppich, um dann ins Blitzlichtgewitter einzutauchen. Sein Ruf, seine Geschichte, seine Taten, die keine ins rechte Licht gerückte Illusionen sind, sondern wunderbare handfeste, Lebensgeschichten, eilen ihm voraus. Und viele wollen ihn sehen, viele wollen vielleicht von ihm auch ein erhellendes Wort hören oder eine heilende Berührung erfahren.

Der blinde Bettler am Wegrand wird da keine Ausnahme sein, gerade er nicht, der es wirklich bitter nötig hat. Was hat er denn vom Leben zu erwarten: Almosen der anderen und das, was er zu hören bekommt. Hören, das kann er allerdings. Er kann genau hinhören und verstehen, was da gesagt und erzählt wird. Jesus kann und wird ihm helfen, wird ihm die Augen für das Leben, für die Welt, für das Licht und die Farben, für die Schönheit und die Freude öffnen.

Das kann Jesus: Augen für die Schöpfung öffnen, die uns umgibt und die wir manchmal schon gar nicht wahrnehmen, weil auch wir blind sind. Aber zunächst muss der Bettler sich bemerkbar machen, muss aus der Menge, die ihn verschluckt oder verbirgt auftauchen.

Und wie er das tut: „Du Sohn Davids, erbarme dich meiner.“ Ihm kann keiner was vormachen. Er versteht und weiß, wer hier seinen Lebensweg kreuzt und das er die Macht, die Vollmacht hat, sein Leben zu verändern. Du Sohn Davids, du Messias, du von Gott in mein Leben gesandter, erbarme dich.

Und Jesus lässt sich rufen, er lässt sich ansprechen, er lässt sich die Not dieses Menschen auf sein Herz legen. „Was willst du?“ „Dass ich sehen kann, nicht nur mit dem Herzen, das ist wichtig, auch mit den Augen. Dich will ich sehen und die Menschen, die zu meinem Leben gehören – mit meinen eigenen Augen will ich sehen. Erbarme dich !“

An ihm, liebe Gemeinde, können wir Glauben lernen, an ihm können wir Vertrauen lernen. In der Hartnäckigkeit, mit der er sich nicht von der Menge und dem, was alle tun und wollen, abringen lässt. In der Klarheit, mit der er sich an Jesus wendet und von ihm das bis dahin undenkbare nicht nur erhofft, sondern erwartet.

In der Eindeutigkeit, mit der er nach dem ruft, dessen Weg doch geradewegs ans Kreuz und nicht in den Palast oder auf den Herrschaftsthron führt. Und in der Konsequenz, mit der er aufsteht aus seinem alten Leben und diesem Mann nachfolgt, ohne den Weg zu kennen und das Ziel zu schauen, aber um dem Auftrag seines Lebens gerecht zu werden: Gott zu loben.

Ja, an ihm können wir glauben lernen und beten lernen – gerade, wenn wir nicht wissen, wohin uns unser Weg führt. Mit ihm können wir das Vertrauen üben, dass Jesus auch uns sieht und hört, wenn der Weg uneben und voller Hindernisse ist, wenn unsere Augen verschossen sind für das, was doch so deutlich vor Augen liegt.

Mit ihm können wir sehen lernen, dass auch unser Leben ein Ziel hat, dass Gott kennt und dass er uns mitnehmen will auf diesen Weg. Mit ihm können wir lernen, dass es ein gutes Ende nehmen muss, weil mit Jesus Gott das gute Ende gesetzt hat.

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