Kraftgeladenes Geheimnis – Schneeflocken – Wort!

Liebe Gemeinde,

„Es gibt keine zwei identischen Schneeflocken!“ An diese japanische Weisheit musste ich in der vergangenen Woche denken, als der erste Schnee fiel. Anders gesagt: Keine Schneeflocke gleicht der andern! Denn Schnee- und Eiskristalle oder Eisblumen, die es an unseren Isolierglasscheiben nicht mehr gibt, bilden wunderschöne, einzigartige Muster, schöpferische Kunstwerke, die uns das Staunen lehren können.

Es muss in den Schneeflocken irgendeine ihnen innewohnende, gestaltende Kraft vorhanden sein, denn wir wissen doch alle aus dem Chemie-Unterricht, dass Schneeflocken nur aus einfachen H2O-Molekülen bestehen und aus weiter nichts!

Das Wasser hat viele wunderbare Gestalten und ist doch stets dasselbe. Es erscheint als sprudelnde Quelle, als plätschernder Bach, als strömender Fluss, als stiller See oder stürmisches Meer. Dann löst es sich wieder auf und wird zu unsichtbarer Feuchtigkeit. Als Nebel oder Wolke steigt es auf und regnet oder schneit herunter. Wasser liegt als Tau auf den Gräsern oder heilt durch die Schwefelquelle. Wasser transportiert Nahrung und Kraft durch die zarten Adern von Pflanzen und Tieren.

Wasser hat selbst keine Gestalt, doch alles Lebendige gestaltet sich durch das Wasser. Wasser zieht viele Menschen magisch an. Warum ist das so? Und was empfinden wir z.B., wenn wir am Strand eines Meeres stehen? Was spüren wir, wenn wir im Regen wandern oder laufen? Was regt der Anblick aufsteigender Wolken in unserer Seele an, wenn wir im Gebirge Wolken aufsteigen sehen? Diese Augenblicke bringen in uns etwas zum Klingen und Schwingen, etwas, das uns an unseren Ursprung erinnert, etwas, das uns mit Allem verbindet, ein Gefühl von Einheit und Klarheit. Das Wasser ist ein Gleichnis für Gottes schöpferische, wandelnde Kraft, die eine unendliche Formen-Vielfalt schafft.

Der heutige Predigttext vergleicht die Kraft, den Sinn und die Formen des Wassers mit dem Wort Gottes. Es sind seine letzten Worte, Worte jenes unbekannten Propheten im Exil, im Ausland, in Babylon, Deutero-Jesajas Schluss-Worte, die seine Beziehung und Liebe zu Gott zusammenfassen:

"[TEXT]"

Liebe Gemeinde, jene Menschen, die Jesaja hier anspricht, leben fern ihrer Heimat, fern ihres heiligen Tempels, fern jeder Hoffnung. Mit diesen letzten Worten will der Prophet, dieser Mann Gottes ihnen Mut machen. Er will in ihnen die Lebenskräfte wachrufen, indem er die Menschen das Beobachten der Schöpfung und das Schauen lehrt, indem er die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer auf das Wasser lenkt (auch Kap. 55,1), das als Regen oder Schnee auf die Erde fällt, das Wasser, das mit den ihm innewohnenden Kräften die Erde fruchtbar macht und die Lebensgeister weckt.

So ist das auch, fährt Jesaja fort, mit dem Wort Gottes. Es fällt auf die Erde wie eine Schneeflocke. Es fällt und kehrt nicht unverrichteter Dinge nach oben zurück. Das Wort Gottes fällt und entfaltet die in ihm enthaltene Kraft und Energie. Es schafft Leben, Fruchtbarkeit und Freude. Jesaja staunt über dieses kraftgeladene Geheimnis, das er, der Mann Gottes, immer wieder gehört hat: das Wort Gottes, das die Welt erschaffen hat.

Jesaja beschreibt ein tiefsinniges Gleichnis für das Wort. Gottes Wort macht keinen Lärm, sondern kommt auf leisen Sohlen, auf sanfte Weise wie eine Schneeflocke. Wie das Wasser, das keine feste Gestalt hat und alles in sich aufnehmen kann, so ist auch das Wort gestaltlos und flüchtig. Spreche ich ein Wort, ist es auch schon verhallt. Hat das Wort meinen Mund verlassen, kann ich es nicht mehr zurückholen wie die Schneeflocke, die herunterfällt. Das Wort verbindet uns Menschen, führt als einfaches „Ja-Wort“ Ehepartner zusammen oder stiftet als gemeinsames Wort-Bekenntnis innere Gemeinschaft unter Menschen.

Und gleichzeitig hat das Wort wie eine Schneeflocke ein eigenes Gewicht, ein eigenes Leben. Wie das Wasser mehr ist als H2O, so ist das Wort mehr als seine Buchstaben. Das Wort hat auf verborgene Weise einen geistigen Inhalt. Im Wort wohnt ein kraftgeladenes Geheimnis. Es ist wie ein Wasserkrug, dessen Inhalt stets mehr ist als der Krug. Oder wie Jesus im heutigen Evangelium sagt: das Wort ist ein Samenkorn, voll von verborgenem Leben. Ausgestreut ist das Samenkorn-Wort seiner Umgebung ausgeliefert, doch immer mit der ihm innewohnenden Eigenschaft, sein inneres Leben zu entfalten.

Regen, Schnee und Samenkorn sind einfache und stille Gleichnisse aus der Natur. Regen, Schnee und Samenkorn enthalten alle Kraft in ihrem Inneren, in ihrem Wesen. Ausgeliefert, ja widerstandslos und passiv wirken sie aus sich selbst heraus ohne äußere Anstrengung – genauso wie Jesus gewirkt hat. Regen, Schnee und Samenkorn sind sozusagen „evangelische Gleichnisse“, die uns eine gute Hilfe sein können auf dem Weg, Gottes Wort, Gottes Gegenwart immer tiefer in uns zu entdecken.

Unser Glaube soll in uns etwas bewirken, soll in uns wachsen und fruchtbar werden.

1. Glaube wächst in mir aus dem Wort, indem ich mich im Hören übe.

Es genügen wenige Worte, denen ich nachsinne, z.B.:

„Ich werde still wie die Erde, auf die der Regen fällt,

ich lausche dem sanften Schweben einer Schneeflocke.

Ich öffne mich dem Wort Gottes wie ein gepflügter Acker. Ich höre.

Ich warte auf das kraftgeladene, innewohnende Geheimnis des Wortes Gottes.“

2. Glaube lebt davon, den still wirkenden Kräften des Reiches Gottes zu vertrauen, z.B. der Überlieferung des Talmud, in dem es heißt: „Jeder Grashalm hat seinen Engel, der sich ihm zuneigt und der flüstert: Wachse, wachse!“

3. Glaube lebt aus dem Vorbild:

Denn das Wort ist Fleisch geworden und hat in Jesus Christus eine äußere Gestalt entfaltet, die uns das Wort mit allen Sinnen und ganz und gar menschlich erfahren lässt. Jesus hat das Wasser als das Element eingesetzt, mit dem wir taufen. Er hat Wasser in Wein verwandelt. Er spricht vom Wasser, das er geben wird (Joh. 4,13f.). Für Jesus ist das Wort Gottes die Quelle seines Lebens, seines Wirkens und seiner Lehre.

4. Glaube lebt aus der Gemeinschaft:

Eine Schneeflocke ist federleicht, doch in Gemeinschaft mit anderen können sie Züge stoppen. Wir hier in der Gemeinschaft im Gottesdienst oder in dem tiefen Bewusstsein einer Kirchengemeinde können als glaubende Gemeinschaft an Gewicht gewinnen. Diese Gemeinschaft können wir auf besondere Weise im gemeinsamen Gebet, im Gesang der Gemeinschaft oder im Geist gemeinsamen Musizierens erleben.

Indem wir heute gemeinsam unsere neue Truhenorgel in der St. Petri-Kirche einweihen, können wir auch in der Königin der Instrumente ein wunderbares Gleichnis entdecken. Unsere große Kirchen-Orgel und unsere neue Truhenorgel haben heute starke Motoren. Früher mussten die Luftbälge noch getreten werden, um die Luft mit großer Kraft in die Bälge zu pressen, damit sie von dort in die vielen Orgelpfeifen strömen konnte. Es ist und bleibt ein kleines Wunder, wie in jeder Pfeife durch den Luftstrom ein Ton entsteht. Und wie dann durch das Zusammenspiel der durch Luftstrom entstandenen Töne, genauer gesagt, durch die künstlerische Fähigkeit der Organistin Harmonien und Melodien entstehen, Harmonien, die wiederum in unserem Inneren Gefühle wecken, Melodien, die in unseren Herzen die Lust erwecken, mitzusingen und unseren Gott zu loben und zu preisen.

Hohl und leer ist die Flöte. Ganz passiv steht die Orgel da und wartet auf den Geist, der sie spielen wird. Denn auch beim Musizieren kommt es ganz und gar auf die innere Quelle an. Was bewegt mich oder welche innere Haltung lässt mich musizieren? Ist es die Selbstdarstellung meiner Fähigkeiten oder spüre ich beim Musizieren die Quelle der Freude. Musizieren wir aus einem Leistungsgedanken heraus oder musizieren wir, weil es uns an den Anblick des Meeres erinnert oder an das Aufsteigen von Nebel im Gebirge und in uns ein Empfinden der Einheit entsteht. Musik ist mehr als die Gesamtheit der Töne. Musik verströmt den Geist, aus dem heraus sie entsteht. Man singt nur mit dem Herzen gut!

Musik soll nicht zur Anstrengung werden, sondern eher heilsam sein. Denn Gottes Wort, das im Gefäß der Musik wie eine Schneeflocke herabfällt in die Ohren der Zuhörer, soll wie ein Samenkorn im Herzen der Hörer wurzeln. Dann wird es Frucht bringen. Dann werden Andere von unserem Gesang angesteckt, weil der Funke der Freude überspringt. Dann werden wir in Freuden ausziehen und im Frieden geleitet werden.

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