Zuspruch und Anspruch der Wirkkraft des Wortes

<i>[Diese Predigt kann als Dialogpredigt gehalten werden.]</i>

Durch den Predigttext werden wir heute wieder einmal in das spannungsvolle Verhältnis von großartiger Zusage Gottes und seinem Anspruch gestellt. Seine Verheißungen wollen in uns nicht einfach nur ein gutes Gefühl hervorrufen, sie wollen uns verändern. Wir sollen anders gehen als wir hergekommen sind. Öffnen wir uns also den Worten des Propheten Jesaja, die er Menschen zurief, das sich in ihrer sicheren aber grau und unlebendig gewordenen Exilswirklichkeit eingerichtet hatten.

[TEXT]

Liebe Gemeinde: Schnell gelesen den Text, wohl eher überfolgen und dann kurz den Inhalt so zusammengefasst. Ich erinnere mich daran, dass mir das in der Schule immer wieder so ging, ganz besonders, wenn ich gerade geträumt hatte anstatt mitzuarbeiten. Ihr versteht was ich meine, liebe SchülerInnen, nicht wahr? Aber auch heute geht es mir immer noch so. Wer liest denn schon wirklich alle AGB’s oder Software-Lizenzen? Sie etwa?

Und so könnte es uns auch bei diesem Text gehen, liebe Gemeinde; Schräg zugehört, noch gedacht: Ja kenn ich, versteh ich. Und schon ist es passiert. Die innere Inhaltsangabe bleibt hängen: „Wer sich von Gott leiten lässt, lebt glücklich und zufrieden.“

Irgendwie würde so ein Satz ja auch in unser inneres Repertoire passen. Und doch den Text dadurch verfälschen. Und das aus dem einen Grund, weil die biblischen Texte eben nicht an der Wirklichkeit unserer Welt vorbeigehen,

sie verniedlichen oder vereinfachen.

Wenn unser Predigttext also nicht sagt: „Wer sich von Gott leiten lässt lebt glücklich und zufrieden?“ was sagt er uns dann?

Lesen wir gemeinsam die AGB, die Achso Genauen Bedingungen, die da im Text stehen.

Der Text beginnt mit einer großen Zusage: Wir haben gute Zeiten zurzeit: Gott ist zurzeit zu finden. Jesaja hat die schöne Aufgabe, den Menschen diese frohe Botschaft zu verkünden. Wir müssen nicht auf einen günstigen Moment warten. Der Moment ist jetzt, heute, zu dieser Zeit. Gott ist da, dabei, hörbereit. Wir können ihn anrufen, wir dürfen uns an ihn wenden.

<i>Die erste AGB ist also: Gott will, dass wir zu ihm kommen und mit ihm reden. Das erinnert mich an eine kleine Geschichte die für mich in einer besonderen Weise zeigt, was das eigentlich ist: Gebet, zu Gott kommen, mit ihm reden. Der Pfarrer Friedrich Bodelschwingh erzählt da, wie er einmal nachts aufgewacht ist und in sich eine unheimliche Angst gespürt hat. Seiner nur wenig älteren Schwester ist es genauso gegangen. Beide hatten das Gefühl, als ob alles Schwere und Traurige der Welt sie wie eine Welle wegreißen wollte. Schließlich wissen sie in ihrer Not nichts anderes, als sich zu den Eltern zu flüchten. Mit all den furchtbaren Angstbildern in sich und vor Furcht zitternd tasten sie sich durch zwei dunkle Zimmer, um in das Wohnzimmer zu kommen, wo noch Licht brennt. Endlich sind sie am Ziel. Bodelschwingh erzählt wörtlich weiter: „Als ich dann meinen Vater am Tisch sitzen sah …, als er seinen Arm nach mir ausstreckte und mich auf seinen Schoß nahm, da war auf einmal alles wieder gut. ‚Was willst Du denn, mein Junge?’ fragte er mich. Da hatte ich alle Not vergessen, da hatte ich gar keine einzelnen Wünsche mehr. ‚Vater’, sagte ich, und dicke Tränen liefen mir über das Gesicht: ‚Vater, ich wollte nur zu Dir.’“

Das ist für mich ein wunderschönes Bild für das Gebet: mich in Gottes Arme flüchten, hier werde ich in all meinen Ängsten ruhiger, ich fühle mich sicher und geborgen. Da sind die einzelnen Wünsche und Bitten gar nicht mehr so wichtig. Hauptsache ich bin bei ihm und er ist bei mir.</i>

Ja, genau, Gott bietet sich uns hier ganz deutlich an. Aber es ist auch eine Art Bremse eingebaut: ein „solange“ hat sich in den Text eingeschlichen, markiert den Punkt einer Endlichkeit. Jetzt im Moment ist die Chance. Das soll keine Angst schüren, sondern nur die Dringlichkeit unterstreichen. Wenn Gott jetzt zu finden ist, ist es höchste Zeit zu handeln. Wenn es jetzt geht, warum warte ich dann. Ich meine, ich setze mich ja auch nicht beim Arzt ins Wartezimmer, und obwohl ich aufgerufen werde, warte ich bis der endlich Feierabend macht, nur um dann unglücklich nach Hause zu gehen.

<i>Ja, aber gibt es viele, die nur beten, wenn es ihnen schlecht geht. Und das ist auch o.k. In der Bibel steht doch: „Rufet mich an in der Not.“ Aber es steht da halt nicht: „Rufet mich an – nur in der Not!“ Das mag beim Arzt noch in Ordnung sein. Und selbst zu dem sollte man möglichst auch immer wieder zur Vorsorge gehen. Wenn aber der kleine Friedrich und seine Schwester den Weg von ihrem Schlafzimmer zum Wohnzimmer der Eltern nicht immer wieder auch am Tag gegangen wären, hätten sie ihn im Dunkeln – und dann noch vor lauter Angst schlotternd – wahrscheinlich nicht gefunden. Deshalb: wir sollten wirklich jetzt kommen. Gerade auch dann, wenn es uns gut geht, mit Gott reden. Dann finden wir vielleicht auch den Weg zu ihm, wenn es in unserem Leben dunkler ist, wenn Gott uns weit weg scheint. Auch unsere menschlichen Beziehungen wären bald am Ende, wenn wir nur in schwierigen Zeiten miteinander reden würden. Wir müssen das Reden miteinander üben, wenn es uns gut geht, sonst wird’s in den anderen Zeiten – und die gibt’s ja oft genug – erst Recht nicht möglich sein.</i>

Also: Gehen wir los, seien wir dabei, Gott ist „on air“, ist ansprechbar – jetzt.

Und jetzt kommt der Teil, wo es uns so ach so selbstbestimmten Menschen wieder weniger Spaß macht zuzuhören: lauter Nicht-s: keine Wege mehr ohne Gott gehen, schlechte und üble Gedanken lassen, Umkehren, Ändern und so weiter. Kurz: kein Kuscheldenken.

<i>Tja, es ist eben so: Gott will schon, dass wir Freude am Leben haben, er gönnt uns das Leben von Herzen. Das ist die gute Nachricht. Aber das geht nicht ohne uns, wir sind dabei auch selbst gefragt. Es ändert sich gar nichts – in unserem Leben, – auch nicht in unserer Welt – es sei denn wir ändern es. Wir sollen umkehren. Das ist der Anspruch.

Die gute Nachricht ist aber auch: Wir können es: denn „bei Ihm ist viel Vergebung“. Gott gibt uns immer wieder eine Chance – jedenfalls heute, heute, solange er nahe ist. Also: „packen wir’s an – und zwar heute!“</i>

Ich merke mal wieder: Wie an vielen anderen Stellen gibt uns hier der Bibeltext ein gutes Bild von einem Leben mit Gott. Dabei verbindet er immer Zuspruch und Anspruch, Gutes und Schweres, Hilfe und Anforderung:

Der Zuspruch ist: Das Wort Gottes bewirkt und verändert etwas. Es kommt nicht leer zurück.

<i>Worte sind eben nicht „Schall und Rauch“. Ich denke, das kennt ihr allzu gut aus der Schule. Es macht doch einen totalen Unterschied, wenn ihr gesagt bekommt: „Komm, lass das lieber, das kannst Du ja doch nicht“, oder wenn dir jemand sagt: „Hei mach mal, ich trau dir das zu.“ Ein ganz kleiner Satz, der so viel verändert. Ja, Worte verändern etwas, Worte bewirken etwas. Sie kommen nicht leer zurück. Worte können das Leben zur Hölle machen, nur immer mal wieder so ein kleines Sticheln von der Seite, und ihr würdet am liebsten nicht mehr in die Klasse gehen. Nur hier und da eine verächtliche Bemerkung des Kollegen, und die Freude und Energie für die Arbeit geht verloren, Krankheitstage häufen sich … Mobbing nennt man diese furchtbare Macht von Worten.

Worte können das Leben aber auch hell machen, mit ganz viel Energie füllen. „Du siehst heute echt toll aus! Das hast Du ganz prima gemacht! Schön, dass es dich gibt!“ Das kann einen miesen Tag total verändern!

Und deshalb ist es so wichtig: dass wir solche Worte sagen.

Wenn aber schon ganz normale menschliche Worte die Wirklichkeit verändern, dann noch viel mehr Gottes Worte, Was er sagt, geschieht was er sagt, tut er. Das können wir am eindrücklichsten an Jesus sehen: er sagt: Gott liebt diese Welt, und dabei legt er der gekrümmten Frau die Hand liebevoll auf den Rücken, er sagt: Gott ist wie der Vater, der dem völlig heruntergekommen Sohn entgegenläuft und in seine Arme nimmt und er nimmt von dem Brot und dem Fisch und gibt es dem Petrus, der ihm nach seiner feigen Verleugnung kaum in die Augen schauen mag. Und nicht nur die Frau und Petrus können ihr Leben mit neuer Kraft und Freude anpacken. Wir sehen: Gottes Wort verändert die Wirklichkeit.</i>

Aber genau in diesem Zuspruch steckt dann auch wieder der Anspruch an uns als Christinnen und Christen, und zwar nicht nur sonntags und im Gottesdienst sondern auch als Schülerinnen und Schüler, als Angestellte, Vorgesetzte, SeniorInnen, Vorstände, Selbstständige, Vorbilder, Familienmitglieder. Es ist der Anspruch dieses Wort zu verkünden, das zu sagen – und auch zu tun – was Gott gefällt, eben weil es nicht leer zurückkommt, eben weil es nicht egal ist, wem ich was wann sage, sondern weil es Gott zu seiner Aufgabe gemacht hat, durch das Wort zu wirken, Dinge, Situationen und Menschen zu verändern, Leben zu bewegen, auch da wo Schnee in der Wüste fällt, eben in außergewöhnlichen Situationen.

<i>Aber, bitte verfallt nicht gleich dem Leistungsdruck, als ob von jetzt auf gleich alles anders sein müsste, als ob Sie sofort alles anders und viel besser machen müssten. Denken wir an unsere Schriftlesung: Die Bauern meinen auch nicht, sie könnten an einem Tag das Feld pflügen, darauf säen und es dann gleich ernten. Aber sie pflügen und streuen den Samen aus und vertrauen darauf, dass sie im Herbst ernten können. Als Christen brauchen wir nicht zu glauben, dass wir Gottes Wort hören und dann alles sofort verstehen und in unser Leben umsetzen können. Unsere Aufgabe ist, dass wir uns dem Wort Gottes aussetzen. Wenn wir die Bibel daheim im Schrank stehen lassen, sonntags ausschlafen statt in den Gottesdienst zu kommen und auch die anderen Gemeindeveranstaltungen links liegen lassen, brauchen wir uns nicht zu wundern, dass wir in unserem Glauben und Christsein nicht wachsen. Aber wenn wir das tun, dann können wir darauf vertrauen, dass Gottes Wort an uns wirkt.</i>

Und da haben wir wieder das entlastende Moment: Mich dem Wort Gottes aussetzen und es weiterzusagen, das ist mein Job. Gottes Job ist es, damit etwas zu machen.

Wir sollen uns auf den Weg machen, sollen unser Leben in Schule und Beruf, in Familie und Freundschaften – und eben nicht nur in unseren Gruppen und Kreisen – von Gottes Wort her gestalten und diesen Weg unbeirrt, aber nicht unausgesprochen, gehen sondern die Worte von diesem Gott weitergeben. Und uns nicht fragen ob es etwas bringt weil wir wissen dürfen, dass sie sicher etwas verändern wird in unserem und anderen Leben.

Und Gott? – Helfe uns!

drucken