Oh Augenblick, verweile doch …

Liebe Gemeinde,

oh Augenblick, verweile doch, du bist so schön. Das lässt Goethe seinen Faust sagen, und ich muss sagen, er spricht mir aus der Seele. Kennen wir nicht alle solche Situationen, solche absoluten Glücksmomente, wo einfach alles stimmt, die perfekte Welle, der perfekte Tag. Den Wunsch, einmal die Zeit anhalten zu können. Oh Augenblick, verweile doch, du bist so schön. Wenn man nach einem langen, anstrengenden Aufstieg auf einen Berg den schweren Rucksack von den Schultern gleiten lässt, die klopfenden Waden von der Bank baumeln lässt, endlich wieder tief Luft holt und die grandiose Aussicht über alles, was man für den Moment hinter sich und unten im Tal gelassen hat, genießt. Oh Augenblick, verweile doch, du bist so schön. Das wünschen sich wohl auch die Jünger, als sie mit Jesus zusammen auf einen Berg in Galiläa gehen. Was sich dort zuträgt, berichtet Matthäus im 17. Kapitel:

[TEXT]

Liebe Gemeinde, Jesus geht auf einen Berg. Drei seiner Jünger nimmt er mit, Petrus, Johannes und Jakobus, die ihn auch später noch begleiten werden. Von großen Erklärungen, von langen Reisevorbereitungen ist nichts überliefert, er geht einfach los. Allzu alpin wird ihre Kletterei nicht sein, denn so hoch sind die Berge in Galiläa nicht. Aber hoch genug und vor allem einsam genug, um dem stressigen Tagesgeschäft als Wanderprediger, Lehrer, Wundertäter und Prophet zumindest für den Moment zu entkommen, weit weg von dem drohenden Grollen der ersten Leidensankündigung. Alltag raus, Österreich, nein, Berggipfel rein. Abgeschiedenheit, Ungestörtheit, Ruhe, entspanntes Beisammensein mit den Freunden, mal ein bisschen Abstand von dem ganzen Gewimmel da unten. Aber von Ruhe kann auf dem Berg heute keine Rede sein; kaum angekommen, passiert vor den Augen der Jünger plötzlich etwas im wahrsten Sinne des Wortes Wunderbares: Ihr Rebbe wird verwandelt, sein Gesicht leuchtet auf, hell und weiß wie die Sonne, ebenso seine Kleider, seine ganze Gestalt erstrahlt. Doch damit nicht genug – zu ihm treten, wie aus dem Nichts, Mose und Elija, die Jünger erkennen sie sofort, wer würde das nicht: Der Eine der Held der Tora schlechthin, ein sagenumwobener Prophet und charismatischer Anführer der unterdrückten Sklaven, der Knecht des Herrn, der Mann Gottes überhaupt und Mittler zwischen Ihm und Seinem Volk. Der Andere neben ihm auch ein Prophet, nicht minder prominent, der Entrückte, der Hohepriester der Endzeit. Den Jüngern ist klar, warum gerade diese beiden gekommen sind: Mose und Elija kündigen den Messias an, ihre bloße Anwesenheit bestätigt, was die Jünger immer gehofft haben: Ja, er ist es. Und jetzt sind sie da, alle sechs, auf diesem Berg: Der verwandelte, strahlende Jesus, seine Vorläufer Mose und Elija und die staunenden Jünger Petrus, Jakobus und Johannes. Was für ein großer Moment. Oh Augenblick, verweile doch, du bist so schön.

Ja, oh Augenblick, verweile doch, du bist so schön. Dieser Wunsch wird auch Petrus umtreiben, eifrig wendet er sich an Jesus: Hey, Herr, hier ist es gut, hier ist es perfekt, lass uns hier bleiben, komm, ich schlage die Zelte auf, für dich, für Mose und für Elija. Bloß – die Zeit lässt sich nicht anhalten, die Welt steht nicht still, auch wenn der Tag noch so schön ist, so vergeht er, das muss Petrus hier feststellen: Die drei Heiligen würdigen seinen gut gemeinten Vorschlag nicht eines einzigen Blickes, kein müdes Lächeln, stattdessen donnert eine Stimme vom Himmel herab: Dies! Ist! Mein! Lieber! Sohn!, an dem ich Wohlgefallen habe. Auf ihn sollt ihr hören!

Die Jünger reißt es zu Boden, denn sie wissen, wer da spricht, es ist nicht das erste Mal, dass er sich auf einem Berg zu erkennen gibt: Es ist der Ewige, der Schrecken Isaaks, dessen Feuer die Feinde verzehrt, vor dem Berge zerschmelzen wie Wachs. Der Herrscher der ganzen Welt, dessen Blitze den Erdkreis durchzucken. Der die Tiefen des Wassers und den Grund des Erdbodens mit dem Schnauben seines Zorns aufschreckt. Er, der so heilig ist, dass es sogar seinem Diener Mose buchstäblich die Schuhe auszieht. Der so unfassbar, so unbegreiflich heilig ist, dass wir alle, Ebenbild hin oder her, eine Konfrontation Angesicht zu Angesicht mit Ihm nicht überleben würden.

Der aber auch und vor allem Liebe ist. Der das Werk seiner Hände nicht fallen lässt und vom Himmel herniederfährt und Sein Volk Israel, Seinen Bündnispartner, aus der Hand der Ägypter führt. Der auf seine Allmacht verzichtet und in Jesus Christus in einem versifften Kuhstall als Mensch zur Welt kommt und uns Menschen in Augenhöhe begegnet. Steht auf und fürchtet euch nicht!

Steht auf und fürchtet euch nicht, sagt Jesus zu seinen Jüngern, berührt sie und richtet sie auf. Langsam, zögernd heben sie den Blick, doch da ist niemand außer Jesus allein. Die Heiligen sind verschwunden und mit ihnen der Glanz und die Herrlichkeit. Als wäre das alles nicht passiert, doch es ist geschehen, sie waren dabei. Petrus, Johannes und Jakobus ist etwas über Jesus und damit über Gott offenbart worden, dass ihnen nicht gezeigt worden wäre, wenn sie nicht allein mit Jesus auf diesem Berg gewesen wären, zumindest noch nicht. Etwas, dass sie sich nicht durch ihren eigenen Verstand hätten erschließen können und wo sie durch noch so lebhaftes Diskutieren untereinander nicht drauf gekommen wären.

Nach diesen wirklich umwerfenden Erlebnissen geht es wieder runter vom Berg der Verklärung, zurück in die Welt. Und das ist wichtig. Den Jüngern wird hier nichts offenbart, damit sie auch zu den Großen gehören und mit Mose und Elija auf den blauen Bergen zelten und sich die Herrlichkeit Gottes wie die Sonne am Baggersee [Genezareth] auf den Bauch scheinen lassen, das gilt damals wie auch heute: Die Erwählung der Gemeinde ist nicht Selbstzweck, sondern Sendung. Unser Christsein darf sich nicht in dem sorgfältigen und gut gemeinten Zelebrieren von Winkelmessen oder in frömmelnder Weltflucht ergehen, sondern muss das Evangelium in die Welt hinaus tragen, den Menschen sagen: Ja, Jesus ist Gottes Sohn, auf Ihn sollen wir hören und in seine Nachfolge sind die Völker gerufen. Und Nachfolge Christi muss seine Bewegung nachvollziehen hin zu denen, die am Boden liegen. Die ihre eigene Angst niederdrückt. Die unter ihrer Schuld zusammenbrechen. Denen das Schicksal die Beine weggeschlagen hat. Denen Andere ein Beinchen gestellt haben. Die vor Hunger oder Erschöpfung umfallen. Ihnen soll geholfen, aufgeholfen werden. Ihnen sagt Jesus, sagen wir in seinem Namen: Steht auf und fürchtet Euch nicht.

In einem schon ein paar Jährchen alten Aufsatz von Heinrich Böll heißt es: „’In der Welt habt ihr Angst’, hat Christus gesagt, ‚aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.’ Ich spüre, sehe und höre, merke so wenig davon, dass die Christen die Welt überwunden hätten … Eine christliche Welt müsste eine Welt ohne Angst sein, und unsere Welt ist nicht christlich, solange die Angst nicht geringer wird, sondern wächst; nicht die Angst vor dem Tode, sondern die Angst vor dem Leben und den Menschen, vor den Mächten und Umständen, Angst vor dem Hunger und der Folter. Angst vor dem Krieg, eine ganze Litanei der Ängste.“

Woher kommt das, liebe Gemeinde? Diese Angst, die uns lähmt und uns von der Nachfolge abhält, uns einzelne und uns als Kirche? Vielleicht, liebe Gemeinde, liegt es daran, dass wir das Hören verlernt haben, dass wir zu bequem geworden sind, um uns auf den Berg aufzumachen. Wer etwas von den Dächern predigen will, muss erstmal etwas ins Ohr geflüstert bekommen. Wer Trost zusprechen will, muss sich selber erstmal trösten lassen. Wer andere lieben will, muss sich selbst lieben und lieben lassen.

Deshalb brauchen wir Zeiten wie diese, Auszeiten auf so einem Berg. Deshalb brauchen wir alle, einzeln und auch gemeinsam, Zeiten, in denen wir aus dem Alltagsgeschäft aussteigen und uns ganz auf Gott und sein Wort einlassen und uns seinen Fragen an unser Leben stellen. Deshalb brauchen wir manchmal die Perspektive von oben auf das Hamsterrad unseres Lebens. Deshalb dürfen wir uns gleich um den gedeckten Tisch des Herrn sammeln und uns stärken für den Weg, der noch vor uns liegt. Und zwar immer wieder, denn solche Erfahrungen lassen sich nicht konservieren, ebenso wenig wie himmlisches Manna in der Wüste, damit wir nicht auf die Idee kommen, wir müssten und könnten für Leib und Seele und Heil und Gnade selbst sorgen. Auch Petrus, immerhin der Fels der Kirche, muss diese Erfahrung machen. In solchen Auszeiten, die wir uns vom Alltag nehmen, kann Gottes Wort Wirkung entfalten, kann und wird Gott unsere engen Grenzen und unsere kurze Sicht auf Ihn, auf uns und auf unsere Mitmenschen durchkreuzen und verwandeln und Neues schaffen. Hier kann die Begegnung mit Ihm unser Leben verändern.

Doch wann [diese] Auszeiten kommen, das liegt nicht immer in unserer Macht. Denn manchmal wird unser Alltag auch gewaltsam von außen durchbrochen und all das, womit wir bisher meinten, unser Leben meistern zu können, wird uns aus den Händen gerissen: Unsere bisherigen Sinnkonstruktionen und Lebensdeutungen, unsere allzu einfachen Gottesbilder. Zum Beispiel im Fall einer schweren Erkrankung, die wir am eigenen Leib oder im Freundes- oder Familienkreis erfahren müssen. Aber es gibt viele Dinge, die uns den Boden unter den Füßen wegreißen können. Vor solchen Erfahrungen wird auch noch so fleißiges Beten uns nicht bewahren, so beharrlich das auch in manchen christlichen Kreisen behauptet werden möge. Diese Einsicht steckt auch in unserem Bibeltext drin. Machen wir uns das noch einmal klar: Von einem Berg kann man zwar ins Tal blicken, man kann aber auch die umherliegenden Berge sehen. Und von unserem Berg klar und deutlich erkennbar ist der Schädelberg, Golgatha. Die weißstrahlenden Kleider Jesu sind die Erkennungszeichen des Gekreuzigten und Wiederauferstandenen. Der Weg vom Berg runter führt Jesus direkt nach Jerusalem und ans Kreuz.

Doch wie auch Jesu Schrei am Kreuz nicht ins Leere geklungen ist, so können auch wir sicher sein, dass wir nicht allein sind, egal, wie finster das Tal ist, in dem wir wandern. Wenn unsere Fassade Risse bekommt und unsere heile Welt zusammen bricht, dann bleiben wir doch in der Hand Gottes. Vielleicht merken wir das nicht immer, vielleicht muss sich der Staub erst wieder legen, vielleicht muss erst wieder Ruhe einkehren, damit wir ihn hören: Ich bin bei Euch, alle Tage, bis ans Ende der Welt.

Lasst uns mit diesem Versprechen, das uns auch dann tragen wird, wenn wir selbst zu schwach sind, mit auf den Berg gehen. Lassen wir uns überraschen, umwerfen und aufrichten von dem, der da sagt: “Steht auf und fürchtet Euch nicht. Siehe, ich will ein Neues schaffen, es wächst schon, seht hin, dann erkennt ihr es!“

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