Der sehende Blinde

Liebe Gemeinde,

"da saß ein Mann am Wegesrand, so blind, dass er nichts sehen kannt

er sagte nicht noch tat er was – er schwieg und bettelte nur blass

so hätt sein Leben enden können, wär da nicht noch ein andrer kömmen

der andre doch, ihr wisst es schon, das war der Mensch als Gottes Sohn

er selbst wär wohl vorbeigegangen, hätt nicht der Blinde sich gefangen

und laut geschrien: so hilf mir gleich, sonst werden meine Knie weich

und Jesus, dieser nette Mann, er bleibt da stehn und fragt alsdann:

sag an und sprich: was willst du wirklich eigentlich

und dann der Blinde rufts heraus: ich will so sehn wie jede Maus

und Jesus dachte an die eignen Jünger, für die er bräuchte noch mehr Dünger

hatten die doch nicht verstanden, was es heißt, am Kreuz zu stranden

doch da hier der Blinde nun verstand, und den wahren Herr´n alsgleich erkannt

machte Jesus ohne Tanz den armen Manne wieder ganz"

Liebe Gemeinde: sie merken gleich, dass ich mich als echter Büttenredner wohl nicht eigne – das will ich auch gerne jenen überlassen, die am Montag und an den anderen Tagen auch hier bei uns in die Bütt steigen, um von dort aus den Leuten so manche Wahrheit in lustigen Versen und Szenen anzuzeigen. Ich selber komme aus einer Gegend, in der der Fasching oder der Karneval keine so große Bedeutung hat und zusammen mit einem Freund hatte ich immer wieder überlegt, was wohl die große Faszination einer solchen Veranstaltung sein könnte. Mein Freund ist vor etlichen Jahren dann nach Köln gezogen und seitdem hat sich auch seine Einstellung zu diesen Dingen gewandelt: ihn in diesen Tagen etwa versuchen anzurufen, ist völlig hoffnungslos, weil er ständig unterwegs ist. Ein paar Gedanken zu dem närrischen Treiben möchte ich aber gerne mit ihnen teilen: zuallererst fällt mir die Verkleiderei auf: Menschen, die ansonsten wohlgekleidet, z.B. im Anzug in der Bank oder sonstwo arbeiten, sind plötzlich nicht wieder zu erkennen: da verdeckt eine Perücke das ansonsten schon recht licht gewordene Haupthaar, eine zu große Nase und eine Riesenbrille verschiebt auch noch die restlichen Proportionen im Gesicht und die Kleidung – wenn sie denn nicht etwas völlig anderes darstellen soll (z.B. einen Priaten o.ä.) – sitzt in der Regel so auffällig nicht, dass sie nur noch von Hosenträgern oder ähnlichen Utensilien gehalten werden kann. Damit einher geht, dass man viele Menschen nicht mehr erkennt: sie machen sich selbst für andere unauffindbar – sie machen gewissermaßen die anderen für sich selber blind. Ich erinnere mich an eine Bekannte, die in einem Trupp von 10 Personen, die alle gleich verkleidet waren, auf eine Faschingsfeier ging. Ihre Verkleidung war so perfekt, dass sie in der Tat nicht erkannt worden ist: darin bestand ihr größtes Vergnügen (und das war – ganz nebenbei auch recht teuer erkauft: weil nämlich die Verkleidung so perfekt war, hatte sie völlig vergessen, ein Loch zum Trinken freizulassen und so hat sie es in der Tat vorgezogen, nicht erkannt zu werden und dafür Durst zu leiden!). Der gewollte Nebeneffekt dabei: man lernt, die anderen neu zu sehen, wenn das normale Sehen behindert ist. Das andere, was mir auffällt, ist das "Ver-rückte" im wahrsten Sinne des Wortes: die Zeiten werden ver-rückt: nicht umsonst sagt man, Fasching sei die fünfte Jahreszeit. Mit anderen Worten: in dieser Zeit scheinen die Regeln dafür da zu sein, dass man sie missachtet und bricht! Die fünfte Jahreszeit, erlaubt es, endlich mal auszubrechen aus dem gewohnten Trott und etwas ganz Unnormales zu tun. Ich frage sie, liebe Gemeinde: welcher vernünftige Mensch käme denn sonst auf die Idee, an bestimmten Tagen bestimmten Menschen die Kravatte abzuschneiden?

Ausgehend jetzt von diesen beiden Beobachtungen: man macht sich unerkenntlich für die anderen, man macht die anderen gewissermaßen blind und man bricht aus aus dem Gewohnten, aus dem sich selbst auferlegten Trott – von diesen beiden Beobachtungen her, möchte ich zurückkehren zu unserer Geschichte von dem blinden Mann und das möchte ich tun, weil beide Beobachtungen zu Fasching eben auch mit dieser Geschichte etwas zu tun haben.

Auf was wir nicht näher einzugehen brauchen ist z.B. die Art der Heilung. Wir Heutigen würden sagen: das ist ein Wunder, aber das interessiert Lukas gar nicht, sogar so wenig, dass er nichts darüber berichtet, was Jesus noch tut neben dem Wort "Sei sehend": keine Handauflegung, kein Speichel wie bei anderen, kein gar nichts: also lassen wir das getrost weg. Wichtig aber ist das Verhalten des Bettlers. Normalerweise – so berichten es die Lexikas und so lehrt es uns auch so manch heutige Erfahrung – ist der bettelnde Mensch zu einer völligen Passivität verdammt, will heißen: er ist ständig darauf angewiesen, dass man ihm etwas – hoffentlich Gutes – tut. Sinnbildlich wird das in der zu einer Schale geöffneten Hand sichtbar: sie ist leer und der bettelnde Mensch hofft, dass jemand vorbei kommt und etwas darein füllt. Ansonsten kann er nichts tun: er sitzt und wartet bis jemand anderes kommt und etwas für ihn tut!

Dieser blinde Bettler aber, der ja wahrscheinlich tagtäglich viele Menschen an sich vorzeiziehen hört, hat nicht aufgegeben, sondern ist aktiv geblieben: er fragt die Umstehenden "Was ist das für ein Lärm, den ich da höre?" Und die Umstehenden antworten vage: "Das ist Jesus von Nazareth". Ich sage vage deshalb, weil mit "Jesus von Nazareth" noch nicht viel gesagt ist, außer eben dem Namen jenes Mannes. Und jetzt kommt wieder die Aktivität des Bettlers: "Jesus, du Sohn Davids, erbarm dich meiner." Das ist eindeutig mehr als Jesus von Nazareth: du Sohn Davids gibt an, in welcher Stellung der Bettler Jesus erkennt, nämlich als den, den Gott gesandt hat. Im wahrsten Sinne des Wortes unerhört so ein Verhalten – deswegen sagen auch die ersten aus der Menge, die mit Jesus geht: Schweig! Aber unser Bettler lässt sich nicht auch noch mundtot machen, wo er doch schon nichts mehr sehen kann: nein, er schreit lauter als zuvor: Du Sohn Davids! Und da erst bleibt Jesus stehen, der bestimmt schon vorher den Bettler erkannte, hat er es doch um des Verstehens willen nicht äußere Worte nötig. Und er bleibt stehen und fragt den Bettler etwas, was eigentlich auch allen klar zu sein scheint: was willst du, dass ich für dich tun soll. Ja, um Gottes-Willen: was soll denn der Blinde schon wollen! Natürlich will er wieder sehen. Aber unser Blinder sagt nicht etwa: das weißt du schon, Herr oder er gibt auch nicht pampig irgendetwas zurück, sondern er sagt ganz klar und nüchtern: Herr, dass ich sehen kann! Und in diesem ganz ganz kurzem Zwischenstück, zwischen der Antwort des Blinden und der Heilung durch Jesu Wort ist die Beziehung zu der zweiten Aussage von vorhin zu finden: der Blinde will wirklich sehen können, er will nicht nur Menschen und Formen unterscheiden können – das konnte er auch schon, als er blind war, sonst hätte er wohl kaum sich so lange auf der Straße halten können, nein: er will wirklich sehen können und wirklich sehen können heißt insofern mehr, als es ein Begreifen und Verstehen beinhaltet: Herr lass mich die Welt sehen, wie sie ist, lass mich erkennen, warum du auf diese Erde kommen musstest, um sie zu erlösen, lass mich begreifen, was ich in dieser Welt zu tun habe, damit ich ein würdiger Nachfolger deiner sein kann.

Das alles und noch viel mehr heißt wirklich sehen können. Denken sie an den Weg, den Jesus zurücklegte, bevor er dem Blinden begegnete: dort sprach er zu seinen Jüngern: der Menschensohn wird verspottet werden, er wird misshandelt werden, er wird gekreuziget werden und sterben. Aber das ist nicht das Ende, denn er wird wieder auferstehen. Und was wird von den Jüngern berichtet, liebe Gemeinde: Sie aber begriffen nichts davon und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie verstanden nicht, was damit gesagt war. In diesem Punkt, glaube ich, war der blinde Bettler schon weiter als die Jünger: wenn er sagt, du Sohn Davids, dann hat er schon etwas von dem erkannt, was wichtig ist. Und das andere will er auch noch erkennen – deswegen fragt ihn Jesus danach: was willst du? So heilte ihn Jesus von seiner organischen Augenkrankheit und er lernte zu sehen, wie Jesus ihn gefragt hatte, denn es wird weiter geschrieben. Und er folgte ihm nach! So sah er das, worauf es ankam: das Scheitern Jesu vor den Menschen, ihre Verstocktheit und Ich-Zentriertheit, ihren Neid und ihren Geiz und ihre Verderbtheit, aber er sah auch, was dagegen getan wurde in Jesu Kommen und er sah wohl auch, dass er in der Nachfolge Jesu würde etwas dagegen tun können, indem er handelte, wie es Jesu ihm gebot.

"Zwei Dinge also tuen not: bleib nicht sitzen in dem Boot

und geh hinaus und handle auch, wie es bei Christenmenschen Brauch

ein zweites noch, das heißt auch wagen, dass wir als Christen manchmal sagen:

Jesus starb für unsre Sünden und dann die Welt ganz neu ergründen

mit ihrem Leid und ihrem Schmerz: dort sei unser Christenherz"

Liebe Gemeinde, ich wünsche ihnen ein frohes Faschingstreiben: brechen Sie aus dem Gewohnten aus und stellen Sie sich blind für sich und andere durch Ihre Verkleidungen. Und dann kehren Sie wieder zurück und lernen wieder die Welt neu sehen!

Und der Friede Gottes, der stärker ist als all unsere Blindheit, bewahre eure Sinne und Herzen in Christus Jesus.

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