Aschenputtel und die Kirchentagslosung

Der Text, der meiner heutigen Predigt zugrunde liegt, ist zwar eigentlich 2010 erst wieder an der Reihe. Aber die Losung des diesjährigen Kirchentags „Lebendig und kräftig und schärfer“ ist diesem Bibelabschnitt entnommen und gibt mir Grund, mich für die Predigt daran zu halten:

[TEXT]

Liebe Gemeinde, einmal hatte ich bei einem Besuch ein schönes Erlebnis: ein Mädchen erzählte aus dem Religionsunterricht der 3.Klasse mit Begeisterung und in allen Einzelheiten die Geschichten von Abraham, Isaak und Jakob, von Sara, Rebekka, Lea und Rahel. Ich dachte spontan: Wenn ich doch alles vergessen könnte, was ich weiß, – und noch einmal ganz von vorn die biblischen Geschichten kennen lernen …

Andererseits möchte ich nicht zurück in die Kindheit. In eine Zeit, wo die Eltern übermächtig sind. Wo unwillkürlich eine Vermischung zwischen ihnen und Gott stattfindet. Gottes Auge sieht alles. So heißt es in unserm Predigttext. Er scheint von etwas Verheerendem zu sprechen, gefährlich für die Psyche. Gott erscheint als verlängerter Arm der Eltern. Denn wo die Eltern nicht hinkommen, – das Wort Gottes wirkt auch da. Es dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein und ist ein Richter der Gedanken … des Herzens. Unser Leben ist doch immer ein vermischtes Gebilde. Will das Christentum Aschenputtel-Menschen heranziehen? Dem Aschenputtel im Märchen schütteten die Stiefschwestern die Linsen und Erbsen in die Asche und verlangten, dass Aschenputtel sie wieder herauslas. So kommt es mir vor, wenn fromme Christen (mich eingeschlossen) sich verpflichtet fühlen, die eigenen Regungen peinlich genau in gut und schlecht, wertvoll und wertlos zu sortieren. Für mich war es befreiend, von Jesus im Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen zu hören: „Lasset beides miteinander wachsen bis zur Ernte“. Oder muss die Vermischung von Gott und menschlicher Autorität wie mit scharfem Schwert geschieden werden? Da sich diese Vermischung in der Psyche abspielt, bedeutet dies sicher schmerzhafte Prozesse auch im Innern.

Als Erwachsene haben wir jedenfalls die Chance, uns bewusst darüber Rechenschaft abzulegen, was wir tatsächlich als Wort Gottes ansehen und was nicht. Ich gebe euch heute meine Antwort auf diese Frage. Dabei werden Frage und Antwort nicht theoretisch bleiben. Es geht auch darum: Wie gehen wir mit dem Wort Gottes und wie geht das Wort Gottes mit uns um?

Das Wort Gottes ist lebendig – aktuell und zeitbezogen wie die Worte der Propheten immer waren. Eine Ahnung davon hat mir das Gesangs-Duo Simon&Garfunkel mit ihrem Song „Sound of Silence (Die Stille)“ vermittelt. Da heißt es: „Die Worte der Propheten stehen an den Wänden der U-Bahn-Schächte und Mietshäuser geschrieben.“

Dabei können frühere Gottesworte, wie sie in der Bibel aufgeschrieben sind, durchaus wieder zu aktuellem Wort Gottes werden. Doch dabei kommt es auch darauf an, wer diese Worte in den Mund nimmt und wozu.

In einem Text des frommen Kabarettisten Hanns Dieter Hüsch heißt es:

„Ich habe Menschen gesehen die

wenn sie ihr Opfer gefunden hatten

sofort etwas schneller und etwas lauter sprachen

Im Namen des Volkes im Namen des Vaters

Im Namen der Was-weiß-ich-Revolution.

Ich habe Menschen gesehen die sofort etwas schneller

Und etwas lauter sprachen oder vorlasen aus Büchern

Und mit belegter Stimme alles belegten nur um Sieger zu werden

Die immer etwas mehr wussten und etwas besser wussten als ihre Opfer (…)

Ich habe Menschen gesehen die ganz plötzlich aufsprangen

Um etwas zu sagen und sich wieder hinsetzten

Mit schneeweißem Gesicht

Abgeschlagen

Hinterher sich dann heimlich betranken (…)

Und in motorisierten Küchen unter den Tisch fielen

Ohne Unterschrift“ (in: Das Schwere leicht gesagt, S.110f)

Gottes Wort ist scharf, d. h. parteilich. Auch wenn die einen Menschen es missbrauchen, um etwas zu belegen, um Sieger zu werden – es steht auf Seiten der anderen, der zum Schweigen gebrachten Opfer. Es gibt ihnen die Kraft, „plötzlich aufzuspringen, um etwas zu sagen und sich wieder hinzusetzen mit schneeweißem Gesicht“. Es hilft beim Sagen des Ungesagten.

In einer Familie oder Dorfgemeinschaft, in einem Verein oder einer Gemeindegruppe kann scheinbar über alles geredet werden – doch worüber darf nicht geredet werden? Nach dem Motto „Nur nicht dran rühren“? Die meisten Leute fühlen sich vielleicht ganz wohl mit diesen ungeschriebenen Gesetzen; aber einzelne Menschen, die in einer solchen Atmosphäre des Verschweigens aufwachsen und leben, kann das Tabu krank machen. Es ist die Aufgabe von Seelsorge und Psychotherapie, einen geschützten Raum zu eröffnen, oder wenigstens auf ihn hinzuweisen, einen Raum, in dem kein Geschöpf verborgen ist, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt. Manchmal kann es befreiend sein, wenn etwas aus dem Verschweigen heraus zur Sprache kommt.

Wie schwer fällt es doch, einem Mitmenschen ein offenes Wort zu sagen. Ich denke daran, wie ich vor Jahren einmal einen Freund auf sein Alkohol-Problem ansprechen wollte. Das war ein Gefühl, wie wenn ich eine elektrische Oberleitung mit der Zunge berühren sollte. Mindestens ebenso riskant dürfte es sein, Gottes Wort in den Mund zu nehmen!

Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig… Es ist die Kraft der hoffungslos Unterlegenen.

Ich denke an die Geschichte über einen Schweigemarsch von schwarzen Kindern und Jugendlichen „In Selma (Alabama)“ im Rahmen der Bürgerrechtsbewegung um Martin Luther King. Der Sheriff lässt die jungen Leute von Polizeiautos einkesseln und zum Laufschritt antreiben, erst 6 Meilen vor der Stadt lässt er sie zum Stehen kommen, von Polizisten umringt. Dort tritt ein 12-Jähriger dem Sheriff entgegen: „Die Zeitungsschreiber haben Sie umkehren lassen, damit niemand Sie sehen soll. Aber Gott sieht Sie doch!“ (NKursbuch Konf Praxisbuch S.105)

Oder ich denke an den Wehrmachts-Soldat, der dem Vortrag des NS-Führungsoffiziers zugehört hat. Und als es heißt: „Gibt es noch Fragen?“, steht er auf, holt sein Neues Testament aus der Tasche und zeigt es dem NS-Führungsoffizier mit den Worten: „Hier steht es anders.“

Ich möchte mich gern mit dieser Seite des mutigen Widerstands identifizieren. Aber ich stamme von einem NS-Führungsoffizier ab – einem, dem es gezeigt werden musste. Der eine Delle in der Seele behielt, eine Delle namens 1945 – und sie an seine Kinder weitergab, nun als Pfarrer und damit in einer doppelten Autoritätsposition.

So habe ich mich oft gefragt: ist das Wort Gottes nicht trotz allem zu gefährlich – sollte ich nicht doch lieber die Finger davon lassen? Denn selbst wenn ich es in der Not (wenn ich mich unterlegen fühle) als Waffe gut gebrauchen kann – es kann sich doch noch wie ein Bumerang gegen mich kehren. Und das gilt wohl für uns alle. Wir sind nicht immer auf der „richtigen“ Seite. Mal sind wir die Unterdrückten – dann wieder die Unterdrücker.

Aber die Finger davon lassen hilft nicht – es ist ja nicht gesagt, dass Gottes Wort die Finger von mir lässt. Und vielleicht will ich das ja auch gar nicht. Letztlich glaube ich ja doch, dass das Wort Gottes für mich gut ist. Wie gut? Ich möchte es mit einem anderen friedlicheren Bild sagen, es neben das Bild vom zweischneidigen Schwert stellen (das ja auch nur ein Gleichnis ist). Mein Bild stammt aus dem schon erwähnten Märchen vom Aschenputtel. Und zugleich erinnert es an das Symbol der Friedenstaube und der Taube des Heiligen Geistes.

Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und sanfter als eine Taube. Es kommt, wenn ich es zu Hilfe rufe, um die guten Körner aus dem Aschenhaufen meines Lebens zu sammeln, die wertvollen Erfahrungen, von denen ich noch zehren kann. Das Wort Gottes scheidet und unterscheidet mit sicherem Blick: „Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen.“ Und wenn dann die Trauerarbeit getan, das Vergangene aufgearbeitet ist, dann schmückt mich die Taube des Wortes Gottes mit einem schönen Kleid, so dass ich mich nicht mehr wie ein Aschenputtel schämen und verstecken muss, sondern mich in voller Schönheit zeigen kann. Sie lässt mich zum Fest gehen, in meinen eigenen Schuhen, die mir weder zu groß noch zu klein sind, für die ich meine Füße nicht mit dem Messer zurechtschneiden muss. Ich muss nichts abschneiden und wegmachen, darf alles annehmen, was da ist. „Kein Blut ist im Schuh!“

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