Nicht sitzen bleiben!

Am Mittwoch war Halbzeit. Da hat es Zeugnisse in den Schulen gegeben. Große Überraschungen gab es nicht. Die Zensuren standen ja schon länger fest. Allerdings hat mancher Schüler oder manche Schülerin es nun leider auch noch schwarz auf weiß: die Versetzung ist gefährdet. Das Sitzenbleiben droht. Wenn jetzt nicht etwas Entscheidendes geschieht, dann muss die Klasse wiederholt werden. Dazu hat wohl keiner Lust. Was da hilft, ist einzig und allein Bewegung: lernen, sich aufmachen und die Faulheit überwinden, den Mund dann aufmachen, wenn es gefragt ist und ihn dann halten, wenn es nicht gewünscht ist. Sitzenbleiben lässt sich in den aller meisten Fällen nur mit Fleiß abwenden. Wer da allerdings nicht schnell genug reagiert und die Gefährdung auf die leichte Schulter nimmt, kann schnell auf die Nase fallen.

Sitzen bleiben tun viele Menschen. Nicht in der Schule. Aber im Leben. Und dafür lernt man ja schon in der Schule. Sitzen bleiben, wo aufstehen gefordert ist, das kann ein Leben kaputt machen. Wer sitzen bleibt, an dem geht das Leben vorüber.

Ingo hatte sich immer am liebsten bedeckt gehalten. In der Schule fiel er nie auf. Hatte am meisten Spaß, wenn er zu Hause war und fernsehen konnte. Da sah er genug von der Welt. Sport mochte er nicht, das war ihm zu viel Bewegung. Nach der Schulzeit machte er eine Ausbildung im Büro. Da konnte er den ganzen Tag sitzen. Danach blieb er bei den Eltern

wohnen. Als er heiratete war es seine alte Spielkameradin von früher. Die kannte er wenigstens genau und wusste, dass sie ihm ein geregeltes Leben bieten konnte. Keine Überraschungen. Nicht weit vom Haus der Eltern hatte er ein kleines Grundstück gekauft und sein eigenes Haus gebaut. Nur während der Zeit der Bundeswehr war er mal weg gewesen von zu Hause. Ein geregeltes Leben. Bodenständig, sesshaft. Nur nachts holten ihn manchmal die Träume ein. Im Traum machte er die verrücktesten Dinge. Oft träumte er von einem Neuanfang weit weg. Einfach die Koffer packen und mit der Familie nach Australien auswandern und ganz neu anfangen. Er hatte viele Berichte darüber im Fernsehen gesehen. Sein Herz zog sich zusammen bei dem Gedanken. Doch dann klingelte der Wecker und ein neuer Tag auf seinem Bürostuhl begann. Die Sehnsucht blieb. Doch das Leben änderte sich nicht. Er blieb sitzen.

Und so geht es vielen Menschen. Wir sitzen viel zu viel in unserem Leben. Ruhen uns aus auf dem, was wir haben. Lassen uns nicht mehr anstiften, mit den Menschen mitzugehen. Auch in unserer Kirche. Wir sind trotz aller Weckrufe ganz zufrieden mit uns. Und anstatt viele Dinge anzupacken und zu den Menschen zu gehen, reiht sich bei uns oft Sitzung an Sitzung. So zieht das Leben an uns vorüber. Menschen, die nur sitzen, verpassen das Beste. Menschen beim Zoll, Menschen in der Schule, Menschen in ihren Wohnungen: vor Fernsehapparaten und Computern. Auch Menschen in unserer Kirche. Aufstehen fällt schwer.

Und wenn einer kommt und sagt: Folge mir! Wird es dann so sein, dass ich aufstehe und folge? Nur wenn mich seine Liebe ganz und gar ergreift. Geliebte Menschen sind zum Aufbruch fähig. Geliebte Menschen brauchen nicht an ihrem Sessel kleben zu bleiben.

So war das mit Matthäus. Einer, der ganz gut lebte, sich eingerichtet hatte in seiner Zollstation. Geld hatte er genug. Die Menschen zogen an seiner Zollstation vorüber. Nur selten brauchte er aufzustehen. Es reichte, die Hand aufzuhalten, den Zoll zu kassieren und durchzuwinken. Freunde hatte er kaum. Sie mochten ihn nicht, den Zöllner, der mit den

Römern gemeinsame Sache machte. Aber er hatte sich mit ihrem Hass abgefunden. Sollten sie doch reden über ihn. Er hatte es schön bequem. Warum sollte er sich ändern?

Abgefunden hatte er sich mit der Situation. Aber glücklich war er nicht. Die Sehnsucht nagte an ihm. Das Leben musste doch mehr sein als dieser immer gleiche Trott. Da musste doch mehr sein als das Geld. Eigentlich musste es doch möglich sein, mit den Menschen um ihn herum zurecht zu kommen. Aber wie? Seine Kraft reichte nicht aufzustehen und das Leben neu und anders zu gestalten.

Jesus aber sieht ihn dort am Zoll sitzen. Sieht seine verborgene Sehnsucht, erkennt hinter diesem verlorenen Leben die Möglichkeiten. Folge mir! Dieser Ruf trifft den Matthäus mitten ins Herz. Wie eine Flamme wärmt sie sein kaltes Herz. Einer, der mich meint, der mich sieht. Einer, der nicht sagt: du bist verloren, du hast keine Chance in diesem Leben. Einer, der ihm den Neuanfang zutraut.

Viele Menschen warten sehnsüchtig darauf, so gesehen zu werden. Gerade da, wo das Leben in immer gleichen Bahnen läuft, wo sich Menschen abgefunden haben mit dem Lauf ihres Lebens. Manche dieser Sehnsüchte brechen sich plötzlich Bahn. Nicht selten verlassen Ehepartner sich nach langen Jahren, wenn sie es nicht mehr aushalten im immer gleichen Trott, sich gefangen fühlen. Ich höre oft von solchen Trennungen auch nach 15, 20, 25 Ehejahren.

Es gibt aber auch Frauen wie Hannelore. Längst sind die Kinder aus dem Haus. Gemeinsam mit dem Ehemann gestaltet sie jeden Tag neu. Sie treiben gemeinsam Sport. Lange Spaziergänge stehen fast täglich auf dem Programm. Aber jeder hat auch seine Freiräume. Sie geht gerne ins Theater und Kino, er spielt mit Freunden Skat. Immer wieder unternehmen sie Reisen. Auch für die Enkel haben sie Zeit. Nicht immer, aber oft genug, um den Kindern eine Hilfe zu sein. Und auch der liebevolle Blick zwischendurch gelingt ihnen noch. Voller Neugier und Freude stehen sie jeden Morgen auf. Kein Tag ist langweilig. Gegenseitig geben sie sich Kraft. Ihre Liebe gibt ihnen Kraft, Neues zu wagen. Sie haben sich ihre Neugier auf das Leben erhalten und stecken sich damit gegenseitig an. So wirkt Hannelore mit ihren 70 Jahren jung und frisch, während manch ein junger Mensch schon müde und alt geworden ist.

Jesus war erfüllt von Gottes Kraft. Diese Lebenskraft hat er übertragen auf andere Menschen. Er wollte nicht, dass jemand sitzen bleibt. Aufbruch, Neuanfang hat sein Tun bestimmt. Zu diesem Aufbruch gehört auch das Überwinden von Grenzen. Er ist nicht vorbeigelaufen an denen, die ihr Leben scheinbar nutzlos verbrachten. Sein Aufbruch hat diejenigen angesteckt und mitgenommen, die sonst kaum Beachtung fanden.

Darum geht er hin zu den Zöllnern und Sündern und gemeinsam mit seinen Jüngern gibt es ein fröhliches Festmahl. Darin können wir die Gemeinschaft erblicken, die Gott sich wünscht. Keine saubere Gesellschaft von anständigen Menschen. Die Sitzenbleiber sind da genau so am Tisch wie die Spitzenmanager. Mit Liebe geht das. Und nur mit Liebe geht das.

Wie das junge Mädchen, das stets unauffällig und brav gewesen ist. Die Schule hat sie beendet. Ihr Abitur war nicht gerade überragend. Aber sie hatte es geschafft. Außer mit ihren Freundinnen zusammen zu sein, hatte sie wenige Interessen. Doch dann auf einmal spürte sie: ich muss etwas anfangen mit meinem Leben. Nicht nur für mich, sondern für andere. Sie machte sich auf und bewarb sich für ein soziales Jahr in Indien. Bei den Ärmsten der Armen wollte sie sein. Sie spürte: die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Ihr Leben nahm eine Wendung. Sie machte sich auf. Sie wollte nicht länger sitzen bleiben und bekam so eine Ahnung von der Größe und Kraft der Liebe.

Es sind solche Geschichten des Aufbruchs, die etwas erzählen von Gottes Reich. Wer sitzen bleibt, kann dieses Reich nicht einmal erahnen. Für das eigene Leben lässt sich das wohl auch feststellen, dass gerade die Aufbrüche die wichtigen Zeiten gewesen sind. Wo ich Neues gewagt habe und mich auf dünnes Eis begeben habe, da bin ich gewachsen. Da hat das Leben mich erfüllt.

Solche Aufbrüche sind da gelungen, wo ich geliebt war. Wo liebende Menschen mir den Rücken gestärkt haben. Da konnte ich aufstehen.

Jesus ruft bis heute. Lasst uns nicht sitzen bleiben, sondern Aufbrüche wagen. Hier vor Ort, in unserer Gemeinde, mit den Menschen um uns herum. Es gibt genug Menschen, die warten, dass wir aufstehen und auf sie zugehen. Da ist genug Liebe in Christus, dass wir es wagen können, unseren Sessel hinter uns zu lassen und etwas Neues zu machen.

Denn eins ist auch gewiss: der Tisch, an dem Jesus mit Sündern und Zöllnern gesessen hat, ist auch für uns gedeckt. Im Abendmahl bekommen wir einen Vorgeschmack darauf. Da sind alle eingeladen, wie belastet oder beladen sie auch sind. Christus macht uns stark, dass wir ihm folgen können. Dann werden wir hingehen können und gelernt haben, was es heißt, dass Barmherzigkeit für Gott das aller Größte ist. Mit Barmherzigkeit im Rücken braucht niemand sitzen zu bleiben. Dann wird es so sein wie bei Matthäus. Er stand auf und folgte ihm.

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