Von der Kraft der Veränderung

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

so entstehen Gerüchte und Vorurteile, so schnell hat einer seinen Ruf weg und – etwas Dreck bleibt schließlich immer kleben.

Da muss sich Jesus nur einem Außenseiter, einem Ausgegrenzten, einem, der sich selbst in Abseits manövriert hat, zuwenden, ihm seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenken, schon gilt er als Freund und Unterstützer der Spitzbuben.

Fresser und Säufer, einer, der mit Sündern und Zölnern verkehrt – da klingt der ganze Anstand einer Gesellschaft mit, die immer schon weiß: so etwas tut man nicht.

Für uns mag das auf den ersten Blick nur schwer verständlich sein. Zöllner sind in unseren Augen heute ja durchaus anständige Leute, oft sogar im Beamtenstatus, sie sind so etwas wie Menschen im Polizeidienst an den Außenposten unsres Landes oder der Europäischen Gemeinschaft, die allerdings die schlechte Angewohnheit haben, es nicht in Ordnung zu finden, wenn wir zuviel Sprit aus Polen in Kanistern transportieren oder für Nachschub an Glimmstengeln unverzollt und unversteuert sorgen.

Nichts destotrotz – die Arbeit eines Zöllners heute mag in manchen Augen lästig erscheinen, weil sie sich doch nur gegen vemeintliche Kavaliersdelikte oder gleichsam sportliche Übungen wendet, aber die Ausüber dieses Berufes sind doch ganz redliche Leute.

Das war zu Lebzeiten Jesu ganz anders.

Zöllner waren außen vor aus einem doppelten Grund: zum einen arbeiteten sie mit der Besatzungsmacht, den römischen Behörden, zusammen. Das machte sie in den Augen ihrer Landsleute zu Verrätern.

Und zum anderen mussten sie bei der Einkassierung des Wegezolls darauf achten, dass sie selbst nicht zu kurz kamen neben den Gebühren, die an Rom abzuführen waren – dass machte sie nicht nur in den Augen der Reisenden, sondern auch tatsächlich zu Betrügern und Gaunern.

Mit solchen Leuten redet man nicht und verkehrt man auch nicht. Das verbietet der Anstand ganz von allein.

Aber so ist Jesus eben nicht. Sein Bild von Menschen lässt sich nicht von Vorurteilen und Ausgrenzungen bestimmen. Er durchbricht bewusst Tabus und hinterfragt ohne groß zu fragen, was doch als Konsens in der Gesellschaft gilt.

Damit würde er wahrscheinlich auch heute noch anecken und sich unbeliebt machen.

Menschen und Gruppen, die sich abseits gestellt haben, ausgegrenzt sind – egal ob aus eigenem Antrieb oder durch unglückliche Umstände gibt es genügend: die Obdachlosen der Großstadt oder die Tippelbrüder auf der Landstraße, die Süchtigen und Abhängigen, die es aus der Bahn geworfen hat, die Menschen, die in den langen Jahren der Arbeitslosigkeit das Arbeiten verlernt haben und denen nicht mehr zu helfen zu seinscheint, die Kranken und Infizierten. Wir zeigen zwar nicht mehr mit dem Fnger auf sie, wir lassen sie auch nicht so einfach links liegen, wir delegieren die Sorge um sie an caritative und soziale Einrichtungen, aber wir halten sie gerne auf Distanz zu unseren Lebenswelten.

Ich selbst wäre irritiert und unsicher, wenn sie am Sonntagmorgen so einfach unter uns ihren Platz einnehmen und mitfeiern wollten.

Aber so ist Jesus nicht.

Er gibt sich nicht zufrieden mit Projekten, die Menschen am Rand versorgen und am Rand belassen, er will alle in der Mitte haben – auch die, die nicht so können oder wollen, wie andere es erwarten.

Denn er hat eine Mission und eine Vision. Er hat einen Traum und einen Auftrag mit seinem Leben: siehe, das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen.

Da wo Gott nahe kommt und wo sein Wille menchliches Denken und Tun bestimmt, da kann es kein Leben am Rand oder außerhalb der Gemeinschaft geben. Ein Mensch ist und bleibt ein Mensch ohne Abstriche und ohne Unterschiede. Diese Einsicht, die wir für unsere demokratischen Strukturen erst wieder gewinnen mussten, war im Leben und Handeln Jesu

und den Menschen, die vom Glauben an ihn bestimmt haben, immer schon gegenwärtig.

Deshalb geht Jesus an unserem Zöllner nicht vorüber, sondern er sieht ihn an. Er schaut mit den Augen Gottes und entdeckt, was jeder und jede sein kann und ist: Mensch, Geschöpf Gottes, Ebenbild des barmherzigen und lebendigen Gottes.

Jesus sieht, was eben Zöllner und Pharisäer teilen – das beide wesentlich besser sind als ihr Ruf – den haben ja unter uns auch die Pharisäer weg, die allgemein als Heuchler und Betrüger gelten und dabei nur Menschen waren, die es mit dem Glauben und der religiösen Praxis eben so ernst nahmen, wie es nicht alle unter den Umständen ihres Lebens konnten.

Jesus sieht Gott hinter jedem Gesicht und möchte allen zu ihrem waren Gesicht verhelfen.

Zugegeben dafür kann nicht alles beim alten bleiben.

Der Ruf in die Nachfolge hat eine doppelte Botschaft.

Die eine lautet: lass dein altes Leben hinter dir. Es kann nicht so bleiben, wie es war. Zöllner waren nun einmal Menschen, die mit den Besatzern arbeiteten und die eigenen Landsleute betrogen – warum auch immer. Wer sein Leben in Ordnung bringen muss, der muss es auch wollen. Es geht eben nicht nach dem Prinzip: hier werden sie geholfen. Sondern die ausgestreckte, die entgegengestreckte Hand, die will dann auch ergriffen werden.

Die andere Botschaft lautet: Vertrauen lohnt sich und trägt die Kraft zur Veränderung in sich. Wer vertraut, wer glaubt, kann gar nicht alles beim alten lassen.

Der Zöllner, hier heißt er Matthäus, an anderer Stelle heißt er Levi, hat das begriffen, vielleicht hat er es in den Augen Jesu lesen oder in seiner Stimme hören können.

Vertrau mir und werde, was du nach Gottes willen sein sollst: ein Mensch mitten unter Menschen, ein geliebter und für wert geachteter Mensch.

Matthäus steht auf und lässt sein altes Leben hinter sich.

Wir können uns diesen Bruch gar nicht radikal genug vorstellen. Er bricht mit seinem alten Leben, er wagt den Sprung ins völlig Unbekannte ohne Netz und doppelten Boden mit nichts anderem in der Hand als diesem Ruf: Folge mir nach.

Wir müssen uns das klar machen: der Glaube hat Konsequenzen, die Nachfolge kann nicht im Hinterzimmer stattfinden oder unter fernen laufen stattfinden.

Wenn Menschen sich heute mit Religion beschäftigen und auf dem Schnäppchenmarkt der religiösen Angebote einkaufen und sich ihre Praxis zusammenstellen, dann kommt häufig Religion als Wellness- und Entspannungsprogramm dabei heraus. Kuschelglaube und Wohlfühlreligion.

Ja, ich bin überzeugt und mir sicher, dass uns der Glaube und das Vertrauen auf Gott um Jesu willen gut tut, aber er ist auch radikal, hat Konsequenzen und will uns verändern. Er ruft heraus aus alten Selbstverständlichkeiten und stellt sich auch den sozialen Herausforderungen.

Der Glaube sieht die Not und das Elend und setzt aus der Kraft der Hoffnung auf das Reich Gottes Taten der Liebe und der Verantwortung dagegen.

Der Glaube igelt sich nicht in der sonntäglichen Morgenstunde ein, sondern stellt sich dem alltäglichen Leben als Herausforderung, die Gott uns zutraut und zumutet.

Sicher müssen wir jetzt nicht alle zu Aussteigern werden wie Matthäus, vielleicht gehören wir auch zu weiten Teilen zu den Gesunden, die im Augenblick keinen Arzt brauchen. Aber wir können und dürfen nicht den Blick davor verschließen, dass vieles unter Menschen und auch unter uns im Argen liegt und auf Abhilfe wartet.

Ich bin überzeugt davon, dass zu allen Zeiten und allen Orten gelten soll: der Glaube mischt sich ein. Vielleicht ist der richtige Weg und die richtige Antwort auf Fragen und Herausforderungen nicht immer ofensichtlich und muss errungen und erstritten werden. Aber gemeinsam können wir ihn finden und gehen.

Ich habe auch keine Patentrezepte, um Armut auch in unserem Land erfolgreich und schnell bekämpfen zu können, aber ich kann und will mich nicht mit einer Zweidrittelgesellschaft zufrieden geben, in der ganze Regionen, Landstriche oder Generationen keine Perspektive mehr haben.

Ich allein kann die Klimakatastrophe nicht verhindern, von der Umeltexperten in diesen Tagen eindrücklich warnen, aber ich kann heute schon mein Verhalten ändern und andere ermutigen, es mir gleich zu tun.

Ich kann und darf die Augen aufmachen und hinschauen, wahrnehmen und anfangen.

Dabei werde ich so manches Mal auch das Gefühl haben: ich bin zu klein und ich bin zu schwach.

Dann tut es gut, wie Matthäus nicht nur aufzustehen und das Alte und Falsche hinter mir zu lassen, sondern auch die Augenblicke des Festes zu genießen.

Ohne Fest gibt es keine Veränderung.

Es braucht die Stunden der Feier um die Aufgaben des Alltages zu bewältigen.

Hierin liegt die Kraft des Sonntages.

Wo ich ihn feiere, gewinne ich die Kraft für den Alltag.

Ohne Sonntag kein Alltag.

Bewahren wir uns diesen Schatz und diesen Reichtum. Bewahren wir uns die Kultur des Feierns,damit wir an der Arbeit des Alltags nicht zerbrechen.

Jesus schaut auch uns an und er ruft mit entgegengestreckter Hand: folge mir nach.

So kann etwas anders werden, neues Leben möglich werden, wo ich an meinem alten Leben leide oder zu zerbrechen drohe.

Und dann setzt er sich an den Tisch, lädt uns ein und will mit uns feiern das Fest des Lebens als Vorgeschmack auf Gottes neue Welt. Dann spüre ich: Ja, das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen.

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