Das sind so Geschichten …

Liebe Gemeinde,

<b>Ist das wirklich meine Geschichte?</b>

In übler Gesellschaft sitzen. Mit ehrlosen Menschen, habgierigem Gesindel und zwielichtigen Frauen meine Zeit vertreiben? Nein, das ist nicht meine Geschichte, sage ich.

Nein, das ist nicht meine Geschichte, sagt ER: Mit den Reichen ihren Reichtum feiern. Mit den Anständigen ein Glas Wasser auf ihre Moral leeren. Mit den Frommen im Tempel vor Andacht schmatzen. Nein, das ist nicht meine Geschichte, sagt er, sagt Jesus. Mein Geschichte ist – sagt Jesus -: Leute raus rufen. Meine Geschichte ist: Unruhige Herzen freilassen. Meine Geschichte ist: Sitzen bei denen, die erst mit drei Gläsern Wein den Mut bekommen, über Gefühle zu reden. Das ist meine Geschichte, sagt Jesus: Wohlgefallen an der Barmherzigkeit. Das ist meine Geschichte: Bei den Sündern hocken, dem ehrlosen Gesindel – wie ihr sagt – und bei den zwielichtigen Typen. Mit ihnen rede ich am liebsten über Gott.

[TEXT]

<b>Befehl ist Befehl?</b>

Schon als Kind habe ich diese Berufungs-Geschichte mit einer Mischung aus Schauer und Entsetzen wahrgenommen. „Folge mir nach“! Keine Begründung, keine Erklärung, kein Zaudern, kein Zögern, kein Abschied von den Eltern. Matthäus steht einfach auf und geht in ein neues Leben. Soll das etwa meine Geschichte sein?

Als ich Kind war gab es noch viele in der Verkündigung, die den Nachfolge-Ruf ganz in der militärischen Tradition von Führerschaft verstanden. „Befehl ist Befehl“, lautete die schlichte Begründung. Zum Befehl passt eben nur Gehorsam. Wer nachfragt, wird angeschnauzt.

<b>Raum schaffen</b>

In der traditionellen Auslegung unserer Geschichte konzentriert man sich stets auf deren Anfang und das Begriffspaar Befehl – Gehorsam. Jesus ruft den Sünder heraus, er ruft ihn weg von seinem Arbeitsplatz. Er ruft ihn weg von der Kasse; er ruft ihn weg vom Geld. Das wollen wir weder schmälern noch verharmlosen.

Was ist das für eine Geschichte: Drei Worte reichen und der schmeißt sein ganzes Leben um?

Wenn es doch ein paar Gründe gäbe! Eine Lebenskrise oder ziemlichen Stress daheim. Oder vielleicht auch eine Sucht, aus der er Befreiung hätte haben wollen. Aber nichts davon wird berichtet. Eine solche Entscheidung braucht doch Zeit. Es gäbe doch so viel abzuwägen. Kein Wort davon. Einfach nur: Er sieht ihn sitzen und ruft und der andere steht auf und folgt ihm.

Vor Augen sieht man dabei eventuell eine kahle, schmutzige Bude, wie wir sie zum Beispiel am Brenner oder früher in der innerdeutschen Grenze gesehen haben. Stimmt dieses Ambiente?

Achten wir aber wirklich auf den Text, dann erschließt sich uns ein anderer Raum.

In diesem Raum steht ein gepflegter, gedeckter Tisch. Menschen sitzen drum herum. Die Stimmung ist fröhlich, obwohl sehr ernsthafte Themen diskutiert werden. Der Evangelist kennzeichnet die Situation mit einem Zitat aus dem Hosea-Buch: Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit. Jesus eröffnet einen Raum, in dem Menschen sich begegnen. Das ist schon eher meine Geschichte. Hier kann ich mit. Er eröffnet einen Raum für neue Orientierung. So möchte ich unsere Geschichte verstehen.

Und ändert das etwas an der Entscheidung, die Matthäus fällen muss? Nein, die Situation der Entscheidung bleibt. Wer aber war Matthäus? Ein kurze Reportage, ein kurzer Einblick in sein Milieu soll uns seine Geschichte etwas näher bringen.

<b>Beruf ohne Ansehen</b>

Ein paar „schwarze Schafe“ reichen, und schon ist ein ganzer Berufsstand im Ansehen ruiniert. Besonders dann, wenn die Zeitgenossen den Eindruck haben, Angehörige dieses Berufes verdienen schnelles Geld.

Wir denken heute dabei am ehesten an Menschen rund um die Börse, an Analysten, Anlageberater, Anleger, Aktionäre, und dgl mehr. Menschen, die wir – wahrscheinlich wegen der NS-Anklänge – nicht Ungeziefer, wohl aber Heuschrecken nennen.

Im römischen Reich gab es einen Beruf, den man ähnlich herabwürdigte, den Berufsstand des Publicanus. Ein publicanus verdiente sein Geld durch Pachtverträge mit dem Staat. Dafür erledigte er z.B. das Postwesen oder den Bauunterhalt öffentlicher Gebäude, rüstete Armeen mit Kleidung aus, kümmerte sich um die Versorgung der Bevölkerung mit Weizen. Vor allem aber unterhielten die publicanii auch Banken und sie pachteten das Steuerwesen. Sie kassierten den Zoll, wie es die Bibel nennt.

Diese publicanii und deren Leitende Angestellte vor Ort sind gemeint, wenn die Bibel von Zöllnern spricht. Die Bibelkundigen unter Ihnen kennen Zachäus, von dem es heißt, wie reich er war als Zöllner. Mit den Begriffen unserer Zeit könnte ich sagen: Die Zöllner gehörten zum wohlhabenden Mittelstand. Matthäus war einer davon.

Übrigens: Kommt Ihnen das mit der Verpachtungen öffentlicher Aufgaben an private Firmen und Gesellschaften nicht irgendwie sehr bekannt vor? Unser Staat geht ja aktuell in etlichen Bereichen einen ähnlichen Weg.

Wenn nun berichtet wird, dass Jesus mit „Zöllnern“ und „Sündern“ zu Tisch saß, so kann man auf jeden Fall vermuten, dass es sich hierbei um eine durchaus wohlhabende Gesellschaft gehandelt hat, die wir uns nicht in einer düsteren Spelunke sondern eher in einem vornehmen Ambiente erlesener Weine vorstellen könnten. Ob das auch deine Geschichte ist oder ihr zumindest nahe kommt?

<b>Gesprächsfetzen</b>

Hören wir zu, was mal damals so besprochen haben könnte:

„Gegen die Römer ist doch nicht einzuwenden. Wir müssen uns fügen. Immerhin haben sie uns Frieden gebracht. Geschäft ist Geschäft. Man muss Realist bleiben. Man kann doch nicht einfach aussteigen. Schließlich habe ich Familie. Geld verdienen kann ja wohl kein Verbrechen sein. Gewinne gehören nun einmal dazu.

Wir können doch sowieso nichts ändern in dieser globalen Welt.

Letztes Jahr habe ich derart viel verdient, ihr glaubt das gar nicht. Was ich mit Geld mache? Weiß ich noch nicht? Ob ich jetzt glücklicher bin, nein, das weiß ich auch noch nicht.

Also ehrlich, Religion bedeutet mir nichts. All die Götter sind doch nur Einbildung. Schau nicht so betreten, Jesus!

Wir müssen uns unserer Verantwortung für unsere Welt bewusst werden?, meinst du. Du meinst, ich kann mich nicht hinter Römern und globaler Welt verstecken. Du meinst, ich bleibe trotzdem verantwortlich für meinen Lebensraum?

Du redest wie mein Arzt. Wie bitte? Man könnte dich auch als Arzt sehen. Ein Arzt, der die ganze Welt heilt. Da hast du dir aber viel vorgenommen. Du sagst: Wir sollten uns am Frieden und nicht am Krieg orientieren? Du meinst wirklich, Barmherzigkeit hat eine Chance in dieser Welt? Soll ich dir sagen, was ich davon halte? Besser nicht.

Du meinst, unsere Welt hat nur Zukunft, wenn ein jeder von uns sich seiner Verantwortung vor Gott stellt? Du meinst – du meinst mich auch? Ach hör doch auf, mit solchen Geschichten!“

<b>Und heute?</b>

Wie ist das heute mit dieser Geschichte?

Wir stehen doch auch genau vor diesen Fragen Welchem Herrn will ich folgen? Wer darf mir mein Leben bestimmen? Wer darf meinen Geist beherrschen? Was ist meine Lebensmitte? Wie ist mein Umgang mit der Schöpfung? Wie ist mein Umgang mit mir anvertrauten Menschen – privat und im Beruf? Wie gehe ich mit Macht um? Welchen Gott glaube ich?

Weder von Matthäus noch von Zachäus wird berichtet, dass sie ihren Beruf aufgegeben hätten. Und doch ist alles anders geworden. Es gibt keine ehrlosen Berufe, wohl aber manch ehrlose Art, seinen Beruf auszuüben.

Ja, das sind so Geschichten! Die von der Berufung des Matthäus bleibt eine Geschichte, die ich mit Schaudern und mit Bewunderung höre. Seine Motive bleiben offen. Das ist auch gut so, denn so bleibt Platz für deine und meine Beweggründe. So bleibt Raum für meine und deine Bewegung. Raum für unruhige Herzen.

Die Entscheidung bleibt. Daran führt kein Weg vorbei. Es bleibt die Frage: Wird das meine Geschichte, die mit Jesus? Diese Frage bleibt offen am Ende dieser Predigt. Nur du kannst sie zu Ende führen. Und außer dir wohl nur Gott selbst in Jesus.

drucken