Warum beruft Jesus diesen Menschen?

Jesus hat öfter mit so genannten Sündern und Sünderinnen gegessen. Das brachte ihm den Vorwurf ein, ein Fresser und Weinsäufer zu sein, einer, der nie fehlt, wo es etwas Guts gibt und dem die Gesellschaft, die er hat wohl völlig egal sei.

Wir wissen vielleicht, dass es eben Jesus nicht egal war, sondern dass er ganz bewusst zu Menschen gegangen ist, die in den Augen der Frommen seiner Zeit Abschaum waren, Leute, denen der Wille Gottes egal war.

Es geht um die Wirklichkeit des Wochenspruchs, um die Barmherzigkeit -> Daniel 9,18b: Wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.

Unsere heutige Geschichte beginnt nicht mit einem solchen Mahl, sondern damit, dass Jesus einen Zöllner bei der Arbeit antrifft. Zöllner waren damals keine Zollbeamte, sondern freie Unternehmer. Sie pachteten ihre Zollstation bei den Römern und machten damit Gewinn, je härter sie vorgingen und die meisten waren wohl auch Betrüger. Aber auf jeden fall Kollaborateure, Menschen, die mit der Besatzungsmacht zusammenarbeiteten und ihren Profit daraus zogen, dass Israel kein freies Land, sondern besetztes Land war. Schon deswegen galten sie den wirklich Frommen im Lande als schlimme Sünder, als Menschen, die das Volk Gottes betrogen.

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Der historische Hintergrund ist deutlich: Jesus hat Umgang mit Zöllnern nicht vermieden, obwohl sie den jüdischen Menschen, seinen Schwestern und Brüdern im Glauben als Sünder galten. Der Mensch hier am Zoll, Matthäus wird als Sünder charakterisiert und gerade ihn spricht Jesus an: Komm mit mir! Vielleicht ist er ja gerade in seiner Situation einer, der von Jesus etwas will. Weil Jesus das erkennt, spricht er ihn an zur Nachfolge – und er zögert nicht.

Matthäus sitzt dort an seinem Zoll. Aber dieser Zoll ist für ihn vielleicht doch nicht das einzige. Er ist bereit zu etwas Neuem, er lässt sich ansprechen: Folge mir nach! Er lässt sich in Anspruch nehmen. Auf einen solchen Ruf zu folgen ist ein hoher Einsatz. Matthäus riskiert ihn.

Jesus feiert das mit ihm – und das verärgert gerade die, die in der Gemeinde besonders angesehen sind, deren Frömmigkeit hoch geachtet ist. Gnade und Liebe sind Dinge, die Widerstand hervorrufen. Es gibt immer Menschen, die schreien nach der Gerechtigkeit, die ihnen dient.

Es geht um das, was die Theologie Rechtfertigung nennt. Der Mensch wird geachtet, weil er Mensch ist, Gottes Geschöpf. Jeden spricht Gott an. Keiner hat es verdient. Jesus begibt sich in ‚schlechte Gesellschaft’ um Menschen eine Chance zu geben. Er begibt sich auch in die ‚gute Gesellschaft’ Jeder ist eingeladen. Die Entscheidung des Einzelne macht seine Gesellschaft ‚gut’ oder eben nicht. Es gibt nicht gute oder schlechte Menschen. Jesu Einladung gilt allen – die Entscheidung muss jeder für sich selber treffen.

Jesus versteht sich als der Arzt, als der Helfer, der zu den Menschen gekommen ist – gerade zu denen, die Hilfe brauchen, um ihnen diese Hilfe zu gewähren. Er war für alle da und hat auch mit allen Gruppen Gemeinschaft gehabt. Aber wie jeder gute Arzt war er mit denen besonders, die seine Hilfe gebraucht haben und auch bereit waren, sie anzunehmen. Er verlangt nichts – er lädt ein, aber er hatte Hoffnung,. Dass sich auch bei ihnen etwas ändern könnte, dass sie andere Menschen werden könnten – und manchmal ist das auch passiert.

Jesu Botschaft, dass das Reich Gottes denen gehört, die für die traditionelle Frömmigkeit als verloren gelten, hat zur Folge, dass Unterschiede aufgehoben sind. Ansehen und Besitz spielen keine Rolle mehr, die Macht der Frommen und der Reichen hat keine Zukunft – und darum ist Jesus auch gekommen, den Reichen zu helfen, die sich helfen lassen wollen.

Die Solidarität mit den Sündern ist keine Anpassung, das ist der ewig-pharisäische Vorwurf seiner KritikerInnen. Sie ist der Weg der Veränderung: Jesus glaubt an die Möglichkeit zum Guten in jedem Menschen. Darum ruft er auch Menschen in die Nachfolge, die Anderen als untragbar gelten und die ihn in den Augen der ‚Frommen’ diskreditieren. Er riskiert die Gemeinschaft mit den ‚Unmöglichen’.

Jesus beruft in die Nachfolge. Das schafft Leiden. Ich denke an die Leiden des Matthäus, der hier seinen Beruf aufgibt für eine ungewisse Zukunft. Er spürt. Er kann nicht verharren, wo er ist, er muss aufbrechen. Aber er hat auch Angst. Er lässt alles hinter sich, was sein Leben bisher geprägt hat: Geld, Reichtum, Respekt oder Angst der Leute vor ihm.

Ich ahne die Jünger, die hier im Hintergrund bleiben. Eigentlich müssten sie Einspruch erheben, darauf hinweisen, wie sie sich bewährt haben, was sie schon alle gelitten haben um des Evangeliums willen. Dann wird dieser reiche Schnösel so einfach berufen. Der weiß ja überhaupt noch nicht, was Berufung ist, was es bedeutet, alles hinter sich zu lassen.

Ich denke an Jesus: Seine Fähigkeit, die die Hilfebedürftigen zu erkennen ist ein Charisma, eine Gnadengabe, um die ich mich auch bemühen könnte.

Wäre Jesus vielleicht heute bei Christian Klar oder Brigitte Monhaupt zu Gast?

Was müsste sich ändern, wenn wir das Beispiel Jesu heute in unserem Leben wirklich hören?

Warum beruft Jesus diesen Menschen?

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