Wir sind Kinder des elektrischen Stroms

Liebe Gemeinde,

stellen Sie sich vor Frau U. wäre heute nicht gekommen, das Licht wäre abgeschaltet, die Kerzen am Altar und die Osterkerze wären aus geblieben. Jeder von Ihnen hätte zumindest kurz gestutzt, manche wären vielleicht auch umgekehrt um sich zu vergewissern ob überhaupt Gottesdienst ist. Wir mögen kein Zwielicht, keine Dunkelheit, schon gar nicht in der Kirche. Wo etwas los ist, muss Licht scheinen, das einlädt zusammenzukommen. Man denke an die jedes Jahr noch bombastischere Beleuchtung der Weihnachtsdekoration. Gibt es kein Licht in der Großstadt, beginnen Menschen zu plündern und zu zerstören, andere verbarrikadieren sich hinter Mauern und verschlossenen Türen. Keiner kann ohne Licht leben, Pflanzen an einem dunklen Platz verkümmern jämmerlich, Menschen auch. Die einen werden aggressiv, weil sie die Dunkelheit wie eine beengende Mauer empfinden, die meisten werden müde und depressiv, wollen am liebsten schlafen und sich zurückziehen. Mit dem Komfort des elektrischen Stromes können wir unsere Räume taghell auslichten, auch mit dem Spektrum des Sonnenlichtes, für die Blumen gibt es Spezialleuchten und Strahler und auch gegen Winterdepressionen gibt es eine Lichttherapie mit einer hohen Luxzahl, die man möglichst eine Stunde lang am Tag anwenden sollte – mit großem Erfolg. Licht erlaubt es uns bis tief in die Nacht aktiv zu sein zu lesen zu kommunizieren, eine beleuchtete Straße nimmt ein Stück der Angst in der Nacht allein unterwegs zu sein. Wir brauchen Licht es ist ein Lebenselixier. Auch unsere Kinder schlafen abends leichter ein, wenn im Gang noch Licht brennt, das zeigt, dass sie nicht allein sind. So ist es kein Wunder, dass der Satz „ man hat uns den Strom abgedreht“ für eine existentielle Not steht: Arbeitslosigkeit, Kündigung, Sperrung der Konten, Ausschluss aus der Gesellschaft, Abbruch einer regelmäßigen Zulieferung mit wichtigen Gütern usw. man steht kurz vor den Ruin. Im November wurde für einen Schiffstransport eine Stromleitung unterbrochen und halb Europa fiel urplötzlich ins Dunkel. Ich saß mitten in einem Konzert als das Licht ausging. Die Stadthalle hatte Gott sei Dank eine Notstromversorgung über Generator, so konnten wir weiter hören und am Ende ging das Licht wieder an. Für andere war das katastrophal: die weltweit vernetzte Welt brach zusammen, es gab keine Heizung, keinen Herd, z.T kein Telefon, kein Fernsehen, kein Radio, eine Zeit lang gab es keine Börsenberichte, keine Sicherheitssysteme, keine Kameraüberwachung, keine Kühlung für Lebensmittel. Es war die Rede davon, dass beim Stromkonzern Köpfe rollen sollten. Wir sind Kinder des elektrischen Stroms, er prägt unseren Lebensrhythmus und unseren Kulturstandard. Ohne ihn ist es still und dunkel in unserem Leben und viele wüssten nicht, was sie mit sich anfangen sollten.

Von dieser Leere und inneren Dunkelheit, von der Kälte und der Schwierigkeit in gelungenen Beziehungen zu leben, das eigene Leben mit eigenen Herausforderungen nicht das von andern vorgegebene, davon erzählt Jesus im heutigen Predigttext:

[TEXT]

Man meint zunächst, da würden zwei aneinander vorbei reden. Das Volk stellt eine grundlegende theologische Frage und Jesus antwortet in Bildersprache. Das Volk spricht vom König der Könige, dem würdigen und einzigartigen Nachfolger König Davids, der alles richtig machen wird, was die anderen Könige verbockt habe, dem Gesalbten, dem Messias, dem Christos. Die Salbung steht für die Erwählung durch Gott. Die ganze Sehnsucht des Volkes fokussiert sich auf die Ankunft dieses Menschen. Der Glaube geht so weit, dass dieser Mensch für immer bleiben soll.

Wen erwarten sie da. Diese Vorstellung kann kein Mensch erfüllen.

Wie soll das gehen, was schwarz auf weiß zu lesen ist.

Jesus bietet eine Lösung an, die den Horizont seiner Zuhörer überschreitet, so lesen wir später auch vom ihrem Unverständnis. Manche Dinge kann man nicht direkt sagen, weil hinter den Worten ein ganz anderer Erlebnishorizont steckt.

Mit seinem Satz“ der Menschensohn muss erhöht werden“ will er verschiedene Aussagen zugleich treffen: Dieser Gesalbte, von dem die Schrift erzählt, ist und bleibt ein sterblicher Mensch. Nach seinem Tode aber wird er dennoch für das Volk da sein und von höherer Warte aus regieren. Das ist das, was wir im Glaubensbekenntnis mit den Worten „hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten aufgestiegen in den Himmel er sitzt zur Rechten Gottes des allmächtigen Vaters zu richten die Lebenden und die Toten“ beschreiben. Das ist es, was wir uns bei der Taufe zusprechen lassen „ ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“. Jesus deutet des weiteren an, dass er dieser Gesalbte sei und zugleich auch seinen eigenen Tod. Er weiß ganz klar, dass auch die intensivste Diskussion dieses Themas nicht weiterführt, wenn die Menschen nicht spüren und erleben, was das bedeutet.

Licht als ein göttliches Geschenk war dem Volk wohl vertraut, das Staunen über die Wiederkehr des Lichtes war eine tiefe religiöse Erfahrung, die im Umfeld Israels in zahlreichen Sonnenkulten ihren Ausdruck fand. „Licht und Recht“ hießen im alten Israel zwei Lose, die Königen, Priestern und Propheten helfen sollten, Gottes Willen zu erforschen. Gottes Ja zu den Gedanken und Taten der Menschen wurde durch das Los „Licht“ ausgedrückt. Mit dem Anknüpfen an die Dunkelheitserfahrung spielt Jesus auf zahlreiche Bilder der Bibel an, sei es die Wüstenerfahrung auf dem Weg von Ägypten ins gelobte Land, bei der Gott im Feuer mit auf dem Weg war, auch im Dornbusch, wie wir es in der Lesung gehört haben, seien es die Worte der Propheten, die in schweren Zeiten von Gott erzählten wie z.B. in Jes 42,16: "die Blinden will ich auf dem Wege leiten, den sie nicht wissen; ich will sie führen auf den Steigen, die sie nicht kennen. Ich will die Finsternis vor ihnen her zum Licht machen und das Höckerige zur Ebene. Das alles will ich tun und nicht davon lassen."

Oder dem Wochenspruch "Über dir geht auf der Herr, und sein Herrlichkeit erscheint über dir." (Jes 60, 2b)

In diesen prophetischen Worten wird ein Knecht Gottes, ein Diener Gottes, ein Licht Gottes angekündigt, der etwas vom Göttlichen spüren lässt.

Darauf bezieht sich Jesus, wenn er dem Volk antwortet. Das Licht, das angekündigt ist, ist da, doch die Zeit ist begrenzt. Gott zeigt sich in einem sterblichen Menschen. Nützt die Zeit, lasst euch anstecken, werdet selber Licht, tragt durch euer Verhalten, euer Tun, euer Denken und Glauben, dieses Licht Gottes in die Welt, solange ihr lebt, seid Kinder des Lichtes, lasst das Göttliche in euch aufleuchten. Wo Menschen zusammenrücken wird es warm, wo sie einander erzählen wird es lebendig, wo sie miteinander gehen und hintereinander stehen, vertreiben sie die Angst vor der Dunkelheit. Das Leben ist kein Zuckerschlecken, Krankheit, Krieg, Streit, Hass, Tod und Zerstörung, Trauer und Hoffnungslosigkeit durchweben unser Leben beständig. Doch wir sind nicht allein. Wir können das Licht Gottes erfahren, leicht und hell werden, wir können es zusammentragen und den Schein heller werden lassen und wir können es weitertragen zu Menschen, die in Dunkelheit leben, in Not Angst und Einsamkeit, denen man „Der Strom abgedreht hat“, wir sind aufgerufen zum Engagement für die Menschen, zur Nächstenliebe und zur Gemeinschaft, unser Licht wird gebraucht in unseren alltäglichen Lebensvollzügen in Politik und Wirtschaft, in Kultur und Ethik. Eines Tages, so glauben wir werden wir im Licht Gottes sein, eine tiefe Erfahrung machen, die uns so gänzlich erfüllt, da kann man jedes stromdurchflutete Medium einfach getrost vergessen.

Ich habe die Botschaft des heutigen Bibeltextes in einem Bilderbuch wiedergefunden, das ganz besonders bei den Kleinen sehr beliebt ist und fast schon zur Pflichtlektüre für Kindergärten und Schulen geworden ist. So möchte ich sie Ihnen nicht vorenthalten, auch wenn sie vielleicht der eine oder die andere schon kennt. Es ist die Geschichte von einem besseren Leben in Märchenform und wie in allen diesen Geschichten ist auch der Name des Landes Programm: es ist das griechische Wort für „besser“:

"Malon heisst das Land, von dem die Geschichte erzählt. Hinter hohen Bergen liegt es versteckt. Die Sonne – sie stieg niemals über die Bergspitzen. So war es in diesem Land immer Nacht – stockfinstere Nacht.

Die Malonen – so heissen die Einwohner dieses Landes – trugen immer Windlichter mit sich herum. So hatten sie etwas Helligkeit, einen Schimmer von Licht in ihrer Finsternis. Sie waren eigenartige Leute, diese Malonen. Jeder von ihnen wohnte ganz allein in seinem Haus. Jedes Haus wieder war von einer hohen Mauer umgeben. Kein Malone mochte nämlich den anderen leiden. Keiner war mit dem anderen befreundet. Einer war dem anderen neidig und misstraute ihm.

Da geschah es eines Tages! Es kam ein Wanderer nach Malon, in das Land hinter den hohen Bergen. Das Gesicht des Fremden war hell und freundlich. Seine Augen leuchteten. Die Malonen waren sehr verwundert. Keiner von ihnen konnte sich erinnern, dass jemals ein Fremder zu ihnen gekommen war. Auch der Wanderer war erstaunt über das seltsame Land, in dem der Tag so finster war wie die Nacht. Wo ist die Sonne? fragte der Fremde. Die Sonne, was ist das? Wir haben noch nie etwas davon gehört, antworteten ihm die Malonen.

Allein ein uralter Malone erinnerte sich, vor langer Zeit etwas von der Sonne gehört zu haben, und er bat den Wanderer: Erzähle uns etwas von der Lampe am Himmel, der grossen Himmelsleuchte.

Da begann der Wanderer zu erzählen. Die Sonne, sprach er, ist eine helle, gelbe Scheibe. Jeden Morgen steigt sie am Himmel auf. Rot leuchtet sie zuerst. Dann wird sie gelb. Wenn sie hoch am Himmel steht, strahlt sie wie Gold und schickt Licht und Wärme auf die Erde. Ihre wärmenden Strahlen wecken die Vögel in den Nestern. Singend und jubilierend begrüssen sie den Neuen Tag, sein helles Licht.

In der Sonne öffnen sich die Knospen der Sträucher und Bäume. Die Blüten lassen ihren süssen Duft verströmen. Die Sonne lockt das grüne Gras aus dem Boden. Die Blumen öffnen ihre Blütenkelche. Die Sonnenblume dreht ihr Gesicht dem Licht der Sonne zu.

Die Buben und Mädchen reiben sich in der Morgensonne den Schlaf aus den Augen und rufen: Heute scheint die Sonne! Gott sei Dank! Sie lassen die warmen Sonnenstrahlen auf ihre Haut scheinen. Sie werden ganz braun gebrannt im Sonnenlicht und springen voll Freude im Freien umher.

So wusste der Wanderer wunderschöne Sonnengeschichten zu erzählen, Tag für Tag. Die Malonen horchten mit Augen und Ohren und kamen aus ihren Häusern mit den hohen Mauern hervor. Sie setzten sich rund um den Tisch, an dem der Wanderer sass und lauschten seinen Geschichten. Ja, sie sassen bald Tag und Nacht und horchten und staunten. in ihren herzen aber wuchs ein Verlangen. Eine grosse Sehnsucht wurde wach, eine Sehnsucht nach dem Licht der Sonne, nach ihrer Helligkeit und Wärme.

Eines Tages nun musste der Wanderer weiterziehen. Er war lange genug in Malon gewesen. Er sagte: Wenn man von der Sonne erzählt, muss man sie immer wieder sehen, sonst wird ihr Bild in einem schwach. Es verblasst. So nahm der Fremde von den Malon Abschied und zog weiter. Die Malonen waren sehr traurig, dass ihnen niemand mehr von der Sonne erzählte. Was sollten sie jetzt tun? Sollten sie wieder in ihre Häuser zurückkehren? Sollte jeder hinter seiner hohen Mauer verschwinden?

Nein, das wollten sie nun nicht mehr. Das hätte sie wieder so einsam gemacht. Beisammen sein, miteinander reden und essen, einander helfen, hatten sie erfahren, ist schöner. Auch gaben die vielen Windlichter zusammen mehr Schein als nur eins. So blieben sie zusammen und arbeiteten miteinander. Jeden Morgen aber zogen sie hinaus aus ihrer Stadt auf einen Hügel und riefen gemeinsam: Sonne, liebe Sonne fein, komm mit deinem Sonnenschein, komm in unser Haus hinein, Sonne, liebe Sonne!

Da geschah eines Tages das Wunder. Es wurde hell und heller. Hinter den Bergen stieg strahlend und schön die Sonne empor. Rot leuchtete sie zunächst.

Dann wurde sie gelb.

Als sie ganz hoch am Himmel stand, glänzte sie wie pures Gold.

Voll Freude riefen die Malonen: Schaut, jetzt ist sie da! Das muss sie sein – die Sonne, das Licht, auf das wir so lange warteten. Die Malonen streckten ihre Arme und Hände der Sonne entgegen. Sie sangen und tanzten voll Freude, da es endlich auch bei ihnen hell und warm geworden war."

<i>[Christine Mühlberger et al.: „Wie die Sonne ins Land Malon kam“]</i>

In diese Freude möchte ich gerne einstimmen, wie es das Volk Israel seit Jahrtausenden in seinen Gottesdiensten tut.

Der Herr ist mein Licht und mein Heil;

vor wem sollte ich mich fürchten?

Der Herr ist meines Lebens Kraft;

vor wem sollte mir grauen?

Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe;

sei mir gnädig und erhöre mich!

Denn du bist meine Hilfe; verlaß mich nicht

und tu die Hand nicht von mir ab, Gott, mein Heil!

Denn mein Vater und meine Mutter verlassen mich,

aber der Herr nimmt mich auf.

Ich glaube aber doch, daß ich sehen werde

die Güte des Herrn im Lande der Lebendigen.

Harre des Herrn!

Sei getrost und unverzagt und harre des Herrn!

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