Wir haben eine Zukunft

Zu spät – ein grausames Wort, nicht wahr, liebe Gemeinde?

Die Älteren haben vielleicht noch die Ballade von Friedrich Schiller im Ohr: Die Bürgschaft. Da stellt Einer sein Leben als Bürge für seinen Freund zur Verfügung. Der hat drei Tage Zeit. Ist er nicht pünktlich zurück, dann wird der Andere für seinen versuchten Tyrannenmord mit dem Tod am Kreuz bestraft.

Aber dann wird es eng, das Wetter schlecht, Brücken stürzen ein. Und als er schließlich die Stadt erreicht, sagt man ihm am Tor: ‚Zurück, du rettest den Freund nicht mehr’. Aber er entgegnet: ‚Und ist es zu spät und kann ich ihm nicht, ein Retter, willkommen erscheinen, so soll mich der Tod ihm vereinen’. Am Ende rettet die große und treue Freundschaft beide vor dem Tod.

Aber die Ballade lebt in ihrer Spannung durch die Angst vor dem drohenden ‚Zu spät’. Uns allen ist es ein Sprichwort geworden, was 1989 Michail Gorbatschow zu Erich Honnecker gesagt haben soll: ‚Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben’. Im Zuge des Abservierungsverfahrens von Edmund Stoiber als Bayrischer Ministerpräsident und CSU-Vorsitzendem hat ein Journalist dieser Tage böswillig umformuliert: ‚Wer zu spät geht, den bestraft das Leben’.

Hinter all diesen Erfahrungen steckt die Sorge vor dem ‚Zu spät’. Es könnte einen Zeitpunkt geben, den ich nutzen muss, aber dann geht er vorüber und ich habe ihn nicht rechtzeitig genutzt. Und er kommt auch nicht wieder. Keine Chance zu sagen: Na ja, dann halt beim nächsten Mal. Dann gibt es kein nächstes Mal. Ich habe es verpasst.

So etwas aus dem Mund Jesu zu hören, ist doppelt unangenehm, denn wenn er es sagt, geht es um das Leben, es geht um die Zukunft. Er redet nicht ausdrücklich vom ‚zu spät, aber wenn er sagt: ‚Es ist das Licht noch eine kleine Zeit bei euch’ und: ‚Wandelt im Licht, solange ihr’s habt’, dann ist es genau das Gleiche.

Diese Worte Jesu ziehen das Evangelium aus der Belanglosigkeit heraus; der Glaube an ihn wird wichtig und besonders, er bekommt damit aber eben auch etwas Drängendes.

‚Eine kleine Zeit’ macht deutlich, dass Dinge und Gegebenheiten sich ändern, anders werden. Und damit ist etwas über die Einladung Jesu gesagt. Sie ist wichtig, sie ist wertvoll. Sie meint uns. Sie wird gesagt und verkündigt, damit wir sie hören und erkennen, wie gut sie für uns ist. Ihr Wert wird dadurch erst richtig groß, dass sie nicht endlos zur Verfügung steht. Dann könnten wir sie ja zur Seite schieben und denken oder sagen: Später, jetzt habe ich etwas Anderes zu tun. Später, wenn ich dazu komme oder wenn es sich ergibt, will ich noch mal genau zuhören und es ernst nehmen.

Viele Menschen stellen sich Jesus Christus vor wie die Feuerwehr und so sind auch ihre Erwartungen und ihr Verhalten: es ist gut, dass es sie gibt, aber besser, wenn man sie nicht braucht. Und im Moment geht es mir so gut, dass ich ihn nicht brauche.

Jesus aber zeichnet ein ganz anderes Bild von sich selbst. Eines ganz ohne Gefahr, ohne Feuer und Bedrohung. Aber eben doch so, dass er unverzichtbar ist. Wir brauchen ihn – nicht erst am Ende unseres Lebens, wenn wir alt geworden sind, nicht erst, wenn es aufs Sterben zugeht, sondern jetzt, zu jeder Zeit, auch als Kind, als Konfirmand, als Jugendlicher, als junger Mensch. Das, was Jesus für uns Menschen ist, braucht jeder. Im Bild macht er es klar.

Jesus redet von sich als dem Licht, das bei den Menschen ist, jetzt – nicht später. Und er meint damit: Ich bin da und darum ist das Licht da. Ich bin bei den Menschen und darum ist es hell bei ihnen. Daran kann kein Zweifel bestehen, dass die Menschen Licht brauchen. Wir haben in der Advents- und Weihnachtszeit viel darüber geredet, gesehen und gehört.

Nun, am Ende des Weihnachtsfestkreises, wo noch einmal die weiße Christusfarbe leuchtet und der Stern seine Strahlen in den Kirchraum schickt, werden wir noch einmal daran erinnert. Damit wir nicht vergessen, wie lebenswichtig Jesus Christus für unser Leben ist.

Wie gesagt, das Bild ist im wahrsten Sinn des Wortes einleuchtend.

Im Dunkeln geht dir deine Orientierung und deine Sicherheit verloren. Was im Hellen ganz einfach und klar scheint, ist im Dunkeln ein Problem, bis hin zum unüberwindbaren Hindernis. Du verläufst dich, du verirrst dich und weißt nicht mehr, wo du bist, wie du hinkommst, wo du hin willst.

Wenn du dir eine Wanderung in einer fremden Gegend vorstellst und du kommst in einen Wald. Und dann wird es dämmrig und sehr schnell dunkel. Du hast keine Chance mehr, dich zu orientieren. Wenn die Sonne untergegangen ist, überfällt dich die Finsternis. Angst breitet sich aus bis hin zur Panik. Ich denke, dieses Bild, das Jesus benutzt, ist verständlich.

Mit Helligkeit und Dunkelheit haben wir alle unsere Erfahrungen. Wir haben zumindest eine Ahnung davon, wie gut und hilfreich Licht ist und wie einschränkend die Dunkelheit ist. Und wir sind auch in der Lage, das Bild zu übertragen. Denn Jesus redet nicht nur an dieser Stelle davon, dass er selbst das Licht ist.

Er macht das Leben der Menschen hell und freundlich, in seiner Nähe können Menschen atmen, leben, können sehen und erkennen. Sie können ihr eigenes Leben entdecken; sie müssen es nicht verstecken, weder vor sich noch vor anderen Menschen. Sie müssen sich nicht schämen, dass sie so sind, wie sie sind. Menschen erleben, dass, anders als man ihnen einreden will, ihr Leben wertvoll und voller Zukunft ist.

Nicht, weil sie auf einmal gut und sündlos und fehlerlos wären, sondern weil sie vom Licht Jesus Christus angestrahlt werden, weil sie vom Wert des Lebens Jesu angestrahlt werden.

Das ist wie auf dem Berg der Verklärung: die Jünger werden angestrahlt von dem Licht Jesus Christus. Und dann werden sie selber hell und erfüllt von dem, was Jesus Christus für sie bedeutet. Das geht nicht immer schnell und sofort, manchmal braucht es Zeit. Aber schließlich haben sie erfahren, wie gut ihnen die Nähe Jesu tut. Sie verstehen, dass Jesus für sie gekommen ist, für sie leiden wird, für sie sterben wird, für sie auferstehen wird. Das Licht hat seine Kraft in ihnen entfaltet, sodass sie das glauben können.

Das ist die erste und wichtigste Aufgabe des Lichtes: dass wir an Jesus Christus glauben und dass sein Weg – so zu leben, zu leiden, zu sterben und aufzuerstehen – unser Weg ins Leben ist.

Ich erkenne es für mein Leben. Mein Leben wird hell, es wird erträglich, ich kann es gestalten, wenn ich glaube, dass es ein Leben mit Jesus ist. Er ist mein Licht in den schwierigen Entscheidungen meines Lebens – was soll ich machen, welche Berufsausbildung, welches Studium und wo, mit welchem Menschen möchte ich mein Leben verbringen; wie gestalten wir unser Ehe- und Familienleben, wie erziehen wir unsere Kinder, wie gehen wir mit unseren Eltern um, wie bringe ich mich in die Gemeinde ein, wie führe ich schwierige Gespräche.

Jeder kennt die Fragen seines Lebens, die sich nicht von allein lösen und für die es ja alle auch ein ‚zu spät’ gibt.

Wir fassen diese Dinge an, wir überlegen und entscheiden – und in allem sind wir angestrahlt vom Licht Jesus Christus. Das zeigt sich in jedem Leben anders; jeder wird zu seinen Entscheidungen geführt. Da braucht es kein System und keine für alle und für immer gültigen Regeln – wir haben aus dem Gesetz gehört … Das Leben mit Jesus ist lebendig und aufregend und spannend und nicht immer schon aus dem Gesetzbuch zu regeln.

Entscheidend ist es, sich auf ihn einzulassen, ohne immer schon im Voraus zu wissen, was das für einzelne Lebensentscheidungen bedeutet. Es heißt, sich seinem Licht anzuvertrauen, auch und gerade weil es uns zeigt, wer wir sind und dass wir ohne ihn keine Zukunft haben.

Welchen Sinn sollte es haben, diesen Gedanken auf später zu verschieben und damit ein ‚zu spät’ zu riskieren? Jetzt lebe ich und jetzt hat Jesus Christus mit mir zu tun. Er droht nicht damit, aber er deutet es an: es gibt ein ‚zu spät’ und dann kann ich mein Leben ihm nicht mehr anvertrauen, es seinem Licht nicht mehr aussetzen.

Die ganze Weihnachtszeit bis zum heutigen Sonntag hat uns Jesus Christus gezeigt, wer er ist und wie wichtig er für unser Leben ist. Er will, dass wir leben und dass wir uns freuen. Er will, dass die schweren Entscheidungen und die unangenehmen Erfahrungen uns nicht einreden, wir wüssten nicht mehr, wo es hingeht. Was immer das Leben mit uns macht: wir haben eine Zukunft und zwar eine ganz bestimmte: eine helle, eine erleuchtete, eine mit Jesus Christus. Darauf vertrauen wir, auch wenn alles dagegen spricht. Denn mit ihm und durch ihn sind wir Kinder des Lichts.

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