Vom Unverständnis zum Einstimmen

Was kurz vor unserem heutigen Predigttext passiert: Von Tausenden bejubelt, zieht Jesus in Jerusalem ein. Die Erwartungen im Volk sind so richtig aufgeblüht: nun wird endlich alles anders werden. mit ihm als dem verheißenen Messias wird Gottes Reich, – Friede, Recht und Gerechtigkeit – endlich Wirklichkeit und zwar für immer! Und da fängt Jesus an, von seinem bevorstehenden Sterben zu reden.

Die Reaktion der Leute darauf beschreibt der Evangelist Johannes in Kapitel 12, Vers 34-36 folgendermaßen:

[TEXT]

„Dies sagte Jesus und ging fort und verbarg sich vor ihnen.“

Schlimmer kann ein Predigttext kaum enden. Die Leute stellen Jesus eine klare Frage, und er antwortet in einem seltsamen Rätsel von Licht und Dunkelheit, – und dann verdrückt er sich

Ich muss schon sagen: das ärgert mich! So kann man doch nicht mit den Fragen von Menschen umgehen!? Oder ist Jesus etwa nicht bereit zu einer wirklicher Auseinandersetzung? Will er sich auf die harten Anfragen seiner Zeitgenossen nicht einlassen?

Für Johannes ist dann auch noch alles klar. Er sieht nicht bei Jesus den Fehler, sondern bei den Leuten, sie wollen eben nicht glauben, ihre Herzen sind verstockt, so erklärt er in den auf unseren Predigtabschnitt folgenden Versen. Doch was für Johannes eindeutig ist, will ich doch zumindest hinterfragen dürfen. Ich kann jedenfalls die Menschen damals sehr gut verstehen, die so entsetzt reagieren, als sie Jesus von seinem Sterben sprechen hören.

Haben Sie doch von den Propheten gehört, dass, wenn der Messias, der von Gott Gesandte, kommen wird, dass dieser dann in der Kraft Gottes den Frieden bringen wird und zwar für immer. Denken wir doch nur an die Worte von Jesaja:

„Ein Kind ist uns geboren,

ein Sohn ist uns gegeben,

und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter;

und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst;

auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende

auf dem Thron Davids und in seinem Königreich,

dass er’s stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit.“

(Jesaja 9,5f)

Ewig-Vater, Friede, Recht und Gerechtigkeit in Ewigkeit – braucht es mehr Worte, um menschliche Sehnsucht zu benennen? Unfriede herrscht auf der Erde, Unterdrückung, Unrecht und Ungerechtigkeit auch. Allgegenwärtig ist die Erfahrung von Leid und Tod. Aber einmal – irgendwann kommt er, der allem, was niederdrückt, ein Ende macht. Irgendwann, aber ganz gewiss, wird der kommen, der seine Macht nicht missbraucht, der die Sehnsucht der Menschen nach Frieden, Geborgenheit und Gerechtigkeit erfüllt. Und das wird dann endlich für immer sein! Für wieviele Menschen war diese Hoffnung letzte Kraft zum Durchhalten in ihrem Lebenskampf. Ein mal wird alles für immer gut!

Und dann erzählt man sich eines Tages auf den Straßen und Plätzen, der lang Erwartete sei gekommen. Endlich. Ja, der muss es sein, der Friedenstifter, der Helfer der Armen, der Tröster und Heiler, der, der sogar Menschen wie Lazarus dem Tod zu entreißen vermag. Dann aber spricht ausgerechnet er vom Sterben, von seinem Tod. Welch eine Enttäuschung! „Wir haben doch gelernt, dass der Christus in Ewigkeit bleibt.“

Ja, diese Enttäuschung kann ich so gut nachvollziehen. Brennt doch auch in mir diese Frage, und erschüttert immer wieder mein Vertrauen: Was hat‘s denn wirklich gebracht, dass Jesus in die Welt kam? Hat sich denn wirklich was in unserer Welt verändert? Immer noch erleiden Tausende von Kinder Gewalt in der eigenen Familie. Immer noch sterben Kinder viel zu früh ihren Eltern weg, immer noch werden Tausende von der aufbrechenden Erde verschluckt, immer noch sprechen die einen den anderen das Lebensrecht ab, weil sie fremd, zu alt oder zu krank seien.

Und bei solchen Fragen möchte ich eben nicht mit einem Rätselwort abgespeist und allein gelassen werden.

Liebe Gemeinde, wie schon oft, mache ich aber auch hier die Erfahrung, dass Ärger mich nicht nur in Ablehnung und Abwehr führen muss, sondern mich vielmehr zu einer tieferen Entdeckung führen kann. Je länger nämlich mein Ärger mich an der für mich unverständlichen Reaktion Jesu festbeißen lässt, desto mehr beginne ich zu entdecken und zu begreifen: über solch wirklich existentiellen Fragen kann man nun wirklich nicht einfach theoretisch diskutieren. Antworten auf Fragen, die so tief im Erleben und Erleiden des Lebens wurzeln, können nur im Vollzug des Lebens und Glaubens wachsen.

Und so beginne ich erst wirklich zu verstehen, warum Jesus – wie wir vorhin hörten – die Jünger vom Berg des großen Lichts, wo sie Jesus endlich so richtig erkannten, wieder in‘s Tal des Alltags schickt, ohne dass sie etwas für ihre große Erkenntnis in der Hand hätten Weil sich Glauben, Gottes Wirklichkeit, eben letztlich nur im Vollzug des ganz normalen Lebens entdecken lässt.

Und ebenso kann ich dann auch den Satz Jesu: „Geht euren Weg, solange ihr das Licht habt.“ nochmals anders hören.

Ich vermute dahinter kein Ausweichen mehr, denn jetzt kann ich feststellen: Bei all meinen so heftigen Fragen bin ich einem Trugschluss aufgesessen: Ich habe die Sehnsucht nach Frieden, Recht und Gerechtigkeit mit der Erwartung verbunden, mich selbst nicht ändern zu müssen.

Es gibt eben Haltungen, auf denen kein Segen ruht. Dazu zählt das Verlangen nach dem starken Mann, der reinen Tisch machen, Recht und Ordnung schaffen wird – natürlich stehen wir dann als Sieger auf seiner Seite. Wir Deutsche wissen ja aus unserer Geschichte, wieviel Menschenverachtung und todbringendes Leid mit der Erfüllung dieser Erwartung verbunden sein kann.

Einer wird kommen, der bringt Frieden und Gerechtigkeit für mich? Nein, der Gesalbte Gottes will in mir Frieden schaffen, damit ich selber Friedenstifter werde. Er erbarmt sich meiner, damit ich selber Barmherzigkeit üben kann.

Wir erwarten aber so oft das Licht von außen, dabei will doch Jesus, dass wir selbst zu Lichtträgern, Söhne und Töchter des Lichts, werden. Und durch seine Worte und Taten hat Jesus gezeigt, was Licht in menschliches Leben bringt, das durch Leid und Schuld oft als stockfinster erfahren wird. In seiner Nähe konnten Menschen wieder aufatmen, in seiner Gegenwart fingen Menschen wieder an aufrecht zu gehen, von seiner Liebe getroffen fingen sie an, ihr Hab und Gut mit anderen zu teilen. So kam und kommt das Licht in die Welt.

Und so sollen auch wir in diesem Licht gehen, um selber Licht zu werden. „So hat er ein helles Licht in unseren Herzen entzündet. Damit durch uns alle Menschen Gottes Herrlichkeit erkennen sollen, die in Jesus Christus sichtbar wird.“

Und das macht er nun wirklich dringend: „Nur noch kurze Zeit ist das Licht bei euch. Geht euren Weg, solange ihr das Licht habt.“

Bedenkt, Ihr habt nicht alle Zeit der Welt, ihr habt nur dieses eine Leben, um in dieser Welt das Licht zu entdecken und selbst Licht zu sein. Und das ist nun wirklich nicht als Drohung oder Druckmittel gedacht, es ist einfach wesentliche Erfahrung unseres Lebens. Wie oft machen wir doch die erschreckende Erfahrung, dass es wieder mal zu spät ist, nämlich das zu leben, was unser Leben letztlich reich gemacht hätte.

Reinhard Mey besingt diese Erfahrung in eindrücklicher Weise:

Es ist immer zu spät,

ungläubig siehst du zu.

Es ist immer zu spät,

die Dinge sind schneller als du.

Die Zeit ist immer zu knapp,

schreib‘ deinen Brief noch heut‘ und lauf,

gib ihn heute noch ab,

es wartet jemand darauf,

mit Bangen und Hoffen,

die Arme weit offen.

Doch die Zeit kommt dir zuvor

Und wieder stehst du vor

Verschlossenem Tor.

Es ist immer zu spät.

Es ist immer zu spät.

Wie du dich sträubst,

egal.

Es ist immer zu spät,

es gibt kein nächstes Mal.

Du bist so nah dran,

steh auf, da ist ein Telefon.

Nimm deinen Mut, ruf einfach an,

so lange warten sie schon.

Du kannst sie noch erreichen,

gib nur ein Lebenszeichen.

Ja, sofort. Ja, nachher.

Sie warten nicht mehr.

Das Zimmer ist leer.

Es ist immer zu spät.

Es ist immer zu spät, du hast es nicht gewagt,

dein „ich liebe dich“ bleibt immer ungesagt.

Den versproch’nen Besuch hast du nicht gemacht,

du hast nicht mehr an ihrem Bett gewacht,

du hast die Blume nicht ins Haus gebracht

vorm ersten Frost in der sternklaren Nacht.

Es ist immer zu spät.

Es ist immer zu spät,

die Chance ist schon verpasst.

Es ist immer zu spät,

wenn du begriffen hast.

Die Bitte zu verzeih’n,

die du zögernd verdrängst,

sprich sie aus und lenk‘ ein,

du wolltest es längst.

Du musst sie jetzt sagen,

oder ewig `rumtragen,

Deine Worte: Verzeih!

Hätt‘ ich doch! – Einerlei.

Könnt‘ ich doch noch!

– vorbei.

Ja, wie oft schiebe ich doch gerade das Gespräch vor mir her, das die eisige Atmosphäre wieder erwärmen könnte; wie oft halten mich all die vermeintlich wichtigen Geschäfte von dem einen Besuch ab, bei dem ich meinen inneren Frieden hätte wieder finden können. Wieviele Schuldgefühle lähmen und behindern mich in meinen Begegnungen, weil ich das eine Wort nicht über die Lippen brachte – Verzeih!

Immer dringender höre ich deshalb Jesus mich herausfordern: „Geh deinen Weg, so lange du das Licht hast.“ Und du hast es! – auch wenn du es immer wieder übersehen magst. Sei ehrlich, du kennst sie doch eigentlich ganz gut, diese Stimme in dir, die dich immer wieder auf den Weg setzen will. OK, vielleicht hast du sie seit langem mit anderen Stimmen verstellt, aber horch ganz neu genau hin, warte nicht auf große Zeichen, suche diese Stimme in dir auf, und du wirst das Licht entdecken. Das Licht ist nicht außerhalb zu suchen, sondern in uns selbst aufzuspüren Es ist in unseren Herzen entzündet (vgl. Schriftlesung).

Und niemand sage: Vielleicht ist es bei den anderen, aber bei mir ist alles nur ganz finster. Durch den Heiligen Geist ist Christus in uns allen – Dafür steht die Taufe: mit seinem Geist versiegelt. Wir brauchen also nicht weit zu gehen, wir haben einen Berater, Helfer, Freund in uns, und das gute ist, der kann auch weibliche Gestalt in uns annehmen. Horche in dich hinein. Suche deinen inneren Berater oder Beraterin auf. Und glaub an das Licht – vertrau ihm Und handle. Besser: du musst einen Weg korrigieren, als du bist nie aufgebrochen!

Ja, nun begreife ich wirklich: Jesus will mit seinen Worten meine Fragen nicht abweisen, sondern er will mich dorthin weisen, wo ich selbst meine Antworten finden kann und finden werde. Da, wo du jetzt bist, da ist die Chance zu handeln, und dabei das lebenspendende Licht Gottes zu erleben. Sicherlich wird manche schwere Frage schmerzlich offen bleiben, aber du wirst Antworten, Impulse, Lichtblicke finden und erleben, die dich mit all deinen offenen Fragen weiter bringen.

Also, geh deinen Weg – und geh ihn jetzt und heute – da du das Licht hast.

Darauf möchte ich heute wirklich von ganzem Herzen einlassen und AMEN, ja das will ich,

sagen.

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