Möge das Licht in ihren Herzen scheinen

Liebe Gemeinde,

die Tage werden allmählich wieder heller. Das ist gut so, denn wir Menschen sind sehr auf das Licht angewiesen. In der dunklen Jahreszeit sinkt unsere Stimmung leicht in den Keller. Wenn die Sonne scheint, werden wir gleich viel optimistischer.

Deshalb ist es gut, wenn wir uns zum Kaffeetrinken treffen und dann eine Kerze auf dem Tisch anzünden. Das ist feierlich. Das ist ein Licht im Raum, das uns das Licht in uns selbst besser erkennen lässt. Und schon werden die Gespräche viel leichter so, dass es heller wird zwischen uns. Das Licht der Kerze lädt uns ein, so zu reden, dass es wärmt, wohl tut, gemütlich und feierlich ist.

Auch hier in der Kirche brennen Kerzen. Die Kerzen auf dem Altar, die Taufkerzen und die Jahreskerze wollen uns auf ein Licht verweisen, das in unsere Seelen scheinen will. Sie zeigen uns Jesus Christus, das Licht der Welt. Sie wollen uns einladen, dass Jesus Christus auch das Licht in unserem Herzen wird.

Ich lese uns den heutigen Predigttext aus dem Johannesevangelium Kapitel 12 die Verse 34-36:

[TEXT]

Das ist sicher nicht einfach zu verstehen, aber es lohnt sich. Dieser Text ist wie ein Edelstein, den man ausgraben und schleifen muss, damit er leuchtet. Ich lese den gleichen Text noch einmal in der Übersetzung „Bibel in gerechter Sprache“:

Die Leute nun antworteten Jesus: Wir haben aus der Tora gehört, dass der Messias in Ewigkeit bleibt, wie also kannst du sagen, dass der erwählte Mensch emporgehoben werden müsse? Wer ist dieser erwählte Mensch?“ Jesus nun sagte ihnen: „Nur noch kurze Zeit ist das Licht unter euch. Geht umher, da ihr das Licht habt, damit die Finsternis euch nicht aufnimmt. Aber alle, die in der Finsternis umhergehen, wissen nicht, wohin sie gehen. Da ihr das Licht habt, glaubt an das Licht, damit ihr Kinder des Lichts werdet. Dies redete Jesus und ging weg und versteckte sich vor ihnen.

Wir lauschen hier einem Gespräch, das schon eine ganze Zeit dauert. Jesus unterhält sich mit Menschen, die ihn befragen. Neugierig sind diese Menschen. Auf der Suche sind sie, auf der Suche nach etwas, das ihr Leben wirklich erfüllt. Sie wollen die Wahrheit spüren, die ihrem Leben Sinn gibt. Sie wollen eintauchen in eine Liebe, die der Grund der Welt ist.

Jesus hat etwas, das sie hoffen lässt. Sie quetschen ihn aus. Frage über Frage kommt aus ihrem Mund. Sie haben endlich einen Termin bei dem berühmten Jesus bekommen, über Freunde. Und nun wollen sie die Chance nutzen.

Das finde ich als erstes sehr wichtig, liebe Gemeinde. Jesus ist im Gespräch mit uns. Unser ganzes Leben besteht aus Frage und Antwort. Wir fragen im jugendlichen Alter „Wer bin ich?“ und in mittleren Jahren „Was will ich mit meinem Leben noch machen?“ und im Alter schauen wir zurück und ziehen Bilanz und hoffen, uns selbst einen gnädigen Blick auf das Gewesene zu ermöglichen. Wir suchen nach Antworten.

Unsere Familie, aus der wir kommen und der Freundeskreis, der uns wichtig ist, gibt uns Antworten. Was die Großeltern und Eltern uns beigebracht haben, das wirkt, das wirkt in uns nach bis zu unserem Lebensende.

Liebe Gemeinde, ich wünsche uns, dass in den Antworten, die wir finden, Jesus Christus da ist als das Licht der Welt. Das ist überhaupt nicht selbstverständlich. Die Menschen, um die es in unserem Predigttext geht, die finden bei Jesus nicht die Antwort. Und das ist sehr schade, denn damit bleiben sie nach den Worten Jesu in der Finsternis. Wer im Licht gehen will, der muss in Verbindung bleiben zu dem Licht der Welt, Jesus Christus.

Wir alle, wie gute Christinnen und Christen wir auch sein mögen, sind in der Gefahr, das Licht aus den Augen zu verlieren und die Finsternis in unser Herz zu lassen. Deshalb feiern mit miteinander Gottesdienst, damit wir wieder auf das Licht hin ausgerichtet werden.

Schauen wir uns unseren Predigttext genauer an, um zu verstehen, worauf es ankommt.

Die Menschen, die zu Jesus kommen, haben eine bestimmte Erwartung. Sie erwarten einen Retter, den Messias, der in Ewigkeit bleiben wird und der für die Menschen alles gut machen wird. Jesus macht deutlich, dass er dieser Retter ist, dass er aber gekreuzigt werden wird und dann in anderer Weise, als sie es erwarten, da sein wird. Er wird in Ewigkeit bleiben, aber nicht sichtbar. Die Rettung wird nicht einfach fertig vom Himmel geschickt, sondern sie beginnt als Licht in unseren Herzen und dann ist die Rettung unsere Aufgabe, ein Leben lang.

Die Erwartungen der Menschen werden nicht erfüllt. Sie müssten sich auf etwas anderes, neues, unerwartetes einlassen. Dann könnten sie das große Glück finden. Aber das tun sie nicht. Das ist eine Aufforderung an uns anders zu handeln. Öffnen wir unsere Erwartungen für das Licht, dass uns von Gott her entgegen kommt. Lassen wir uns von Gott überraschen! Wir müssen offen sein für das, was Gott für uns bereit hält. Und deshalb müssen wir bereit und offen sein, wenn unsere Erwartungen nicht erfüllt werden. Wenn unsere Sehnsucht gestillt wird, aber eben ganz anders, als wir dachten.

Wir bekommen nicht einfach das Glück wie einen fertigen Gegenstand, den man nur noch auspacken muss. Wir bekommen das Glück wie einen Samen, den wir ausstreuen und pflegen müssen. Wir werden eingeladen zu einem Abenteuer, das uns fordert. Die Rettung der Welt geschieht, aber sie geschieht durch Schwierigkeiten und Verlust und Leiden hindurch. Dafür steht das Kreuz Jesu.

Das heißt für uns: auch wir bekommen nicht ein Leben ohne Leiden versprochen. Gott sagt nicht: es wird alles leicht. Du bekommst alles in den Schoß gelegt.

Aber Gott sagt: ich bin bei dir. Du wirst immer so viel Kraft bekommen, wie du brauchst. Das Licht ist in dir, auch wenn um dich herum Finsternis ist.

Liebe Gemeinde, jede von uns hat in ihrer Lebenssituation eine Menge Möglichkeiten. Jeder von uns hat Chancen, die andere so nicht haben. Wir können dann das Beste daraus machen, wenn wir nicht an den alten Erwartungen festhalten. Wenn wir nicht am alten Ärger und dem alten Streit festhalten. Setzen wir uns dem Licht aus, das alle Finsternis vertreibt, Jesus Christus, der uns zu sich ins Licht zieht. Dann können wir im Licht wandeln. Dann können wir ans Licht glauben. Dann können wir zu Kindern des Lichts werden.

Kinder des Lichts. Eine starke Vorstellung. Dann sind wir ja verwandt mit dem Licht. Wir stammen vom Licht ab wie Kinder von ihren Eltern. Und wir wissen ja, dass Eltern für ihre Kinder eintreten und alles für ihre Kinder tun, voller Liebe und Unterstützung, bereit zu verzeihen. Wenn wir Kinder des Lichts sind, Kinder Gottes, dann kann uns eigentlich nichts mehr Schlimmes passieren. Denn dann gehören wir zu dem Gott, der alles geschaffen hat, der alles erhält und alles in den Händen hat.

Unser Predigttext endet: Dies redete Jesus und ging weg und versteckte sich vor ihnen. Es deutet sich schon an, dass Jesus bedroht wird und bald umgebracht wird. Aber dieser Satz kommt hier plötzlich und überraschend. Er hatte den Menschen, die ihn neugierig befragten, gesagt: ich werde demnächst nicht mehr da sein und sie hatten ihn nicht verstanden. Aber so plötzlich dann nicht mehr da – das ist schon irritierend.

Liebe Gemeinde, vielleicht geht es uns auch manchmal so. Dass da Jesus überraschend und irritierend nicht mehr da ist. Dass etwas geschieht, was mich aus dem Licht heraus wirft und in die Finsternis stürzt. Dass mein Glaube schwer geworden ist. Dass sich Glück und Leichtigkeit verflüchtigt haben.

Ich bitte Sie: halten Sie trotzdem am Glauben fest. Denn nur so gewinnen Sie das Licht. Nur so können Sie die Verbindung halten zu dem, der das Licht ist und uns zu Kindern des Lichtes macht. Der Messias Jesus Christus bleibt in Ewigkeit und deshalb bleiben wir Kinder des Lichts. Das gilt, auch wenn es nicht immer zu sehen und zu spüren ist.

Stellen wir uns vor: da brennt ein Kerze. Ich kann sie sehen. Aber dann komme ich auf meinem Weg an einer Mauer vorbei, die mir vorübergehend den Blick versperrt. Jetzt kommt es darauf an, nicht in Panik zu verfallen, nicht stehen zu bleiben, nicht wegzulaufen, sondern in Ruhe meinen Weg weiterzugehen. Dann werde ich das Licht, das da ist, bald wieder sehen, sobald die Mauer zu Ende ist.

Möge das Licht in ihren Herzen scheinen.

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