Als sei er erst jetzt Mensch geworden

Ein Sterbender. Seine Familie um ihn herum: Frau, Tochter, Enkel, Schwiegersohn. Abschied aus Familienleben, vom Streit darüber, ob es richtig war, dass der Enkel Kunst studiert und nun Taxi fährt. Abschied von der Zeit der Pflege, als die Tochter den Vater wickelte. Abschied vom Sterben, das von jedem hier ein Stück genommen hat.

Der Sterbende liegt im Bett. Bilder treten vor seine geschlossenen Augen. Bilder aus der Kindheit, als die Zukunft so unendlich weit vor ihm lag, dass er unsterblich schien. So wenig Vergangenheit war an ihm vorbeigeflossen und so viel Zukunft war auf ihn zugeflossen. Das Bild vom Gesicht seiner jungen Frau mit dem Fleck an der Oberlippe verschwimmt mit dem Gesicht seiner alt gewordenen Frau über ihm, mit Tränen in den Augen. Der Fleck ist zum dunklen Hügel geworden. Der Betrug zieht vorbei, die Freude an der anderen Frau und dieses hässliche Gefühl, betrogen zu haben. Er wollte niemanden verletzen. Es war ihm nur so vorgekommen, als würde sein Leben von der Nacht verschlungen. Auf der Suche nach dem Lichtschalter hatte er diese Frau berührt. Verwechselt hatte er sie schlicht mit dem Licht, aus Panik, es würde nie wieder Licht werden. Wie die Kindheit zerbrochen war an der Jugend, so war das Paradies der Treue zerbrochen am Betrug. Kein böser Wille war es gewesen. Wer in der Finsternis wandelt, der weiß nicht, wo er hingeht. Und doch hat die Panik ein Stück Dunkelheit zurückgelassen.

Sein Leben ein Fluss voller Bilder. Er fließt vom Paradies in die Welt. Sprudelnd, klar, der Zukunft zugewandt am Anfang. Je weiter er fließt, desto mehr mischt sich dazu: Äste, Treibgut, Sedimente, was jemand hineinwirft, was einem so zufließt. An seinem Ende liegt er kraftlos, trübe und schwer in seinem Bett. Die Bilder von früher im Herzen. Ein Sterbender. Seine Familie um ihn herum: Tochter, Enkel, Schwiegersohn.

Wer ist der Sterbende? Das Kind von damals, verschüttet unter den Umständen? Der Mann in seiner Kraft, das was er tat, was er erreichte, was bleibt von ihm? Der alte Wickelmensch, noch atmend, noch spürend, noch Bilder sehend. Was ist der Mensch? Ein Noch? Bedroht vom Nichts der Finsternis?

Wer ist dieser Menschensohn?

Was ist der wahre Mensch, wie er sein sollte? Was ist des Menschen wahrer Kern?

Sollte er nicht ewig sein, der Mensch?

Liebe Gemeinde!

Heute ist der letzte Sonntag nach Epiphanias. Der letzte Sonntag der Weihnachtszeit. Wir stehen an einem Übergang: vom Licht der Weihnachtszeit ins Dunkel der Passionszeit, von der überschwänglichen Freude ins Leiden. Von der Geburt zum Tod.

Der Predigttext für heute steht im Johannesevangelium an der Stelle, an der das Leben Jesu sich von der Freude in Leid wendet.

Das Leuchten von Weihnachten geht bis ins 12. Kapitel des Johannesevangeliums, wo unser Predigttext steht. Bis hierher wird Jesus geboren: Er wuchs heran, ein beachtlicher Mensch. Er hat vom Reich Gottes erzählt und Gleichnisse zur Tat werden lassen: Blinde sahen wieder, Taube hörten, ja Tote kehrten zurück ins Leben im Angesicht dieser Geburt. Hier, in unserem Predigttext vollzieht sich die Wende. Hier macht sich der Lebendige zum Sterbenden. Es folgen nun die Abschiedsreden und der Tod. Der Christus, der das Leben ist, wird der Sterbende. Der Menschensohn, der Mensch des Paradieses, der neue Adam, Gottes Geist in Menschengestalt gibt die Antwort, was der Mensch ist. Jesus gibt die Antwort für den Sterbenden in seinem Bett. Er spricht nicht für ihn, nicht über ihn. Nein. Er wird selbst der Sterbende, gibt die Antwort als Sterbender. Er antwortet nicht direkt, sondern dreht die Frage um: Was ist der Mensch ohne Licht? Finsternis, ein Bündel Panik, trüber Fluss, der sich seinem Ende entgegenschiebt. Darum geht ins Licht, solange ihr das Licht habt, damit euch die Finsternis nicht überfalle. Wer in der Finsternis ist, weiß nicht, wo er hingeht. Erst im Licht ist überhaupt zu erkennen, wer wir sind. Geht ins Licht, damit ihr erkennt, wer ihr seid: Kinder des Lichts, Menschensöhne, Menschenkinder.

Das Evangelium dieses Sonntages, der den Namen »Fest der Verklärung Christi« trägt, erzählt: »Und Jesus wurde verklärt vor ihnen, und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht« (Mt 17,2). Das ist nicht „nur“ symbolisch gemeint. Drei der Jünger haben tatsächlich eine Erscheinung erlebt – eine Epiphanie, in der Jesus, der Mann aus Fleisch und Blut, vor ihren Augen verwandelt wurde in eine Lichtgestalt, in den Christus, in dem die göttliche Wirklichkeit in dieser Welt erscheint, so wie es nach ihnen anderen auch gegeben war und wie es auch künftig geschehen wird: Menschen in der Nähe Jesu Christi schauen die Antwort auf die Frage, was ist der Mensch: sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie Licht;

Christus, der wahre Mensch und seine wahre Menschlichkeit ist die Antwort auf die Frage „Was ist der Mensch?“ In der Verklärung kommt der wahre Mensch zum Vorschein und zeigt uns, wer wir sind. Als Mensch unter Menschen hat der Menschensohn gezeigt wie es uns als Menschen zu leben geziemt. Als Christus zeigt er, zu was wir geschaffen sind, Licht für die Welt als Christen, mit leuchtenden Gesichtern wie die Sonne: Menschen in der Beleuchtung Gottes eben. Leben als „Nachhauseweg in die Zukunft“ (Johannes Taig). Dorthin nimmt Gott alle seine Geschöpfe mit.

“Ein verlockender und vernünftiger Weg ist das auch deshalb, weil der Christus vorangeht, weil er nicht erst erfunden werden muss und auf diesem Weg nicht alles auf unsere Vernunft und Kraft ankommt. Wir dürfen ihm nachdenken, nachfolgen, nachleben. Dann sollten wir es aber auch tun, mit unserem Herzen, mit unserem Verstand mit unseren Taten, solange er noch bei uns ist mit seinem Wort und Sakrament, mit seinem Trost und Segen.

Wer nach seiner eigenen Menschlichkeit fragt, wird vernünftigerweise an dem Christus nicht vorbeigehen, an dem Menschen Gottes für unsere unmenschliche Welt. Als Mensch Gottes ist er mehr als ein Vorbild. Ihm dürfen wir nachdenken, nachfolgen, vertrauen.“ (Johannes Taig)

Wie kommt man aus der Dunkelheit in den Bereich des göttlichen Lichtes? Die Antwort im Sinne des Predigttextes muss lauten: Man geht aus dem einen heraus – in das andere hinein. Wir sind in unserem Alltag ununterbrochen damit beschäftigt, aus Räumen heraus- und in andere hineinzugehen. So ist das auch in der Religion. Man kann bewusst in den Bereich des göttlichen Lichtes treten. Das heißt, Gottes Wirken in seinem Leben zulassen – mehr nicht.

Je weniger der Sterbende wurde, desto mehr schien sein Dunkel sich zu lichten. Desto mehr brach ein Licht sich Bahn, das alle Dunkelheiten vertrieb.

Die Umstehenden sahen, wie er regelmäßig, ganz konzentriert atmete, als wolle er sich in besonderer Weise sammeln. Langsam atmete er aus. Tief atmete er ein.

Später erzählte die Tochter der Pfarrerin, sie meine, sie hätte verstanden, was er gemurmelt habe: „Christus, Licht der Welt! Christus, Licht des Lebens!“ Langsam, als schmeckten die Worte nach auf seinen Lippen. Langsam und konzentriert habe er dabei geatmet. Er, der seit langem dieser Welt fern zu sein schien, nur dahinzudämmern, habe so konzentriert gewirkt wie sie ihn vorher nicht gekannt habe. Als sei er jetzt erst Mensch geworden, so habe er gewirkt. Es sei gewesen, als hätte ein anderer für ihn geatmet, ein anderer für ihn gedacht, als habe Gott selbst seine Lungen gefüllt. Er starb, als hätte Gott seinen Geist zurückgeholt, den er ihm eingehaucht hatte, als er ihn erschuf. Es war, als hätte Gott ihn zurückgeholt, um ihn Mensch, wahren Menschen sein zu lassen – mehr als er auf Erden jemals Menschen gewesen war.

Das Christus die Finsternis in uns erhelle, damit wir Kinder des Lichts werden, darum lasst uns Gott bitten in der Stille.

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