Interview mit einem Evangelisten

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war, der da ist und der da kommt. Amen.

Ich lese den Predigttext für den heutigen Sonntag aus dem Johannesevangelium, Kapitel 12:

Da antwortete ihm das Volk: Wir haben aus dem Gesetz gehört, dass der Christus in Ewigkeit bleibt; wieso sagst du dann: Der Menschensohn muss erhöht werden? Wer ist dieser Menschensohn? Da sprach Jesus zu ihnen: Es ist das Licht noch eine kleine Zeit bei euch. Wandelt, solange ihr das Licht habt, damit euch die Finsternis nicht überfalle. Wer in der Finsternis wandelt, der weiß nicht, wo er hingeht. Glaubt an das Licht, solange ihr’s habt, damit ihr Kinder des Lichtes werdet. Das redete Jesus und ging weg und verbarg sich vor ihnen.

Liebe Gemeinde, ich möchte mich diesem Predigttext mit einem Interview nähern. Eingeladen ist der Evangelist Johannes, der als Verfasser oder Redakteur dieser wichtigen Schrift gilt.

Johannes, zunächst einmal begrüße ich Sie sehr herzlich in unserer kleinen Kirche hier in Olderup. Wir haben schon viel von ihnen gehört und gelesen und freuen uns, dass wir Sie heute einmal etwas näher kennenlernen dürfen.

<i>Danke, ich freue mich auch, dass ich hier sein kann. Es ist für mich sehr interessant, wie Sie hier im Norden leben. Wasser von allen Seiten, erstaunlich!</i>

Fein, Johannes. Ja, Wasser haben wir oben wirklich mehr als genug. Das war zu Ihren Zeiten und in Ihrem Land anders?

<i>Ja, natürlich. Im Vorderen Orient und in ganz Kleinasien ist Wasser eine Kostbarkeit. Wo Wasser ist, ist Leben – wo kein Wasser ist, da ist bei uns nichts als Wüste. Eine der Hauptbeschäftigung für die Frauen war damals das Wasserschleppen vom Brunnen oder vom Fluss hinauf in´s Haus. Das war schwer und kostete viel Zeit. Ich habe gesehen, bei Ihnen kommt das Wasser aus der Wand! Erstaunlich, wirklich.</i>

Wir sind damit mitten im Thema, Johannes. Auf diesem Hintergrund lesen sich manche Geschichten der Bibel natürlich ganz anders. Am vergangenen Sonntag haben wir hier über das lebendige Wasser nachgedacht und über die Szene mit der Samariterin am Brunnen – auch dies ist eine Geschichte aus Ihrem Evangelium. Heute nun geht es um das Licht. Gibt es für diese seltsamen Worte Jesu eine ähnlich einleuchtende Erklärung?

<i>Nein, das kann man so nicht sagen. Das Licht ist für uns eine Art philosophischer Terminus, wir meinen damit die göttliche Welt. Ihr gegenüber steht die Finsternis und ihr Fürst, das Böse schlechthin. Der Mensch steht Zeit seines Lebens zwischen diesen beiden und muss sich entscheiden.</i>

Johannes, Sie sprachen von „wir“ – gehören Sie einer bestimmten Gruppe oder Sekte an?

<i>Ich gehörte zur johanneischen Schule. Wir waren eine größere Gemeinschaft, die sich sehr eingehend mit dem Glauben beschäftigte. Es war uns nicht genug, die Geschichten von Jesus zu sammeln und aufzuschreiben, wir wollten verstehen, was da geschehen war und diskutierten den tieferen Sinn des Ganzen von seiner Auferstehung her. Die philosophischen Richtungen unserer Zeit haben dabei gewiss Einfluss auf unsere Debatten genommen.</i>

Ich glaube, das müssen Sie uns etwas genauer erklären.

<i>Nun, sehen Sie doch noch einmal in Ihren Predigttext. Da ist vom Menschensohn die Rede und davon, dass das Volk nicht versteht, was er damit meint. Ist er nun Menschensohn oder Gottessohn? Das war so eine entscheidende Frage, die uns immer wieder beschäftigt hat. Und wenn er denn Gottes Sohn war, war er denn überhaupt noch Mensch oder nicht doch vielmehr Licht vom Licht und fleischgewordenes Wort? Auch Gott selbst konnten wir uns schon lange nicht mehr als alten Mann mit Bart im Himmel auf einer Wolke sitzend vorstellen – wir wussten: Gott ist mehr. Entsprechend ist Jesus mehr, mehr als Mensch. Er ist das Licht selbst.</i>

Das ist sehr abstrakt, Johannes. Mir kommt es so vor, als schweben Sie ein wenig über dem Boden. Kann das sein, dass Sie den Kontakt zur Realität verloren haben? Immerhin starb dieses „Licht“ einen doch recht gewaltsamen, sehr realen Tod – kann Licht, so wie Sie es verstehen, denn sterben?

<i>Nein, das kann es nicht. Darum konnten wir damals, 50 Jahre nach seinem Tod und seiner Auferstehung, ja auch aus der Fülle dieses Lichtes leben. Wir beteten viel, wir diskutierten viel. Das Volk aber will „Fleisch“ sehen, es will einfache Antworten und klare Lösungen – es würde, wenn es das gäbe, geistliche Fastfoodrestaurants vorziehen. Ich dagegen stehe eher für die gute Küche des christlichen Glaubens. Da muss man sich Zeit nehmen, man muss sich jedes Wort auf der Zunge zergehen lassen. Man muss Geduld haben, bis die Seele Licht wird. Dann wird man auch feststellen, dass ihr mit dem Licht mehr geholfen ist als mit einer klaren Ansage, einer unverblümten Hilfe oder einer raschen Antwort.</i>

Sie selbst und Ihre Freunde bezeichneten sich also, wenn ich das richtig verstehe, als Kinder des Lichtes. Sie sind jetzt schon seit einigen Tagen bei uns zu Gast – mal ganz ehrlich, Johannes, wie beurteilen Sie uns denn? Sind wir auch Kinder des Lichtes oder gehören wir eher zu den finsteren Existenzen?

<i>Sie wollen mich in Verlegenheit bringen, was? Wissen Sie, ich bin nicht mehr der Jüngste. Als ich jung war, fiel es mir leicht zwischen gut und böse zu unterscheiden, da war mir schnell klar, was Licht ist und was Finsternis. Ich bin seither durch so finstere Zeiten gegangen und habe auch in mir selber trotz meines Glaubens dunkle Abgründe entdeckt – erwarten Sie nicht von mir, dass ich hier urteile!

Aber ich will Ihnen sagen, was ich sehe: Sie sind sehr, sehr reich. Einen solchen Reichtum kenne ich aus meiner Zeit nicht. Nicht einmal Könige lebten bei uns so wie heute ein ganz normaler Arbeiter bei Ihnen. Sie wirken auf mich sehr unruhig und gehetzt. Nie sieht man Menschen auf den Straßen miteinander reden, da wird immer nur gehetzt, gefahren und gerannt. Sie und ihr Volk – sie machen einfach keinen glücklichen Eindruck auf mich. Ihre Kinder wirken orientierungslos. Ich war in vielen Kirchen, aber ich habe nicht einen Menschen gefunden, der mit mir zusammen beten wollte. „Das macht am Sonntag die Pastorin“ wurde mir gesagt. Ich habe einige Zeitungen gelesen – nunja. Ich glaube, Sie verstehen, was ich meine.</i>

„Wandelt, solange ihr das Licht habt, damit euch die Finsternis nicht überfalle. Wer in der Finsternis wandelt, der weiß nicht, wo er hingeht.“ So steht es im Predigttext – und das passt ja ganz gut zu Ihren Beobachtungen. Vielleicht haben Sie in den vergangenen Tagen ja auch ferngesehen. Da haben sich in Wittenberg die EKD-Synodalen zusammengefunden und suchen nach einer neuen Gestalt der verfassten Kirche in Deutschland. Wie ist denn Ihre Meinung dazu?

<i>Ich verstehe zu wenig von Ihren Strukturen. Da ist ja eine Menge Geld im Spiel und die Kirchenoberen haben eine große Verantwortung für viele Mitarbeiter. Mir ist nur aufgefallen, dass da nicht mehr die Rede ist von dem einen, der das Licht der Welt ist, sondern von 12 Leuchtfeuern, die die Zukunft der Kirche prägen sollen. Es gab zwölf Stämme Israels und Jesus hatte zwölf Jünger – den Rückgriff auf die Heilige Zahl finde ich dann doch etwas gewagt.</i>

Ja, wir beobachten die Entwicklung auch mit Sorge. Wenn es nach dem Willen der EKD geht, wird es kleine Gemeinden wie diese bald nicht mehr geben.

<i>Aber sehen Sie, das ist es, was ich meine: Sie sorgen sich um ihr eigenes Wohl, Sie haben Angst um Ihre Zukunft! Das brauchen Sie nicht, wenn Sie im Licht leben. Die Kirche ist sterblich. Bischof Huber auch. Ihre Autos, ihr ganzer Besitz – das alles vergeht. Das Licht Jesu aber ist unsterblich, seine Liebe vergeht nicht. Es war vor aller Zeit und wird in alle Ewigkeit sein. Im Licht dieses Lichtes wird so vieles klein und unbedeutend, was uns hier quält und drückt. Jesus hat Ihnen Anteil an seinem Licht versprochen. Auch Sie können aus dem Licht leben – unser Evangelium will Ihnen dabei helfen!</i>

Johannes, in unserem Predigttext macht Jesus aber eine Einschränkung. Er sagt:

Es ist das Licht noch eine kleine Zeit bei euch. Wandelt, solange ihr das Licht habt, damit euch die Finsternis nicht überfalle. Heißt das, dass dieses Licht kommt und geht?

<i>Wir alle kennen die Erfahrung, dass es manchmal zappenduster ist. Glauben Sie mir, ich habe es auch erlebt. Es gibt Tage, da findet man keinen Zugang zum Göttlichen, da hat man das Gefühl, gegen eine Wand zu beten. Manchmal fühlt man sich regelrecht gottverlassen. Unsere Schule hatte damals nicht das beste Ansehen. Man diskutierte sogar, ob unser Evangelium in den Kanon, in die Heilige Schrift dürfe! Wir seien gnostisch angehaucht, warf man uns vor. Sie können mir glauben, wir haben viel geweint in diesen Tagen. Das Licht hatte uns aber nicht verlassen, wir konnten es nur nicht spüren.</i>

Das wäre vielleicht eine wichtige Botschaft des Predigtextes für die Menschen heute. In schweren Zeiten, in Schicksalsschlägen, Sorgen und Not – da ist es oft schwer, Zugang zum Licht zu finden, weil die eigene Seele sich vor Schmerz verdunkelt.

<i>„Glaubt an das Licht!“ steht da. In den dunklen Zeiten muss man sich mit dem Glauben über Wasser halten, auch wenn man das Licht selber nicht sehen kann. Aber diesen Glauben muss man in den hellen Zeiten lernen – man muss sich sozusagen „geistliches Fett anfressen“, wenn Sie verstehen, was ich meine. Und damit scheint Ihre Gesellschaft ein Riesenproblem zu haben.</i>

Entschuldigung, das habe ich nicht verstanden.

<i>Sie müssen geistliche Reserven bilden! Glaubt an das Licht, solange ihr es noch habt, damit ihr Kinder des Lichtes werdet! Es zählt nicht nur der Augenblick, es zählt genauso was war, was ist und was kommen wird. Als Kind des Lichtes haben Sie einen großen, hellen Blick auf Ihr Leben und auf die Welt, auf Vergangenes und auf Zukünftiges. Kinder des Lichtes leuchten auch für andere, das dürfen Sie nicht vergessen!</i>

Heute haben Sie, Johannes, für uns geleuchtet, dafür erst einmal vielen Dank. Wenn ich Sie abschließend noch einmal fragen darf: Was ist aus Ihrer Sicht die wichtigste Botschaft Jesu?

<i>Er hat immer wieder von der Liebe gesprochen. Wir sollen einander lieb haben, das war sein größter Wunsch. Ich glaube, in unserer Liebe sah er sein Licht leuchten.</i>

Sie haben uns ein beeindruckendes Zeugnis sein Lebens und seiner Liebe gegeben, Johannes. Es war gut, Sie bei uns zu haben. Gott segne Sie und uns alle.

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