Augen auf!

Es war ein herrlicher und sonniger Tag. Kurzfristig entschlossen wir uns mit zwanzig milieugeschädigten Heimkindern, am Abend, zu einer in der Nähe gelegenen Burgruine zu wandern.

Der Mond schien schwach, viel konnten wir nicht sehen und die, die ganz vorne gingen, die erahnten mehr oder weniger den Weg.

Die Kinder, sie vertrauten uns. Manchmal hörten wir eines der Kinder lachen und sie halfen sich so über ihre eigenen Unsicherheiten hinweg.

Kurz vor unserem Ziel, war ein Kind verschwunden, es war einfach nicht mehr da. Warum hat es niemand gemerkt? Die Dunkelheit, sie hat etwas Geheimnisvolles und etwas Undurchsichtiges.

Die Kinder bekamen Angst, einige klammerten sich aneinander, andere fingen an zu weinen. Vier Begleiter machten sich auf die Suche nach dem Kind.

Die Dunkelheit hatte den Kindern allen Reiz an der Wanderung genommen. Ja, die Dunkelheit hatte sie wehrlos und ebenso orientierungslos gemacht. Und die Kinder erlebten, was sie vielleicht schon geahnt hatten. Die Dunkelheit, sie ist lebensfeindlich und auch wir als Begleiter waren ihr ausgeliefert.

Endlich, wir hatten unser Ziel erreicht. Im Keller der Burgruine fanden wir einen Rastplatz. Das verloren gegangene Kind war wieder aufgetaucht.

Die Kinder, sie versammelten sich um die wenigen Taschenlampen. Alle wollten zum Licht, wollten es möglichst hell haben. Wir versuchten die Kinder zu beruhigen. Doch gegen die Dunkelheit kamen wir nicht an. Einige Kinder weinten, weil es finster war. ─ So geschehen vor vierzig Jahren, während einer meiner Berufspraktika.

Dunkelheit und Licht, liebe Gemeinde, damit verbinden wir unsere Erfahrung von Freude und Schmerz, von Liebe und Lieblosigkeit, von Schönem und Schwerem.

Bei der Geburt eines Kindes lesen wir oft in den Geburtsanzeigen: „Es hat das Licht der Welt erblickt“.

Bei dem immensen Ausmaß an Dunkelheit in unserer heutigen Zeit, ist das schon erstaunlich. Und dennoch habe ich bisher noch nie die Zeilen: „Es hat das Dunkel der Welt erblickt“, in einer Geburtsanzeige gelesen.

Beide Seiten gehören zu unserem Leben dazu. Und es gilt, die dunklen Seiten nicht zu verschweigen, sondern zu verdeutlichen, wer die Dunkelheit in unserem Leben erhellen kann.

Das Licht einer Kerze, oder einer Taschenlampe, so schwach dieses auch manchmal sein mag, hat die Kraft und die Macht, auch die dunkelste Ecke auszuleuchten, wenn man die Kerze oder die Taschenlampe richtig benutzt.

Wir haben immer noch einen Lichtblick vor Augen. Liebe Gemeinde, das Licht am Ende eines Tunnels zu sehen, das ist eine Glaubensfrage, vor allem, wenn wir durch finstere Täler wandern. Dann ist es gut, wenn wir uns von dem anstecken lassen, der das Licht des Lebens ist.

[TEXT]

Unwillkürlich werden die Älteren von uns an die stockdunklen Nächte im letzten Krieg, wegen der totalen Verdunkelung unserer Häuser und Straßen, erinnert.

Das Licht, das wir uns heute leisten können, hindert uns an diese Vorstellung. Es sei denn, wir würden einen ganz einsamen Ort, an dem es keine Elektrizität gibt, aufsuchen.

Ohne Taschenlampe, ohne Kerze war man damals aufgeschmissen. Und wenn man irgendwo einen Lichtschimmer sah, dann war das eine Erlösung!

Unser heutiger Predigttext, liebe Gemeinde ruft uns zur Lebensgestaltung im Licht und zum Glauben an Jesus Christus auf, der das Licht ist. „Haltet euch an das Licht, solange ihr es habt! Dann werdet ihr Menschen, die ganz vom Licht erfüllt sind“.

Aber stehen nicht die einen von uns im Dunkeln und die anderen im Licht, ganz egal, wie sie leben und was sie glauben? Haben überhaupt einige von uns eine Chance, ihr leben im Licht zu gestalten? ─ Ich denke hier an die Menschen, die in Erdbebengebieten und von Sunami betroffenen Teilen unserer Erde leben. Die auf einen Schlag alles verloren haben und um die es dunkel geworden ist, als die Häuser über ihnen einstürzten.

Die Dunkelheit, ja die Finsternis hat sie überfallen. Und die Überlebenden, die die Finsternis überwunden hatten und das Tageslicht wieder sehen durften, durften diese Menschen wieder froh werden, als es für ihre Angehörigen und die vielen anderen Menschen, die in der Finsternis bleiben mussten, als es für diese keine Rettung mehr gab?

Umso stärker wird unsere Sehnsucht nach einem Licht, das aufleuchtet. Wir sehnen uns nach einem Licht, das kein Irrlicht ist, sondern wärmt, Geborgenheit gibt und das Vertrauen auf Gott stärkt. Dunkelheit gibt es genug um uns herum. Wir sollen Lichter sein, denn Gott selbst ist Licht. In unserem Leben soll sich etwas von der Lichtfülle Gottes widerspiegeln.

So wie der Mond sein Licht nicht aus sich selber hat, sondern von der Sonne angestrahlt wird und dieses Sonnenlicht nur reflektiert wird, so dürfen auch wir Empfänger der Liebe Gottes sein. Aber nicht um diese Liebe für uns zu behalten, sondern um sie weiter zu geben an unsere Nächste und unseren Nächsten.

Haltet euch an das Licht, solange ihr es habt! Dann werdet ihr Menschen, die ganz vom Licht erfüllt sind.

Was das für unsere Zeit und uns heute heißt, Jesus, dem Licht des Lebens nachzufolgen, das müssen wir immer wieder selbst herausfinden. Machen wir unsere Augen auf, damit wir sehen und erkennen, wo uns dieses Licht heute begegnet.

Und denken wir immer daran, dass dieses Licht nur eine kleine Zeit bei uns ist. Es kommt also darauf an, dieses Licht jetzt und heute wahrzunehmen und ihm zu folgen.

An uns dürfen andere erkennen, dass Gott da ist. Wie der Mond uns am Himmel beweist, dass die Sonne da ist, auch wenn wir sie nicht sehen, so soll man an uns ablesen, dass trotz der Unsichtbarkeit Gottes, Gott da ist. Wer sich von der Sonne bescheinen lässt, dessen Gesicht wird hell. Wer Gottes Liebe annimmt, von dem wird Liebe ausgehen.

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