Quelle des Lebens

Liebe Schwestern und Brüder,

eine Quelle, Wasser direkt aus dem Schoß der Erde, frisch, klar, kalt – wer auf einer ausgedehnten Wanderung einmal auf eine solche Quelle gestoßen ist und von ihr getrunken hat weiß, wie erfrischend und belebend das Wasser schmeckt, wie sehr es den Körper mit neuer Energie versorgt. Mit großen, festen Schritten geht danach weiter, die Seele freut sich des Lebens, der Geist freut sich der Eindrücke – wir sind glücklich!

Es ist aber ein zeitlich begrenztes Vergnügen. Die Wirkung vergeht meist viel zu rasch, Erschöpfung und Müdigkeit machen sich wieder breit. Vielleicht hat man vorgesorgt, ein wenig von dem Lebenselixier in einer Flasche mit auf den Weg genommen. Aber auch dieser Vorrat geht schnell zu Ende.

Es ist eine alltägliche, selbstverständliche Erfahrung, die schon ein Säugling lernen muss – unser Körper ist darauf angewiesen, immer wieder mit Flüssigkeit versorgt zu werden. Ein erwachsener Mensch kann zwar 2-3 Wochen ohne Nahrung auskommen, aber nur 2-3 Tage ohne Flüssigkeit.

Auch Jesus hat mit diesem zutiefst menschlichen Bedürfnis umgehen müssen. Und so ist es kein Wunder, dass er sich nach einem langen und anstrengenden Fußmarsch in den kühlen Schatten einer Oase flüchtet und seine Gefährten in das nahe gelegene Dorf schickt, um Essen zu besorgen. Als eine Frau zum Brunnen der Oase kommt um Wasser zu schöpfen, da meldet sich auch der Durst in ihm und er bittet sie, ihm Wasser zu geben.

Eine völlig normale Begebenheit, wie es scheint. Aber der Schein trügt! Schon die Tatsache, dass der Jude Jesus überhaupt hier sitzt ist außergewöhnlich. Denn eigentlich ist das Land der Samariter tabu für jeden Juden, und die Reiserouten machen einen großen Bogen darum herum. Und dass ein jüdischer Mann eine samaritanische Frau anspricht und sie bittet, ihm zu helfen, ist ebenso ein Ding der Unmöglichkeit. In den Augen der Juden sind Samariter unrein, und daher ist dem frommen Gläubigen jeder Kontakt zu ihnen verboten. Aber wie so oft hat sich Jesus wieder einmal über Konventionen und Vorschriften seiner Zeit hinweggesetzt.

Das Gespräch der beiden Menschen am Jakobsbrunnen nimmt einen eigenartigen Verlauf. Sehr schnell fällt auf, dass die beiden anscheinend aneinander vorbei reden. Denn als die Frau sich auf die bitte des Fremden einlässt und ihn mit Wasser versorgt, wechselt dieser plötzlich die Rolle. Er sieht sich nun nicht mehr als derjenige, der dankend empfängt, sondern er sieht sich als Gebender, ja sogar noch mehr: er selbst ist die Gabe.

Kein Wunder, dass die Frau nicht gleich folgen konnte. Denn es war für sie ja nicht offensichtlich, dass dieser Reisende auch nur irgendwie etwas besonderes sein sollte. Es ist ein ganz gewöhnlicher Mensch, der ihr hier gegenüber sitzt. Ein Mensch, der wie jeder andere vor der gleißenden Mittagssonne flüchtet, dem der Magen knurrt und dem die Zunge am Gaumen klebt vor Durst. Es ist kein weltrettermäßiger Auftritt, den Jesus hier abgibt. Wie also soll sie etwas ahnen?

Aber die Begegnung mit diesem Prediger verändert die Menschen. Sehr schnell merkt die Frau, dass ihr gegenüber kein gewöhnlicher Mensch sein kann. Er weiß, dass sie schon öfter verheiratet war und jetzt in einem ungeregelten Verhältnis mit einem Mann lebt. Aber sie ist doch noch skeptisch und so sagt sie: „Wie willst du ohne einen Eimer das Wasser schöpfen, von dem du sprichst? Der Brunnen ist tief, Jakob selbst hat ihn uns hinterlassen. Und du willst ja wohl nicht behaupten, dass du mehr bist als Jakob?“ „Wer das Wasser trinkt, das ich ihn geben,“, sagt Jesus, „wird nie mehr durstig werden!“ „Herr, gib mir von diesem Wasser!“

In diesem kurzen Dialog ist es zu einer rasanten Entwicklung gekommen. War eben noch ein banaler, alltäglicher Vorgang das Thema gewesen, so ist das Gespräch unvermittelt von der Oberflächlichkeit in ungeahnte Tiefen vorgedrungen. Jesus spricht von „Wasser, das unseren Durst dauerhaft löscht“. Und stellt damit gleichzeitig die Frage, was unser Leben denn jetzt erfüllt? Wo die Quelle ist, aus der wir schöpfen?

Wir leben ja in einer Zeit des unglaublichen Überflusses. Zumindest in unserer Gegend. Es gibt kaum materielle Dinge, die wir uns noch wünschen können oder müssen. Ja, selbst viele Kinder wissen gar nicht mehr so richtig, was auf den Wunschzetteln zu Weihnachten oder zum Geburtstag stehen sollte – sie haben ja alles und noch mehr.

Dieses Übermaß an Gütern lässt uns aber auch sehr schnell abstumpfen. Und ich habe das Gefühl, dass wir der Dinge sehr schnell überdrüssig werden, unzufrieden sind und rastlos auf der Suche nach immer neueren, besseren, herausfordernden Lebensquellen. Es ist fast wie bei einem Schiffbrüchigen am Meer, der vom Salzwasser getrunken hat und jetzt immer schneller immer mehr davon trinkt, weil der Durst immer größer wird und weil das Salz dem Körper weit mehr Flüssigkeit entzieht, als er je trinken kann.

Es gibt Gegenstrategien. Die Sinnsuche ist in unseren Tagen in vielen Bereichen wieder stark in den Vordergrund getreten. Es herrscht etwa ein neues Körperbewusstsein. Maßnahmen wie Joggen, Nordic Walking, Dinner canceling und ähnliches sollen dazu beitragen, dass der gesunde Geist in einem ebenso gesunden Körper wohnt. Und gerade das Laufen wird von vielen Fans als geradezu meditatives Erlebnis beschrieben.

Aber auch professionelle Seminare zur Selbstfindung erfreuen sich steigender Beliebtheit. Und mehr denn je werden auch die von Klöstern angebotenen Exerzitien als Möglichkeit des Innehaltens und des „zur-Ruhe-kommens“ angenommen. Ob es wirklich zu einem neuen Boom der Religion auch in unseren Breiten kommt, dass wage ich jetzt noch nicht zu beurteilen. Aber all diese Tendenzen spiegeln doch sehr klar wieder, dass viele Menschen mit dem „größer-schneller-weiter“ unseres Alltags nicht mehr zufrieden sind, ja ganz bewusst nach einer anderen Quelle suchen.

Das Angebot Jesu gilt. Auch heute noch! Er bietet uns lebendiges Wasser an. Er ist die Quelle, die uns täglich neu füllt und erfüllt. Er gibt uns Kraft und Stärke für die Herausforderungen des Alltags. Er öffnet unseren Blick für die Aufgaben unserer Zeit und macht uns den Mut, uns diesen auch zu stellen. Er ist der Tröster, wenn wir einen Menschen verlieren oder scheitern, wenn wir verzweifelt sind und ohne Perspektive.

Die Samariterin am Jakobsbrunnen hat sich geöffnet für dieses lebensspendende, lebendige Wasser. Und als sie gefüllt wird und ganz durchdrungen ist gibt sie das, was sie erfahren hat, auch an andere weiter. Und wird so selbst zum Brunnen des lebendigen Wassers für andere.

Seit vielen Generationen wird dieses Wasser nun schon weiter gegeben. Von Menschen, die von Christus angerührt worden sind, die durch ihn Rettung, Bewahrung oder einfach Erweiterung und Verbesserung ihres Lebens erfahren haben.

Wer angerührt wird und erfüllt wird von diesem Wasser des Lebens, der wird es nicht für sich behalten können. Sondern – wie ein Brunnen – dafür sorgen, dass seine Umgebung genährt und durchtränkt wird diesem kostbaren Gut. Lassen wir uns stärken vom lebendigen Wasser Jesus Christus, seine Botschaft weiter tragen in unsere Welt. Und so unseren kleinen Beitrag dazu leisten, dass wir in einer Welt leben können, in der an erster Stelle immer das Leben und die Liebe steht.

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