Hundert Mann und ein Befehl

Das ist eine Wundergeschichte. Von Anfang bis zum Schluss. Der herrliche Schluss ist berühmt: "Und sein Knecht ward gesund zu derselben Stunde" Haben wir auch das Wunder am Anfang beachtet? Da heißt es: "Als aber Jesus nach Kapernaum hineinging, trat ein Hauptmann zu ihm."

Man sollte erwarten, der römische Kommandant stellt sich in den Weg. Baut sich auf mit durchgedrücktem Kreuz. Brüllt wie auf einem Kasernenhof. Raunzt den fremden Juden, der ihm offensichtlich unbekannt und ärgerlich selbstbewusst vorkommt, barsch und herrisch an. Aber das krasse Gegenteil geschieht! Der Hauptmann verbeugt sich. Leise und freundlich trägt er sein Anliegen vor. Da trat ein Hauptmann zu ihm: Der bat ihn.

Was für ein Wunder. Der Mann, der über Hunderte zu befehlen hat, wagt bescheiden eine Bitte. Auf wunderbare Weise werden die gängigen Vorurteile durchkreuzt.

Denn das ist doch die gängige Meinung, wie sich den meisten schon aufdrängt, wenn sie die Überschrift hören: 100 Mann und ein Befehl. Ich höre das als Melodie. Johnny Cash, deutsch von Freddy Quinn, von 1966. "100 Mann und ein Befehl, und ein Weg, den keiner will …"

Der Text dieser Ballade bringt das auf den Reim, was viele über Soldaten und vor allem ihre Befehlshaber denken. Die Soldaten in Uniform nur ertragen können, wenn sie auf der Musikschau der Nationen einmarschieren und die Tuba umgehängt haben statt das Gewehr. Ansonsten werden sie gern als Teil einer Kriegsmaschinerie verdächtigt, kommandiert von einer eroberungslüsternen Generalität. Ordenbehängte Herren, die ohne Rücksicht auf zivile Opfer ihre Flugzeugträger in Krisenregionen schicken. Das Wort Uniform kennzeichnet für viele mehr als nur die Kleidung des Soldaten. Sie vermuten sofort ein uniformes Denken, ohne Persönlichkeit, ohne Menschlichkeit. Leute mit steinerner Miene, Quadratschädel, die in einheitliche Kluft gesteckt im Stechschritt auf Kasernenhöfen exerzieren.

Schaut man aber genauer hin in die Kasernen und in die Schützengräben, wird schnell klar: Das ist nur die halbe Wahrheit. Die Rekruten sind nicht bloß zwangsverpflichtete, es sind auch freiwillige darunter. Die Vorgesetzten sind nicht alle Schleifer, da sind besorgte, väterliche Typen, die mit ihrer Kompanie durch Dick und Dünn gehen. Und das Wort Kameradschaft, das heutzutage verdächtig geworden ist, weil gern benutzt von Veteranen, Schützenvereinen und Neonazis, es drückt eigentlich die Brüderlichkeit aus, das Füreinander Einstehen in Gefahr. Jeder von uns ist in seinem Denken eher in der einen oder in der anderen Welt beheimatet. Wenn hier der Hauptmann sagt: Ich habe Soldaten, unter mir. Und wenn ich zu einem sage, geh hin, so geht er, und zu einem anderen so kommt er, und zu meinem Knecht tu das, so tut er’s.

Den einen sträuben sich bei einem solchen Mitarbeitergefüge die Nackenhaare: Typisch Militär, denken, sie, typisch deutsch, Verstand ausschalten und strammstehen und bedenkenlos Befehle ausführen.

Aber das ist nicht überall so. Statt des knallharten Befehl und Gehorchen ohne Rücksicht auf persönliche Befindlichkeiten kann es andernorts ein akzeptiertes Oben und Unten geben. Wo die Untergebenen ihren Vorgesetzten achten und schätzen. Und wo umgekehrt der Befehlshaber seine Truppe respektiert und auf ihr Wohl bedacht ist. Da ist eine geradezu verschworene Gemeinschaft. Die weiß, einer ist auf den anderen angewiesen. Die weiß: Nur wenn wir uns darauf verlassen können, die gegebenen Anweisungen werden genau befolgt, können wir in den großen Gefahren bestehen, denen wir ausgesetzt sind. Der Hauptmann von Kapernaum und seine Hundertschaft scheinen eher diesem Typus zu entsprechen. Diese Einheit hat etwas von der Schiffsbesatzung in dem Roman Moby Dick. Da heuert der neue Schiffsjunge auf Kapitän Ahabs Segler an. Leise raunt ihm ein Matrose ins Ohr, wer wer ist mit welchen Eigenheiten. Da tritt der Kapitän aus seiner Kajüte. Der Matrose verkündet stolz: "Das ist Kapitän Ahab. Ein Anpfiff von ihm ist uns mehr wert als ein Orden von der Königin!"

Und doch setzt auch Kapitän Ahab, jener jagdbesessene Finsterling, das Leben seiner Männer für seine Besessenheit aufs Spiel.

Anders dieser Hauptmann. Ihm liegt die Gesundheit seiner Untergebenen am Herzen. Er gehört nicht zu denen, die einen kranken Soldaten als Schwächling verdächtigen. Als wehleidigen Simulanten, wo es doch in der Truppe auf ganze Kerle ankommt, die ohne Bedenken das ihnen Angeordnete ausführen. Dieser Hauptmann ist eigenartig. Wie kommt er dazu, sich wie ein Bittsteller vor Jesus zu verneigen? Er ist doch ein Mann mit Macht und Einfluß, seine Befehle werden befolgt, sein Wort gilt etwas.

Hier deutet sich an, was Glauben ist: Sich beugen vor dem Herrn aller Herren. Von dem Hauptmann können wir lernen, was glauben ist. Und er ist nicht der erste Hauptmann in der Bibel, von dem wir das lernen können. Da ist Naeman, Befehlshaber einer syrischen Streifschar. Er hat Karriere gemacht beim Militär. Uniform und Abzeichen glänzen. Aber darunter steckt das Elend. Naeman ist krank. Er hat Aussatz. Noch kann er sein Amt ausüben, aber wie lange noch? Nichts ist peinlicher als eine Krankheit, die einem jeder schon von weitem ansieht. Da erzählt ihm sein Hausmädchen von dem Propheten Elisa. Der könnte dich von deinem Aussatz befreien. Er glaubt an den Gott Israels. Bei ihm könnte dir geholfen werden.

Naeman macht sich auf den Weg. Mit großem Bahnhof rauscht er an. Gewohnt mit dem Finger zu schnipsen und alles pariert. Aber der Prophet würdigt ihn keines Blickes. Er schickt seinen Diener. Der liest das Rezept vor: Wasche dich 7 mal im Jordan, so wirst du rein von deinem Aussatz. Naeman ist empört. Er ist Chefarztbehandlung gewohnt. Und dann soll er mit diesem Gehilfen vorlieb nehmen. Entrüstet will er umkehren. Zum Glück beschwichtigen ihn seine Soldaten: O Herr, nicht. Wenn der Prophet etwas Großes und Schwieriges verlangt hätte, du hättest es doch befolgt. Dann tu es auch, wenn Einfaches verlangt wird!

Naeman wagt den Versuch. Er befolgt die Anweisung des Propheten wörtlich. Er wäscht sich im Jordan. Er steigt aus dem Wasser als geheilter Mann. Diese Hauptmänner lehren uns, was die Hauptsache ist: Hauptsache Glauben. Und sie lehren uns vier Dinge über den Glauben:

1. Glaube ist schwer 2. Glaube ist leicht 3. Glauben heißt folgen. 4. Glauben zeigt uns, wie wir vor Gott dastehen.

Zum ersten ist Glauben schwer. Denn der Glaube ist nicht logisch. Wir haben es mit Geheimnissen zu tun. Mit einer Welt, in der Wunder geschehen. Wer alles logisch aufdröseln will, bewiesen haben will, wird hier nicht voran kommen. Wer glaubt, muss bereit sein, mit Wundern zu rechnen. Wer glaubt, muss auch bereit sein, an Gott fest zu halten, wenn die Wunder ausbleiben, die er sich gewünscht hat. Der Hauptmann von Kapernaum bat für einen Legionär. Der war gelähmt. Der hatte Schmerzen. Dem Hauptmann lag das Schicksal dieses Mannes auf der Seele. Er tut Fürbitte. Jesus hilft. Die Macht Jesu wird augenblicklich wirksam. Wie herrlich. Aber das ist nicht die Regel. Viele Christen machen die Erfahrung, wenn sie für andere beten, ihr Gebet wird erhört. Wunder geschehen. Aber sie selbst bleiben angefochten. Sie müssen mit einer Krankheit leben, die nicht weicht. Oder mit anderen Einschränkungen, die sie weiterhin hindern und beeinträchtigen. Das ist schwer. Und auch sonst gibt es manches Leid, manche Entbehrung, die mutet Gott den Seinen zu. Er könnte es ihnen leichter machen, aber er tut es nicht, und oft verstehen wir nicht oder erst später, warum. Das macht das Glauben schwer.

Andererseits ist der Glaube leicht. Ich rede vom christlichen Glauben. Nicht von Religiosität allgemein. Das sehen wir an diesem Hauptmann. Der Mann scheint kein Intellektueller zu sein. Er denkt in ganz einfachen Strukturen. Er weiß nicht, was richtiger, korrekter kirchlicher Glaube ist. In der üblichen religiösen Sprache kann sich dieser Mann nicht ausdrücken. Er redet in Begriffen, die er kennt. Ich bin Soldat, sagt er. Ich habe Vorgesetzte. Wenn ich einen Befehl bekomme, muß ich gehorchen. Ich habe auch Untergebene. Wenn ich ihnen befehle, haben sie zu gehorchen. Er redet von sich. Aber er meint Jesus. Natürlich mußt du deinem Chef gehorchen, dem Vater im Himmel. Aber deswegen hast du auch einen Befehlsbereich, wo du das Kommando führst.

Im Evangelium wird vorher erzählt, wie Jesus einen Aussätzigen heilt. Solche und andere aufsehenerregende Berichte von Jesus sind dem Hauptmann gewiss zu Ohren gekommen. Er sagt sich: Jesus hat Befehlsgewalt über Dämonen, über böse Krankheiten. Der kann da kommandieren, und die bösen Mächte müssen gehorchen.

Sprich nur ein Wort, das heißt: Gebiete der Macht des Bösen, das muß genügen. Jesus sieht den Mann an. Jesus fragt nicht danach, ob der Hauptmann den richtigen Glauben hat. Wir stellen solche Fragen. Jesus nicht. Im ganzen Evangelium wird nie einer gefragt, ob er den richtigen Glauben hat. Aber es ist mehrfach die Rede von großem oder kleinen Glauben. Der Glaube an Jesus ist nicht eine Sache der richtigen Worte, ist nicht eine Sache der richtigen Vorstellungen, sondern eine Sache des Vertrauens.

Weshalb ist dieser Glaube leicht? Wir müssen nicht die Bibel gelesen haben, alle Dogmen kennen oder ihnen zustimmen, um zu glauben wie dieser Hauptmann. Es wird nicht mehr verlangt, als Jesus alles zutrauen. Mehr nicht. Jesus stellt den Hauptmann als Vorbild für rechtes Glauben hin. Was hat der Mann gemacht: Er hat Jesus gebeten und ihm dabei viel zugetraut. Das ist glauben. Glauben ist leicht. Und wir sehen auch, wie es losgeht mit dem Glauben. Zu Jesus kommen und ihn bitten. Der Hauptmann machte das buchstäblich, Jesus kam an den Ort vorbei, wo er zu tun hatte.

Obwohl wir viele Jahrhundert entfernt sind von diesem Ereignis, sind wir sind nicht weiter weg entfernt von Jesus als der Hauptmann damals. Denn Jesus ist uns in Ewigkeit nahe, unsichtbar, und wir können ihn genauso bitten. Ein weiteres lernen wir über den Glauben: Glauben heißt folgen. Das, was Jesus sagt, befolgen. Es geht hier, militärisch gesprochen, um Gehorsam. Um sofortigen Gehorsam. Warum ist die Kirche oft so kraftlos? Sie macht es sich zu schwer. Sie denkt, den Worten Jesu einfach folgen, das passt nicht in unsere Zeit, dafür haben die Menschen kein Verständnis, die Bibel müssen wir umschreiben in unsere Denk und Lebensgewohnheiten, wir können das nicht einfach 1 zu 1 befolgen. Wegen dieser Vorbehalte bleiben viele Wunder ungeschehen. Und Jesus klagt zu recht: Solchen Glauben hab ich in Israel keinen gefunden. Ein ernstes Wort. Neben den schönen Worten Jesu aus der Bibel wie "Suchet, so werdet ihr finden," "Kommet her alle die ihr mühselig und beladen seid," "sei getrost, dir sind deine Sünden vergeben". "Wahrlich ich sage dir, heute noch wirst du mit mir im Paradies sein."

Neben diesen herrlichen Worten gibt es die ernsten Worte. Hier ist es die Klage über das, was Jesus im Volk Gottes sucht und schmerzlich vermisst. Und das anschließende Gerichtswort: Die Kinder des Reichs werden hinaus gestoßen in die Finsternis. Da wird sein Heulen und Zähleklappern." O ja! Wo der Glaube fehlt, wird es finster. Da wird einem angst und bange. Jesus redet hier vom Gericht. Die Gerichtsworte Jesu werden heutzutage gern ausgeblendet. Sie passen nicht ins Bild vom lieben Gott, der alle unterschiedslos mit offenen Armen aufnimmt.

Aber es ist nicht lieblos, wenn man Grenzen zieht. Es schafft im Gegenteil Klarheit. In Gottes Himmel ist alles rein und das Böse auch in kleinster Dosierung kommt da nicht hin. Gott sorgt dafür, dass sein Reich keinen Schaden nimmt. Er ist der Heilige.

Dem Hauptmann ist bewusst, wie weit er noch entfernt ist von dieser Reinheit. Als Jesus anbietet, mit ihm zu kommen zu dem Kranken, wehrt er ab: Herr ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach kommst. Bemerkenswert: Der stolze Mann sagt: Ich bin nicht gut genug für dich, den Sohn Gottes. Da hat einer erkannt, wie der Mensch vor Gottes Augen dasteht: Nackt und bloß. Den Herrn der Welt können wir nicht beeindrucken mit Rang und Uniform.

Mit Fug und Recht wird dieses Wort in die Abendmahlsliturgie vieler Kirchen bewahrt. In Epiphanias oder St. Elisabeth wird das jeden Sonntag gesprochen. Der Hauptmann von Kapernaum prägt im 21. Jahrhunder die Liturgie von evangelischer wie katholischer Kirche. Was für eine Nachwirkung. Aber die Liturgie nachsprechen ist das eine. Dem Wort Jesu glauben und folgen ist etwas anderes. Dazu werden wir heute herausgefordert. Wir wollen diesem Wort Großes zutrauen.

Und dann werden wir Wunder erleben wie hier berichtet. Es ist uns hoffentlich aufgefallen: Beim Wunder selbst war Jesus schon gar nicht mehr anwesend. Jesus hatte gesagt: Ich werde deinen Knecht gesund machen! Daraufhin verabschiedet sich der Hauptmann. Vielen Dank, dass genügt mir. Mitkommen musst du nicht, dein Wort genügt mir.

Der Hauptmann geht von dannen. Als er in der Kaserne eintrifft, findet er den Soldaten gesund. Jesu Wort hatte aus der Ferne gewirkt wie erwartet.

Genauso kann Jesus Wort heute wirken. Aus der Ferne! Bei denen, die von ihm Großes Erwarten. Damit wollen wir rechnen für uns. Und erst recht, für alle, die wir im Gebet vor Gott bringen. Und wer weiß: Wenn wir beim Schlussgebet die Karten verlesen, wie viele Bitten in Erfüllung gehen. Zu derselben Stunde.

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