Von unserem Durst leben die Wurzeln der Welt

Von einer Begegnung berichtet das Evangelium, das wir zuvor gehört haben. Eine Begegnung, die zu den intensivsten im ganzen Neuen Testament gehört. Gehört haben wir den Anfang, aber es lohnt sich, dieser Geschichte ganz nachzugehen.

Eine Frau lebt in Sychar, einem kleinen Dorf in Samarien. Lange schon. Ihr Leben ist mit dem Dorf verbunden. Jeder dort kennt ihre Geschichte. Vier Ehen hat sie hinter sich, vier Männer durch den Tod oder auch durch Scheidung hinter sich gelassen. Mit einem fünften Mann lebt sie zusammen. Diesmal ohne Heirat. Vielleicht findet sie niemanden mehr, der das Wagnis einer Ehe mit ihr eingeht, vielleicht hat sie es selber satt, sich auf diese Art zu binden.

Sie hat Glück, dass sie in Samarien lebt. Im benachbarten Israel hätte man sie längst aus der Dorfgemeinschaft ausgestoßen. Dort legt man die Thora strenger aus als hier.

Aber auch in Sychar hat sie es nicht leicht. Die Frauen meiden sie, die meisten Männer ebenfalls. Und so geht sie immer alleine zum Brunnen, dem Treffpunkt der Frauen, dem Ort der Begegnung und des Austausches. Sie geht mittags in der glühenden Hitze, wenn sie sicher ist, keinem zu begegnen. An die Einsamkeit hat sie sich gewöhnt, sie liebt diese stille Stunde am Brunnen, weit weg von Blicken und abfälligen Bemerkungen. Sie braucht auch keine Hilfe, wenn sie ihr Schöpfgefäß die 30 Meter in den Brunnen hinunterlässt, hinunter zum kühlen Wasser, das in dieser Gegend Leben bedeutet.

So kommt sie auch an diesem Tag mittags an den Brunnen. Doch da sitzt einer, ein fremder Mann, erschöpft und durstig nach einer langen Reise. Er kommt aus Israel, das sieht sie und wendet ihren Blick ab. Sie weiß, dass die Juden die Samariter verachten und umgekehrt. Ihr selbst bedeutet der Streit nicht mehr viel. Ob man Gott nun auf dem Berge Garizim verehrt oder im Tempel in Jerusalem, ob man nur die fünf Bücher des Mose als bindend erachtet wie die Menschen in Samarien oder noch eine endlose Reihe von Büchern hinzufügt, was soll das Theater? Was in der samaritanischen Synagoge geschieht, interessiert sie schon lange nicht mehr. Sie lebt ihren Alltag, nüchterner als früher vielleicht, aber wozu braucht man Höhenflüge, was soll sie die Welt interessieren? Ihren Lebensdurst hat sie gestillt oder verdrängt. Nur dieser Brunnen ist ihr wichtig geblieben, gestiftet vom Urvater Jakob, ein Ort, an dem sich Religion mit dem wirklichen Leben, mit dem Leben spendenden Wasser verbindet.

Sie holt ihr Schöpfgerät hervor, da spricht der Mann sie an: „Gib mir zu trinken!“, sagt er. Sie ist verblüfft. Wenn auch die Frauen immer das Wasser für die Männer holen, so meiden doch die Juden den Kontakt mit den Samaritern, als seien diese mit Aussatz behaftet. Und wenn der wüsste, was für eine Frau er da vor sich hat… Das allerdings bindet sie ihm nicht auf die Nase.

„Wie?, sagt sie, „du bittest mich um etwas zu trinken, der du ein Jude bist und ich eine samaritische Frau?“ Der Mann schaut sie an, nicht unfreundlich, nachdenklich eher und meint: „Wenn du erkennen würdest, was Gott gefügt hat, wenn du einen Sinn für sein Geschenk hättest und den erkenntest, der dich um Wasser bittet, du würdest umgekehrt ihn bitten und er gäbe dir lebendiges Wasser.“

Sinn für das Geschenk Gottes? Fügung? Bei diesen Worten hatte sich etwas in ihr gerührt, was lange geschlafen hatte, eine Sehnsucht nach dem vollen Leben, nach Weite und Sinn und intensiven Begegnungen. Doch die weiteren Worte dieses Mannes ernüchtern sie wieder. Typisch für diese Leute aus Israel, halten sich für den Nabel der Welt. Lebendiges Wasser will dieser Mann geben können? Womit denn? Hat ja kein Gefäß dabei und ihres wird er wohl kaum anrühren. Den will sie mal schnell wieder auf den Boden der Tatsachen bringen und sie sagt spöttisch: „Mein Herr, hast du doch nichts, womit du schöpfen könntest und der Brunnen ist tief; woher hast du dann lebendiges Wasser?“ Und als er lächelt und schweigt, wird sie ärgerlich und setzt noch eins drauf: „Bist du mehr als unser Vater Jakob, der uns diesen Brunnen gegeben hat? Und er hat daraus getrunken und seine Kinder und sein Vieh?“ So, jetzt hat sie ihren Standpunkt klargemacht. Sie ist eine Samariterin und stolz darauf, merkt sie, auch wenn sie bei ihren eigenen Leuten nicht viel gilt.

Doch der Fremde lässt sich nicht provozieren. Ernsthaft, wie noch nie jemand zu ihr gesprochen hat, sagt er: Wer von diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten; wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm zur sprudelnden Quelle werden, deren Wasser ewiges Leben schenkt.“

Ihr kommt eine Ahnung, was er meint. Lange hat sie dieses Gefühl nicht mehr gehabt, lebendig zu sein, voller Kraft, die überschäumt, voller Ausstrahlung und Lebensfreude, das Gefühl geliebt und wertgeschätzt zu werden, in Verbindung zu sein mit Gott und der Welt. Noch will sie nicht ganz nachgeben, das Ganze hört sich doch sehr abgehoben an. Wird es auch in ihrem Alltag Geltung haben, was er sagt? Sie braucht etwas Handfestes, kein philosophisches Gesäusel, einen sichtbaren Beweis. Und so bittet sie ihn:

Herr, gib mir solches Wasser, damit mich nicht dürstet und ich nicht herkommen muss, um zu schöpfen! Aber der Mann zaubert keine sprudelnde Quelle hervor, sondern meint: „Geh hin, ruf deinen Mann und komm wieder her!“

Erwischt, aber nun will sie nichts mehr verbergen. Jetzt gilt es auch für sie oder gar nicht und sie antwortet tapfer: „Ich habe keinen Mann.“

„Ja“, sagt der Fremde, „ich weiß. Fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann.“

Das reicht ihr, sie ist hingerissen. Der Mann ist etwas Besonderes, das will sie ihm zugestehen und lenkt ein:

„Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist. Aber unsere Väter haben auf diesem Berge angebetet, und ihr sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten soll.“

Und der Mann meint lächelnd: „Findest du es wirklich wichtig, diese Zankerei um zwei Orte? Gott begegnet man im Geist und in der Wahrheit; das wusstest du doch schon, oder?“

Ihr wird mulmig und zitternd sagt sie: „Ich weiß, dass der Messias kommt, der da Christus heißt und uns alles sagen wird.“

Da sagt der Fremde: „Ich bin’s, der mit dir redet.“

Und sie glaubt ihm. Alles Trennende verschwindet. Es gibt nur einen Gott und eine Welt und ein gemeinsames Leben für alle. Das weiß sie jetzt. Und das müssen die anderen im Dorf erfahren. Allein mit Geist und Wahrheit kann sie ihnen nicht kommen, sie schon gar nicht, obwohl sie spürt, dass es nur darum geht, obwohl sie das lebendige Wasser in sich spürt als Freude und Begeisterung. Sie spürt ihre Verbindung zu Gott, spürt nach langer Zeit wieder ihren Durst nach Leben und Sinn und gleichzeitig eine nie geahnte Kraft. Aber sie hat ja einen Beweis für diese Sturköpfe, einen handfesten Beweis, das Wissen des Mannes um ihre Lebensverhältnisse. Nie hat sie offen darüber geredet, doch jetzt wird sie es in alle Gassen schreien und es ist ihr egal, was die anderen sagen.

Da kommen die Freunde des Fremden mit Broten aus dem Dorf und gucken sie erstaunt an, wollen eine Erklärung. Doch für sie gibt es kein Halten mehr. Sie rennt ins Dorf und schreit: „Kommt! Kommt, seht einen Menschen, der mir alles gesagt hat, was ich getan habe, ohne mich zu kennen, alle meine fünf Männer kannte er, ohne dass ich es ihm gesagt hätte, seht, ob er nicht der Messias, der Christus sei! Ich sage euch, er ist es, seht selbst.“

Sie wundert sich selbst über die Kraft ihrer Stimme, ihre Begeisterung. Sie sprudelt über, die Welt öffnet sich ihr, die Gesichter wenden sich ihr zu, ungläubig, zweifelnd, voller Abwehr, doch ihre Begeisterung wirkt ansteckend. Die Leute folgen ihr und reden selber mit dem Fremden und laden ihn ein, bei ihnen zu bleiben. Nach zwei Tagen sind sie überzeugt: In Sychar, einem unbedeutenden Dorf in Samarien, war der Messias. Was für eine Aufwertung! Doch so ganz hat die Quelle der Wahrheit und des Lebens noch nicht Altes und Trennendes weggespült, denn sie wollen die Frau, die sie zu dem Messias gebracht haben, wieder zur Seite drängen. So eine und der Messias, das wollen sie ganz schnell gerade rücken: „Jetzt haben wir Jesus selber gehört.“, sagen sie, „wir wissen jetzt selber, dass er der Retter der Welt ist und sind nicht mehr auf dein Gerede angewiesen.“ So endet die Geschichte des Johevs.

Ich glaube nicht, dass sie mit diesem Versuch weit gekommen sind. Wer einmal diesen echten Durst gespürt hat und darüber zur Quelle geworden ist, wer einmal das von Gott geschenkte Leben in sich gespürt hat, der kann sich nicht wieder unsichtbar machen. Und diese Frau auch nicht. Sicher nicht.

Die Geschichte beginnt mit Durst. Hätte Jesus keinen Durst gehabt und hätte er nicht den ganz anderen Durst der Frau nach lebendiger Begegnung geweckt bzw. wahrgenommen, hätte die Geschichte nicht so verlaufen können. Der Durst, das physische Leben zu erhalten und der Durst danach, in diesem Leben einen Sinn zu sehen, der über den Augenblick hinausgeht, verbinden sich hier. Ohne Durst findet man nicht zur Quelle. Die Quelle selber, die Liebe Gottes, ist ein Geschenk, das sagt Jesus ganz deutlich. Sie ist nicht verfügbar, sie kann nicht herbei gezwungen werden.

Durstige Menschen haben viele Versuche unternommen, um den Geschmack des Lebens zu spüren und zur Quelle zu finden. Sie haben das, was sie lähmt, hinter sich gelassen und sind in die Wüste gezogen, sie haben sich der Musik hingegeben, meditiert, sie sind auf hohe Berge gestiegen, haben sich von einengenden Beziehungen getrennt, fesselnde Bücher gelesen und mitreißende Filme angeschaut. Viele Wege, viele Versuche gibt es. Ich will sie hier gar nicht bewerten. Gemeinsam ist ihnen der Durst, der dahinter steht, der Durst, dieses einmalige Leben auszukosten, koste es, was es wolle.

Über all dem, was uns im Leben geschehen kann, geht manchen dieser Durst verloren. Zu groß ist die Angst vor der Zukunft, in der Wirbelstürme und die Verteilung der Ressourcen immer mehr auch unser Leben beeinflussen werden. Zu Kräfte zehrend ist der Alltag mit Kindern, zu fest halten uns unsere Meinungen und Bewertungen, als dass sie uns gestatten, Menschen unvoreingenommen und neu zu begegnen. Zu klein sind oft die Erwartungen, mit denen wir uns selber, unsere Mitmenschen und die Welt um uns herum betrachten.

Wie groß oder wie klein ist Ihr Durst nach Leben?

Wie auch immer, drängen Sie ihn nicht zur Seite, sondern hören Sie auf ihn. Denn dieser Durst ist das, was uns bewegt und öffnet für das lebendige Wasser Gottes, das die Dinge in dieser Welt löst und verändern kann und uns wieder zueinander führt, dass wir gemeinsam für eine bewohnbare Welt eintreten.

Jesus hat an anderer Stelle gesagt: Selig sind, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, denn sie werden satt werden. Es hat vor uns viele Menschen gegeben, die auf ihren Durst gehört und die Gott aus seiner Quelle gespeist hat, sichtbar für alle, Menschen wie Martin Luther King und Bonhoeffer, Theresa von Avila und auch diese samaritische Frau mit ihrem nach damaliger Ansicht verkorksten Leben, die mit ihrem Durst ein ganzes Dorf in Bewegung gesetzt hat.

Dieser Durst darf nicht erstickt oder halbherzig befriedigt werden. Dieser Durst ist wie die Liebe ein Geschenk Gottes, seine Art, uns zu bewegen, mitzureißen, sprudeln zu lassen, dass wir diese Erde und keinen Menschen aufgeben.

Das ist nicht immer einfach. Es gibt Menschen, die haben für uns von ihrem Durst nach Leben und Frieden gesungen. Der griechischen Dichter Jannis Ritsos zum Beispiel gilt als Symbol für gewaltlosen Widerstand. Er wurde von der griechischen Militärdikatur gefangen und gefoltert. Ich weiß nicht, ob er gläubig war. Aber seine Worte sind ein Beispiel dafür, wie man sich seinen Durst nach Leben erhalten kann, für sich und andere. Seine Texte wurden teilweise verbrannt. Ein Manuskript hat er in Flaschen verschlossen und im Sand vergraben. Aus diesem Manuskript stammt folgendes Gedicht, ein Gedicht über den Aufstand der Herzen gegen den Tod der Hoffnung auf Leben.

„Nie hätten wir geglaubt,

dass unser Herz solchen Widerstand leistet.

Unrasiert

und in der Tasche ein Stück vom Tod:

Wo ist eine einzige Ähre, die uns grüßt?

Und dann der Abend.

Die Feldflasche der Vesper, die wir in den Sand stecken,

der Mond, der über einer anderen Küste steht

Und den die Stille

mit ihrem kleinen Finger vor sich herrollt.

Zu welcher Küste, was für eine Stille?

Groß war unser Durst.

Tag für Tag schleppen wir Steine.

Von unserem Durst

leben die Wurzeln der Welt.“

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