Die Lebensquelle in uns

<i>[Gottesdienst anlässlich eines Mitarbeiterfestes der Gemeinde mit der Möglichkeit, sich im Gottesdienst segnen zu lassen.]</i>

Liebe Gemeinde,

lassen sie sie sich in Gedanken mal von mir entführen. Weg aus der Kirche, aus dem grauen Niesel draußen. Sie finden sich in einem Bergland wieder. Hier wächst nicht viel, da und dort ein spärlicher Busch, ein paar Olivenbäume in der Ferne. Es ist um die Mittagszeit, die Sonne glüht, und die Felsen werfen die Hitze zurück. Ein wenig entfernt ist eine kleine Häuseransammlung. Von dort kommt eine Frau, sie trägt einen Krug auf dem Kopf. Langsam geht sie in der Mittagshitze. Sie ist offenbar unterwegs, um Wasser zu holen. Normalerweise gehen mehrere Frauen zusammen, wenn es etwas kühler geworden ist. Aber dazu hat sie schon lange keine Lust mehr. Sie kann das Getuschel hinter ihrem Rücken nicht mehr hören: Die hat ja schon wieder einen neuen Mann! Ist es jetzt der vierte oder der fünfte? Na, mal schauen, wie lang der es mit ihr aushält! Jetzt kommt sie um die letzte Wegbiegung – und zuckt zusammen. Da sitzt schon einer. Und das ist auch noch ein Jude. So einer von denen, die über die Samaritaner immer herziehen. Dabei ist sie doch extra um diese Zeit zum Brunnen gegangen, damit sie niemandem über den Weg läuft. Sie versucht, sich schweigend an dem Mann vorbeizudrücken. Aber daraus wird nichts: Er spricht sie an.

Jesus: Gibst du mir bitte etwas zu trinken aus eurem Brunnen?

Frau: (genervt) Du willst was von mir??? Du bist doch ein Jude, und ich nur eine blöde Samariterin. Pass auf, du machst dir noch die Hände dreckig an mir!

Jesus: Wenn du wüsstest. Dann würdest du mich um etwas zu trinken bitten.

Frau: (schnippisch) Dass ich nicht lache. Wo willst du es denn hernehmen? Hast ja nix zum schöpfen! Bist du vielleicht besser als unser Vorvater Jakob, der diesen Brunnen gegraben hat? Besseres Wasser findest du in der ganzen Umgebung nicht.

Jesus: Das was ich dir zu bieten habe, ist besser. Das Wasser aus diesem Brunnen stillt jetzt zwar deinen Durst, aber du wirst wieder durstig. Was ich habe, das sorgt dafür, dass dein Durst für immer gestillt wird.

Frau: (belustigt lachend) Wirklich? Das wär ja praktisch. Dann müsste ich nie mehr hierher kommen und Wasser schleppen! Du, von dem Wasser will ich auch was, das ist wirklich gut. Gib mir doch bitte was davon.

Hier will ich unterbrechen, auch wen die Geschichte noch weitergeht.

Sie ahnen, wer der Mann ist: Es ist Jesus, der am Brunnen eine Pause macht, und er spricht mit einer samaritischen Frau. Juden und Samariter konnten nicht miteinander – so wie heute oft Schwarze und Weiße nicht miteinander können, oder Linke und Rechte oder was ihnen sonst noch für Gegensatzpaare einfallen. Gespräche untereinander waren verpönt, Gespräche zwischen einem jüdischen Mann und einer samaritischen Frau gingen sowieso gleich gar nicht an. Darum kümmert sich Jesus aber nicht, sondern verspricht der Frau ein Wasser, das jeden Durst stillt. Und nach anfänglichem schnippisch sein findet die Frau das auch interessant.

Man kann jetzt überheblich sein und sagen: Die Frau hat ja gar nichts kapiert. Es geht doch nicht um Eimer schleppen, es geht um einen viel größeren Zusammenhang. Das mag sein, dass es so ist, aus unserer Sicht sagt sich das auch leicht – wir brauchen ja kein Wasser mehr zu schleppen. Für die Millionen von Frauen und Kindern, die in Afrika täglich stundenlang Wasser suchen, wäre es eine unendliche Erleichterung, wenn sie nie mehr Wasser tragen müssten. Und für die Frau wäre es auch eine große Erleichterung gewesen.

Trotzdem stimmt es, dass Jesus nicht in erster Linie an Eimer tragen gedacht hat. Die Frau bekommt keine Alltagserleichterung. Dafür bekommt sie etwas ganz anderes, etwas was sie gar nicht gesucht hat. Aber gerade das wird ihr Kraft für den Alltag geben.

Die Geschichte geht nämlich noch weiter. Die Frau erkennt schließlich doch, dass dieser Mann nicht von ganz normalem Wasser spricht. Und durch das, was er sagt, erkennt sie: Dieser Mann ist nicht irgendein Jude. Das ist einer, der von Gott kommt. Sie kommt zu der Erkenntnis: Das ist der Messias, auf den wir alle schon lang warten! Und plötzlich vergisst sie, dass sie allein in der Mittagshitze unterwegs war, weil sie niemanden sehen wollte. Sie läuft zurück zu den Häusern und erzählt allen: Da draußen am Brunnen sitzt einer, der könnte der Messias sein. Kommt und schaut ihn euch selber an! Und sie kommen tatsächlich und stimmen ihr zu: Ja, der hier ist wirklich unser Messias.

Die Frau überwindet ihre Angst und ihre Isolation. Sie kommt wieder mit ihren Nachbarn in Kontakt, und keiner lacht sie aus, keiner redet etwas Dummes über sie. Mehr noch – nur weil sie die Nachbarn holt, kommen die auch zum Glauben.

Sie hat etwas gewonnen: Nämlich die Wiederaufnahme in die Gemeinschaft. Nie mehr muss sie sich verstecken. Und auch wenn vielleicht noch mal dumme Sprüche kommen: Jetzt hat sie die Kraft, dem die Stirn zu bieten und sich nicht mehr zu verstecken. Und das ist für sie ganz sicher wichtiger als die Frage, ob sie Wasser tragen muss oder nicht.

So, und nun zurück zu uns in die Christuskirche. Hier sitzen wir mit unseren eigenen Lebensgeschichten. Jede Geschichte sieht anders aus, und bei keinem von uns sieht sie so aus wie die Geschichte dieser Frau. Keiner von uns muss täglich zum Brunnen gehen um sein überleben zu sichern; Patchworkfamilien und wechselnde Beziehungen sind inzwischen etwas ganz alltägliches geworden, über das sich kaum noch einer aufregt. Und trotzdem steckt in jedem von uns etwas Ähnliches wie in dieser Frau. Denn ich glaube, dass jeder von uns Winkel und Ecken hat, die er am liebsten vor allen anderen verstecken würde. Ängste vor bestimmten Dingen oder Ereignissen. Aggressionen auf einen bestimmten Menschen, was dieser aber um Himmels Willen nicht erfahren soll. Kränkungen und Demütigungen, Krankheit, Angewohnheiten, über die wir uns schämen und und und. Und es geht auch für uns nicht um Alltagserleichterungen. So etwas wie nie wieder putzen und einkaufen zu müssen, und dafür die freie Zeit zu haben, ist nicht im Angebot.

Dafür kriegen wir aber auch etwas geschenkt, was wir gar nicht gesucht haben. Uns lädt Gott auch zum Gespräch ein, so wie diese Frau. In unserem Fall kann es zwar kein direktes Gespräch mehr sein. Aber ein Gebet, oder auch ein Gespräch mit einem anderen Menschen. Uns bietet er auch sein „lebendiges Wasser“ an. Das heißt, seine Kraft, die uns zu mutigen und aufrechten Menschen macht. Es heißt nicht, dass alle unsere dunklen Ecken weggezaubert werden. Die Frau hat ja auch ihre Vergangenheit mit ihren vielen Männern, das ändert sich auch nicht mehr. Und unsereins hat eingefahrene Gewohnheiten, oder Schicksalsschläge, die geprägt haben. Da ändert sich auch wenig bis gar nichts. Aber etwas kann sich doch ändern, nämlich unsere Art, damit und mit uns selber umzugehen. Gott macht uns ein Geschenk – das heißt, er schätzt uns, auch mit dunklen Ecken. Und wenn er uns schätzt, dann brauchen wir uns ja nicht geringer zu machen.

Das interessante an diesem Geschenk ist aber: Dieses Geschenk zeigt sich erst in seiner ganzen Größe, wenn man es mit anderen teilt. Der Frau z.B. hätte es ja wenig genützt, wenn sie ihr Gespräch mit Jesus für sich behalten hätte. Aber weil sie den Mut aufgebracht hat, den anderen von Jesus zu erzählen, hat sie ihr wirkliches Geschenk bekommen. Und so ist es bei uns auch. Was wir an Gaben bekommen haben, können wir füreinander einsetzen. Was wir an Erfahrungen gemacht haben, können wir anderen erzählen – und finden dadurch vielleicht zusammen einen Weg. Ich denke da an so Dinge wie Selbsthilfegruppen. Allein würde sich jeder mit seinem Problem unheimlich schwer tun. Aber dadurch, dass sich mehrere Menschen nicht mehr verstecken, können sie sich gegenseitig helfen. Und ich denke auch an ganz viele Dinge, die bei uns in der Gemeinde passieren. Weil es mir gerade so nahe liegt, z.B. Eltern-Kind-Gruppen: Wenn es die nicht gäbe, würden alle Eltern allein vor sich hinwirtschaften – so aber hat man einen Treffpunkt, kann sich austauschen – und so ganz nebenbei finden sich Leute, die tolle Ideen für Kindergottesdienste haben. Eigene Beispiele dürfen sie hier in Gedanken nach Belieben einsetzen; die kann ich nur nicht alle aufzählen, das würde zu lang dauern.

Eines noch zum Abschluss. Eigentlich heißt es ja im biblischen Text (den ich ihnen unterschlagen habe): „Wer von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm gebe, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt.“ Das kann man so verstehen: Wenn einmal der Glaube geweckt ist – dann würde das eigentlich reichen. Außer Taufen und vielleicht Konfirmationen müssten wir in der Gemeinde gar nichts anderes machen. Trotzdem sitzen wir heute hier, feiern den Gottesdienst zusammen, hören Gottes Wort. Und jeder, der möchte, kann sich segnen lassen.

Wie gesagt, man kann es so verstehen. Man muss aber nicht. Denn wenn wir uns treffen, dann versichern wir uns, dass wir Gottes Kraftquelle tatsächlich in uns tragen. Und – vielleicht noch wichtiger – dass auch andere diese Quelle in sich tragen. Wenn wir einmal die Quelle in unserem Inneren nicht mehr finden, dann sind da andere, die uns helfen können, den Zugang wieder freizulegen. Und darum tut es gut, sich zu treffen und zusammen zu feiern, und auch sich segnen zu lassen: Zur „Auffrischung“ und zur gegenseitigen Bestärkung. Und vor allen Dingern: Zur Erinnerung, dass unsere Lebensquelle nicht aus uns selbst kommt, sondern dass Gott sie uns gibt.

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