Mehr als Vater Jakob!

<i>[Ein Anspiel zum Text, "Frau am Brunnen", von Ruth Paula Jahrling finden Sie <a href="http://www.kanzelgruss.de/downloads/Frau_am_Brunnen.pdf" target="_blank">hier</a>.]</i>

Liebe Gemeinde,

dieser Text ließe sich als Beispiel dafür nehmen, wie Gespräche zwischen Männern und Frauen misslingen können: Folgende literarische Gestaltungsmerkmale lassen sich benennen: 1. Mann wartet, dass Frau daherkommt und sich seiner Not annimmt. 2. Mann glaubt, Frau die Welt erklären zu müssen. 3. Mann hält Frau von ihrem durchgeplanten Arbeitsablauf ab. 4. Mann merkt nicht, wenn Frau mit ihm flirtet. 5. Mann drückt sich nicht genau aus, ob er etwas zu sich nehmen will. 6. Mann schämt sich seiner Bedürftigkeit und lenkt schnell ab. 7. Mann hält Frau Grundsatzvortrag über die Natur, während zu Hause ihre Kuh ohnmächtig wird. Aber – und das ist das Wunder: Dieses Gespräch gelingt ja, denn wenn wir weiterlesen, erfahren wir, dass die Frau auch noch ihre Bekannten ruft, damit sie Jesus kennenlernen, den sie als einen erkennt, der größer ist als Abraham und Mose. Ich möchte Ihnen allen empfehlen, die ganze Geschichte im Johannesevangelium zu lesen.

Vor Jahren waren wir zu dritt mit dem Fahrrad durch die Berge Nordspaniens Richtung Santiago unterwegs. „Schaut nur, dass eure Wasserflaschen immer voll sind“, hatten wir uns noch gegenseitig eingeschärft. Denn im fast baumlosen Hochland wird es mittags schnell heiß – und die Bewältigung der vielen Steigungen kostet Schweiß. Dennoch, am vorletzten Tag unserer Tour hatten wir mittags nichts mehr zu trinken. Eine staubige Straße, weit und breit kein Gasthaus in Sicht. Wir waren schon ziemlich kaputt, als wir das einzelne ärmliche Bauernhaus sahen. Und zögerten nicht, anzuklopfen. Die Frau, die uns öffnete, verstand kein Deutsch, und wir sprachen kein Spanisch. Aber was wir brauchten, erkannte sie gleich. Sie füllte unsere Flaschen mit klarem Wasser – noch nie hatte uns etwas so gut geschmeckt.

Die Situation stand mir deutlich vor Augen, als ich mir vorstellte, wie Jesus da zu Fuß nach Samaria zieht und mittags an einem Brunnen Rast macht. Noch staubiger, noch heißer, mag es da unten gewesen sein im Siedlungsgebiet der Samaritaner. Sie lebten von der übrigen Judenschaft getrennt, obwohl sie den gleichen Gott anbeteten. Aber ihr Heiligtum war eben nicht der Tempel in Jerusalem, und außerdem glaubten sie nicht an die Auferstehung der Toten – also galten sie als „Häretiker“, als Ketzer. Warum Jesus nach Samaria wandert, erzählt uns der Predigttext nicht. Aber die Frau, die er anspricht und um Wasser bittet, erkennt ihn gleich als Juden und macht ihn darauf aufmerksam, dass die Juden keine Gemeinschaft mit den Samaritern haben. Ich denke an unsere Situation in Spanien: Nur gut, dass die zweifellos katholische Bäuerin uns drei Pilgern den Protestantismus nicht ansah. Aber gewiss, so denke ich, hätte sie uns dennoch Wasser gegeben. Vor ein paar Jahrhunderten wäre das keine Selbstverständlichkeit gewesen. (Frage im Hinterkopf: Wie wäre das hier gewesen, hätte ein Wildfremder an einem Haus geklingelt und beispielsweise nicht um Wasser, sondern einen Regenschirm gebeten, hätte man ihm überhaupt geöffnet?).

Jesus überschreitet schon vor 2000 Jahren beispielgebend die Grenze kleinlicher Konfessionsdefinitionen, als er die Frau um Wasser bittet. Wir dürfen uns die Fronten so verschärft vorstellen wie etwa in Irland. Jesus tut, als gäbe es die befestigte uralte Grenze gar nicht. Er demonstriert, dass es wichtigere Fragen gibt für die, die an den einen Gott glauben, als die, ob man nur in Jerusalem anbeten soll. „Wenn du erkenntest die Gabe Gottes und wer der ist, der zu dir sagt, gib mir zu trinken! Du bätest ihn, und er gäbe dir lebendiges Wasser“. "Lebendiges Wasser?" – das klingt frisch, schon besser als das abgestandene Zeug aus einem gruftigen Brunnen oder einer Zisterne.

Die Frau merkt wohl, dass da ein Besonderer vor ihr steht. „Bist du mehr als unser Vater Jakob?“, fragt sie. Aber sie glaubt wohl eher an irgendein Wunderwasser, das ihr da versprochen wird. Solcher Aber-Glaube ist auch heute noch nicht aus der Welt. Denken wir nur an die Heilwirksamkeit, die dem Wasser aus Lourdes gerne zugeschrieben wird. Statt nach dem Eigentlichen, nach der „Gabe Gottes“ zu suchen, lässt man sich allzu leicht von Vordergründigem einfangen.

Was Jesus der Samariterin sagen will, scheint sich also bis heute unter Christenmenschen noch nicht herumgesprochen zu haben. „Wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, der wird ewiglich nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm ein Brunnen des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt.“ Es ist aber auch nicht ganz leicht zu verstehen, auch für uns heute nicht, die wir nicht mehr gewohnt sind, eine Bildersprache zu benutzen. Jesus offenbart sich der Frau als Gottessohn, sozusagen an historischer Stelle („Es war aber daselbst Jakobs Brunnen“). Warum bittet da einer um Wasser, wenn er doch selbst reichlich davon hat? Und wie will er sein eigenes Wunderwasser austeilen, er, der nicht einmal einen Becher oder eine Flasche mit sich führt?

„Wenn du erkenntest die Gabe Gottes…“, da liegt die Schwierigkeit. Worte finden für das „lebendige Wasser“, für die lebensspendende Kraft Gottes, ist auch in unserer heutigen Sprache nicht eben leicht. Im Buch „Der kleine Prinz“ von Antoine de St.Exupéry wandern zwei Durstige durch die Wüste. Auf diesem Weg wächst auch in ihnen die Erkenntnis, dass Wasser „Lebenssaft“ besonderer Art sein kann. Der „kleine Prinz, ein Wesen von einem anderen Planeten, sagt: „Ich habe Durst nach diesem Wasser. Gib mir zu trinken“ – Er trank mit geschlossenen Augen, schildert der Erzähler,. Das war ein Fest. Dieses Wasser war etwas ganz anders als ein Trunk. Es war entsprungen aus dem Marsch unter den Sternen (…) Es war gut fürs Herz, wie ein Geschenk. Genauso machten, als ich ein Junge war, die Lichter des Christbaums, die Musik der Weihnachtsmette, die Sanftmut des Lächelns den eigentlichen Glanz der Geschenke aus, die ich erhielt.“ Auch hier lassen die Worte nur ahnen, was gemeint ist: Die göttliche Offenbarung, das eigentliche, echte Leben. „Die Menschen züchten fünftausend Rosen in ein und demselben Garten … und doch finden sie dort nicht, was sie suchen. Und dabei kann man das, was sie suchen, in einer einzigen Rose oder in einem bißchen Wasser finden. Aber die Augen sind blind, man muss mit dem Herzen suchen.“

„Wenn du erkenntest die Gabe Gottes…“, sagt Jesus zu der Samariterin und bietet ihr das Eigentliche, die Offenbarung Gottes an, das man nur dann findet, wenn man aufgegeben hat, dem Uneigentlichen nachzulaufen. Es ist nicht „Wunderwasser“, kein „fauler Zauber“, der uns von Gott angeboten wird. Es ist das „eigentliche“, das „ewige“ Leben. Es ist er selbst, sichtbar geworden ein für allemal in seinem Sohn, der sagt: „Das Wasser, das ich dir geben werde, das wird in dir ein Brunnen des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt“ – welche Freiheit und Unabhängigkeit verspricht ein solcher Satz. Wie ist es wohl der Frau am Jakobsbrunnen gegangen? Glauben Sie, dass sie nie wieder an ihren Brunnen zum Wasser holen gegangen ist?

Natürlich ist sie! Aber verändert hat sich doch was. Sie hat erkannt, wonach sie eigentlich Durst hatte. Vielleicht denkt sie daran, immer wenn sie Wasser schöpfen will, dass ihr traditioneller Glaubensbrunnen vom lebendigen Wasser umflossen wird, gespeist aus einer anderen Quelle. Das lebendige Wasser fließt auch dort, wo ich es nicht vermute. Ich höre das jedenfalls so durchklingen in dem Gespräch mit der Frau am Jakobsbrunnen, wenn Jesus sagt: “Schau über den Brunnenrand auf das lebendige Wasser.” Ja, vielleicht ist genau das nötig, dass ich genau hinschaue, hinspüre und erlebe, wie sich der Glaube anfühlt, mein persönlicher, lebendiger Glaube. So wie nur ich glaube, nicht weil ich es auswendig gelernt habe, sondern weil ich es inwendig erkannt habe, erlebt habe. Ich schaue auf die Quelle lebendigen Wassers in mir. Und ich weiß: Mein Glaube wird sich verändern. Und auch woanders fließt dieses lebendige Wasser.

Und dieses Angebot ist nicht gebunden an einen kultischen Ort, so wenig an den Tempel von Jerusalem als an den Berg Garizim in Samaria, so wenig an den Petersdom in Rom als an die Kathedrale von Santiago di Compostela (um auf das Spanien-Erlebnis zurückzukommen) oder gar an die Wittenberger Thesentür. Orte dürfen für den Glaubenden unter diesem überwältigenden Aspekt keine Rolle mehr spielen. Allenfalls kann der Weg von Ort zu Ort, der auch ein Weg nach innen sein kann, die Sinne schärfen, damit wir nicht blind an der Quelle vorbeilaufen. Die Offenbarung, das „lebendige Wasser“, begegnet uns oft dort, wo wir sie am wenigsten erwarten. Voraussetzung: Wir haben darum gebeten. Dazu, dass wir fähig sind, sie zu sehen, bewahre uns der Friede Gottes, der höher ist als alles menschlich Denkbare.

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