Es muss im Leben mehr als alles geben

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

schön, dass sie sich niedergelassen haben. Sie haben an diesem Sonntagmorgen ihren Quellbrunnen zum Erholen und Ausruhen, zum Erfrischen und Auftanken allem Anschein nach gefunden – Gott sei Dank.

Es tut gut nach der Hektik und Betriebsamkeit einer Woche, nach alle den Anforderungen und unerledigten Aufgaben einmal auszuruhen und sich niederzulassen. Uns ergeht es da nicht anders als Jesus, der in der Mittagshitze auf dem Weg nach Galiläa am Jakobsbrunnen ausruht. Beschwerlich und mühsam war so eine Reise, die bei zügigem Tempo drei Tage dauert, wenn man es denn in Kauf nimmt, das Gebiet der Samariter zu durchqueren. Ein Umweg wäre ein weiterer Weg, den aber sicher auch viele bevorzugt haben.

Brunnen sind besondere Orte, sie spenden Erfrischung, versorgen mit dem lebensnotwendigen kühlen Nass, sind Orte , wo man sich trifft und Neues austauscht.

Jesus ruht sich in der Mittagshitze aus.

Ich empfinde den Gottesdienst am Sonntagmorgen auch als einen solchen Ort, um sich auf dem Weg in der Mittagshitze auszuruhen und neue Kraft für den weiteren Weg zu sammeln.

Hier wird die Seele erfrischt oder das hitzige Gemüt abgekühlt, hier ist ein Ort der Begegnung, hier kann jeder und jede auftanken für die neue Woche.

Hier komme ich zur Ruhe. Und das ist etwas grundlegend anderes als ruhig gestellt werden. Es ist etwas anderes, ob ich mich von Gott und seinem Geist anrühren lasse oder meine Gedanken, meine Fragen und Sehnsüchte überschütte und ausblende mit dem, was die Freizeit- und Unterhaltungsgesellschaft mir kurzweiliges anbietet. Ich denke, das steckt dahinter, wenn unsere Kirche in diesen Tagen mit ihrer Plakataktion „wir haben immer schon am Sonntag geöffnet“ darauf hinweist, dass es noch tieferes und anderes gibt als unbegrenztes Einkaufsvergnügen auch am Sonntag. Wir sollten die Brunnen, die uns erfrischen wollen, nicht zuschütten und austrocknen. Wir sollten auf das, was uns die Väter und Mütter hinterlassen haben, ein sorgsames Auge werfen, es ist ein wertvolles Erbe. Da ist es mit dem Glauben wie mit dem Brunnen, dessen Geschichte man bis in die Tage des Vaters Jakob zurückverfolgen kann.

Brunnen sind oft auch Orte besonderer Begegnungen. So manche Geschichte nahm an einem Brunnen seinen Anfang. Jener Vater Jakob zum Beispiel traf an einem solchen seine spätere Frau Rahel, die er, wie es in der Erzählung heißt, lieb gewann, weil sie von schöner Gestalt war, ein schönes Angesicht und glänzende Augen hatte.

Sicher hören wir heue morgen nicht von einer Liebesgeschichte am Jakobsbrunnen, solch ein Tabubruch würde dann doch zu weit gehen.

Aber eine besondere Begegnung ist es schon, als Jesus am Brunnen der Frau aus Samaria begegnet und sie anspricht.

Etwas besonderes, weil ein Mann eine Frau und ein Jude eine Samariterin anspricht.

Über allen Unterschieden hatten Juden und Samariter vergessen, dass sie die gleichen Wurzeln hatten, die gleichen biblischen Gestalten „Vater“ nannten, eben wie den Vater Jakob.

Eine besondere Begegnung, weil sie der Beginn eines Gespräches ist, das voller Missverständnisse ist und gerade deshalb in die Tiefe geht.

Wenn die Samariterin von Wasser spricht, dann geht es ihr um die grundlegenden Lebensbedürfnisse: Essen muss der Mensch und Trinken muss er, um zu überleben. Aber wer beim Äußeren bleibt, gerät ganz schnell in einen Sog von Lebenshunger und Lebensdurst, der nicht wirklich befriedigt werden kann. Wasser macht nur wieder durstig, immer wieder

„Leben als letzte Gelegenheit“ hat der Wiener Theologe Paul Zulehner diesen Zustand genannt,

„Wir wollen alles und zwar sofort“ klingt das salopp daher.

„Wir leben länger, aber insgesamt kürzer“, „wir wollen optimal leidfreies Glück: in neunzig Jahren“

Zwei Schlaglichter, wie sich dieses Lebensgefühl ausdrücken lässt.

Es wird uns soviel versprochen für dieses Leben und es muss alles erfüllen, wenn es darüber hinaus, in der Tiefe oder soll ich sagen „in der Ewigkeit“ nichts gibt. Aber die schillernde bunte Werbewelt, die leuchtenden und beeindruckenden Einkaufsparadiese und -kathedralen sind eine Illusion in einem Leben, das auch von Leid und Krankheit, von Armut und Ohnmacht, von Schuld und Versagen und am Ende vom Tod womöglich zur Unzeit geprägt sein kann.

Wer sich Tiefe und Halt wünscht und in den Verheißungen der Konsumgesellschaft sucht, der wird vom Leben und der zerrinnenden Zeit getrieben, ein Leben in Hast und Überforderung, voller Angst und schnell auch Einsamkeit.

Es muss im Leben mehr als alles geben. Irgendwie und irgendwo ahnen das viele auch. Und wenn heute von der Wiederkehr der Religion so viel geschrieben und gesprochen wird, dann hat das genau damit zu tun, dass immer mehr spüren : irgendetwas stimmt hier nicht.

Das Missverständnis zwischen Jesus und der samaritischen Frau, die vom Wasser reden und jeweils was ganz anderes meinen, ist das Missverständnis schlechthin.

Ein Leben ohne Gott, ohne Glaube, ohne Wurzeln, ohne Tiefe führt nicht in die Freiheit und in die Erfüllung, sondern erweist sich am Ende womöglich als hohl und leer.

Wer seinen Lebensdurst nur äußerlich befriedigt, wird wieder und wieder versuchen müssen, ihn zu stillen.

Jesus bietet der Frau etwas anderes an, was er lebendiges Wasser nennt, kein Wasser, das man wirklich trinken kann. Deshalb ist der Frau ja auch wegen ihres Missverständnisses gar kein Vorwurf zu machen. Jesus sitzt da und er hat nichts, um Wasser zu schöpfen.

Aber der aufmerksame Leser und Hörer, der Betrachter dieser Szene ahnt schon, was Jesus meint, besser: wen Jesus meint.

Er meint sich, er ist das lebendige Wasser. Bei ihm kommen alle Wünsche und Sehnsüchte, alle Hoffnungen und alles Fragen ans Ziel.

Die Begegnung und das Leben mit diesem Jesus lässt alle Unruhe und Unrast zur Ruhe kommen und gibt dem Leben eine wunderbare Tiefe und Weite.

Das ist ein großer Satz und ein hoher Anspruch zugleich, der sich im Leben und im Glauben erst bewahrheiten will.

Die Samariterin ist die erste, die in ihrem Leben mit diesem lebendigen Wasser in Berührung kommt. Und es verändert sich etwas.

Grenzen zum Beispiel fallen; Grenzen zwischen Menschen und Gruppen, die voller Misstrauen und gegenseitiger Ablehnung sind. Zwischenmenschliche Begegnungen werden auf gleicher Augenhöhe möglich. Nun mag das für uns in einem immer enger zusammenwachsenden Europa keine tief bewegende Einsicht sein, da scheinen längst (fast) alle Grenzen gefallen.

Aber diese Freiheit nicht nur einfach überall hingehen zu können, sich niederlassen zu können, sondern dabei dann auch den Nächsten, den Mann, die Frau in ihrer Unverwechselbarkeit und jeweiligen Lebenssituation wahrzunehmen, die vermisse ich häufig.

Immer noch klingt Misstrauen und auch Ablehnung mit, wenn von den „Türken“, den „Polen“, den „Rumänen“ oder anderen gesprochen wird. Und viele Volkgruppen, die dauerhaft in Deutschland leben, schaffen sich auch noch ihre eigenen abgeschotteten Lebenswelten. Wir wissen voneinander, aber wir kennen uns nicht.

Aber in der Begegnung erst wird der Mensch zu dem, was er sein soll: zum Menschen, zum Bild Gottes.

Ich glaube, dass die Frau am Brunnen, genau dies erlebt: ihre eigene Menschwerdung, in dem Jesus sie als Mensch mit seiner eigenen Geschichte ansieht und anspricht. Und so soll eigentlich jeder von uns entdecken: du bist gemeint, du bist angeschaut von Gott mit den Augen Jesu.

Und so soll, besser noch : darf jeder und jede von uns sich umdrehen und den Anderen anschauen und annehmen. Und jede Begegnung, auch die Begegnung mit den Fremden, die anders glauben – ob sie gemeinsame verschüttete Wurzeln haben oder nicht – die von Angesicht zu Angesicht geschieht, wird uns bereichern und Spuren hinterlassen. Ich kann Muslimen begegnen ohne gleich Angst vor Terror oder heiligem Krieg zu haben und die Ernsthaftigkeit ihres Glaubens schätzen lernen. Und vielleicht wird mir auf diese Weise die Schönheit unseres Glaubens wieder neu deutlich. Begegnungen wird es aber nur geben, wenn ich nicht bei mir und meinen Wünschen und Bedürfnissen bleibe.

Die Samariterin wendet sich Jesus zu. Und auf diese Weise wird ihrem Leben eine neue Tiefe geschenkt, in der sie sich ganz neu begegnen kann.

Sie war eine Frau von gewissem Ruf mit einer gewissen Vergangenheit: „fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast , ist nicht dein Mann“ kann man wenig später von ihr lesen und ahnen, dass nun durch die Begegnung mit Jesus im Glauben ihr Leben in Ordnung kommt.

Sie wird aus der Tiefe der Schuld in die Weite der Vergebung gestellt.

Vergebung kann ich mir mit keinem Geld der Welt kaufen.

Schuld kann ich mit dem besten Unterhaltungsprogramm nicht dauerhaft unterdrücken, aber ich kann mir im Glauben an Jesus Christus Vergebung schenken lassen und so aus den Klauen der Vergangenheit freikommen.

In der Begegnung und im Glauben an Jesus Christus gewinnt unser Leben eine Tiefe mit Ewigkeitswert.

Unser Lebenshunger und unser Lebensdurst wird gestillt, weil unsere 70 oder 80 Jahre nicht alles halten müssen, was wir uns vom Leben versprechen und erwarten.

Der Glaube an Jesus Christus hat ein ganz anderes Ziel: das ewige Leben, aufgehoben in der Gegenwart Gottes.

Und so tritt mit dieser erzählten Begebenheit Jesus gewissermaßen auch zu uns, an unsere Ruheplätzen heran und bietet uns lebendiges Wasser an.

Wir müssen nur davon trinken.

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