FESTEN oder FASTEN?

Liebe Gemeinde,

ich hab’ mich wirklich gefragt, was sich die Verantwortlichen dabei gedacht haben, als sie den Text für heute festlegten!? Ist das wirklich ein Text für uns, und das auch noch an einem Sonntag, wo wir gerade erst die letzten Reste der üppigen Festessen entsorgt, und uns ein bisschen von dem „Feier-Stress“ erholt haben?

Aber hören und entscheiden Sie (zunächst) selbst! Im Markusevangelium, Kapitel 2 (Vers 18-20) werden wir Zeugen einer Auseinandersetzung zwischen Jesus und einigen frommen Leuten.

[TEXT]

<b>1. Die Frage: Was ist angesagt – Fasten oder Festen?</b>

Ja, was meinen Sie nun, liebe Gemeinde? Muss man uns wirklich sagen: „Kommt – esst, langt zu, haut rein! Nicht FASTEN, sondern FESTEN ist angesagt! Auf – Lets party!“

Ist es wirklich das Problem unserer Zeit, dass wir zu wenig Feiern? Wir haben – wie gesagt – doch gerade noch den Geruch des Festbratens in der Nase, den Geschmack des – extra für Silvester aufgehobenen – so besonderen Fläschchens auf der Zunge, und fassen nun verschämt-erschrocken an unsere deutlich gewachsenen „Rettungsringe“.

Wenn ein unglaublich hoher Anteil der Todesfälle jedes Jahr auf übermäßigen Alkoholgenuss zurückzuführen ist, ist es da wirklich verantwortlich, Wasser zu Wein zu machen? Und das auch noch mitten in der Nacht, wo doch der Promillespiegel sicher schon hoch genug war!?

Ist es sinnvoll zum genussvollen Festen in einer Zeit aufzufordern, da die Bewegungsfähigkeit nicht nur von Kindern und Jugendlichen aufgrund von Übergewicht erschreckend nachgelassen hat. Und das hat eben auch Auswirkungen auf unsere geistige Beweglichkeit. Bewegung und geistige Aufnahmefähigkeit hängen zusammen.

Wenn wir also heute insgesamt mehr mit den Folgen des Überangebots als mit den Folgen eines Mangels an Essen zu kämpfen haben, dann wäre doch wirklich eher der andere Lebensentwurf angesagt, der Lebensentwurf der Pharisäer und des Täufers Johannes, – nach dem unsere Kirche ja anscheinend ihren Namen hat-: Und der heißt: Wenn ihr wirklich Leben wollt, wenn ihr das Leben, wie Gott es sich vorstellt, entdecken wollt, dann geht das nicht ohne FASTEN – Verzicht – Askese.

<b>2. Wenn Festen dann RICHTIG Festen </b>

„Nein, ganz und gar nicht“, würde Jesus auch heute noch einwerfen. „Ihr feiert nicht zu viel, Ihr feiert vielmehr nicht wirklich – zumindest sehr häufig!“ Bei vielen von Euch sind die Feste mehr geprägt von oberflächlichem Ablenkungsbedürfnis als von echter tiefer Freude.

Und seien wir ehrlich: träfe er da bei uns nicht wirklich einen wunden Punkt? Schauen wir uns nur mal unsere Wochenenden an: da müssen wir am Samstag nicht nur mit dem Teenikreis ins Polarion, da braucht’s unbedingt auch noch die Fete bei Lisa und Fred; da müssen wir bei Opa’s Geburtstag unbedingt früher aufbrechen, weil wir doch auch noch in das Gospelkonzert in der Liederhalle wollen, und am Sonntag wartet dann noch der Brunch mit alten Freunden auf uns. Und so hetzen wir von einem Fest zum andern. Wirklich nur, weil das alles so wichtig ist? Oder ist es vielleicht doch mehr die Angst vor der Leere, die sich in uns auftäte, wenn wir dem Vorsatz von Karl Valentin folgten: „Morgen möchte ich mich besuchen, mal sehen, ob ich zu Hause bin.“

Ich kenne aber noch einen anderen Grund, warum – zumindest – ich manchmal zwar feire, aber dabei gar nicht wirklich genießen kann.

Da hat uns mein Vater endlich mal wieder zu einem Essen ins Gasthaus eingeladen, mit einer 10-köpfigen Familie war das eben nicht häufig möglich. Ich will gerade genussvoll die ersten Pommes mit Ketchup reinschieben, da ermahnt uns die Mutter: „Denkt auch an die Schwarzen in Afrika,die nichts zum Essen haben!“ Und der Bissen bleibt mir regelrecht im Hals stecken. Wie kann man auch wirklich genießen, wenn man gleichzeitig die Hungerbäuche so vieler Kinder vor sich sieht!?

Ich nehme an, ich bin nicht die einzige, deren Festfreude manchmal durch so ein schlechtes Gewissen gebremst oder gar erstickt wird. Mit all dem Geld könnte man doch so vielen Menschen helfen!

Dem würde Jesus sicher nicht widersprechen. Stellt er doch die Liebe zum Nächsten und vor allem zum Not leidenden Nächsten – auf die gleiche Stufe wie die Liebe zu Gott. „Du sollst Gott lieben. Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere ist dem aber gleich: Du sollst Deinen Nächsten liebe wie dich selbst!“, so antwortet er denen, die ihn nach einem Gott gefälligen Leben fragen.

Aber da gibt es eben auch eine Reihenfolge der Liebe: Gott lieben – sich selbst lieben – den Nächsten lieben. Doch dass wir das nicht falsch verstehen: Das eine folgt nicht auf das andere, im Sinne von einer zeitlichen Abfolge, sondern das eine folgt aus dem Anderen, im Sinne von Ursache und Wirkung: Nur wer Gott liebt, kann sich selbst lieben, und nur wer sich selbst liebt, kann auch den und die Nächste lieben.

Gott lieben, heißt aber zunächst erst einmal nichts anderes als seine Liebe annehmen, Jesus vergleicht das in unserem Text mit einer Hochzeit. Er ist der Bräutigam – wir seine Geliebten. Eben das haben wir an Weihnachten gefeiert: in Jesus Christus geht Gott eine unverbrüchliche Liebesgemeinschaft mit uns Menschen ein. In Jesus Christus küsst Gott sozusagen voller Leidenschaft seine Welt.

Bei der Hochzeit aber können die Geliebten nicht anders, als einander immer wieder ganz intensiv in die Augen zu schauen. Dabei können sie alles andere um sich herum vergessen. Es ist als ob sie sich immer wieder ihrer Liebe vergewissern wollten.

Schauen wir nun in die in Christus menschlich gewordenen göttlichen Augen, dann entdecken wir ein wunder-, wunderschönes Geschenk: da ist einer, der will mich, der hat mich immer schon gewollt; ich bin nicht das Produkt eines Zufalls, ich bin das Produkt eines göttlichen Liebesaktes. Da ist einer, bei dem bin ich willkommen bei dem darf ich sein wie ich bin.

– diese Liebe brauche ich nicht zu verdienen,

für diese Liebe brauche ich mich nicht anzustrengen,

zu arbeiten, zu kämpfen,

– für diese Liebe brauche ich nicht zu hungern,

– diese Liebe ist mir geschenkt – ohne jede Bedingung!

Wenn ich das wirklich in mich hineinlasse, dann kann da eine ganz tiefe Freude aufsteigen.

Da tritt dann erst einmal alles andere zurück: der Schmerz über das, was immer uns verletzt hat und was wir an Liebe bisher entbehrt haben, aber auch das Mit-Leiden mit denen, denen offensichtlich auch jetzt noch das Nötigste im Leben fehlt.

Diese tiefe Freude soll – so will es auch Jesus – zunächst einmal voll und ganz zum Ausdruck kommen und gelebt werden. „Dazu ich bin gekommen“, so sagt er es selbst „dass ihr das Leben und volle Genüge haben sollt.“ Ja, Gott gönnt uns dieses Leben! Darum dürfen wir es uns auch selbst gönnen!

Wie die Verliebten immer wieder für Momente alles andere um sich herum vergessen, sollen auch wir uns ganz in dieses Geschenk der Liebe Gottes hinein geben. Aus voller Kehle können wir dann vielleicht singen: „Weicht ihr Trauergeister, denn mein Freudenmeister, Jesus, tritt herein.“

Diese Festfreude packt dann den ganzen Menschen. An Kindern können wir das am besten beobachten: da strahlen die Augen, da ist der Mund weit auf, sie klatschen, sie tanzen, sie jauchzen da bebt der ganze Körper vor Freude, nein, sie freuen sich nicht – sie sind Freude.

Wann waren Sie, wann war ich, das letzte Mal so ganz Freude? Kennen wir das überhaupt? Dürfen wir das– so ganz Freude sein? Essen, Trinken, Klatschen, Tanzen, Singen, jauchzen … einfach weil wir geliebt sind. Ich hab den Eindruck – das gilt bei uns fast als „unanständig“ oder als Ausdruck von Unreife: „die vergessen wohl, wie das Leben wirklich ist“

<b>3. „Wenn Fasten, dann richtig Fasten“</b>

Aber keine Sorge! Wer seine Fest- und Lebensfreude wirklich aus der Liebe Gottes bezieht, wie sie sich in Jesus Christus zeigt, wird nicht vergessen noch verdrängen müssen, wie das Leben „wirklich“ ist. Denn seine Freude gründet sich auf eine – im wahrsten Sinne des Wortes – „leidenschaftlichen“ Liebe, die Liebe, die das Leid weder vermieden noch einfach eliminiert, sondern am Kreuz auf Golgatha regelrecht durch-litten hat. Das bedeutet: dass es nun kein Leid mehr auf dieser Welt gibt, das ohne diese Liebe Gottes ertragen und bewältigt werden muss.

Hier – aber eben erst hier – kann das Fasten wieder einen wirklich sinnvollen Platz bekommen.

Jesus hat ja selbst 40 Tage gefastet – und so lehnt er das Fasten auch in unserem Predigttext nicht grundsätzlich ab. Er weist vielmehr darauf hin, dass es auch andere Zeiten geben wird, wo nicht in erster Linie Festen und Feiern angesagt ist, sondern eher das FASTEN.

Jesus weiß genau. Es gibt Zeiten, die nicht zum Feiern taugen, Zeiten, in denen einem das Feiern von selber vergeht. Er kennt selber solche Zeiten. Und so bereitet er auch seine Freunde darauf vor:

„Heute, heute haben sie allen Grund zum Feiern – und das lasst sie deshalb auch tun.“ Es wird aber die Zeit kommen, dass der Bräutigam von ihnen genommen wird; dann werden sie fasten, an jenem Tage.

Dabei hat er zunächst den eigenen Tod vor Augen. Aber gleichzeitig ist ihm sicherlich bewusst, dass auch nach seiner Auferstehung seinen Freunden immer wieder das Festen vergehen wird. Weil ihnen eben dieses Vertrauen abhanden kommt, dass nichts, aber auch gar nichts sie von der Liebe Gottes trennen kann.

Er weiß, dass es ihnen in ihrer Beziehung zu Gott so gehen wird wie allen Liebenden: neben Zeiten der tiefen Innigkeit und Verbundenheit, wo man Bäume ausreißen und Pferde miteinander stehlen könnte, wird es auch Zeiten geben, wo der andere einem fremd wird, wo man unsicher wird, ob der einen noch liebt, unsicher, ob ich ihn noch liebe, wo ich den anderen nicht verstehe und nicht mehr aus und ein weiß.

Da ist dann schon Fasten angesagt, wenn das Essen einem nicht schon von selbst vergangen ist.

Da mag das Fasten sogar entscheidend sein und dafür sorgen, dass wir diese Gefühle nicht einfach wegdrücken, sondern wirklich wahr-nehmen, sie als wahr annehmen und zulassen, sie nicht in uns hineinfressen, oder mit Essen überdecken, uns eine Fettschicht als Schutz vor unangenehmen Gefühlen zulegen.

Das Fasten kann dann dazu helfen, dass wir unserem Leben wirklich auf den Grund gehen, hinspüren, die Leere Leere sein lassen … denn erst dann kann sie wieder mit der Lebensfreude, die aus der Tiefe kommt, gefüllt werden.

Das ist dann aber nicht ein Fasten, das mir selbst und/oder anderen beweist, wie toll ich bin und dass ich doch nicht abhängig ist. Es ist kein Fasten, um endlich meine überflüssigen Pfunde los zu werden. Meistens klappt das so oder so nicht, weil nach dem Fasten dann der „Jo-Jo-Effekt“ eintritt.

Nach Jesus dient das Fasten ganz und gar nicht dazu, irgendetwas zu beweisen, schon gar nicht, dass wir der Liebe Gottes würdig sind. Fasten als Vorbedingung oder Weg, die Anerkennung Gottes zu erlangen, hat spätestens sei Jesus ausgedient.

Fasten ist nicht eine Leistung es ist höchstens eine Möglichkeit, dem Wesen des Lebens wieder auf die Spur zu kommen, eben wirklich zu spüren, was im Leben wesentlich ist: nämlich die Liebe – die Liebe Gottes zu mir, die meine Liebe zu ihm, und dann zu mir selbst und zu meinen Nächsten weckt.

Diese Liebe kann es mir dann auch möglich machen, dass ich wirklich ganz feire – wenn ich feiere weder mit Leidensmiene beweise, dass ich nicht selbstvergessen und egoistisch bin, noch aus lauter Sorge, etwas zu verpassen, von einem Fest zum anderen hetze, dass ich eben wirklich mit Freude ganz nehme, was mir jetzt geschenkt ist dann brauche übrigens auch nicht mehr in mich reinstopfen, als mir wirklich Freude macht

Diese Liebe kann es mir dann aber auch möglich machen, mich ganz auf die tiefen und schmerzhaften Momente des Lebens einzulassen, weil sie von der Freude weiß und singen kann, die in allem Leid immer noch zu spüren ist.

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