… die zarteste Versuchung, seit es Schokolade gibt.

Liebe Gemeinde,

Ich habe hier ein paar Stücke Schokolade. Nebenbei meine Lieblingsschokolade. Am liebsten würde ich sie jetzt aufessen. Aber erstens wäre das unverschämt, weil ich nicht genug für alle habe und zweitens ist Schokolade-Essen nicht gerade das, was Sie wahrscheinlich von einer Predigt erwarten. Aber die Lust auf Genuss bleibt trotzdem.

Und damit wäre ich auch schon mitten im Thema.

Es gibt einen wunderschönen Film mit der ebenso wunderschönen Juliette Binoche, der heißt „Chocolat“ – Schokolade. Da geht es um eine alleinerziehende Frau, Anfang der 50er Jahre in einem kleinen französischen Dorf, die eine Patisserie eröffnet und dort ihre selbst nach einem Geheimrezept zubereitete Schokolade verkauft. Nach kurzer Zeit verzaubert sie mit den Genüssen hinter ihrer Ladentheke das ganze Dorf. Nun ist das Dorf leider ein ziemlich streng katholisches Dorf mit klaren Regeln und ebenso schwerer Sittenstrenge – und so kommt was kommen muss. Die Schokoladenverkäuferin bekommt Gegenwind, „So was darf hier nicht sein“ „ Das haben wir ja noch nie gehabt“ „Außerdem kommt die ja noch nicht mal von hier – eine Fremde.“ Und allem Fremden ist natürlich grundsätzlich zu misstrauen. Wie das hier wohl wäre?

Und so traut sich bald keiner mehr in den Laden aus Angst vor den Blicken der Nachbarn und aus Angst selber von den anderen geschnitten zu werden. Alles schön verpackt unter dem Mäntelchen der Moral. Lust und Genuss sind vom Teufel. Alles was nach Lust schmeckt, gehört grundsätzlich verboten. Selbst wenn es nur Schokolade ist. Umso schlimmer, wenn sie noch von einer schönen Frau dargeboten wird, die auch noch alleine lebt. Das bietet ja Platz für allerlei Phantasien.

In dem Film „Chocolat“ stehen sich Verführung und Verzicht streng gegenüber. Bleibt die Frage wer am Ende gewinnt – Schokolade oder trocken Brot?

Und jetzt lese ich den Predigttext für heute.

[TEXT]

Eindeutig ein Schokoladentext. Genauso wie das Evangelium von heute. Die Hochzeit von Kaana. Feiern und Wein – von Verzicht keine Rede.

Merkwürdig. Heute soll ich darüber predigen, warum Fasten Fehl am Platze ist. Das sagt Jesus ja in dieser Szene. Und in knapp 5 Wochen, Mitte Februar, wenn am Aschernmittwoch die Fastenzeit beginnt, werde ich her stehen und darüber predigen, warum Fasten, bzw. Verzicht gut tut. Denn es ist ja eine uralte christliche Tradition, in der Passionszeit, die sieben Wochen vor Ostern, zu fasten.

Ich möchte mit Ihnen jetzt ein wenig über den Sinn, aber auch über den Unsinn vom Fasten und auch anderen religiösen Regeln nachdenken, und dann wird klar, woher dieser Unterschied kommt. Fasten ist von alters her ein Versuch, Gott im eigenen Leben möglichst nahe zu sein. Oft ist es ja so, dass wir mit den vielen Dingen, die uns täglich beschäftigen, kaum noch Raum dafür haben, an unser Verhältnis zu Gott zu denken, geschweige denn es zu leben. Das sind zum einen Sorgen und Nöte, Stress und Belastungen aber auch ganz viele andere, überflüssige Dinge, die wir jeden Tag tun, weil wir es schon immer so getan haben. Fernseher. Computer … Deswegen verzichten viele Menschen z.B. in der Passionszeit auf etwas, das ihnen wichtig ist, auf das sie nur schwer verzichten können. Allerdings ist das nicht leicht. Wer z.B. es einmal versucht hat, 7 Wochen lang auf jeden Tropfen Alkohol zu verzichten, weiß wie schwer das ist. Die erste Zeit geht es noch leicht. Aber spätestens bei der ersten Feier wird es schwer. Nur wenige Gastgeber haben Verständnis dafür, wenn man den Sekt, Wein, Korn oder das Bierchen ablehnt. Dazu gehören Kraft und Durchsetzungsvermögen, wenn man das 7 Wochen lang aushalten will. Konsequent Nein sagen und den einen oder anderen verständnislosen Blick aushalten.

Ein anderes Beispiel ist der Fernseher. Wenn man jeden Abend zwei drei Stunden fernsieht – und darauf mal einige Zeit verzichtet – merkt man ganz schnell, wieviel Freiheit man plötzlich gewonnen hat. Zeit für Hobbys, Familie, Freunde oder eben Gott. Ich sage nicht, dass das leicht ist. Ich habe es selber einmal probiert, sieben Wochen ohne Fernsehen auszukommen. Und es ist mir unglaublich schwer gefallen. Samstag ohne Sportschau. Abends um 8 keine Tagesschau. Keinen Spielfilm mehr. Mir ging es ein bisschen wie Loriot, der vor seinem kaputten Fernseher sitzt, das Rauschen anguckt und sagt: „Ich laß mir doch nicht von meinem Fernseher nicht vorschreiben, wann ich ins Bett zu gehen habe.“ Am Ende haben wir unseren Fernseher in den Keller gestellt. Einfach um der täglichen Versuchung aus dem Weg zu gehen. Es war ein harter Kampf. Aber am Ende war es gut. Es hat gut getan, ich war weniger gestresst und vor allem habe ich mir mal wieder ein paar entscheidende Fragen über mein Leben gestellt, die ich sonst lieber vermeide.

Das Fasten hilft mir nämlich dabei, mir über die Machtverhältnisse in meinem Leben klarzuwerden. Wer bestimmt über mich? Bin ich noch Herr über mein Leben oder bestimmt jemand anderes? Der Fernseher, der Computer, der Alkohol, die Sucht nach Anerkennung … Wenn ich auf etwas mir liebgewordenes und wichtiges freiwillig verzichte, dann eröffnen sich mir plötzlich Wege, die ich vorher nicht sehen konnte. Mein Blick wird klarer. Ich bin nicht abgelenkt von so vielen äußeren Dingen. Ich habe plötzlich Zeit für das Eigentliche, das mich und mein Leben trägt. Z.B. mein Glaube an Gott und Jesus Christus. Nun rät aber genau dieser Jesus vom Fasten ab.

Wenn man sich die Begründung anguckt, dann ist das auch ganz verständlich. Er sagt, solange der Bräutigam da ist, sollen die Hochzeitsgäste feiern, nicht fasten.

Wenn jemand in Israel vom Bräutigam geredet hat, dann war das eine gängige Art von Gott zu reden, der auf die Erde zu den Menschen kommt, mit denen er sich vermählt hat, weil er sie liebt. Das ist eine ganz alte Vorstellung. Wenn Jesus also vom Bräutigam redet, dann meint er damit sich selber, er ist der Sohn Gottes, der auf die Erde gekommen ist, als Zeichen der Liebe Gottes zu den Menschen. Die sind nämlich die Hochzeitsgäste.

Wenn Fasten dazu führen soll, dass man Raum und Zeit für seinen Glauben und damit für die Nähe Gottes im eigenen Leben hat, dann macht es natürlich keinen Sinn zu fasten, wenn Gott in der Person Jesu direkt neben einem steht. In diesem Fall stört das Fasten, es ist hinderlich. Und so ist das auch allen anderen von Menschen gemachten religiösen Regeln. Wenn Gott bei dir ist und du dich seiner Nähe öffnen kannst, dann brauchst du diese Regeln nicht. Der eine dreht sich so sehr um das Fasten, und ist so beschäftigt damit, dass er Gott gar nicht mehr begegnen kann, selbst wenn er direkt neben ihm steht.

Das ist irgendwie typisch menschlich. Man dreht sich so sehr um das Verbot einer Sache, dass man von ihr gefangen bleibt. Mehr als wenn man dem Verbot nachgeben würde. In dem Film „Chocolat“ sind diejenigen, die die Schokolade verbieten wollen, viel verkrampfter und gefangener als diejenigen, die die Schokolade mit Genuss essen. Es gibt da so eine herrliche Szene als der Dorfpriester nachts in den Laden einbricht und quasi die ganze Auslage wegisst und dann zwischen den Schokoladenresten einschläft. Die Dorfbewohner sind so sehr damit beschäftigt, Anstoß an der Schokoladenverführung zu nehmen, dass sie die Begegnung mit einer Frau vermeiden, die es schafft Menschen vorurteilsfrei anzunehmen. Was im übrigen den eigentlichen Reiz des Ladens ausmacht – die Schokolade ist nämlich nur Beiwerk. Es ist die Art dieser Frau, sich auf jeden, der in ihren Laden kommt einzulassen, die Vorlieben zu entdecken, das, was zu ihm passt, ihn zu erkennen, in seiner Schönheit. Und das zeigt sich daran, das sie für jeden die Schokolade herstellen will, die zu ihm passt.

Wo ich so wahrgenommen werde und aufgewertet werde in meiner Person, da begegne ich Gott in einem Menschen.

Und das erkennen am Ende – nach vielen Umwegen – auch die Bewohner des kleines Dorfes aus dem Film. Sie sind am Ende entspannter, freundlicher und gelassener als vorher – in ihrem sittenstrengen Kampf gegen alles vermeintlich Neue und Fremde. Einfach weil sie gelernt haben zu genießen, wenn es an der Zeit ist. Aber auch zu verzichten, wenn es an der Zeit ist.

Und an sich heranzulassen, was eigentlich wichtig ist im Leben. Offen zu sein für jeden Menschen, und sei er mir noch so fremd. Er kann mir etwas geben, was mir niemand sonst geben kann.

Das ganze Evangelium in einem kleinen Stück Schokolade.

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